Mein Schlüssel passte nicht mehr. Nach sechs Wochen Reha stand ich vor meinem eigenen Haus, und der Zylinder war neu. Mein Sohn öffnete mir in Socken, mit einer Kaffeetasse in der Hand, und sagte: „Mutter, gib die Schlüssel her. Du brauchst sie nicht mehr.

Wir haben das jetzt geregelt. “
Ich habe sie ihm gegeben. Alle bis auf einen kleinen, den ich vierzig Jahre lang für einen Kellerschlüssel gehalten hatte. Und genau dieser kleine Schlüssel hat meinem Sohn am Ende alles gekostet.
Mein Name ist Gerlinde Faber, ich bin siebzig Jahre alt und lebe in Coburg. Das Haus habe ich 1983 mit meinem Mann Karl Heinz gebaut. Wir haben unter der Woche gearbeitet und am Wochenende gemauert. Ich habe Steine geschleppt, als ich achtundzwanzig war.
Es ist kein großes Haus, hundertzwanzig Quadratmeter, aber jeder Stein darin ist von uns bezahlt und zur Hälfte von uns gesetzt. Karl Heinz war Meister in einer Möbelfabrik, achtunddreißig Jahre in derselben Firma. Wir waren sechsundvierzig Jahre verheiratet. Er starb vor drei Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs, sieben Monate nach der Diagnose.
Nach seinem Tod gehörte das Haus mir allein. Das war im Testament sauber geregelt. Wir haben zwei Kinder. Frank ist fünfundvierzig, arbeitet im Vertrieb einer Baustofffirma und ist mit Jasmin verheiratet.
Sie haben zwei Kinder. Ute ist zweiundvierzig, Physiotherapeutin, und lebt in Beirut. Frank und Jasmin haben immer zu groß gelebt: teure Mietwohnung, zwei Autos auf Leasing, Privatunterricht für die Kinder. Seit Jahren redeten sie davon, dass sie ein Haus bräuchten.
Die Kinder würden größer, die Wohnung sei zu klein, in Coburg sei nichts zu bezahlen. Wenn sie das sagten, sahen sie mich dabei an. Nicht auffällig, aber sie sahen mich an. Im Februar wurde ich am rechten Knie operiert, ein künstliches Gelenk.
Danach kam die Reha, sechs Wochen im Fichtelgebirge. Frank sagte, ich solle mir keine Sorgen machen. Er und Jasmin würden nach dem Haus sehen, Heizung, Post, Blumen gießen. Ich gab ihm meinen Zweitschlüssel.
Das war meine einzige falsche Entscheidung in dieser Geschichte – und es war eine ganz normale Sache. Die Reha lief gut. Ich kämpfte mich zurück, um wieder auf die Beine zu kommen. Frank rief in den sechs Wochen dreimal an, kurze Gespräche.
Zehn Tage vor meiner Entlassung sagte er: „Du, Mutter, wir haben ein bisschen was im Haus gemacht. Nichts Großes. Lass dich überraschen. “ Ich dachte, sie hätten gestrichen.
Am zwölften April kam ich nach Hause. Ute holte mich ab. Sie war den ganzen Tag gefahren. Wir standen vor meiner Haustür, mein Schlüssel passte nicht.
Ich versuchte es dreimal. Ute auch. Der Zylinder war neu, das Metall blank. Ich klingelte an meiner eigenen Haustür.
Frank öffnete in Socken, mit einer Kaffeetasse. „Mutter, ihr seid ja früh dran. “
„Warum passt mein Schlüssel nicht? “
„Ach so, ja.
Wir mussten den Zylinder tauschen. Da war was mit dem Schloss. Komm erst mal rein. “
Ich ging in mein Haus und es war nicht mehr mein Haus.
An meiner Garderobe hingen fremde Jacken, Kinderjacken, Jasmins Mantel. Im Wohnzimmer stand ihr Sofa, meines war weg. An der Wand, wo unser Hochzeitsbild hing, hing jetzt ein großes Foto von Frank, Jasmin und den Kindern am Strand. „Wo ist das Bild?
“
Jasmin sagte: „Das ist im Keller, Gerlinde. Alles ist sicher im Keller. Wir haben nichts weggeworfen. “
Im Esszimmer stand ein anderer Tisch.
