Mein Sohn hat die Eigentumswohnung meines verstorbenen Mannes an einen Bekannten verkauft – weit unter Wert. Er hatte eine Vollmacht von mir, die ich angeblich beim Notar unterschrieben hatte. Nur war ich an dem Tag, an dem ich diese Vollmacht unterschrieben haben soll, gar nicht in Karlsruhe. Ich war zweihundert Kilometer entfernt bei meiner Schwester, und es gibt Menschen, die das bezeugen können.

Mein Name ist Waltraut Simon. Ich bin 72 Jahre alt und lebe in Karlsruhe, in der Weststadt, in einer Wohnung, in der mein Mann Georg und ich 38 Jahre lang gewohnt haben. Bevor ich Ihnen erzähle, wie diese Geschichte ausging, würde ich gern wissen: Von wo aus hören Sie mir heute zu? Schreiben Sie mir Ihre Stadt in die Kommentare – es tut gut zu wissen, dass jemand zuhört.
1970, als Georg und ich uns das erste Mal begegneten, hätte niemand gedacht, dass wir so lange zusammenbleiben würden. Er war ein ruhiger, etwas steifer Mann, damals schon. Ich war fünfundzwanzig, arbeitete als Sekretärin in einer Anwaltskanzlei, und er kam fast jeden Mittag in dasselbe Café, in dem ich mit meinen Kolleginnen saß. Er bestellte immer einen Tee, nie Kaffee, und er las dabei die Zeitung, als ob der Text ihn wichtiger wäre als die Welt um ihn herum.
Ich habe ihn einmal angesprochen, weil er den Salzstreuer mitnahm, ohne es zu merken. Er wurde rot bis unter die Haarwurzeln. Drei Monate später waren wir verlobt. Georg war ein Mann, der keine großen Worte machte.
Aber wenn er etwas versprach, hielt er es. Und als er mich im März 1971 heiratete, versprach er mir etwas, das er nie gebrochen hat: dass er dafür sorgen wird, dass es mir niemals schlecht geht. Georg war Beamter bei der Stadtverwaltung, ein sparsamer, vorsichtiger Mann. Wir haben unser Leben lang jeden Monat etwas beiseitegelegt.
Irgendwann, das muss 1996 gewesen sein, haben wir uns eine zweite Wohnung gekauft – eine kleine Zweizimmerwohnung im Stadtteil Mühlburg, als Kapitalanlage, wie man damals sagte. Wir vermieteten sie, 28 Jahre lang. Die Mieteinnahmen waren unsere kleine Zusatzrente. Georg sagte immer: „Waltraut, das ist unser Polster.
Falls mal was ist. “ Georg dachte immer voraus. Wir waren 45 Jahre verheiratet, als er starb – vor drei Jahren, an Krebs. Er hinterließ mir unsere Wohnung in der Weststadt und die vermietete Wohnung in Mühlburg.
Beide gehörten nach seinem Tod mir. Ich war allein Erbin, das war im Testament sauber festgelegt. Die Mühlburger Wohnung war damals etwa 260. 000 Euro wert.
Sie war vermietet, sie brachte jeden Monat Geld – sie war meine Sicherheit für das Alter. Merken Sie sich diese Zahl: 260. 000. Sie wird wichtig.
Wir haben zwei Kinder. Dieter ist 48. Er hat ein Autohaus – oder besser gesagt, er hatte Anteile an einem Autohaus, das nicht gut lief. Er ist mit Petra verheiratet.
Und Sigrid, meine Tochter, ist Lehrerin in Freiburg. Dieter war immer der Ehrgeizige. Er wollte immer mehr, als er hatte. Große Autos, große Pläne, große Worte – und immer wieder Geschäfte, die schiefgingen, weil er zu schnell zu viel wollte.
Georg hat ihm mehr als einmal aus der Klemme geholfen. Ich weiß von mindestens 30. 000 Euro, die Georg ihm über die Jahre gab – immer als Kredit deklariert, nie zurückgezahlt. Ich will Ihnen ein Beispiel geben, damit Sie Dieter verstehen.
