Der Krieg in Europa war seit Stunden offiziell beendet, als die letzten deutschen Stellungen auf der kurländischen Halbinsel in Lettland verstummten. Am 9. Mai 1945, einen Tag nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht, legten über 200.000 Soldaten der Heeresgruppe Kurland die Waffen nieder. Sie waren die letzten deutschen Truppen, die den Kampf einstellten, eingeschlossen auf einem Flecken Land, den sie seit Oktober 1944 gegen sechs Großoffensiven der Roten Armee verteidigt hatten. Die Nachricht von der Kapitulation erreichte die eingeschlossenen Verbände erst in den frühen Morgenstunden des 9. Mai. General Carl Hilpert, der Oberbefehlshaber, trat noch am selben Tag in Verhandlungen mit sowjetischen Offizieren. Die Übergabe war formal, aber die menschliche Tragödie, die diesem Moment vorausging, ist von einer Wucht, die bis heute nachhallt.
Die Geschichte des Kurland-Kessels beginnt nicht im Herbst 1944, sondern drei Jahre früher, im Sommer 1941. Die Heeresgruppe Nord unter Feldmarschall Wilhelm Ritter von Leeb stieß im Zuge des Unternehmens Barbarossa durch das Baltikum in Richtung Leningrad vor. Drei Armeen, darunter die 16. und die 18. Armee, überquerten die Grenze zur Sowjetunion und drangen in wenigen Wochen tief nach Estland, Lettland und Litauen vor. Das Baltikum war aus deutscher Sicht ein Durchmarschgebiet, ein Korridor in Richtung des sowjetischen Nordens. Leningrad war das Ziel. Die Heeresgruppe Nord erreichte tatsächlich die Außenbezirke der Stadt bis zum September 1941, aber Leningrad fiel nicht. Was folgte, war eine fast 900 Tage dauernde Belagerung, die zur blutigsten Blockade der Geschichte werden sollte. Die Heeresgruppe Nord blieb über Jahre hinweg an dieser Front gebunden. Sie kämpfte in den Sümpfen und Wäldern rund um den Ladogasee, hielt Stellungen bei extremem Wetter, litt unter Versorgungsengpässen und musste immer wieder sowjetische Entlastungsangriffe abwehren. Dabei zehrten die Kämpfe personell und materiell an der Substanz der deutschen Verbände.
Im Januar 1944 endete die Belagerung Leningrads. Die Rote Armee durchbrach die deutschen Linien, und die Heeresgruppe Nord musste zurückweichen. Das war keine geordnete operative Bewegung. Es war ein Rückzug unter massivem Druck, bei dem Divisionen dezimiert, Ausrüstung zurückgelassen und Stellungen aufgegeben wurden, die jahrelang gehalten worden waren. An der Spitze der Heeresgruppe Nord stand zu diesem Zeitpunkt Generalfeldmarschall Georg von Küchler. Er befürwortete einen weitreichenden Rückzug, der die Front verkürzen und die Truppe konsolidieren sollte. Hitler verweigerte diesen Rückzug systematisch. Stattdessen ordnete er Gegenbefehle an, die Küchler zwangen, an unhaltbaren Positionen festzuhalten. Im Januar 1944 wurde Küchler durch Walter Model ersetzt, einen Kommandeur, der für seine Fähigkeit bekannt war, Krisen zu stabilisieren und der Hitler mehr entgegenkam. Model rettete die Heeresgruppe vor dem unmittelbaren Zusammenbruch, konnte aber die strategische Grundlage nicht verändern. Die Rote Armee drängte weiter. Die deutschen Linien wichen zurück. Estland wurde zunehmend gefährdet.
Im Frühjahr 1944 begann die deutsche Führung zu debattieren, ob man das Baltikum überhaupt halten könne. Diese Debatte war einer der zentralen Konflikte in der deutschen Kriegführung des Jahres 1944. Auf der einen Seite standen Generalstabsoffiziere wie Heinz Guderian, der zum Herbst 1944 Chef des Generalstabs des Heeres wurde und der immer deutlicher eine Rückzugsstrategie forderte. Das Baltikum, so Guderian, sei strategisch verloren. Jede Division, die dort festgehalten werde, fehle an der Weichsel, an den Karpaten, in Ostpreußen. Ein geordneter Rückzug über See würde Kräfte freisetzen, die anderswo den Unterschied machen könnten. Auf der anderen Seite stand Hitler. Seine Argumentation war vielschichtig und in sich nicht vollständig irrational, auch wenn die Schlussfolgerungen katastrophal waren. Er argumentierte erstens, dass ein Rückzug aus dem Baltikum Schweden in die Arme der Alliierten treiben würde, weil das neutrale Schweden seine Eisenerzlieferungen an Deutschland nicht mehr aufrechterhalten könnte, wenn die deutsche Kontrolle über die Ostsee wegfiel. Zweitens, die U-Boot-Ausbildung in der Ostsee war von zentraler Bedeutung für die Waffengattung, die er für eine strategische Wende im Atlantik plante. Drittens, eine Preisgabe des Baltikums würde Finnland endgültig aus dem Bündnis treiben. Diese Argumente hatten einen realen Kern, aber sie ignorierten die tatsächliche Lage an der Ostfront insgesamt.
