Berlin – Ein Erbschaftsstreit vor dem Landgericht Berlin hat sich am Dienstag in ein Justizdrama verwandelt, das selbst erfahrene Prozessbeobachter sprachlos machte. Die 67-jährige Marlene Stein, von ihrem Stiefsohn öffentlich als „nur eine Hausfrau“ verhöhnt, entpuppte sich vor Gericht als frühere Richterin am Kammergericht – und gewann den Prozess um ein Millionen-Erbe mit überwältigender Deutlichkeit. Der Saal, so berichten Augenzeugen, sei nach der Enthüllung minutenlang in völliger Stille versunken.
Der Fall, der gestern in der Littenstraße verhandelt wurde, begann als scheinbar klare Sache. Der Stiefsohn der Witwe, Tobias Stein, focht das Testament seines im Vorjahr verstorbenen Vaters an. In der Klageschrift warf er seiner Stiefmutter vor, den schwerkranken Wirtschaftsanwalt Reiner Stein manipuliert, von seinem einzigen Sohn isoliert und sich an dessen Vermögen gehängt zu haben.
Acht Millionen Euro, eine Stiftung, das Haus in Schöneberg, Konten und Wertpapiere – all das, so die Anschuldigung, sei das Ergebnis „unzulässiger Einflussnahme“.
Doch die Realität, die sich im Gerichtssaal entfaltete, hatte mit den Anschuldigungen wenig gemein. Marlene Stein, Witwe des Verstorbenen, hatte ihren Mann fast 23 Jahre lang begleitet, ihn durch zwei Operationen und eine Chemotherapie gepflegt, seine Tabletten gestellt, seine Arzttermine koordiniert, seine Nächte gesichert. Der Sohn hingegen, so zeigte sich im Laufe der Verhandlung, war in den entscheidenden Monaten vor dem Tod seines Vaters abwesend.
Auf Mallorca. In Hamburg. Mit sich selbst beschäftigt.
Die erste Verhandlung am Vormittag glich einer öffentlichen Demütigung. Der gegnerische Anwalt, der renommierte Berliner Prozessführer Dr. Henrik Foss, eröffnete den Schlagabtausch mit einer Rede, die nach Lack schmeckte.
„Wir sind heute hier, weil die letzten Wünsche eines kranken Mannes von einer Frau verfälscht wurden, die sich in sein Vertrauen eingeschlichen hat“, sagte Foss. Dann der Satz, der den Saal zum Beben brachte: „Die Beklagte ist eine Hausfrau ohne akademische Ausbildung, ohne eigene Karriere, ohne nennenswerte Einkünfte. “
Tobias Stein, geschniegelt im anthrazitfarbenen Anzug, das Haar zurückgekämmt, lehnte sich zurück und wiederholte die Worte, als hätte er endlich das entscheidende Argument gefunden. „Sie ist nur eine Hausfrau. Mehr war sie nie.
“ Mehrere Köpfe im Saal drehten sich zu der Frau im schlichten dunkelblauen Kleid um. Die 67-Jährige, die dasselbe Kleid bereits bei der Beerdigung ihres Mannes getragen hatte, sagte später, sie habe gespürt, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich.
Was an diesem Morgen keiner der Anwesenden wusste: Marlene Stein hatte nicht immer Marlene Stein geheißen. Vor ihrer Ehe trug sie den Namen Marlene Hartmann – und unter diesem Namen hatte sie einst eine beeindruckende Karriere hingelegt. Sie war die jüngste Richterin gewesen, die jemals am Landgericht München II vereidigt wurde.
Sie hatte Strafsachen verhandelt, Wirtschaftsbetrug, Erbstreitigkeiten. Sie hatte Anwälte im Maßanzug erlebt, die glaubten, Geld mache sie unangreifbar. Und sie hatte sie fast immer widerlegt.
Die Wende in dem Prozess kam in der Mittagspause am zweiten Verhandlungstag. Dr. Foss hatte die Beklagte die ganze Zeit über beobachtet, als suche er in ihren Gesichtszügen nach etwas Vergessenem.
Als Marlene Stein ihren vollen Geburtsnamen nannte – Marlene Hartmann –, erstarrte der Anwalt. Die Farbe wich aus seinem Gesicht. Er ließ seine Akten fallen, griff nach dem Tischrand und sagte heiser: „Sie sind es.
Ich kann es kaum glauben. “ Es stellte sich heraus: Vor zwanzig Jahren hatte die damalige Richterin Hartmann den jungen Anwalt Foss in einem komplexen Wirtschaftsprozess zur Vernunft gezwungen. Er hatte ihren Namen nie vergessen.
Der Saal veränderte sich in diesem Moment augenblicklich. Aus der müden Witwe wurde in den Augen aller Anwesenden die Frau, vor der einst Anwälte gezittert hatten. Tobias Stein, dessen Selbstsicherheit bis dahin unerschütterlich schien, sah zum ersten Mal ins Leere.
Richterin Becker, die den Prozess mit ruhiger, strenger Stimme geführt hatte, nahm eine Notiz auf und betrachtete die Beklagte mit neuem Respekt. Die Verhandlung nahm eine Wende, die niemand vorhergesehen hatte.
