Kapitel 3 | Der Weg nach Osten – Das Tagebuch des Martin Adler | Hörbuch

Kapitel 3 | Der Weg nach Osten - Das Tagebuch des Martin Adler | Hörbuch

Die russische Ebene glühte im Hochsommer jenes Jahres wie ein Höllenofen, als die deutsche Wehrmacht unaufhaltsam nach Osten vorrückte. Die Männer der Kompanie, in der der junge Soldat Martin Adler diente, kämpften nicht nur gegen einen unsichtbaren Feind, sondern gegen eine erbarmungslose Naturgewalt, die sie in Staub und Schweiß zu ersticken drohte. Aus den Aufzeichnungen Adlers, die nun als Hörbuch vorliegen, geht hervor, dass der Vormarsch im Juli 1941 weniger ein militärischer Siegeszug war als ein täglicher Überlebenskampf gegen die Elemente.

Die Sonne stieg jeden Morgen blutrot aus dem dunstigen Osten empor und brannte unerbittlich auf die endlosen Felder und staubigen Straßen herab. Die Männer schleppten sich gebückt und keuchend dahin, bis die Luft selbst zu flimmern begann und am fernen Horizont die trügerischen Spiegelungen der Fata Morgana glitzerten. Wasser, das es nicht gab, nach dem sich die durstigen Augen dennoch sehnten. Der Staub war ihr ständiger Begleiter, ein feiner, mehliger Staub, den die tausende von Stiefeln, Hufen und Rädern aus der ausgedörrten Erde aufwirbelten. Er hing über der Marschkolonne in einer dichten gelblichen Wolke, die sie von weitem verriet und aus der Nähe erstickte. Der Staub legte sich in jede Pore, in jede Falte, in Mund, Nase und Ohren, sodass die Männer abends den grauen Schlamm aus den Augenwinkeln rieben und beim Husten graue Klumpen ausspuckten.

Der Durst wurde in jenen Tagen zu einer fixen Idee, zu einer Besessenheit, die alle anderen Gedanken verdrängte. Die Soldaten träumten von Wasser, vom kühlen Brunnen im Hof des Elternhauses, vom Sprudel der Bäche, von einem einzigen großen Glas frischen Wassers, das sie in einem Zug leeren würden. Sie sprachen davon mit jener verzehrenden Sehnsucht, mit der Hungernde von Speisen reden. Die Feldflaschen waren schnell geleert, und das Nachfüllen war ein Glücksspiel, denn die Brunnen der Dörfer waren oft vergiftet oder mit Kadavern verschüttet, wie es hieß. Das Wasser der Tümpel und Bäche war lau und brackig und brachte vielen die Ruhr, die sich bald durch die Kompanie zog wie eine eigene Plage und manchen Mann schwächer machte als jede feindliche Kugel.

Joseph Lindner, der Sanitäter, hatte alle Hände voll zu tun mit den Erkrankten und warnte unermüdlich, nur abgekochtes Wasser zu trinken. Doch wer hatte schon die Zeit, das Holz und die Geduld in dieser Hitze, Wasser abzukochen, wenn die Kehle brannte und der nächste Befehl zum Aufbruch schon erscholl? Otto, ein kräftiger, breitschultriger Bursche, litt sichtbar unter der Hitze. Er wäre im Winter und in der Kälte aufgeblüht, doch die schwüle, drückende Glut nahm ihm die Kraft und ließ sein Gesicht oft rot und aufgedunsen erscheinen. Martin sorgte sich um ihn und teilte mit ihm das wenige Wasser, das er hatte, wie Otto das Seine mit ihm teilte, denn so hielten sie es, einer für den anderen.

Feldwebel Weiß lehrte die Männer einen Trick, der das Marschieren erträglicher machte: einen kleinen glatten Kieselstein in den Mund zu nehmen und auf ihm zu lutschen, was den Speichel anregte und den ärgsten Durst für eine Weile betrog. Martin tat es fortan und trug stets einen solchen Stein bei sich. Es half ein wenig, so wie alle kleinen Listen halfen, die die erfahrenen Männer beibrachten. Denn der Krieg, so lernte er, bestand nicht nur aus den großen schrecklichen Stunden des Gefechts, sondern weit mehr noch aus dem täglichen zähen Ringen um die kleinen Dinge: um einen Schluck Wasser, um eine Stunde Schlaf, um ein trockenes Paar Socken. Wer diese kleinen Kämpfe verlor, der war oft schon verloren, ehe die erste Kugel ihn fand.

