Mein Sohn legte ein Blatt Papier auf den Küchentisch und sagte: „Das hast du unterschrieben, Mama, beim Notar im März.“ Ich sah meinen eigenen Namen und das Siegel – aber ich hatte keine…

Mein Sohn legte ein Blatt Papier auf den Küchentisch und sagte: „Das hast du unterschrieben, Mama, beim Notar im März.“ Ich sah meinen eigenen Namen und das Siegel – aber ich hatte keine...

Mein Sohn legte ein Blatt Papier auf den Küchentisch und sagte: „Das hast du unterschrieben, Mama, beim Notar im März. “ Ich sah meinen eigenen Namen unter dem Text. Ich sah das Siegel, und ich hatte keine Erinnerung daran, keine einzige. Vierzehn Wochen lang glaubte ich, mein Verstand sei fort.

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Dann fand ich einen Mann, der Jahre älter war und sich besser erinnerte als ich. Ich heiße Ilse Ratke, bin 71 Jahre alt und wohne in Rostock in einer Dreizimmerwohnung in der Kröpeliner Vorstadt, in der ich 28 Jahre lang mit meinem Mann Gerhard gelebt habe. Gerhard starb vor einem Jahr und zwei Monaten. Schlaganfall im Schlaf.

Er war 77 und hatte am Abend zuvor noch die Blumenkästen auf dem Balkon gegossen. Wir hatten kein Testament. Ich weiß, wie das klingt. 28 Jahre in einer Wohnung, zwei erwachsene Kinder und kein Testament.

Aber Gerhard war ein Mann, der solche Dinge aufschob. Er sagte immer: „Das machen wir, wenn wir Zeit haben. “ Und dann hatten wir keine mehr. Die Wohnung gehörte ihm, nicht uns.

Wir hatten sie 1996 gekauft, kurz nach der Wende, als vieles hier billig zu haben war. Der Kredit lief auf seinen Namen, weil er das feste Gehalt hatte. Nur sein Name stand im Grundbuch. Ich dachte mir nie etwas dabei.

Wir waren verheiratet. Was sein war, war meins. Erst als mir der Notar nach seinem Tod die Erbfolge erklärte, begriff ich, was das bedeutete. Ohne Testament erbe ich als Ehefrau die Hälfte.

Meine Kinder, Uwe und Karin, teilen sich die andere Hälfte. Ich sagte zum Notar: „Aber das ist meine Wohnung. “ Und er sagte freundlich, aber unmissverständlich: „Frau Ratke, das ist jetzt eine Erbengemeinschaft. “ Ein hässliches Wort.

Es klingt nach etwas Warmem, aber es ist das Gegenteil. Uwe ist 46, arbeitet bei einer Versicherung in Hamburg und ist mit Petra verheiratet, die etwas mit Immobilien macht. Sie haben zwei Kinder und ein Haus mit einer Hypothek, die, wie Petra einmal bei Kaffee sagte, ziemlich ehrgeizig ist. Karin ist 43, lebt in Rostock, arbeitet in einer Apotheke und hat am wenigsten mit all dem zu tun.

Merken Sie sich das. Es wird wichtig werden. Die ersten Monate nach der Beerdigung waren ruhig. Uwe rief sonntags an.

Karin kam am Wochenende vorbei. Wir sprachen nicht über die Wohnung. Im Februar fing Uwe damit an. Er sagte es ganz sanft.

Er sagte, die Erbengemeinschaft müsse irgendwann aufgelöst werden. Es sei nur vernünftig, sonst gebe es später Ärger. Er wolle mich doch nicht aus meiner Wohnung drängen, Gott bewahre, aber wir bräuchten Klarheit. Und dann sagte er das Wort, das ich nicht kannte: Auseinandersetzung.

