Der Frost biss in die Knochen, als die ersten Kolonnen sich in Bewegung setzten. Es war tiefste Nacht, der 16. Februar 1944, und das Schicksal von 60.000 deutschen Soldaten hing an einem seidenen Faden. Sie waren eingeschlossen in einem Kessel aus Eis und Schlamm, umzingelt von der Roten Armee. Der Ausbruch aus dem Kessel von Tscherkassy war keine glorreiche Offensive, sondern ein Akt der Verzweiflung, ein Kampf um das nackte Überleben.
Seit dem 28. Januar 1944 war die Einkesselung perfekt. Die sowjetischen Fronten unter den Generalen Iwan Konew und Nikolai Watutin hatten sich bei Swenigorodka getroffen und den Bogen am Dnepr abgeriegelt. Sechs deutsche Divisionen, darunter die 5. SS-Panzerdivision „Wiking“, waren gefangen. Die Versorgung aus der Luft war zusammengebrochen, das Wetter spielte verrückt. Frost und Tauwetter wechselten sich ab und verwandelten die ukrainische Steppe in ein unpassierbares Meer aus Schlamm.
Die Männer im Kessel wussten, dass Hilfe von außen nicht ausreichen würde. Der Entsatzversuch des III. Panzerkorps unter General Hermann Breit war nur zwölf Kilometer vor dem Kesselrand steckengeblieben. Die Panzer versanken im Morast, die sowjetischen Gegenangriffe wurden immer heftiger. General Wilhelm Stemmermann, der Befehlshaber der eingeschlossenen Gruppe, traf eine schwere Entscheidung. Der Ausbruch musste aus eigener Kraft erfolgen.
Der Plan war einfach und brutal. Die SS-Division „Wiking“ unter SS-Obergruppenführer Herbert Otto Gille sollte die Spitze bilden. Hinter ihr sollten die Reste der Infanteriedivisionen in Kolonnen folgen. Die Schwerverwundeten, die nicht gehen konnten, sollten auf Pferdewagen mitgeführt werden. Diejenigen, die nicht transportiert werden konnten, blieben zurück. Es war eine Entscheidung, die das dunkelste Kapitel dieser Geschichte darstellt.
Gille war ein Mann, der in dieser Extremsituation seine ganze Erfahrung ausspielte. Er hatte seine Panzerkräfte geschont, sie nicht in sinnlosen Abwehrkämpfen verheizt. Jetzt, in der Nacht des Ausbruchs, waren sie die entscheidende Waffe. Die Panzer der „Wiking“ rollten an der Spitze der Kolonne, gefolgt von den Grenadieren. Der gefrorene Boden trug sie, ein Glücksfall in dieser Nacht.
Die ersten sowjetischen Linien wurden überrascht. Die Wucht des Angriffs war zu groß, die Konzentration der Kräfte zu massiv. Aber der Ausbruch war kein geordneter Marsch. Die Ordnung, die die Stäbe geplant hatten, löste sich schnell auf. Einheiten vermischten sich, Männer verloren ihre Verbände in der Dunkelheit. Fuhrwerke blieben stecken, Verwundete fielen von den Wagen und wurden zurückgelassen.
Das größte Hindernis war der Fluss Gniloi Tikitsch. In einer Februarnacht wurde dieser unscheinbare Wasserlauf zur Grenze zwischen Leben und Tod. Das Eis war durch das Tauwetter der Vortage geschwächt. Panzer brachen ein, Fahrzeuge versanken. Männer wateten durch das eiskalte Wasser, manche ertranken, andere erreichten das andere Ufer. Pioniere bauten Behelfsbrücken aus Planken und Baumstämmen, über die die Männer in Einzelreihen hasteten.
Die sowjetische Führung hatte inzwischen erkannt, was geschah. Konew verstärkte den Druck. Sowjetische Panzer und Kavallerie stießen in die Flanken der Ausbruchskolonnen. Die Artillerie begann zu feuern, als die Morgendämmerung die langen Ströme von Männern sichtbar machte. Die Verluste waren hoch. Männer fielen, wurden verwundet und konnten nicht mehr mitgeführt werden. Die Bewegung nach vorne war das einzige Prinzip, das noch galt.