Es kam eine Zeit in jenen Wochen, da hörte der Marsch auf, ein Geschehen in der Welt zu sein, und wurde zu einem Zustand des Geistes, einem nicht enden wollenden Traum, aus dem es kein Erwachen gab. Die Männer marschierten so lange, so weit und so gleichförmig, dass die Grenze zwischen Gehen und Schlafen sich aufzulösen begann. Martin ging zuweilen mit offenen Augen weiter und träumte doch von zu Hause, von Gesichtern und Stimmen, die ihm lieb gewesen waren. Dann riss ein Stolpern oder ein Ruf ihn zurück in die staubige Wirklichkeit der Straße, die unverändert vor ihm lag. Die Beine bewegten sich von selbst. Der Körper marschierte weiter, auch wenn der Geist längst aufgegeben hatte. Er verstand nun, warum die alten Soldaten sagten, der Mensch könne im Gehen schlafen wie ein Pferd, denn er tat es. Sie alle taten es, ein Zug von Schlafwandlern, der sich durch die flimmernde Hitze schob, und nur das Gewicht des Gepäcks und das Brennen der Füße hielten sie zuweilen wach.

Die Tage hatten ihre Unterscheidung verloren. Martin vermochte nicht mehr zu sagen, ob ein Marsch der heutige war oder der gestrige oder einer von vorgestern, denn alle Märsche waren derselbe Marsch, dieselbe Straße, dieselbe Säule, derselbe Staub. Manchmal kam ihm der ketzerische Gedanke, dass sie vielleicht im Kreise gingen, dass sie jeden Tag dasselbe Stück Land durchschritten, so glich ein Tag dem anderen. In diesen Wochen begann er, die Männer um sich her genauer zu betrachten und kennenzulernen. Denn wenn man so lange mit Menschen marschiert und neben ihnen schläft und aus demselben Kessel isst und denselben Durst leidet, dann fallen die Masken, die man im Frieden trägt, und der wahre Mensch tritt hervor: sein Mut oder seine Feigheit, seine Güte oder seine Niedertracht. Martin lernte, wem er trauen konnte und wem nicht.

Erich Vogt, der MG-Schütze, war ein lauter Bursche, der gern prahlte und große Reden führte. Doch Martin bemerkte bald, dass hinter seiner lärmenden Art eine Verlässlichkeit lag, dass er der Erste war, der mit anpackte, wenn ein Wagen aus dem Schlamm zu ziehen war, und der Letzte, der über Müdigkeit klagte. Martin gewann ihn lieb auf eine Weise, wie man jemanden lieb gewinnt, dessen Wert man nicht sogleich erkannt hat. Karl Hoffmann, der Funker, war von stillerer Art, ein nachdenklicher, gebildeter Mensch, der vor dem Krieg Lehrer hatte werden wollen. Er trug stets ein abgegriffenes Buch mit Gedichten bei sich, in dem er bei jeder Rast las. Manchmal, wenn sie abends um das verglimmende Feuer saßen, las er ihnen eine Strophe vor mit seiner leisen, deutlichen Stimme, und die Worte der alten Dichter klangen seltsam und ergreifend in dieser Wildnis, ein Gruß aus einer anderen, besseren Welt.

Leutnant Bäcker hingegen blieb Martin lange ein Rätsel, denn er hielt Abstand, wie es seinem Rang gebührte, und sprach wenig mit den Mannschaften. Doch Martin beobachtete, wie er litt unter der Verantwortung, die auf ihm lastete, wie er des Nachts oft wach blieb und die Posten kontrollierte, wenn er hätte schlafen können, und wie sein Gesicht von Woche zu Woche schmaler und ernster wurde. Er war noch jung, vielleicht 23 oder 24, und der Krieg hatte ihn früh in eine Rolle gezwungen, der ein Mann seines Alters kaum gewachsen sein konnte. Martin glaubte, dass er die Last jedes einzelnen Mannes, den er führte, als eine persönliche Schuld fühlte. Und gerade das machte ihn in Martins Augen zu einem besseren Offizier als die forschen Schreier, deren er später so manchen kennenlernte.