2012 kam er mit einer Idee: gebrauchte Autos aus Italien importieren. Er brauchte Startkapital, kam zu Georg, und Georg gab ihm 15. 000 Euro. Ein halbes Jahr später war das Geld weg, die Autos hatten Mängel, die Sache platzte.
Georg hat damals nur gesagt: „Der Junge lernt es nicht. “ Aber er hat trotzdem weitergezahlt. Jedes Mal, weil er sein Vater war und es nicht ertragen konnte, den Sohn scheitern zu sehen. Ich fragte Georg einmal, warum er nicht einfach nein sagt.
Seine Antwort: „Weil er dann etwas Dummes macht. Solange ich zahle, kann ich wenigstens kontrollieren, wie tief er fällt. “ Das war Georgs Fehler, glaube ich heute. Er hat Dieter beigebracht, dass am Ende immer jemand einspringt – 40 Jahre lang.
Als Georg starb, dachte ich: „Jetzt wird Dieter erwachsen. Jetzt, wo der Vater nicht mehr einspringt. “ Ich habe mich geirrt. Er hat nur einen neuen gesucht, bei dem er einspringen lassen kann – und dieser neue war ich.
Nur dass ich, anders als Georg, nicht freiwillig zahlte. Also hat er sich genommen, was ich nicht gab. Es begann etwa ein Jahr nach Georgs Tod. Dieter kam öfter vorbei.
Er war fürsorglich, auf seine Art. Er fragte, wie es mir geht, ob ich zurechtkomme, ob die Wohnung in Mühlburg nicht zu viel Arbeit macht. „Mama, das mit der Mietwohnung ist doch Stress für dich. Die Mieter, die Nebenkostenabrechnung, wenn mal was kaputt geht – in deinem Alter, willst du dir das wirklich noch antun?
“ Ich sagte, es mache mir keine Mühe. Eine Hausverwaltung kümmerte sich um das meiste. Ich musste nur einmal im Jahr eine Abrechnung unterschreiben. „Aber trotzdem“, sagte er, „so eine Immobilie ist auch ein Risiko, wenn der Markt einbricht.
Weißt du, ich könnte mich mal umhören, was sie wert ist. Nur damit du Bescheid weißt. Man muss ja seine Optionen kennen. “ Ich habe damals nicht verstanden, worauf er hinauswollte.
Heute verstehe ich es: Er hat den Boden bereitet. Im Frühjahr vor anderthalb Jahren kam etwas dazwischen, das ihm in die Hände spielte. Meine Schwester Herter, die in der Nähe von Stuttgart wohnt, wurde schwer krank. Ich bin zu ihr gefahren, um sie zu pflegen – fast drei Wochen blieb ich bei ihr in ihrem Haus in Waiblingen, zweihundert Kilometer von Karlsruhe entfernt.
Merken Sie sich das: Waiblingen, drei Wochen. Es ist der Schlüssel zu allem. In diesen drei Wochen – das erfuhr ich erst viel später – hat mein Sohn etwas getan, das ich ihm nie zugetraut hätte. Ich kam zurück, als es Herter besser ging.
Das Leben ging weiter. Dieter rief an, fragte nach Herter, war freundlich. Nichts deutete darauf hin, dass etwas geschehen war. Erst etwa vier Monate später fiel es auf – und wieder war es ein Zufall.
Die Hausverwaltung der Mühlburger Wohnung schickte mir normalerweise jeden Monat eine Abrechnung über die Miete. Im Herbst kam keine mehr. Ich dachte zuerst, es sei ein Versehen. Ich rief an.
Die Dame von der Hausverwaltung sagte: „Frau Simon, wir verwalten die Wohnung nicht mehr. Sie wurde ja im Frühjahr verkauft. Der neue Eigentümer hat einen anderen Verwalter. “ Ich stand in meiner Küche, das Telefon in der Hand, und verstand kein Wort.
Verkauft? Meine Wohnung? Ich habe nichts verkauft. Sie wurde verlegen.