Marlene Stein, die sich selbst ohne anwaltliche Vertretung verteidigte, hatte sich gründlich vorbereitet. Sie legte Reiners Kalender vor, der drei Besuche des Sohnes in sechs Monaten dokumentierte, sechs Anrufe, zwei davon von der Witwe selbst, nachdem der Kranke bereits Fieber hatte. Sie nannte Details, die niemand erfinden konnte: Die Apotheke in Neukölln, die seine Schmerzmittel mischte, die Filme aus den vierziger Jahren, die Reiner liebte, weil er nur bei ihnen einschlief.
Der Vorwurf, sie habe den Sohn vom Vater ferngehalten, zerfiel unter den Fakten.
Den entscheidenden Schlag versetzte sie jedoch mit einem Beweisstück, das sie erst am Abend zuvor in einer Schreibtischschublade entdeckt hatte. In einer Mappe mit der Aufschrift „persönlich“ fand Marlene Stein eine Videobotschaft ihres verstorbenen Mannes, aufgenommen drei Monate vor seinem Tod. Auf dem Bildschirm war Reiners schmales Gesicht zu sehen, aber seine Stimme war fest.
Er erklärte, dass niemand ihn gedrängt habe, dass sein Sohn nur dann anrufe, wenn er Geld brauchte, dass seine Frau jede Nacht an seinem Bett gesessen habe.
„Meine Frau Marlene hat ihre Karriere geopfert, um mit mir ein Leben aufzubauen“, sagte Reiner Stein in der Aufnahme. „Sie hat mir Würde gegeben, als Krankheit und Alter uns beide klein machen wollten. Mein Vermögen gehört ihr, weil sie es verdient hat.
“ Im Saal weinte die Protokollführerin. Selbst Richterin Becker nahm ihre Brille ab und musste sich einen Moment sammeln. Die Videobotschaft, kombiniert mit den ärztlichen Attesten, die keine Demenz dokumentierten, und den Notizen des Steuerberaters, ließ der Klägerseite keinen Raum mehr für Zweifel.
Das Urteil kam am Abend. Richterin Becker verkündete: kein Zweifel an der Testierfähigkeit des Verstorbenen, keine unzulässige Einflussnahme, vollständige Gültigkeit des Testaments. Darüber hinaus musste Tobias Stein private Schulden in Höhe von 134.
000 Euro anerkennen, die sein Vater ihm über 15 Jahre geliehen hatte – ohne dass der Sohn je einen Cent zurückgezahlt hätte. Der Antrag auf einen Vergleich wurde abgelehnt. „Ich will keinen Vergleich.
Ich will, dass dieses Gericht die Wahrheit festhält“, hatte Marlene Stein zuvor gesagt.
Der Fall hat weit über den Gerichtssaal hinaus Wellen geschlagen. Sechs Monate nach dem Urteil steht auf der Kanzleitür der 67-Jährigen nicht mehr „Hausfrau“, sondern „Marlene Hartmann, Rechtsanwältin“. Die frühere Richterin hat ihr altes Berufsrecht reaktiviert, Fortbildungen nachgeholt und vertritt inzwischen überwiegend Frauen, die in ähnlichen Situationen stecken – Witwen, die von Stiefkindern unterschätzt werden, ältere Frauen, deren Geschäftsfähigkeit angezweifelt wird.
Ihre Kanzlei ist inzwischen keine Sekretärin, kein Praktikant, nur eine Frau, die weiß, wie es sich anfühlt, vor Gericht auf das Reduziertwerden auf eine Rolle zu schauen, die nicht das eigene Leben abbildet.
In einem bemerkenswerten Nachspiel hat sich auch das Verhältnis zwischen der Witwe und ihrem Stiefsohn verändert. Tobias Stein, der inzwischen in einer Buchhaltungsfirma arbeitet, suchte nach monatelanger Therapie den Kontakt zu seiner Stiefmutter. Bei einem Treffen in einem Café in der Potsdamer Straße sagte er, er habe begriffen, dass er sie nicht gehasst habe, weil sie ihm den Vater weggenommen habe, sondern weil sie Liebe habe leben können, ohne sie in Macht zu verwandeln.
Verzeihung sei es noch nicht gewesen, aber ein Anfang. Beide sprechen sich inzwischen regelmäßig.
Ihren spektakulärsten Auftritt hatte die Frau, die man nie hätte unterschätzen dürfen, allerdings vor wenigen Tagen. Marlene Hartmann saß erneut in demselben Gerichtssaal in der Littenstraße – diesmal als Anwältin einer 72-jährigen Witwe, deren Stiefkinder sie für geschäftsunfähig erklären lassen wollten. Der junge gegnerische Anwalt redete zu selbstsicher, bis die 67-Jährige aufstand.
Sie räusperte sich und begann ihren Plädoyer-Satz, der inzwischen in juristischen Kreisen Berlins kursiert: „Dieser Fall handelt nicht nur von einem Testament, er handelt von Würde. “
In der hinteren Reihe saß an jenem Tag, so berichten es Prozessbeobachter, ein Mann im schlichten Anzug: Tobias Stein, nicht mehr als Sohn eines Erfolgs, sondern als Mensch, der lernen wollte. Die Frau, die er einst „nur eine Hausfrau“ genannt hatte, eröffnete ihre Ausführungen mit ruhiger, klarer Stimme. Und diesmal, so betonen alle Anwesenden übereinstimmend, wusste jeder im Saal, mit wem er es zu tun hatte.
Die 72-jährige Mandantin gewann den Prozess. Marlene Hartmann hat ihr anschließend nur einen Satz gesagt: „Sie sind nicht allein. “