So marschierten sie dahin, dieser bunte Haufen von Menschen, jeder mit seinem eigenen Schicksal und seiner eigenen Geschichte, zusammengeschmiedet durch den Marsch und den Staub und die gemeinsame Mühsal zu etwas, das mehr war als eine Ansammlung von Soldaten, zu einer Gemeinschaft, in der jeder den anderen brauchte. Martin begriff, dass diese Kameradschaft das einzige war, was sie trug, durch diesen Marsch ohne Ende, durch dieses Land ohne Grenzen, dem Osten entgegen, an dessen Ende der Tod auf sie wartete. Es geschah an einem schwülen Nachmittag, als die Marschkolonne sich durch ein offenes, leicht gewelltes Gelände zog, das kaum Deckung bot, nur hier und da ein Feldrain oder eine flache Mulde. Sie hatten nichts Böses geahnt, denn seit Tagen war der Feind nur als fernes Grollen am Horizont gegenwärtig gewesen, ein Gespenst, das stets zurückwich, ehe sie es zu fassen bekamen.

Sie gingen dahin in jener stumpfen, halbschlafenden Verfassung, als plötzlich ohne jede Warnung der erste Einschlag in die Kolonne fuhr. Martin hörte zuerst ein hohes, zunehmendes Heulen, das aus dem leeren Himmel zu kommen schien und das ihm das Mark in den Knochen erstarren ließ. Ein Laut, den er seit der Brücke nicht mehr in solcher Nähe vernommen hatte, und ehe sein müder Geist begriff, was er bedeutete, riss die Welt vor ihm auseinander in einem Blitz aus Feuer und einer Säule aus Erde und schwarzem Rauch. Der Luftdruck schlug ihn zu Boden wie eine riesige unsichtbare Faust, sodass er der Länge nach in den Staub stürzte und für einen Augenblick weder hören noch sehen konnte, nur ein Dröhnen in den Ohren und ein Funkenregen vor den Augen.

Dann kamen die anderen Einschläge, einer nach dem anderen, und die Russen hatten sich offenbar gut eingeschossen, denn die Geschosse fielen mitten in die Säule hinein und rissen klaffende Lücken. Um Martin her brach ein Chaos aus aus Schreien und Brüllen und dem Wiehern verwundeter Pferde und dem unaufhörlichen Krachen der Detonationen. Feldwebel Weiß war es, der ihn rettete in jenen ersten Augenblicken der Panik. Während Martin noch gelähmt im Staub lag, das Gesicht in die Erde gepresst, hörte er seine Stimme durch das Tosen, ruhig und befehlend, die ihnen zurief, auseinanderzugehen, in die Mulde rechts der Straße, nicht im Pulk zu bleiben. Sein Befehl durchbrach den Bann des Schreckens und brachte Martins erstarrte Glieder wieder in Bewegung. Er kroch und stolperte und rannte gebückt zu der flachen Senke, in die sie sich warfen, eng aneinander gepresst, die Gesichter in den Boden gegraben, während über ihnen das eiserne Wetter tobte.

Otto war neben ihm. Martin fühlte seine Schulter an der seinen, und das gab ihm Halt. Auf der anderen Seite kauerte Karl Hoffmann, der das schwere Funkgerät schützend mit dem Körper deckte und dessen Lippen sich in stummem Gebet bewegten. Sie lagen da und warteten, denn mehr konnte man nicht tun. Man konnte nur warten und beten und hoffen, dass die nächste Granate nicht die eigene Mulde fand. Dieses Warten unter dem Artilleriefeuer war eine Qual, die schlimmer war als jeder Kampf, denn man war wehrlos ausgeliefert, ohne die Möglichkeit, sich zu wehren oder zu fliehen. Ein hilfloses Ding, über das der blinde Zufall des Krieges richtete.