Auf der anderen Seite des Flusses wartete Oberst Franz Bäke mit seiner Panzergruppe. Bäke, ein Zahnarzt im Zivilleben, war einer der kühnsten Panzeroffiziere der Wehrmacht. Seine Männer hatten sich durch das aufgeweichte Gelände gekämpft, um so nah wie möglich an den Kessel heranzukommen. Als die ersten Überlebenden am Ufer auftauchten, schickte Bäke Fahrzeuge vor, um sie aufzunehmen. Panzer fuhren so nah heran, wie es ging, und hoben die Verwundeten auf.

Der 17. Februar 1944 war ein langer, blutiger Tag. Tausende von Männern erreichten in kleinen Gruppen die Linien von Bäke. Sie waren erschöpft, viele ohne Waffen, manche barfuß. Die meisten waren unterernährt, alle psychisch gezeichnet. Aber sie waren frei. General Stemmermann war nicht unter ihnen. Er war in den letzten Stunden des Ausbruchs gefallen, als er die Nachhut kommandierte. Er ging als letzter und kam nicht an.
Von den 60.000 eingeschlossenen Soldaten entkamen zwischen 30.000 und 35.000. Die Zahlen schwanken in den Quellen. Das bedeutet, dass zwischen 25.000 und 30.000 Männer nicht zurückkehrten. Sie fielen im Kessel, beim Ausbruch oder am Gniloi Tikitsch. Sie gerieten in sowjetische Gefangenschaft. Die Männer, die herauskamen, waren körperlich am Ende, aber sie hatten überlebt.
Die Propaganda im Deutschen Reich feierte den Ausbruch als heroischen Triumph. Die Wochenschau zeigte Bilder von stolzen Soldaten, die sich aus der Umklammerung befreit hatten. Die Wirklichkeit war eine andere. Die Männer, die aus dem Kessel kamen, schwiegen über das, was sie erlebt hatten. Sie trugen die Bilder der Kälte, des Schlammes und des Flusses ihr Leben lang mit sich.
Herbert Otto Gille wurde für seine Führung mit dem Eichenlaub mit Schwertern zum Ritterkreuz ausgezeichnet. Er führte die „Wiking“ weiter durch den Rückzug aus der Ukraine, durch Polen und bis zum Ende des Krieges. Er starb 1966 in Hamburg. Franz Bäke kehrte nach dem Krieg zu seiner Zahnarztpraxis zurück und lebte bis 1983. Seine Beschreibungen der Kämpfe sind sachlich und präzise, ohne Verherrlichung.
Für die Sowjetunion war Tscherkassy ein zweischneidiges Ergebnis. Konew hatte eine große Einschließungsoperation erfolgreich durchgeführt und tausende Deutsche getötet oder gefangen genommen. Aber die vollständige Vernichtung der eingeschlossenen Gruppe war ihm verwehrt geblieben. 30.000 Soldaten waren entkommen, eine schmerzhafte Lektion für die Rote Armee. Konew verdoppelte seinen Ehrgeiz und wurde zu einem der prägenden Feldherren des Krieges.
Der Kessel von Tscherkassy ist heute kein bekannter Name. Anders als Stalingrad oder Kursk ist er keine Chiffre, die sofort verstanden wird. Aber für die Männer, die in diesem Kessel waren, war er die definitive Erfahrung. Der Punkt, an dem alles andere verblasste. Der Winter, der Schlamm, der Fluss. 30.000 kamen heraus, 30.000 nicht. Diese Zahlen sind keine Statistik. Hinter jeder Zahl steht ein Name, den jemand einmal kannte, ein Gesicht, das jemand vermisst hat, eine Geschichte, die in der ukrainischen Steppe endete.
Der Gniloi Tikitsch fließt noch heute. Die Steppe wächst jedes Jahr neu. Und die Namen auf den Grabsteinen, die man findet, wenn man sucht, sind verblasst, aber lesbar.

