Elf Monate nach dem Tod meines Mannes standen meine Kinder in seinem Buchladen und sagten, alles sei Altpapier. Der Container war schon bestellt. Ich bat um eine Woche, nur um mich zu…

Elf Monate nach dem Tod meines Mannes standen meine Kinder in seinem Buchladen und sagten, alles sei Altpapier. Der Container war schon bestellt. Ich bat um eine Woche, nur um mich zu...

Elf Monate nach dem Tod meines Mannes standen meine Kinder in seinem Buchladen und sagten, das sei alles Altpapier. Zweitausend Bücher, die niemand kaufen will. Sie hatten schon einen Container bestellt. Ich bat um eine Woche.

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Nur eine Woche, um mich zu verabschieden. Mein Name ist Elfriede Kolb. Ich bin siebzig und lebe in Konstanz, ein paar Straßen vom See entfernt. Anton war Antiquar.

Sein Laden lag in einer Seitengasse, keine dreißig Quadratmeter, vollgestopft bis unter die Decke mit gebrauchten Büchern. Er führte ihn vierzig Jahre lang, nicht besonders erfolgreich. Ein Antiquariat in einer Nebenstraße macht niemanden reich. Aber er war glücklich darin.

Wir waren siebenundvierzig Jahre verheiratet. Anton war ein schweigsamer Mann. Nicht kalt, nicht abweisend, einfach still. Er redete gern über Bücher, über Geschichte, über den See.

Über sich selbst sprach er nie. Er hat mir nie gesagt, dass er mich liebt. Kein einziges Mal. Nicht bei der Hochzeit, nicht bei der Geburt der Kinder.

Einmal habe ich ihn gefragt. Das war 1989. Ich fühlte mich unsichtbar. Abends in der Küche fragte ich: „Anton, liebst du mich eigentlich noch?

“ Er sah mich lange an und sagte dann: „Elfride, was für eine Frage. “ Dann ging er ins Wohnzimmer. Ich weinte in dieser Nacht und stellte die Frage nie wieder. Danach hörte ich auf zu fragen.

Ich hörte auf zu erwarten. Ich baute mir eine Erklärung: Anton ist ein anständiger Mann, aber die Liebe ist irgendwann eingeschlafen. Mit dieser Erklärung lebte ich jahrzehntelang. Es gab schöne Zeiten, verstehen Sie mich nicht falsch.

Wir gingen sonntags am See spazieren. Er machte mir jeden Morgen Kaffee. Aber darunter lag immer diese eine Sache: Ich wusste nicht, ob ich geliebt wurde. Wir haben zwei Kinder.

Gudrun ist sechsundvierzig, sie ist Apothekerin. Bernhard ist dreiundvierzig, er arbeitet bei einer Versicherung. Beide sind vernünftige, ordentliche Menschen. Sie liebten ihren Vater, aber sie verstanden ihn nie.

Für sie war Papa der Mann, der in einem staubigen Laden saß und kein Geld verdiente. Anton starb vor elf Monaten. Es ging schnell. Ein Aneurysma.

Er saß auf seinem Hocker hinter dem Tresen, eine Kundin fand ihn. Er hatte ein Buch in der Hand. Nach der Beerdigung blieb der Laden geschlossen. Ich konnte nicht hinein.

Ich stand mehrmals davor und ging wieder. In dieser Zeit fingen meine Kinder an zu rechnen. Der Laden war gemietet. Vierhundertachtzig Euro im Monat.

Gudrun sagte es zuerst: „Mama, du musst den Laden aufgeben. Du zahlst fast fünftausend Euro im Jahr für nichts. “ Sie hatte recht. Meine Kinder hatten mit ihren Zahlen recht.

Bernhard erkundigte sich bei Buchhändlern. Die Antworten waren alle ähnlich: Zweitausend gebrauchte Bücher, überwiegend deutsche Literatur und alte Reiseführer. Praktisch unverkäuflich. Man könne froh sein, wenn jemand sie kostenlos abhole.

Bernhard sagte am Telefon: „Papa hat vierzig Jahre lang Zeug gesammelt, das keiner mehr will. Das ist Altpapier. Wir müssen das entsorgen. “

An einem Samstag im Frühjahr trafen wir uns alle drei am Laden.

Alles war organisiert. Ein Entrümpelungsunternehmen sollte am Montag kommen, mit Container. Die Bücher zur Altpapierverwertung, die Regale zum Sperrmüll. Der Mietvertrag war gekündigt.

Wir schlossen auf. Es roch nach Papier und Staub und ein bisschen nach Anton, nach dem Tee, den er immer trank. Die Kinder gingen durch die Regale. „Meine Güte, ist das viel“, sagte Gudrun.