Wie lange das Feuer währte, vermag Martin nicht zu sagen, denn unter solchem Beschuss verliert die Zeit jeden Sinn. Doch endlich ließ es nach. Die Einschläge wurden seltener, verlagerten sich, verstummten, und in die furchtbare Stille danach drang das Stöhnen der Verwundeten und das Rufen nach dem Sanitäter. Martin hob den Kopf und sah über den Rand der Mulde hinweg und erblickte ein Bild der Verwüstung, wie er es bis dahin nicht gekannt hatte. Die Straße, auf der sie eben noch marschiert waren, war übersät mit Trümmern und gefallenen Männern und zerschmetterten Fuhrwerken. Ein Pferd lag in seinem Gespann, die Beine in der Luft, und schlug noch um sich. Josef Lindner rannte gebückt von einem Verwundeten zum nächsten, und sein Sanitätskittel, der einmal weiß gewesen war, war über und über mit Blut bespritzt.

Martin rappelte sich auf, die Glieder zitternd, und half, wo er helfen konnte. Er trug einen verwundeten Kameraden in die Deckung, einen jungen Burschen aus Bamberg, dem ein Splitter den Oberschenkel aufgerissen hatte. Er hielt seine Hand, während Lindner ihn verband, und sah in sein kreidebleiches, schmerzverzerrtes Gesicht und wusste keinen Trost, außer dem, dass er da war und seine Hand hielt. An jenem Nachmittag verloren sie elf Mann, sieben gefallen und vier verwundet. Es war das erste Mal, dass Martin begriff, mit welcher Gleichgültigkeit der Tod aus heiterem Himmel über sie kam, ohne Zorn, ohne Absicht, ein blindes, mahlendes Werk, das keinen Unterschied machte zwischen dem Tapferen und dem Feigen, dem Guten und dem Schlechten.

Am Abend jenes blutigen Tages erreichten sie den Rand eines großen Waldes, der sich dunkel und schweigend über die Hügel zog. Der Befehl erging, dort zu nächtigen im Schutz der Bäume, fort von der offenen Straße, auf der sie das Artilleriefeuer überrascht hatte. Sie zogen unter das Dach der hohen Kiefern und Birken, dankbar für die Deckung und doch zugleich von einer unbestimmten Beklemmung erfüllt, denn der Wald war nicht der freundliche, lichte Forst der Heimat, sondern ein finsteres, undurchdringliches Dickicht, in dem die Schatten sich zu Gestalten verdichteten und in dem jedes Knacken eines Zweiges das Herz höher schlagen ließ. Sie bezogen Stellung am Waldrand, gruben flache Mulden und Schützenlöcher, so gut es die Erschöpfung zuließ. Feldwebel Weiß teilte die Posten ein und schärfte ihnen ein, wachsam zu sein, denn es hieß, dass versprengte russische Truppen sich in den Wäldern hielten und des Nachts hervorkamen.

Die ersten Geschichten von Partisanen begannen zu kursieren, von Männern, die aus dem Dunkel auftauchten und einzelne Posten lautlos überwältigten und wieder im Wald verschwanden wie Schatten. Diese Geschichten, ob wahr oder erfunden, legten sich auf die Seele und machten die Nacht zu einer Probe der Nerven. Martin hatte die Wache von Mitternacht bis zwei Uhr, gemeinsam mit Otto. Sie kauerten nebeneinander am Rande einer kleinen Lichtung, die Gewehre im Anschlag, und starrten in die Finsternis hinein, die so vollkommen war, wie Martin sie in der Stadt niemals gekannt hatte. Eine schwarze, samtene Dunkelheit, in der das Auge nichts fand, woran es sich halten konnte, und in die das Ohr alle seine Kraft legte, um aus dem Wispern und Rauschen des nächtlichen Waldes das eine verräterische Geräusch herauszuhören, das den Feind verriet.

