Die Tragödie von Viannos: General Müller und die „Verbrannte Erde“

Die Tragödie von Viannos: General Müller und die „Verbrannte Erde“

Kreta, 14. September 1943. Zwischen den schroffen Gipfeln des Dikti-Gebirges und dem tiefblauen Libyschen Meer liegt eine lähmende, angstvolle Stille über den Bergdörfern der Gemeinde Vianos. Die Menschen hier sind erschöpft. Seit zwei Jahren ertragen sie die grausame Besatzung der Achsenmächte. Doch an diesem Morgen ist die Luft anders. Sie riecht nicht nach Oliven und Meer, sondern nach drohendem Unheil.

Wenige Tage zuvor hatten kretische Partisanen ein Zeichen gesetzt. Sie griffen einen kleinen deutschen Stützpunkt im Bergdorf Kato Simi an, töteten die Besatzung und zogen sich in die unwegsamen Berge zurück. Ein Schlag gegen die Unterdrücker, so dachten sie.

Doch sie ahnten nicht, dass sie damit das Todesurteil für Hunderte Unschuldige unterschrieben hatten. In der Stadt Heraklion sitzt ein Mann, dessen Name bald mit purem Terror gleichgesetzt wird: Generalleutnant Friedrich-Wilhelm Müller. Sein Befehl ist kurz, kalt und absolut unbarmherzig: Umfassende und erbarmungslose Vergeltung.

Die Verbände der Wehrmacht rücken aus mehreren Richtungen vor. Sie sperren Fluchtwege ab. Sie umzingeln die friedlichen Siedlungen. Am Anfang lügen die Soldaten noch. Sie versichern den verängstigten Dorfbewohnern: „Bleibt ruhig, euch wird nichts geschehen.“

Es ist eine teuflische Lüge. Innerhalb weniger Stunden verwandelt sich das Paradies in eine rauchende Hölle.

Um zu verstehen, wie es zu dieser Brutalität kommen konnte, müssen wir die Uhr zurückdrehen. Der Zweite Weltkrieg hatte Europa fest im Griff. Nach dem schnellen Fall Frankreichs und des Balkans richtete Adolf Hitler seinen Blick auf die Sowjetunion. Doch vor dem „Unternehmen Barbarossa“ musste die Südflanke abgesichert werden. Am 6. April 1941 überfällt Deutschland Griechenland. Athen fällt, und die alliierten Truppen ziehen sich auf die strategisch wichtige Insel Kreta aus.

Im Mai 1941 beginnt das „Unternehmen Merkur“ – die erste große Luftlandeoperation der Militärgeschichte. 22.000 deutsche Fallschirmjäger springen über der Insel ab. Trotz des erbitterten Widerstands der alliierten Soldaten und der kretischen Bevölkerung, die sich mit allem wehrt, was sie hat, fällt Kreta.

Zunächst wird die Region Vianos der italienischen Besatzungszone zugeteilt. Die Italiener sind milder. Oft warnen italienische Offiziere die Zivilbevölkerung heimlich vor deutschen Razzien, fälschen Pässe oder weigern sich schlichtweg, beim Abtransport von Juden mitzuhelfen. Doch am 8. September 1943 kapituliert Italien vor den Alliierten. Das fragile Gleichgewicht zerbricht. Die Wehrmacht übernimmt die alleinige, brutale Kontrolle.

Der Widerstand im Untergrund formiert sich unter der Führung des legendären Rebellen Manolis Bandouvas. Seit Mai 1943 hielten die Deutschen einen Posten in Kato Simi, um die Ernte zu beschlagnahmen und die Bevölkerung zu bespitzeln. Als Bandouvas’ Männer den Posten angreifen und zwei deutsche Soldaten töten, schickt die Wehrmacht eine größere Einheit zur Aufklärung.

Hier zeigt sich die ganze Skrupellosigkeit der Besatzer:

Die deutschen Soldaten marschieren durch das Tal und treiben einheimische Zivilisten vor sich her – sie nutzen Frauen und Männer als menschliche Schutzschilde.

Doch die Partisanen lauern in den Hängen. Sie eröffnen das Feuer so präzise, dass die Geiseln fliehen können. Am Ende des Tages wird die deutsche Einheit vernichtet. Zwölf deutsche Soldaten geraten in Gefangenschaft. Eine beispiellose Demütigung für die stolze Wehrmacht.

Die Antwort aus Heraklion lässt nicht lange auf sich warten. Generalleutnant Müller schäumt vor Wut. Am 13. September lässt er in den Zeitungen drakonische Maßnahmen ankündigen. Sein Befehl an die 22. Infanterie-Division lautet: Alle Männer über 16 Jahren sind ohne Gerichtsverfahren hinzurichten. In abgelegenen Siedlungen soll keinerlei Gnade gezeigt werden.

Das Prinzip der Kollektivbestrafung greift. Der griechische Historiker Vangelis Tzoumpis beschrieb die perfide Logik der Nazis später so:

  • Wenn ein Mann kämpfen kann, ist er ein Ziel.

  • Wenn eine Frau Kämpfer unterstützen kann, ist sie ein Ziel.