Ich schlug es nach. Es bedeutet, dass man das Erbe teilt, und wenn man eine Wohnung nicht teilen kann, verkauft man sie und teilt das Geld. Ich schlief schlecht in dieser Nacht. Ich lag in dem Bett, in dem Gerhard gestorben war, und stellte mir vor, wie Fremde durch mein Wohnzimmer gingen und sagten, die Tapete müsse raus.

Im März fuhr ich für vier Tage nach Waren an der Müritz. Meine Schwester Hanna lebt dort. Sie ist zwei Jahre jünger als ich und hatte im Winter eine Hüftoperation, und ich fuhr hin, um ihr zu helfen. Ich nahm am Montag den Zug und kam am Donnerstagabend zurück.

Es waren unauffällige Tage. Wir schälten Kartoffeln, sahen fern und redeten über unsere Mutter. Ich hätte nie gedacht, dass diese vier Tage mein Leben retten würden. Im April rief Uwe an und sagte, er komme am Samstag vorbei.

Es gebe etwas zu regeln. Er kam allein. Er brachte einen dünnen Ordner mit, wie man ihn im Büro benutzt, und legte ihn auf den Küchentisch und machte sich Kaffee in meiner Küche, ohne zu fragen, was er sonst nie tat. Dann nahm er ein Blatt heraus und schob es mir hin.

Es war eine Verzichtserklärung. Ich musste zweimal lesen, weil solche Texte so geschrieben sind, dass man zweimal lesen muss. Aber am Ende stand, dass ich auf meinen Anteil an der Immobilie zugunsten meiner Kinder verzichtete, im Tausch gegen ein lebenslanges Wohnrecht, und darunter stand mein Name in meiner eigenen Handschrift, mit dem Schwung am Ende von „Ilse“, den ich seit 60 Jahren mache. Daneben ein Siegel und die Unterschrift eines Notars, datiert auf den 17.

März. Ich sagte: „Das habe ich nicht unterschrieben. “ Und Uwe sagte ganz ruhig, die Kaffeetasse in der Hand: „Doch, Mama, im März beim Notar. Karin und ich waren dabei.

Ich möchte kurz innehalten, bevor ich erzähle, was in mir vorging. Ich stand in meiner Küche und sah meinen eigenen Namen an. Und wissen Sie, was mein erster Gedanke war? Nicht: Er lügt.

Nicht: Das ist gefälscht. Ich dachte: Dann muss es wohl stimmen. Das ist der schwerste Teil dieser ganzen Geschichte. Ich vergesse Dinge.

Ich stehe manchmal im Flur und weiß nicht mehr, warum ich aufgestanden bin. Im Januar habe ich den Wasserkocher auf dem Herd vergessen, und die Küche war voller Rauch. Wenn jemand in meinem Alter sich nicht erinnert, gibt es dafür eine Erklärung, die alle sofort akzeptieren, auch ich. Uwe sagte nicht: Du lügst.

Uwe sagte: Du warst dabei. Und mein eigener Verstand lieferte ihm die Munition. Ich sagte: „Ich war im März bei Hanna. “ Er sagte: „Das war später.

Das war Ende März. “ Und ich rechnete nach und verhedderte mich. Ostern war früh in dem Jahr, und plötzlich wusste ich nicht mehr, ob ich vor oder nach Ostern gefahren war. Er sah mich an, und in seinem Blick war kein Triumph.

Da war etwas Schlimmeres: Mitleid. „Mama“, sagte er, „das ist doch nicht schlimm. Du vergisst in letzter Zeit viel. Deshalb haben wir es ja gemacht.

Damit du dir keine Sorgen mehr machen musst. “ Ich fragte: „Wer war noch da? “ – „Karin und Petra haben den Termin gemacht. “ – „In welchem Raum war das?

“ Er stellte die Tasse ab. „Mama, ich frage dich ja nur: In welchem Raum? “ Und dann sagte er, ganz sanft, wie man mit einem Kind spricht, das immer dieselbe Frage stellt: „Siehst du, genau das meine ich. “

Damit war es vorbei.