„Frau Simon, der Verkauf lief über Ihren Sohn, mit einer Vollmacht von Ihnen. Wir haben die Unterlagen. Es war alles korrekt, notariell beglaubigt. “ Eine Vollmacht von mir.
Ich habe an diesem Tag zum ersten Mal gespürt, wie sich der Boden unter einem alten Menschen auftun kann. Ich setzte mich hin, und mein Herz schlug so, dass ich Angst bekam. Dann rief ich nicht Dieter an. Ich rief Sigrid an, meine Tochter in Freiburg.
Sigrid war sofort hellwach. Sie sagte: „Mama, sag Dieter kein Wort. Ich komme morgen. Wir gehen dem nach – aber ruhig und ohne dass er es merkt.
“
Sigrid kam am nächsten Tag, und wir fingen an zu graben. Über einen Grundbuchauszug, den man beim Amtsgericht bekommt, wenn man ein berechtigtes Interesse hat – und meines war offensichtlich –, fanden wir es heraus. Die Wohnung in Mühlburg war verkauft worden, im April vor anderthalb Jahren, an einen Herrn Krause. Und dieser Herr Krause war, das ergab eine kurze Suche, ein alter Geschäftspartner meines Sohnes aus der Autobranche.
Der Kaufpreis stand auch dort: 175. 000 Euro. Die Wohnung war 260. 000 wert.
Sie wurde für 175. 000 verkauft – unter Wert an einen Bekannten meines Sohnes. Und der Verkauf war erfolgt über eine notarielle Vollmacht, die ich Dieter angeblich erteilt hatte. Sigrid und ich fuhren zu dem Notar, bei dem die Vollmacht beurkundet worden war – wieder nicht mein Notar, ein anderer in Ettlingen.
Ich verlangte eine Abschrift der Vollmacht, die ich unterschrieben haben sollte. Das ist mein Recht. Und ich bekam sie. Eine Vorsorge- und Verfügungsvollmacht, mit der ich meinem Sohn Dieter das Recht erteilte, über die Immobilie in Mühlburg zu verfügen, sie zu verkaufen.
Unten meine Unterschrift. Sie sah gut aus – nicht perfekt, aber gut. Und das Datum der Beurkundung: der April. Ich sah auf dieses Datum, und langsam kam die Erinnerung.
Der 11. April. Das war mitten in den drei Wochen, in denen ich bei Herter in Waiblingen war. Ich war am 11.
April nicht in Karlsruhe. Ich war nicht in Ettlingen. Ich war zweihundert Kilometer entfernt in Waiblingen, und ich habe an diesem Tag meine kranke Schwester gepflegt. Sigrid sah mich an und sagte leise: „Mama, du warst nicht hier.
“ „Nein“, sagte ich, „ich war bei Herter. “ „Kannst du das beweisen? “ Und da fing ich an nachzudenken – und ich merkte, dass ich es beweisen konnte. Sogar sehr gut.
Denn in diesen drei Wochen in Waiblingen war ich nicht untätig gewesen. Ich hatte Herter zu ihren Arztterminen gefahren, hatte für sie in der Apotheke Medikamente auf meinen Namen geholt, weil sie zu schwach war. Ich war mit ihr beim Hausarzt gewesen, der mich als Begleitperson notiert hatte. Und weil ich so lange weg war, hatte ich von Waiblingen aus mit meiner eigenen Karte eingekauft, getankt, war zum Friseur gegangen.
Sigrid und ich setzten uns an meinen Küchentisch und rekonstruierten den ganzen April, Tag für Tag. Es war wie ein Puzzle, bei dem jedes Teil ein Beweis war. Ich hatte noch meine Kontoauszüge von April, und darauf stand alles. Am 2.
April eine Tankstelle in Waiblingen, am 5. ein Supermarkt, am 12. eine Apotheke, wo ich Herter Medikamente geholt hatte. Und der 11.
