Ich habe meiner Frau nie von Margarete erzählt – 63 Jahre und ein ungesagtes Wort

Ich habe meiner Frau nie von Margarete erzählt. Nicht, weil ich sie nicht geliebt hätte. Ich liebte sie von ganzem Herzen. Zweiundvierzig gute Jahre, drei Kinder, sechs Enkelkinder, ein kleines gelbes Haus mit einer Veranda, die sie jeden Frühling frisch blau strich. Als sie 2019 starb, dachte ich, das größte Kapitel meines Lebens sei endgültig abgeschlossen.
Dann schleppte mich meine Enkelin letzten Monat zum Bingonachmittag ins Seniorenzentrum. „Opa“, sagte sie und nahm mir einfach die Autoschlüssel weg, „du musst mal raus aus dem Haus.“ Ich ging nur ihr zuliebe. Fünf Euro die Karte. Dünner Filterkaffee in Plastikbechern. Klappstühle, die bei jeder Bewegung quietschten.
Ich wollte gerade nach einem blauen Stift greifen, da blickte die Frau mir gegenüber auf. Weißes Haar. Blaue Augen. Mein Herz blieb stehen. Dreiundsechzig Jahre lösten sich in Luft auf.
„Hallo, Robert“, sagte sie leise.
Ich brachte kein Wort heraus. Meine Hand zitterte um den Stift. „Margarete?“
Sie lächelte, doch in diesem Lächeln lag ein ganzer Sommer voller Schmerz. „Ich habe mich gefragt, ob du mich noch erkennen würdest.“
Erkennen? Ich hatte ein halbes Leben lang versucht, sie nicht zu deutlich zu erinnern. Sommer 1962. Wir waren achtzehn. Sie arbeitete in der kleinen Eisdiele an der Seestraße in unserem Heimatort am Bodensee. Ich bestellte immer Vanille, obwohl ich Vanille hasste – nur weil sie die Kugeln mit dieser ruhigen, konzentrierten Bewegung auf die Waffel schob und dabei lächelte, als hätte der Sommer nur für uns beide begonnen.
Im Herbst wurde ich zur Bundeswehr eingezogen. Vor meiner Abreise versprach sie, auf mich zu warten. Ich schrieb ihr vierzehn Briefe aus der Kaserne und später vom Auslandseinsatz. Jeder einzelne kam ungeöffnet zurück. Nach dem vierten redete ich mir ein, sie sei wütend. Nach dem achten, dass sie einen anderen hatte. Nach dem vierzehnten hörte ich auf zu schreiben. Ein Mann kann nur eine bestimmte Zeit lang gegen Schweigen anbetteln, bevor der Stolz zum Verband wird.
Ich kam verändert zurück. Ich heiratete eine gute Frau. Ich baute ein Leben auf. Aber irgendwo in meinem Hinterkopf blieb Margarete immer achtzehn, stand unter der Markise der Eisdiele, während der Regen um uns herum fiel.
Am Bingotisch schob sie mir ihre Karte zu. Auf der Rückseite stand eine Telefonnummer und ein einziger Satz in sorgfältiger blauer Tinte:
„Ich habe deine Briefe nie geöffnet, weil deine Mutter mir sagte, du hättest meine Schwester geheiratet.“
Mir stockte der Atem so heftig, dass meine Brust schmerzte. Meine Mutter war seit zwanzig Jahren tot, doch in diesem Moment stand sie plötzlich wieder zwischen uns – zwei junge Menschen von damals.
„Das war nicht wahr“, flüsterte ich.
Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Das weiß ich heute.“
Bevor ich etwas sagen konnte, zischte eine ältere Dame hinter ihr: „Margarete, nicht.“
Margarete legte ihre Hand auf meine. Die Haut war dünn und warm und zugleich fremd und vertraut. „Robert, es gibt noch etwas anderes, das du wissen musst…“