Nicht weil er gewonnen hatte, sondern weil ich aufgab. Für jede weitere Frage von mir wäre der Beweis für das gewesen, was er behauptete. Wenn ich nachhakte, war ich verwirrt. Wenn ich schwieg, hatte ich unterschrieben.

Es gab keinen Satz, den ich hätte sagen können, der nicht gegen mich gearbeitet hätte. Ich habe später oft darüber nachgedacht, wie perfekt das war. Nicht geplant, glaube ich. Aber perfekt.

Er blieb noch eine Stunde. Er reparierte die Jalousie im Schlafzimmer, die seit Wochen klemmte. Er stand auf der Leiter in dem Zimmer, in dem sein Vater gestorben war, und schraubte, und ich stand unten und hielt ihm die Schrauben in der offenen Hand. Er war nett zu mir.

Das ist das, was ich nicht erklären kann. Er fragte, ob ich genug Butter im Haus hätte. Und als er ging, umarmte er mich und sagte: „Ruf an, wenn du etwas brauchst. “

Ich weinte an dem Abend nicht.

Ich machte eine Liste. Auf ein Blatt Papier schrieb ich alles auf, was ich in den letzten Monaten vergessen hatte. Den Wasserkocher, den Zahnarzttermin im November, den Namen der neuen Nachbarin. Ich schrieb elf Dinge auf, und als ich fertig war, saß ich da und dachte: Elf Dinge in einem Jahr.

Ist das viel? Ich wusste es nicht. Das ist das Tückische. Ich hatte keinen Maßstab.

In den folgenden Wochen wurde ich vorsichtig mit mir. Ich weiß nicht, ob Sie sich vorstellen können, wie das ist. Man schrumpft nach innen. Man wird kleiner in der eigenen Wohnung.

Ich schrieb mir Zettel und klebte sie an den Kühlschrank. Herd aus. Fenster zu. Schlüssel in der Tasche.

Ich las Sätze doppelt, sogar in der Zeitung, weil ich fürchtete, den Sinn beim ersten Mal nicht zu erfassen. Wenn Karin am Telefon über etwas sprach, sagte ich nicht mehr: „Das weiß ich. “ Stattdessen sagte ich: „Ach ja“, und hoffte, dass es stimmte. Am schlimmsten war es beim Einkaufen.

Ich stand an der Kasse, und die junge Frau nannte den Betrag, und ich hörte ihn und vergaß ihn im selben Moment, weil ich dachte: Merkst du, dass du ihn vergisst? Ist das jetzt so ein Moment? Man kann nicht denken und sich beim Denken zusehen. Das eine zerstört das andere.

Ich traf meine Freundin Renate nicht mehr. Jahrelang hatten wir uns donnerstags in einem Café am Doberaner Platz getroffen. Ich sagte dreimal ab und dann gar nichts mehr. Ich hatte Angst davor, mitten im Gespräch nach einem Namen zu suchen, ihn nicht zu finden und in ihrem Gesicht zu sehen, dass sie es bemerkte.

In diesen Wochen nahm ich nicht ab und hatte keinen Zusammenbruch. Nichts davon war dramatisch. Ich hörte einfach auf, mir selbst zu glauben. Und von außen sieht das aus wie eine stille alte Frau in einer sauberen Wohnung.

Nachts lag ich wach und ging den März durch. Immer wieder. Montag. Zug.

Hanna vom Bahnhof abgeholt. Nein, sie konnte nicht laufen. Ihre Nachbarin hatte mich abgeholt. Wie hieß die Nachbarin?

Ich konnte mich nicht an den Namen der Nachbarin erinnern, und in diesem Moment war ich sicher, dass Uwe recht hatte. Und dann, gegen vier Uhr morgens, wenn es hell wurde, kam immer derselbe Gedanke: Wenn ich beim Notar war, warum weiß ich dann nicht, wie der Raum aussah? Ich habe in meinem Leben viermal bei einem Notar gesessen – beim Kauf der Wohnung, bei der Umschreibung des Kredits nach Gerhards Tod. Ich weiß, wie solche Räume aussehen.