April – der entscheidende Tag – war der beste von allen. Denn am 11. April hatte ich Herter zu einer Untersuchung ins Krankenhaus nach Stuttgart gefahren. Ich erinnerte mich genau, weil es ein schwerer Tag gewesen war.
Sie hatte solche Angst, und ich hatte den ganzen Vormittag bei ihr im Wartebereich gesessen und ihre Hand gehalten. Sigrid rief im Krankenhaus an und fragte, ob Begleitpersonen registriert würden. Sie wurden – aus Sicherheitsgründen notierte man seit der Pandemie am Empfang jede Begleitperson mit Namen, Ausweisnummer und Uhrzeit. Wir baten um eine Bestätigung.
Sie kam eine Woche später – ein offizielles Schreiben des Klinikums: „Waltraut Simon, registriert als Begleitperson am 11. April, Empfang um 10:30 Uhr. “ Die Vollmacht war laut Urkunde um 11 Uhr in Ettlingen beurkundet worden. Um 10:30 Uhr in Stuttgart am Krankenhauseingang, um 11 Uhr angeblich bei einem Notar in Ettlingen – Kilometer dazwischen.
Es war unmöglich, vollkommen unmöglich. Kein Mensch fährt in 30 Minuten von Stuttgart nach Ettlingen. Kein Mensch ist an zwei Orten gleichzeitig. Sigrid legte die beiden Papiere nebeneinander auf den Tisch – die Vollmacht und die Krankenhausbestätigung – und sagte: „Mama, das hier ist wasserdicht.
Das ist kein Wort gegen Wort. Das ist eine Uhrzeit gegen eine Uhrzeit. Und die Uhrzeit lügt nicht. “
Ich möchte kurz innehalten, bevor ich Ihnen erzähle, wie es weiterging.
Wenn Sie bis hierher zugehört haben, dann wissen Sie, wie es sich anfühlt, wenn aus Fassungslosigkeit langsam etwas anderes wird – etwas Kaltes und Klares. Drücken Sie auf „Abonnieren“. Hier erzählen Frauen, die man für vergesslich hielt – und die am Ende genau nachweisen konnten, wo sie waren. Sigrid und ich gingen mit allem zu einer Anwältin, Frau Dr.
Bauer, Fachanwältin für Erb- und Immobilienrecht. Sie sah sich die Vollmacht an, dann die Nachweise aus Waiblingen und Stuttgart, dann den Grundbuchauszug und den Kaufvertrag. Und sie sagte etwas, das mir das erste Mal seit Wochen wieder Boden unter die Füße gab: „Frau Simon, wenn diese Vollmacht gefälscht ist – und danach sieht es sehr stark aus –, dann ist sie von Anfang an nichtig. Und wenn die Vollmacht nichtig ist, dann konnte Ihr Sohn gar nicht über die Wohnung verfügen.
Und wenn er nicht verfügen konnte, dann ist auch der Verkauf an Herrn Krause unwirksam. “ Ich fragte: „Was heißt das? “ „Das heißt, die Wohnung gehört immer noch Ihnen. Sie hat nie aufgehört, Ihnen zu gehören.
Auf dem Papier steht Herr Krause im Grundbuch, aber das lässt sich rückabwickeln, weil der Grundlage die Wirksamkeit fehlt. Und dann bekommt Herr Krause seinen Kaufpreis zurück – von dem, der ihn bekommen hat. “ „Und wer hat ihn bekommen? “ Sie sah in die Unterlagen.
„Der Kaufpreis wurde ausgezahlt an den Vollmachtnehmer – an Ihren Sohn. “
Ich saß da und begriff langsam die ganze Konstruktion. Dieter hatte meine Wohnung für 175. 000 Euro an einen Bekannten verkauft.
Das Geld hatte er kassiert. Und wenn der Verkauf jetzt rückabgewickelt wurde, bekam ich meine Wohnung zurück. Aber Herr Krause wollte seine 175. 000 Euro wiederhaben – und die musste ihm der zurückzahlen, der sie bekommen hatte.