  • Wenn ein alter Mann Ratschläge geben kann, ist er ein Ziel.

  • Selbst ein Kind, das eines Tages Widerstand leisten könnte, wird als zukünftiger Feind betrachtet.

Am Morgen des 14. September 1943 – ausgerechnet am christlichen Fest der Kreuzerhöhung – schlägt die Falle zu. Die Soldaten gehen von Haus zu Haus. Sie zerren Väter, Söhne und Großväter aus den Betten und von den Feldern. Frauen und Kinder werden gezwungen, zuzusehen.

Die Männer werden an Mauern, in Olivenhainen und auf steinernen Terrassen aufgereiht. Dann beginnen die Maschinengewehre zu hämmern. Wer die ersten Salven überlebt, wird mit einem gezielten Pistolenschuss in den Kopf exekutiert.

Die Grausamkeit kennt keine Grenzen. Im Dorf Risa versteckt sich die 20-jährige Chryssanthi Kasoueraki-Alexomanolaki mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Kindern in einer Schlucht. Später erfährt sie, wie ihr Vater starb. Er hatte die Soldaten verzweifelt gefragt, warum sie ihn töten wollen, er habe doch nichts Unrechtes getan.

Als Antwort schlugen die Soldaten ihm auf die Hand und schlitzten ihn mit einem Bajonett vom Hals bis zum Bauch auf.

Doch damit nicht genug: Als seine Ehefrau den geschändeten Leichnam ins Haus trägt, um das Blut abzuwaschen, treiben deutsche Soldaten sie mit Gewalt hinaus und zünden das Haus an. Der Vater verbrennt in den eigenen Trümmern. Jahrzehnte später sagte Chryssanthi unter Tränen: „Eine Kugel wäre leichter zu ertragen gewesen. Einen so grausamen Tod werde ich niemals begreifen.“

An einem anderen Ort muss der gerade einmal 7-jährige Janis Singelakis mitansehen, wie Soldaten seine Mutter im Haus einsperren. Er steht draußen und hört die Schüsse, die seinen Vater töten, und die verzweifelten Schreie seines Onkels, der mit dem Bajonett niedergestochen wird. Seine Mutter bricht durch ein Fenster aus, schnappt sich das Kind und flieht in die Berge. Für den Rest seines Lebens wird Janis das Geräusch von Gewehrsalven nicht mehr loswerden – es war der Sound, an dem seine Kindheit endete.

Zwischen dem 14. und 16. September überfallen die Wehrmachtseinheiten 17 Dörfer. Sie hinterlassen nichts als verbrannte Erde. Über tausend Häuser werden dem Erdboden gleichgemacht, Brunnen mit Trümmern vergiftet, Ernten vernichtet, um den Überlebenden die Lebensgrundlage zu nehmen. 461 bestätigte Todesopfer zählen Historiker heute, die Dunkelziffer liegt weit über 500.

Doch diese unvorstellbare Schandtat bleibt nicht ungesühnt. Das Rad der Geschichte dreht sich weiter. Im Herbst 1944 muss sich die 22. Infanterie-Division von Kreta zurückziehen. Sie wird auf den Balkan verlegt, umbenannt in die 22. Volksgrenadier-Division und im Mai 1945 in Slowenien von jugoslawischen Streitkräften völlig zerschlagen. Tausende der Täter fallen an der Front oder gehen in qualvolle Gefangenschaft.

Und was passiert mit dem Mann, der diesen Massenmord angeordnet hat?

Friedrich-Wilhelm Müller, inzwischen General der Infanterie, wird in Ostpreußen von der Roten Armee gefangen genommen. Sie liefert ihn dorthin aus, wo er gewütet hat: nach Griechenland.

In Athen wird ihm gemeinsam mit dem General der Fallschirmtruppe, Bruno Bräuer, der Prozess gemacht. Die Beweise sind erdrückend, die Zeugenaussagen der überlebenden Kreter herzzerreißend. Das Urteil lautet: Tod durch Erschießen wegen Kriegsverbrechen.

Am 20. Mai 1947 wird Friedrich-Wilhelm Müller zum Hinrichtungsplatz geführt. Es ist kein zufälliges Datum. Es ist auf den Tag genau der Jahrestag der deutschen Invasion auf Kreta im Jahr 1941. Der Kreis schließt sich. Ein Erschießungskommando beendet das Leben des Mannes, der einst Hunderte ohne Verfahren erschießen ließ. Die Gerechtigkeit hat gesiegt.

Heute steht in jedem der betroffenen Bergdörfer ein stolzes Kriegsdenkmal. Die Namen der Toten sind im Stein verewigt, damit die Welt niemals vergisst. Griechenland zahlte einen schrecklichen Preis im Zweiten Weltkrieg: Über 350.000 Menschen verloren ihr Leben, und mehr als 60.000 griechische Juden wurden in den Konzentrationslagern der Nazis ermordet.

Das Massaker von Vianos erinnert uns daran, wie tief Menschen sinken können, wenn sie blinden Befehlen und Hass folgen – aber es erinnert uns auch daran, dass kein Verbrecher der Weltmächtigkeit der Gerechtigkeit für immer entkommen kann.