Unser Esstisch, an dem meine Kinder Hausaufgaben gemacht hatten, war weg. Ich ging langsam nach oben, Stufe für Stufe mit meinem frischen Knie. Mein Schlafzimmer war jetzt das Kinderzimmer der Jungen. Etagenbett, Poster an den Wänden, Spielzeug auf dem Boden.
Das Zimmer, in dem mein Mann gestorben war. Meine Sachen waren nicht weg. Sie waren im Keller in Kartons, ordentlich beschriftet in Jasmins Handschrift: „Schlafzimmer Gerlinde“, „Bad Gerlinde“, „Küche divers“. Das war fast das Schlimmste, diese Ordentlichkeit.
Es war nicht im Streit passiert. Jemand hatte sich hingesetzt, meine Sachen sortiert und die Kartons beschriftet. Ich stand in meinem Wohnzimmer, sechs Wochen nach einer Knieoperation, und begriff langsam, dass meine Familie eingezogen war. Jasmin kam aus der Küche, umarmte mich und sagte: „Gerlinde, schön, dass du wieder da bist.
Wir dachten, so ist es für alle besser. Das Haus stand doch leer. Und wir haben ja gesehen, dass du das allein nicht mehr schaffst. “
„Ich schaffe das allein.
“
Frank sagte: „Mutter, du kommst aus der Reha, du bist siebzig. Sei doch froh, dass du nicht mehr allein bist. “
Dann streckte er die Hand aus und sagte: „Gib mir mal deine Schlüssel. Du brauchst sie nicht mehr.
Wir haben das jetzt geregelt. Ich mache dir einen neuen Satz für die Wohnung. “
Für die Wohnung. Davon hörte ich zum ersten Mal.
Sie hatten mir eine Zweizimmerwohnung gemietet, in einem Haus in der Nähe, Erdgeschoss, altengerecht. Die Kaution hatten sie schon bezahlt – von meinem Geld. Sie hatten die Kontovollmacht für die Zeit der Reha. Alles war geregelt, ohne mich.
Und ich habe ihm die Schlüssel gegeben. Ich stand da mit einem frisch operierten Knie, nach einer sechsstündigen Fahrt, in einem Wohnzimmer voller fremder Möbel, meine Enkel liefen herum und riefen „Oma! “ Ich legte meinem Sohn den Schlüsselbund in die Hand, weil ich keine Kraft hatte, weil ich vor den Kindern keine Szene machen wollte, weil ich in diesem Moment nicht wusste, was ich sonst tun sollte. Ute ist an dem Abend nicht nach Beirut zurückgefahren.
Sie brachte mich in die Wohnung, die man für mich gemietet hatte, und blieb bei mir. Wir schliefen auf zwei Matratzen, weil noch kein Bett da war. „Mama, das ist Hausfriedensbruch. Das kann er nicht machen.
“
„Ute, es ist mein Sohn. “
„Es ist dein Haus. “
In der Nacht schlief ich nicht. Ich lag auf einer Matratze auf dem Boden einer Wohnung, die ich nie gesehen hatte und die ich selbst bezahlte.
Ich dachte an Karl Heinz, zum ersten Mal seit drei Jahren wütend: Du hast mich alleingelassen mit diesen Menschen. Gegen vier Uhr morgens fiel mir etwas ein. Ich hatte Frank nicht alle Schlüssel gegeben. In meiner Handtasche, im kleinen Innenfach mit Reißverschluss, lag ein einzelner kleiner Schlüssel.
Einen flachen kleinen Schlüssel mit eingestanzter Nummer. Ich hatte ihn vor Jahren vom Bund genommen, weil er störte. Karl Heinz hatte ihn mir irgendwann in den Achtzigern gegeben: „Den hebst du auf, Gerlinde, der ist wichtig. “
„Wofür ist er?
“
„Für später. “
So war Karl Heinz. „Für später“ war seine Antwort auf jede Frage, die er nicht beantworten wollte. Ich hob ihn vierzig Jahre auf und brauchte ihn nie.
Um vier Uhr morgens holte ich ihn aus der Handtasche und schaute mir zum ersten Mal wirklich die Nummer an. Es war kein Kellerschlüssel. Kellerschlüssel haben keine eingestanzten Nummern und keine Herstellermarke einer Sicherheitsfirma. Ich weckte Ute.