Man sitzt da, und jemand liest einem einen langen Text vor, den man nicht versteht, und es dauert lange und ist langweilig. So etwas vergisst man nicht. Man vergisst den Namen einer Nachbarin. Aber ich traute dem Gedanken nicht.

Er kommt nachts, und nachts denkt man das, was man sich erhoffen will. Ich ging zum Hausarzt. Dr. Meinhard kennt mich seit 19 Jahren.

Er gab mir einen Test, diese Sorte, wo man sich drei Wörter merken, eine Uhr zeichnen und von 100 in Siebnerschritten rückwärts zählen muss. Ich zeichnete eine saubere Uhr. Beim Rückwärtszählen verhaspelte ich mich, und mein Herz pochte im Hals. Aber er sagte, das mache fast jeder.

Das sei völlig unauffällig. Ich saß da und war nicht erleichtert. Ich sagte: „Herr Doktor, aber ich habe etwas vergessen, das ich unterschrieben habe. “ Er legte den Stift hin und fragte: „Frau Ratke, was genau haben Sie unterschrieben?

“ Und da erzählte ich es zum ersten Mal jemandem. Er hörte zu, ohne zu unterbrechen, und sah aus dem Fenster, während ich sprach. Als ich fertig war, drehte er sich um. Dann sagte er einen Satz, den ich nie vergessen werde.

Und ich glaube, es war der Satz, der alles veränderte. Er sagte: „Ein Mensch, der dement wird, vergisst keine einzelnen Ereignisse. Er vergisst Wörter. Er vergisst Wege.

Er vergisst, was er heute Morgen gegessen hat. Er vergisst nicht einen einzelnen Termin beim Notar und erinnert sich an alles andere. “

Ich saß in seinem Sprechzimmer und fühlte etwas in mir hochsteigen, das vier Wochen auf dem Boden gelegen hatte. Er sagte noch etwas, leiser, und ich glaube, das hätte er nicht sagen dürfen.

Er sagte: „Das sehe ich öfter, als Sie denken. “

Ich rief Karin an. Es war ein Mittwoch. Sie hatte Spätschicht und war noch nicht in der Apotheke.

Und ich fragte sie geradeheraus: „Karin, warst du im März mit mir beim Notar? “ Sie schwieg. Es war ein sehr langes Schweigen, in dem ich meinen eigenen Puls hören konnte. Dann sagte sie: „Mama, ich kann darüber nicht sprechen.

“ Und sie legte auf. Diese fünf Worte waren mehr wert als jedes Gutachten. Denn wenn ich verwirrt gewesen wäre, hätte meine Tochter gesagt: „Ja, Mama, du warst dabei. Erinnerst du dich nicht?

“ Sie hätte es geduldig erklärt. Sie hätte mich beruhigt. Sie legte auf. Jetzt kommt der Teil, in dem ich etwas tat, was ich mich lange nicht getraut hatte.

Ich holte die Verzichtserklärung heraus. Uwe hatte mir eine Kopie in dem dünnen Ordner dagelassen. Ich glaube, er hatte nie erwartet, dass ich sie noch einmal ansehen würde. Unten stand der Name des Notars, Dr.

Helwich, und eine Adresse in der Langen Straße. Ich fuhr hin; es war ein Bürogebäude, und im Erdgeschoss war jetzt ein Handyladen. Die Kanzlei gab es nicht mehr. Ich fragte im Handyladen, und der junge Mann wusste nichts, aber die Frau vom Kiosk nebenan sagte: „Der alte Helwig, der hat vor sechs, sieben Jahren aufgehört.