Mein Sohn, der das Geld längst ausgegeben hatte – in seinem Autohaus, das schlecht lief, in seinen Schulden. Frau Dr. Bauer sagte: „Frau Simon, ich muss Sie fragen: Wollen Sie Strafanzeige erstatten? Das hier ist Urkundenfälschung und Betrug.
Ihr Sohn müsste mit einer erheblichen Strafe rechnen. “ Und hier kommt der Teil, den viele nicht verstehen werden. Ich sagte: „Nein, ich erstatte keine Strafanzeige. Ich will nur meine Wohnung zurück.
“ Frau Dr. Bauer sah mich an. „Frau Simon, das ist Ihr gutes Recht. Aber ich muss Ihnen etwas erklären.
Auch wenn Sie keine Strafanzeige erstatten, kommt Ihr Sohn nicht ungeschoren davon. Denn wenn wir den Verkauf rückabwickeln, dann wird Herr Krause sein Geld zurückfordern – von Ihrem Sohn, auf dem Zivilweg. Und das wird passieren, ob Sie wollen oder nicht, denn Herr Krause hat Anspruch darauf. “ Und da verstand ich: Ich musste gar nichts tun, um meinen Sohn zur Rechenschaft zu ziehen.
Ich musste nur mein Eigentum zurückholen. Der Rest ergab sich von selbst – wie eine Kette, die man nicht mehr aufhalten kann, wenn man das erste Glied bewegt. Wir haben die Rückabwicklung eingeleitet. Es dauerte fast ein Jahr, aber es war unaufhaltsam, weil der Beweis so eindeutig war.
Eine Frau kann nicht gleichzeitig in Stuttgart und in Ettlingen sein. Bevor es so weit war, habe ich Dieter ein einziges Mal zur Rede gestellt. Ich habe ihn zu mir gebeten, allein. Sigrid war im Nebenzimmer.
Ich legte ihm die Vollmacht hin und daneben die Bestätigung des Stuttgarter Krankenhauses vom 11. April, 10:30 Uhr. Ich sagte nur: „Erklär mir das. “ Er nahm die Papiere, sah sie an – und ich beobachtete, wie ihm klar wurde, was er da vor sich hatte.
Er wurde erst rot, dann blass. Er fing an zu reden, wie sie alle reden. Es sei kompliziert gewesen, er habe unter Druck gestanden, das Autohaus, die Schulden. Er habe es zurückzahlen wollen, bevor ich es merke.
Er habe mich schützen wollen vor dem Stress mit der Immobilie. Ich ließ ihn reden, bis ihm die Ausreden ausgingen. Das dauerte eine Weile – Dieter hatte immer viele Ausreden. Dann sagte er etwas, das mich fast umgeworfen hätte: „Mama, die Wohnung hättest du sowieso mir vererbt.
Ich habe sie mir nur früher genommen. Wo ist der Unterschied? “ Ich habe ihn angesehen, meinen Sohn, 48 Jahre alt – und ich habe verstanden, dass in seinem Kopf mein Eigentum schon immer sein Eigentum war. Ich war nur eine Zwischenstation, eine alte Frau, die auf seinem Erbe saß und es nicht schnell genug hergab.
Ich sagte: „Der Unterschied, Dieter, ist, dass ich noch lebe. Und solange ich lebe, gehört mir, was mir gehört – nicht dir. Und du hast meine Unterschrift gefälscht und die Wohnung deines Vaters verkauft, während ich deine kranke Tante gepflegt habe. Und jetzt sitzt du hier und sagst mir, das sei doch alles dasselbe.
“ Er sagte: „Mama, wenn du das rückabwickelst, bin ich ruiniert. Krause will sein Geld. Ich habe es nicht mehr. Ich verliere alles – das Autohaus, das Haus, alles.
“ Und ich habe ihm geantwortet, und ich habe dabei an Georg gedacht, der diesem Jungen sein Leben lang aus der Klemme geholfen hat: „Dieter, ich wickle es nicht zurück, um dich zu ruinieren. Ich wickle es zurück, weil es meine Wohnung ist. Was danach zwischen dir und Herrn Krause passiert, das habt ihr beide zu verantworten – nicht ich. Ihr habt das eingefädelt, ohne mich zu fragen.