Der Wald war voller Laute, die Martin nicht zu deuten wusste: ein Knarren und Ächzen der Bäume, das Rascheln kleiner Tiere im Unterholz, der ferne Ruf eines Käuzchens oder eines anderen Nachtvogels, und einmal ein langgezogenes, klagendes Heulen aus der Tiefe des Waldes, das Otto und Martin erschauern ließ und von dem sie nicht wussten, ob es ein Wolf war oder ein Hund oder etwas anderes, das sie sich nicht auszumalen wagten. Sie flüsterten kaum, denn jeder Laut schien in dieser Stille verstärkt. Martin lauschte und starrte, bis die Augen ihm tränten und die Dunkelheit vor ihm zu wabern und sich zu bewegen begann, sodass er mehrmals den Finger schon am Abzug hatte und nur Otto ihn mit einer Hand auf seinem Arm zurückhielt, weil das, was er für eine Gestalt gehalten hatte, nur ein Strauch oder ein Baumstumpf war, dem seine überreizten Sinne Leben verliehen.

In den langen Stunden dieser Wache, in der die Furcht und die Müdigkeit miteinander rangen, sprach Otto leise von Dingen, über die sie am Tage nicht sprachen: von seiner Mutter und seinen Schwestern, von dem Mädchen, das er zu Hause hatte und das Anna hieß und auf das er zurückzukehren hoffte. Er fragte Martin, ob er glaube, dass sie wieder heimkehren würden. Martin sagte ihm, dass er es glaube, dass er fest daran glaube, obgleich er es in jener Nacht selbst kaum noch glaubte. Denn nach allem, was er an diesem Tag gesehen hatte, nach den elf Männern, die der Morgen noch lebend gesehen und der Abend tot wusste, war ihm der Glaube an die Heimkehr brüchig geworden wie altes Glas. Doch er sagte es ihm dennoch, denn er wusste, dass er es brauchte, so wie er es brauchte.

Manchmal, das lernte Martin in jenem Krieg, ist eine Lüge, die man aus Liebe sagt, mehr wert als die nackte Wahrheit. Und vielleicht ist es überhaupt keine Lüge, sondern eine andere Art von Wahrheit, die Wahrheit dessen, woran man sich festhalten muss, um nicht zu versinken. Als die Ablösung kam und sie sich in ihre Mulden legten, lag Martin noch lange wach und horchte in den Wald und dachte an Otto und an Anna und an die Heimat und an den Tod, der überall lauerte. Über den Wipfeln der Bäume, wo er durch eine Lücke ein Stück des Himmels sah, zogen langsam die Sterne ihre uralte Bahn, gleichgültig gegen alles, was unter ihnen geschah.

Am 16. Juli 1941 schrieb Martin in sein Tagebuch, bei abgeschirmtem Licht, denn offenes Feuer war verboten. Seine Hände wollten ihm kaum gehorchen, nicht vor Kälte, sondern vor etwas anderem, das er nicht zu benennen wusste. An diesem Tag hatte er zum ersten Mal verstanden, was Artillerie bedeutet. Am Morgen waren sie müde marschiert wie immer, und er kannte die Gesichter um sich her. Am Abend waren elf von ihnen nicht mehr. Sieben tot, vier verwundet. Der Junge aus Bamberg, dessen Hand er gehalten hatte, würde vielleicht durchkommen, sagte Lindner, aber das Bein sei schlimm dran. Martin hörte noch sein Schreien, wenn er die Augen schloss. Es kam aus heiterem Himmel. Kein Feind zu sehen, keine Warnung, nur das Heulen und dann das Feuer. Man kann sich nicht wehren, man liegt im Dreck und betet. Martin hatte gebetet, er, der seit der Konfirmation kaum noch gebetet hatte. Weiß hatte sie gerettet, seine Stimme hatte ihn aus der Starre gerissen. Ohne ihn wären sie mehr gewesen.

Otto hatte Martin in jener Nacht gefragt, ob sie heimkehren würden. Martin hatte ja gesagt, aber er wusste nicht, ob es wahr ist. Er wollte, dass es wahr ist. Otto hatte ein Mädchen daheim, Anna. Martin dachte an seine Eltern und konnte sich ihr Gesicht kaum noch deutlich vorstellen, und das machte ihm mehr Angst als die Granaten. Wie kann man vergessen, wie die eigene Mutter aussieht? Der Krieg nimmt einem alles, auch die Erinnerung. Martin will nicht vergessen. Sein Flehen an Gott, ihn nicht vergessen zu lassen, hallt durch die Jahrzehnte als Zeugnis eines jungen Mannes, der in der Hölle des Ostens um seine Menschlichkeit kämpfte.