“ Der musste ja gut über 80 sein. Ich stand auf dem Bürgersteig in der Langen Straße, und die Straßenbahn fuhr vorbei, und zum zweiten Mal in meinem Leben rechnete ich etwas aus, das mir den Boden unter den Füßen wegzog, nur diesmal in die andere Richtung. Ein Notar, der seit sieben Jahren nicht mehr praktiziert, kann im März keine Verzichtserklärung beurkundet haben. Es dauerte eine Woche, bis ich ihn fand.

Ich tat es nicht heimlich. Ich schaute ins Telefonbuch, und dann rief ich die Notarkammer an, und die Frau am Telefon war sehr höflich und durfte mir nichts sagen, aber sie sagte, das Büro sei im Jahr davor ordnungsgemäß aus Altersgründen geschlossen worden. Ich fand ihn über seine Nichte. Er lebte in einem Seniorenheim in Warnemünde, mit Blick auf den Alten Strom.

Ich fuhr an einem Dienstag mit dem Zug hin und kaufte unterwegs eine Pralinenschachtel, weil man einen alten Herrn nicht mit leeren Händen besucht. Dr. Helwich war 84. Er saß im Sessel am Fenster, in Hemd und Weste, obwohl es warm war, und er hatte ein Hörgerät und Hände, die zitterten, aber seine Augen waren wach.

Er entschuldigte sich, dass er nicht aufstehen könne. Er bat mich, das Fenster zu schließen wegen des Zugs. Auf seinem Tisch lagen eine Zeitung und eine Lupe. Ich stellte mich vor.

Ich sagte, ich sei Ilse Ratke, und er habe im März eine Verzichtserklärung von mir beurkundet. Er sah mich lange an. Dann sagte er: „Meine liebe Frau, ich bin vor sieben Jahren aus meinem Amt ausgeschieden. Ich beurkunde nichts mehr.

“ Ich sagte: „Ich weiß, deshalb bin ich hier. “ Da lächelte er zum ersten Mal, ein kleines schiefes Lächeln, und sagte: „Dann sind Sie klüger als die meisten, die hierherkommen. “

Ich nahm die Kopie aus der Tasche und gab sie ihm. Er holte eine Brille aus der Brusttasche, setzte sie auf, nahm die Lupe und las.

Er las sehr lange, länger, als man für eine Seite braucht. Hin und wieder fuhr er mit dem Finger über das Siegel wie ein Blinder. Ich hörte die Uhr an der Wand. Irgendwo im Haus rollte jemand einen Wagen über Linoleum.

Dann legte er das Blatt auf die Knie und sagte ganz ruhig: „Das ist nicht mein Siegel. “ Ich sagte: „Bitte? “ – „Das Siegel ist gefälscht. Es ist nachgeahmt und nicht einmal besonders gut.

“ Er hob das Blatt und hielt es gegen das Licht. „Der Bundesadler ist zu klein, und der Ring darum ist geschlossen. Meiner war nie geschlossen. “ Er legte es zurück.

„Und die Unterschrift ist eine Fälschung. Ich unterschreibe seit vier Jahren mit ‚Doktor‘ davor. Hier steht es dahinter. “ Er sah auf.

„Außerdem ist meine Amtsbezeichnung falsch geschrieben. Da fehlt ein Buchstabe. Notar am Amtsgericht. Das heißt anders.

Ich saß auf einem Besucherstuhl in einem Seniorenheim in Warnemünde, und draußen fuhr ein Ausflugsschiff vorbei, und ich merkte, dass ich weinte, ohne beschlossen zu haben zu weinen. Ich weinte nicht, weil man mich betrogen hatte. Ich weinte, weil ich wochenlang geglaubt hatte, ich würde verrückt. Er wartete, bis ich fertig war.

Alte Männer wissen, wie man wartet. Er reichte mir ein Taschentuch aus einer Schachtel neben der Lupe, und es war ein Herrentaschentuch, weiß, gebügelt, und ich dachte an Gerhard. Dann sagte er: „Frau Ratke, wer hat Ihnen gesagt, dass Sie das unterschrieben haben? “ – „Mein Sohn.