„Mama, das ist ein Schließfachschlüssel. So einen hat mein Chef. “
Am nächsten Morgen ging ich zur Sparkasse, zu der Filiale, bei der Karl Heinz und ich unser Leben lang Kunden waren. Ich zeigte der Dame am Schalter den Schlüssel.
Sie sah ihn an: „Frau Faber, das ist ein Schließfachschlüssel von uns. Einen Moment. “
Sie suchte nach und sagte: Sie hätten ein Schließfach seit 1986, laufend auf meinen Namen, Gerlinde Faber, mit meinem verstorbenen Mann als Mitverfügungsberechtigtem. Auf meinen Namen.
Seit 1986. Ich hatte siebenunddreißig Jahre lang ein Bankschließfach gehabt und nichts davon gewusst. Im Tresorraum benutzte die Mitarbeiterin ihren Schlüssel, ich meinen. Dann ließ sie mich allein.
In dem Fach lag eine flache Mappe. Darin lagen drei Dinge. Das erste war ein beglaubigter Grundbuchauszug unseres Hauses, ausgestellt 1986. Ich las ihn und verstand zuerst nicht, was daran besonders war – bis ich zur Abteilung Zwei kam, wo die Lasten und Beschränkungen stehen.
Dort stand ein Eintrag: „Lebenslanges Wohnrecht für Gerlinde Faber, geborene Wendland, an dem gesamten Wohnhaus. “
Mein Mann hatte mir ein lebenslanges Wohnrecht an unserem eigenen Haus ins Grundbuch eintragen lassen. Ich muss erklären, was das bedeutet, denn ich verstand es in dem Tresorraum auch nicht sofort. Ein Wohnrecht im Grundbuch ist ein dingliches Recht.
Es klebt am Haus, nicht an einer Person. Es gilt gegen jeden: gegen einen Käufer, gegen einen Erben, gegen jeden, der jemals dieses Haus besitzt. Solange ich lebe, darf ich in diesem Haus wohnen. Niemand kann mich hinausbringen.
Kein Sohn, keine Schwiegertochter, kein Gericht. Und dabei gehörte mir das Haus ohnehin. Karl Heinz hatte mich mit diesem Eintrag sogar gegen den Fall abgesichert, dass mir das Eigentum eines Tages nicht mehr gehören sollte. Das zweite in der Mappe war die notarielle Urkunde über genau diesen Vorgang.
Das dritte war ein Brief – ein einzelnes Blatt, handschriftlich, in Karl Heinz‘ Schrift, datiert auf den Tag der Eintragung. „Gerlinde, wenn du das liest, ist etwas passiert, womit ich gerechnet habe. Ich habe heute das Wohnrecht eintragen lassen. Der Notar hat gefragt: Warum, wo das Haus doch uns beiden gehört?
Ich habe gesagt: Papier ist geduldig, aber ein Grundbuch ist es nicht. Ich mache mir Gedanken um den Frank. Er ist erst acht, und ich weiß, dass man so etwas über ein Kind nicht sagen soll, aber ich sehe, wie er ist, wenn er etwas will. Er nimmt es sich und findet danach einen Grund.
Meine Mutter war so. Mein Bruder ist so. Es überspringt keine Generation in dieser Familie. Wenn ich vor dir gehe, wird irgendwann jemand kommen und dir erklären, dass du das Haus nicht mehr brauchst.
Vielleicht freundlich, vielleicht sogar aus echter Sorge. Es wird trotzdem darauf hinauslaufen, dass du gehst und ein anderer bleibt. Dann fährst du zur Sparkasse mit dem kleinen Schlüssel und holst das hier. Du musst niemanden anschreien und dich mit niemandem streiten.
Du legst das Papier auf den Tisch. Das genügt. Dein Karl Heinz. “
Ich saß in diesem Tresorraum auf einem Stuhl und weinte, bis eine Mitarbeiterin nachschaute, ob es mir gut ging.
Mein Mann hatte 1986, als unser Sohn acht Jahre alt war, vorhergesehen, was dieser Sohn mit siebenundvierzig tun würde. Und er hatte vierzig Jahre lang nichts gesagt. Er hatte mir einen kleinen Schlüssel gegeben und gesagt, den hebst du auf, der ist wichtig. Am selben Tag ging ich zu einer Anwältin, Frau Dr.