Jetzt tragt es aus, ohne mich zu fragen. “ Er stand auf, und für einen Moment dachte ich, er würde wütend werden, schreien. Aber er tat etwas Schlimmeres. Er sah mich an und sagte: „Papa hätte das nie gemacht.
Papa hätte mir geholfen. “ Und da, zum ersten Mal in diesem ganzen Gespräch, wurde ich laut: „Ja, Dieter, Papa hätte dir geholfen. Papa hat dir dein Leben lang geholfen. Und genau deshalb sitzt du heute hier und hast die Unterschrift deiner Mutter gefälscht und findest nichts dabei – weil dir immer jemand geholfen hat.
Ich helfe dir nicht. Und das ist das Beste, was ich für dich tun kann. “ Er ist gegangen, ohne noch ein Wort zu sagen. Das ist jetzt Monate her.
Die Wohnung in Mühlburg gehört wieder mir. Sie steht im Grundbuch wieder auf meinem Namen. Sie ist wieder vermietet, an eine nette junge Familie, und jeden Monat kommt die Miete – meine kleine Zusatzrente, so wie Georg es sich gedacht hat. Herr Krause hat meinen Sohn auf Rückzahlung verklagt – 175.
000 Euro, die Dieter längst ausgegeben hat. Er zahlt jetzt in Raten. Sein Autohausanteil ist weg. Sein großes Auto ist weg.
Er lebt jetzt so, wie er immer hätte leben sollen – in seinen Verhältnissen. Ich habe ihm nicht geholfen. Zum ersten Mal in seinem Leben ist kein Vater und keine Mutter da, die einspringt. Sigrid sagt, das sei das Beste, was mir passieren konnte – und ich glaube, sie hat recht.
Dieter und ich reden kaum. Manchmal ruft er an, kurz, höflich. Er hat nie richtig um Verzeihung gebeten. Er ist immer noch der Meinung, im Grunde habe er nichts Schlimmes getan – er habe nur Pech gehabt, dass ich zufällig beweisen konnte, wo ich war.
Das ist vielleicht das Traurigste an der ganzen Geschichte. Nicht, dass er es getan hat. Sondern dass er bis heute nicht versteht, was er getan hat. Ich möchte Ihnen etwas mitgeben.
Mein Sohn hat geglaubt, er kann meine Abwesenheit ausnutzen. Er hat sich einen Tag ausgesucht, an dem ich weit weg war, und gedacht: Eine alte Frau kann nach anderthalb Jahren nicht mehr nachweisen, wo sie an einem bestimmten Vormittag war. Aber wir hinterlassen Spuren, jeder von uns. Ein Krankenhaus, das die Begleitperson notiert, eine Apotheke, ein Tankbeleg, ein Friseurtermin – ein ganzes Netz von kleinen Beweisen, dass wir an diesem Ort, an diesem Tag gelebt haben.
Wenn Ihnen jemand einmal etwas anhängen will, das Sie nicht getan haben: Verzweifeln Sie nicht. Setzen Sie sich hin und rekonstruieren Sie den Tag. Wo waren Sie? Wer hat Sie gesehen?
Was haben Sie gekauft? Die Wahrheit hinterlässt Spuren. Die Lüge muss sie erst erfinden – und dabei macht sie Fehler. Ich bin Waltraut Simon, 72 Jahre alt.
Einmal im Monat fahre ich mit der Straßenbahn nach Mühlburg und gehe an dem Haus vorbei, in dem meine Wohnung ist. Ich klingle nicht – ich störe die junge Familie nicht. Ich gehe nur vorbei und sehe hinauf zum zweiten Stock. Georg hat diese Wohnung gekauft, damit ich im Alter versorgt bin.
„Falls mal was ist“, hat er gesagt. Es ist etwas gewesen, Georg. Es ist wirklich etwas gewesen. Aber deine Wohnung steht noch.
Und sie gehört immer noch mir.