“ Er nickte, als hätte er das erwartet. Er nickte, ohne überrascht zu sein, und das war das Schrecklichste an diesem ganzen Nachmittag. „War jemand dabei? “ – „Meine Tochter.

“ – „Und was sagt Ihre Tochter? “ Ich sagte: „Sie hat aufgelegt. “ Er lehnte sich zurück und sah aus dem Fenster auf den Alten Strom, wo die Kutter lagen. Und dann sagte er den Satz, für den ich die ganze Reise gemacht hatte, ohne es zu wissen.

Er sagte: „Ich beurkunde seit 40 Jahren. Wissen Sie, was ich am häufigsten gesehen habe? Nicht Betrug. Kinder, die ihren Eltern erklären, dass sie sich irren, und Eltern, die es glauben, weil es leichter ist, an sich selbst zu zweifeln als an den eigenen Kindern.

Ich fragte ihn, ob er aufschreiben würde, was er über das Siegel gesagt hatte. Er sagte: „Junge Frau“ – er sagte tatsächlich „junge Frau“ –, „das überlassen Sie mal mir. Ich schreibe es auf, ich lasse es beglaubigen, und ich bezahle es selbst. Ich habe diese Siegel 40 Jahre getragen.

Das nehme ich mir nicht mehr wegnehmen. Auch jetzt nicht. “

Er starb neun Monate später. Ich besuchte ihn dreimal.

Beim letzten Mal erkannte er mich nicht mehr. Aber die Erklärung war da. Zwei Seiten in einer zittrigen, sehr genauen Handschrift, beglaubigt von einem Notar aus Rostock, der noch praktiziert. Ich fuhr nach Hause.

Ich schlief in dieser Nacht neun Stunden, zum ersten Mal seit 14 Wochen. Am nächsten Morgen rief ich einen Anwalt an. Ich werde Ihnen nicht jeden einzelnen Schritt erzählen. Es war weniger dramatisch, als Sie vielleicht denken, und es dauerte länger.

Der Anwalt hieß Herr Suvada. Er war jung und sehr gründlich. Und das Erste, was er sagte, war: „Frau Ratke, eine gefälschte notarielle Urkunde ist kein Familienstreit. Das ist eine Straftat.

Ich tat dann etwas, wofür mich manche verurteilen werden. Ich erstattete keine Anzeige. Herr Suvada erklärte mir, was das bedeutet hätte. Urkundenfälschung, Ermittlungsverfahren.

Uwe hat zwei Kinder und ein Haus mit einer ehrgeizigen Hypothek. Petra arbeitet in der Immobilienbranche, wo ein Strafverfahren das Ende ist. Ich dachte eine Nacht darüber nach. Ich dachte an den Jungen, der mit sechs vom Klettergerüst gefallen war und mit blutigem Knie zu mir kam und nicht weinte, weil er stark sein wollte.

Am nächsten Tag sagte ich Herrn Suvada, was ich wollte. Wir schrieben einen Brief, nur einen. Der Brief stellte fest, dass die Verzichtserklärung vom 17. März nichtig ist, dass Dr.

Helwich sein Amt sieben Jahre zuvor niedergelegt hatte, dass das Siegel gefälscht ist, dass eine schriftliche Bestätigung von Dr. Helwich existiert – notariell beglaubigt und bei Herrn Suvada hinterlegt –, und dass ich keine Anzeige erstatten werde, solange die Erbengemeinschaft unangetastet bleibt und ich in meiner Wohnung wohnen bleibe. Kein Wort über Gefühle, keine Vorwürfe. Vier Absätze.