Bauer, hier in Coburg. Sie las den Grundbuchauszug und rief die aktuelle Fassung beim Amtsgericht ab. Das Wohnrecht stand noch drin. So etwas verschwindet nicht von allein.
„Frau Faber, Ihre Lage ist so klar, wie eine Lage nur sein kann. Sie sind Eigentümerin des Hauses. Zusätzlich haben Sie ein eingetragenes lebenslanges Wohnrecht. Ihr Sohn hat kein Recht, dort zu wohnen, und schon gar nicht, Sie auszuschließen.
Der Austausch des Schließzylinders ohne Ihre Zustimmung war rechtswidrig. “
„Was kann ich tun? “
„Sie können Ihren Sohn auffordern, das Haus zu räumen und Ihnen den Zugang wiederherzustellen. Wenn er nicht reagiert, klagen wir auf Herausgabe.
Das gewinnen Sie mit Sicherheit. “
Dann sagte sie noch etwas, das mir sehr geholfen hat: „Frau Faber, ich sage Ihnen das, weil viele meiner älteren Mandanten sich schämen. Sie haben nichts falsch gemacht, als Sie ihm die Schlüssel gegeben haben. Sie kamen aus der Reha.
Niemand entscheidet in so einem Moment gut. Das ändert an Ihrer Rechtslage nicht das Geringste. “
Wir setzten ein Schreiben auf, mit einer Frist von zwei Wochen. Frank rief an, kaum dass er es gelesen hatte.
Er schrie, dass ich ihn und die Kinder auf die Straße setze, dass er sich um mich gekümmert habe. „Frank, du hast dich nicht um mich gekümmert. Du hast das Schloss ausgetauscht, während ich in der Reha war. “
„Wir haben doch eine Wohnung für dich gemietet.
“
„Von meinem Geld, ohne mich zu fragen. In meinem Haus wohnt ihr, und ich soll dankbar sein für eine Zweizimmerwohnung, die ich selbst bezahle. “
Er sagte, ich sei verbittert, Jasmin habe recht gehabt, ich hätte mich seit Papas Tod verändert. Dann legte ich das Papier auf den Tisch, wie Karl Heinz geschrieben hatte – nur eben am Telefon.
„Frank, hör mir zu. Im Grundbuch steht seit 1986 ein lebenslanges Wohnrecht für mich, eingetragen von deinem Vater, als du acht warst. Er hat es getan, weil er damals schon gesehen hat, wie du bist. Das steht in einem Brief, den er dazu gelegt hat.
Ich habe ihn gelesen. “
Es war lange still am Telefon. „Das ist doch ein Trick von dir. “
„Ruf das Grundbuchamt an.
Es ist ein öffentliches Register. “
Er legte auf. Sie sind ausgezogen. Nicht in zwei Wochen – es hat sechs gedauert.
Sie haben nicht ein einziges Mal um Aufschub gebeten, sondern ihn sich genommen. Aber sie sind ausgezogen. Das ist jetzt elf Monate her. Ich wohne wieder in meinem Haus.
Ute hat mir beim Zurückziehen geholfen, und Herr Wollmann von nebenan hat den Schließzylinder getauscht – diesmal in meinem Auftrag. Ich habe genau einen Satz Schlüssel. Einen Zweitschlüssel gibt es, den hat Ute und niemand sonst. Von Frank habe ich seit dem Auszug dreimal gehört: zwei Nachrichten, einen Anruf.
Er hat sich nicht entschuldigt. Er hat gefragt, ob ich mir das mit dem Testament überlegt hätte. Ja, ich habe das Testament geändert. Ute erbt das Haus.
Frank bekommt seinen Pflichtteil, mehr nicht. Ich habe eine Begründung hinterlegt, damit es später kein Rätselraten gibt. Meine Enkelkinder sehe ich alle paar Wochen. Ute holt sie manchmal und bringt sie zu mir.
Sie können nichts dafür, und ich lasse mir meine Enkel nicht nehmen. Der kleine Schlüssel hängt jetzt wieder an meinem Bund, ganz vorne. Er hat nichts mehr zu tun. Das Schließfach ist leer, ich habe alles zu Hause im Ordner.
Aber ich lasse ihn dran, damit ich mich jeden Abend daran erinnere, dass ein Mann vierzig Jahre vorausgedacht hat, um mir diesen einen Abend zu ermöglichen.