Bernhard sagte: „Und alles wertlos. Guck mal, Reiseführer von 1992. “ Dann sagte er den Satz, wegen dem ich Ihnen diese Geschichte erzähle: „Das ist doch alles Altpapier, Mama. “

Ich stand zwischen den Regalen meines toten Mannes und hörte, wie mein Sohn sein Lebenswerk in drei Worten zusammenfasste.

Ich sagte: „Ich brauche eine Woche. “ Sie protestierten. Der Container sei bestellt, die Firma habe einen Termin. Ich sagte, ich bezahle die Umbuchung.

Danach könnt ihr machen, was ihr wollt. Sie gaben widerwillig nach. Am Montagmorgen ging ich allein in den Laden. Ich setzte mich auf Antons Hocker und wollte einfach dort sitzen, wo er gesessen hatte.

Ich nahm das erste Buch aus dem Regal hinter dem Tresen. Ein alter Roman, Storm, in einem grünen Leineneinband. Ich schlug es auf. Da lag ein Zettel, ein schmaler Streifen Papier, mit Antons Handschrift.

Klein, ordentlich, mit Füller geschrieben. Darauf stand ein Datum und ein Satz: „14. März 1989. Heute hat Elfriede mich gefragt, ob ich sie noch liebe.

Ich habe gesagt, was für eine Frage. Ich hätte sagen sollen: mehr als an dem Tag, an dem ich dich geheiratet habe. Ich konnte es nicht, aber es steht hier. “

Ich saß auf diesem Hocker und konnte nicht atmen.

Der vierzehnte März 1989. Der Abend in der Küche. Die Frage, die ich nie wieder gestellt hatte. Er hatte sie am selben Tag beantwortet, in einem Buch, das sechsunddreißig Jahre im Regal stand.

Ich nahm das nächste Buch. Und das übernächste. Nicht in jedem lag ein Zettel, aber in vielen. So verbrachte ich die ganze Woche, jeden Tag von morgens bis abends.

Ich nahm zweitausend Bücher in die Hand, eines nach dem anderen. Ich fand dreihundertzweiundvierzig Zettel. Jeder war gleich aufgebaut: ein Datum und ein Satz, den Anton mir hätte sagen sollen und nicht sagen konnte. Ich lese Ihnen einige vor.

„2. Juni 1977. Heute hat Elfriede Gudrun bekommen. Ich stand im Flur und habe geweint und es niemandem gezeigt.

Ich hätte ihr sagen sollen, dass ich sie bewundere. “

„November 1983. Elfriede hat heute ihre Stelle in der Schule aufgegeben, damit ich den Laden übernehmen kann. Ich hätte sagen müssen: Du gibst gerade dein Leben für meinen Traum.

Ich habe nur Danke gesagt. “

„7. Januar 1990. Elfriede hat seit drei Tagen Grippe und steht trotzdem auf und macht Frühstück für die Kinder.

Ich hätte sagen sollen, dass ich in meinem Leben keinen zäheren Menschen getroffen habe. “

„8. August 1996. Streit wegen des Geldes.

Sie hat geweint. Ich habe die Tür zugemacht. Ich hätte bleiben und sie in den Arm nehmen sollen. Ich kann das nicht.

„23. Dezember 2001. Wir hatten kaum Geld für Weihnachten. Elfriede hat aus nichts ein Fest gemacht.

Ich hätte es sagen sollen. “

„April 2005. Heute wurde bei Elfriede der Knoten in der Brust untersucht. Gutartig.

Ich habe mit Gott verhandelt, obwohl ich nicht glaube. Ich hätte sagen sollen: Ohne dich wäre mein Leben vorbei. “

„11. September 2012.

Elfriede hat sich die Haare kurz schneiden lassen und mich gefragt, wie es aussieht. Ich habe gesagt: gut. Es sah wunderschön aus. Ich habe sie den ganzen Abend angesehen, wenn sie nicht hingeguckt hat.

Ich saß in diesem Laden und las die Geschichte meiner eigenen Ehe, geschrieben von einem Mann, der sie mir nie erzählt hatte. Die ersten zwei Tage weinte ich fast durchgehend. Vor Rührung, ja. Aber auch vor Wut.

Ich hatte siebenundvierzig Jahre neben einem Mann gelebt, der mich in jeder Sekunde geliebt hatte. Und ich hatte es nicht gewusst. Am dritten Tag saß ich auf dem Hocker und sagte laut in den leeren Laden: „Warum hast du es nicht gesagt, Anton? Warum?