Uwe rief zwei Tage später an. Er weinte am Telefon. Es war das erste Mal seit seiner Kindheit, dass ich meinen Sohn weinen hörte, und ich hielt den Hörer und fühlte gar nichts, und das erschreckte mich mehr als alles andere danach. Er sagte, Petra habe das Dokument besorgt.

Er habe nicht gewusst, wie. Er habe geglaubt, alles sei richtig. Er habe doch nur Ordnung schaffen wollen. Ich hörte zu, bis er fertig war.

Dann sagte ich: „Uwe, du hast mich 14 Wochen lang glauben lassen, ich verliere den Verstand. “ Und er sagte nichts mehr. Karin kam am Samstag. Sie saß in meiner Küche und weinte auch, aber anders.

Sie sagte, sie habe es geahnt und nichts gesagt, weil Uwe ihr Bruder ist. Sie sagte, sie habe sich vier Monate lang jeden Tag geschämt. Ich verzieh ihr an diesem Samstag nicht. Ich sagte ihr, sie solle jeden Mittwoch kommen und mir helfen, die Papiere zu ordnen, die Gerhard hinterlassen hatte.

Das war keine Vergebung; das war eine Aufgabe. Sie kommt seit anderthalb Jahren jeden Mittwoch. Ich habe Uwe seit diesem Telefonat dreimal gesehen. Bei einer Beerdigung eines Onkels, an Karins Geburtstag und einmal letzten Herbst ohne Anlass, als er mit einer Tüte Äpfel aus seinem Garten vor meiner Tür stand und nicht wusste, was er sagen sollte.

Ich ließ ihn herein. Wir redeten über das Wetter. Nach 40 Minuten ging er. Ich weiß nicht, ob wir je wieder etwas haben werden außer 40 Minuten über das Wetter.

Vielleicht ist das, was von einer Mutter und einem Sohn übrig bleibt, wenn er ihr die Erinnerungen genommen hat und sie ihm die Anzeige erspart hat. Ich habe letztes Jahr ein Testament gemacht. Mit einem Notar, der noch praktiziert, mit meinem Ausweis, an einem Tag, den ich mir selbst aufgeschrieben habe. Die Wohnung geht zu gleichen Teilen an Uwe und Karin.

Ich habe es nicht geändert. Manche werden das nicht verstehen. Aber daneben liegt ein zweiter Umschlag. Darin ist die notariell beglaubigte Erklärung von Dr.

Helwich, der inzwischen gestorben ist, und der Brief von Herrn Suvada. Er wird geöffnet, wenn ich tot bin – nicht als Rache, sondern als Wahrheit. Denn ich habe gelernt, dass man die Wahrheit nicht im Kopf behalten darf. Der Kopf ist ein schlechter Tresor.

Andere Menschen können hineingehen und Dinge verschieben, und man merkt es nicht einmal, wenn man 71 ist, oder 68, oder 73. Und wenn dir jemand sagt, du erinnerst dich falsch, dann überprüfe es. Geh zum Arzt, finde den Zeugen, ruf die Kammer an. Es ist keine Beleidigung für deine Familie; es ist Selbstachtung.

Und wenn dir dann jemand sagt, du seist schwierig geworden im Alter, dann weißt du, dass du auf dem richtigen Weg bist. Ich bin Ilse Ratke. Ich bin 71 Jahre alt. Ich wohne immer noch in der Kröpeliner Vorstadt im dritten Stock, mit Jahren des Lebens und zwei Blumenkästen, die ich selbst gieße.

Auf dem Küchentisch liegt ein Kalender. Ich schreibe auf, wo ich war und mit wem ich gesprochen habe. Jeden einzelnen Tag. Es dauert nur eine Minute.

Manche denken, das sei die Marotte einer alten Frau. Sollen sie. Ich weiß jetzt, was am 17. März passiert ist.

Am 17. März bin ich in Waren an der Müritz gewesen und habe für meine Schwester Kartoffeln geschält. Und das wird mir niemand auf der Welt mehr ausreden.