“ Es antwortete natürlich niemand. Aber am Abend fand ich einen Zettel, der so etwas wie eine Antwort war. Er lag in einem Buch über Vögel. „16.

Februar 1998. Ich habe heute wieder nichts gesagt. Ich weiß, dass sie darauf wartet. Mein Vater hat meiner Mutter auch nie etwas gesagt, und ich habe mir als Junge geschworen, dass ich anders werde.

Ich bin nicht anders geworden. Ich kann es aufschreiben. Ich kann es nicht sprechen. Vielleicht ist das feige.

Es ist jedenfalls alles, was ich habe. “

Ich hielt diesen Zettel lange in der Hand. Danach war die Wut weg. Ich verstand: Es war keine Nachlässigkeit.

Es war eine Behinderung. Mein Mann konnte es nicht sagen, so wie ein anderer nicht laufen kann. Statt aufzugeben, hatte er einen Umweg gefunden. Den einzigen, der ihm möglich war.

Der letzte Zettel, den ich fand, war der schwerste. Er lag in dem Buch, das Anton in der Hand gehalten hatte, als er starb. Es stand noch nicht im Regal, sondern auf dem Tresen. Das Datum war drei Tage vor seinem Tod.

„Elfriede hat heute Morgen gesagt, sie geht kurz zum Bäcker. Sie hat sich an der Tür noch mal umgedreht und gelächelt. Ich denke oft, dass ich zuerst gehen werde. Wenn es so kommt, wird sie glauben, sie hat nicht genug gewusst.

Sie wird glauben, ich habe zu wenig gesagt. Sie hat recht. Aber es liegt alles hier. Ich hoffe, sie findet es.

Er hatte gehofft, dass ich die Bücher durchsehe. Vierzig Jahre lang hatte er Zettel in Bücher gelegt und gehofft, dass seine Frau sie nach seinem Tod findet. Und meine Kinder hatten einen Container bestellt. Am Sonntag kamen Gudrun und Bernhard, um zu hören, ob ich mich verabschiedet hätte.

Ich hatte alle Zettel auf dem großen Packtisch ausgelegt, nach Jahrzehnten sortiert. Bernhard fragte: „Was ist das? “ Ich sagte: „Setzt euch und lest. “

Sie lasen.

Erst schnell, dann immer langsamer. Gudrun kam an den Zettel von ihrem Geburtstag. Sie las ihn zweimal und sagte dann leise: „Papa hat geweint, als ich geboren wurde? “ „Ja“, sagte ich.

„Im Flur, wo es keiner gesehen hat. “ Sie setzte sich hin. „Er hat mir nie gesagt, dass er stolz auf mich ist. Nicht einmal, als ich das Staatsexamen bestanden habe.

“ Ich sagte: „Such das Datum. “ Sie suchte und fand den Zettel. „Gudrun hat heute ihr Examen bestanden. Ich hätte sagen sollen, dass ich seit ihrer Geburt auf diesen Tag gewartet habe und dass sie klüger ist, als ich je war.

Meine Tochter drückte den Zettel an sich wie ein Kind ein Kuscheltier. Mit sechsundvierzig Jahren weinte sie in dem Laden ihres toten Vaters. Bernhard fand einen Zettel von 1996, in dem Anton schrieb, dass sein Sohn ihn gefragt habe, warum er keinen richtigen Beruf ergreife. Er habe nichts geantwortet, obwohl er hätte sagen sollen, dass dieser Laden das einzige sei, was er richtig könne.

Bernhard saß mit dem Zettel in der Hand und sagte nichts. Dann fand er noch einen von 2018. „Bernhard hat heute angerufen und gefragt, ob ich Geld brauche. Er hat es sich abgespart.

Ich habe Nein gesagt, weil ich mich geschämt habe. Ich hätte Ja sagen und ihm danken sollen. Er ist ein besserer Sohn, als ich ein Vater bin. “

Bernhard legte den Zettel hin und ging nach draußen auf die Gasse.

Er blieb eine Viertelstunde weg. Als er wiederkam, hatte er rote Augen. Er sagte: „Ich habe gesagt, das ist alles Altpapier. “ „Ja“, sagte ich.

„Das war der Brief, den Papa sein Leben lang an dich geschrieben hat. Und ich habe einen Container bestellt. “

Doch es gab noch etwas. Am vierten Tag fand ich im hintersten Regal, bei den alten unverkäuflichen Sachen, fünf Bücher, die in Seidenpapier eingeschlagen waren.

Sorgfältig, wie man etwas einpackt, das einem wichtig ist. Ich packte das erste aus. Es war alt, sehr alt, in Leder gebunden. Darin lag kein persönlicher Zettel, sondern ein Schreiben von einem Auktionshaus in Zürich.

Eine Schätzung, sechs Jahre alt. Anton hatte diese fünf Bücher schätzen lassen. Es waren Erstausgaben, zwei davon signiert, aus einem Nachlass. Die Schätzung lag bei einundvierzigtausend Euro.

Ich musste mich setzen. Und darunter stand in Antons Handschrift: „Nicht verkaufen. Rücklage für Elfriede. “

Er hatte diese Bücher vor über zwanzig Jahren gefunden, gewusst, was sie wert sind, und nie angerührt.

Wir waren nicht wohlhabend. Wir waren manchmal richtig knapp. Als unser Auto kaputtging, hatten wir ein halbes Jahr keins. Als die Heizung repariert werden musste, nahmen wir einen Kredit auf.

In der ganzen Zeit standen im hintersten Regal fünf Bücher im Wert von einundvierzigtausend Euro, unangetastet. Er hätte jedes Problem unseres letzten Lebensjahrzehnts mit einem Anruf lösen können. Er tat es nicht. Das Geld war nicht für uns.

Es war für mich. Für danach. Falls er zuerst geht. Das ist jetzt sieben Monate her.

Der Laden ist nicht gekündigt. Ich habe die Kündigung zurückgenommen. Die fünf Bücher habe ich über das Auktionshaus verkauft. Sie brachten achtundvierzigtausend Euro.

Davon ist die Miete für viele Jahre gesichert, und es bleibt etwas übrig, das mir Ruhe gibt. Ich habe den Laden wieder aufgemacht. Dienstags, donnerstags und samstags, von zehn bis vier. Ich sitze auf Antons Hocker, koche Tee und verkaufe gebrauchte Bücher an die wenigen Menschen, die noch welche kaufen.

Ich verdiene fast nichts. Das muss ich auch nicht mehr. Aber es gibt Leute, die wiederkommen. Alte Kunden von Anton, die dachten, der Laden sei tot.

Studenten. Eine Frau, die jeden Donnerstag kommt und eine halbe Stunde mit mir redet, weil sie sonst mit niemandem redet. Ich habe in diesen sieben Monaten mehr Menschen kennengelernt als in den zehn Jahren davor. Ich habe angefangen zu verstehen, was Anton immer gewusst haben muss.

Dieser Laden war nie ein Geschäft. Er war ein Ort, an dem Menschen hereinkommen und reden konnten. Deshalb hat er nie Geld verdient. Er sollte auch nie welches verdienen.

Ein alter Kunde, Herr Wetzel, ein pensionierter Lehrer, erzählte mir, dass er nach dem Tod seiner Frau zwei Jahre lang fast nicht gesprochen hat. Außer bei Anton im Laden. Anton hätte nie gefragt, wie es ihm gehe. Er habe ihm einfach jedes Mal ein Buch in die Hand gedrückt und gesagt: Das müssen Sie lesen.

„Ihr Mann hat mich durch diese Zeit gebracht“, sagte Herr Wetzel. „Ohne ein einziges Wort darüber. “

Die Zettel habe ich abschreiben und binden lassen. Der Buchbinder, ein Kollege von Anton, machte es umsonst.

„Für den Anton mache ich das“, sagte er. Es ist ein richtiges Buch geworden, mit Leineneinband, das einzige Exemplar auf der Welt. Gudrun hat es an einem Stück gelesen und mich danach weinend angerufen. „Ich habe Papa immer für kalt gehalten“, sagte sie.

Bernhard las es zweimal. „Ich verstehe Papa jetzt besser als zu seinen Lebzeiten. “

Dann tat mein Sohn etwas, das mich mehr rührte als alles andere. Er fing an, seiner Frau Zettel zu schreiben.

Kleine Notizen, die er ihr in die Tasche steckt. Er erzählte es mir verlegen am Telefon. „Ich kann’s auch nicht gut sagen, Mama. Das habe ich wohl von ihm.

Aber ich will nicht, dass sie es erst erfährt, wenn ich tot bin. “

In meinem Laden, hinter dem Tresen, steht ein grüner Leineneinband. Der Storm, in dem der erste Zettel lag. Er ist nicht verkäuflich.

Wenn jemand ihn haben will, sage ich: Der ist schon vergeben. Manchmal, wenn niemand im Laden ist, nehme ich ihn heraus und schlage ihn auf. Ich lese die eine Zeile, die ich sechsunddreißig Jahre zu spät bekommen habe: „mehr als an dem Tag, an dem ich dich geheiratet habe. “ Und dann sage ich in den leeren Laden hinein: „Ich weiß, Anton.

Ich hab’s gefunden. “ Und stelle es zurück ins Regal.