Im Sommer 1944 zeichnete sich die eigentliche Katastrophe ab. Die Rote Armee traf nicht die Heeresgruppe Nord als erstes, sie traf die Heeresgruppe Mitte. Die Operation Bagration, gestartet im Juni 1944, war der größte sowjetische Militäreinsatz des gesamten Krieges. In wenigen Wochen verlor die Wehrmacht in Weißrussland mehr Divisionen als in Stalingrad. Die Heeresgruppe Mitte hörte als operative Einheit praktisch auf zu existieren. Die Folgen für die Heeresgruppe Nord waren unmittelbar. Die Flanke der Heeresgruppe Mitte kollabierte, und damit öffnete sich der Raum zwischen Heeresgruppe Nord und Heeresgruppe Mitte. Die Rote Armee stieß durch diesen Raum in Richtung Ostsee. Es war eine klassische Zangenbewegung in Entstehung. Im August 1944 fiel Kaunas, die ehemalige litauische Hauptstadt, an die Rote Armee. Im September folgten Teile Estlands. Die Heeresgruppe Nord hielt noch die Verbindung nach Südwesten, aber diese Verbindung wurde immer schmaler.
In dieser Phase übernahm Ferdinand Schörner das Kommando über die Heeresgruppe Nord. Schörner war eine der umstrittensten Figuren der Wehrmacht, ein Mann von außergewöhnlicher physischer Energie, ideologisch tief im Nationalsozialismus verwurzelt, bekannt für eiserne Disziplin und eine Rücksichtslosigkeit gegenüber Soldaten, die auch in der deutschen Kriegsführung ihresgleichen suchte. Er ließ Männer wegen Feigheit vor dem Feind standrechtlich erschießen. Er bereiste die Front im Tiefflug mit dem Fieseler Storch, erschien unerwartet in vordersten Gräben und schuf damit eine Atmosphäre, in der niemand sicher war, dass Schörner nicht persönlich auftauchte und kontrollierte. Hitler schätzte Schörner nicht trotz seiner Härte, sondern wegen ihr. Schörner war der Typuskommandeur, den Hitler für den richtigen Augenblick aufbewahrte. Wenn eine Front zu kollabieren drohte, schickte er Schörner. Schörner hielt Stellungen, die andere für unhaltbar erklärt hätten. Das war sein Ruf, das war sein Wert im System. Aber Schörner hatte keine Wunder zur Verfügung. Er hatte Divisionen, die monatelang kämpften, Soldaten, die erschöpft und dezimiert waren, und eine Versorgungslage, die sich mit jedem Rückzugskilometer verschlechterte.
Es war Anfang Oktober 1944. Die sowjetische 1. Baltische Front unter dem Kommando von Generaloberst Ivan Bagramjan führte eine konzentrierte Offensive durch das Gebiet südlich von Memel in Richtung Küste. Am 10. Oktober 1944, genauer gesagt am frühen Morgen dieses Tages, erreichten sowjetische Panzerspitzen die Ostseeküste bei Memel. Der Landkorridor, der die Heeresgruppe Nord mit dem Rest der Ostfront verbunden hatte, war durchtrennt. Über 250.000 Mann der deutschen Heeresgruppe Nord saßen in Kurland fest. Das war kein Einbruch an einem schwachen Punkt. Das war das Ergebnis einer sorgfältig geplanten, gut ausgeführten sowjetischen Operation, die die Schwäche der deutschen Frontlinie im Übergangsbereich zwischen den Heeresgruppen ausnutzte. Bagramjan, der Kommandeur der 1. Baltischen Front, hatte diese Operation über Wochen vorbereitet. Er kannte die Lage. Er wusste, dass das Fenster offen war.
An dieser Stelle muss man über das Gelände sprechen, weil das Gelände in Kurland eine eigene Rolle in diesem Krieg spielte. Die kurländische Halbinsel, auf Lettisch Kurzeme, ist ein Landstrich im Westen Lettlands, begrenzt im Norden und Westen durch die Ostsee und den Rigaischen Meerbusen, im Osten durch die Düna und das lettische Binnenland. Das Gelände ist nicht dramatisch im Sinne von Gebirge oder Wüste. Es ist flach, durchzogen von Wäldern, Sümpfen, Flussnetzwerken und kleinen Anhöhen, die im militärischen Kontext als wichtige Verteidigungspunkte gelten. Diese Topografie begünstigte die Verteidigung. Groß angelegte Panzeroperationen, wie sie die Rote Armee auf den offenen Flächen der Ukraine so erfolgreich eingesetzt hatte, wurden in Kurland durch das Gelände erschwert. Sümpfe kanalisierten Panzervorstöße. Waldgebiete boten der Verteidigung Deckung und Tarnung. Die kurze, kompakte Frontlinie, die die eingeschlossene Heeresgruppe Nord halten musste, war mit den verfügbaren Kräften zu verteidigen, solange Nachschub über See zuverlässig floss. Das war das bittere Paradox von Kurland. Das Gelände war für die Verteidigung günstiger als fast jede andere Front im Osten, aber die Männer, die dort verteidigten, verteidigten ohne strategisches Ziel. Sie hielten eine Halbinsel im Baltikum, während die eigentliche Entscheidung des Krieges anderswo fiel.

Als die Verbindung zur übrigen Ostfront im Oktober 1944 gekappt wurde, gab es innerhalb der deutschen Führung eine kurze, intensive Debatte darüber, was nun zu tun sei. Guderian, der Chef des Generalstabs, drängte sofort auf eine Evakuierung der eingeschlossenen Heeresgruppe über See. Er rechnete vor: über 30 kampferfahrene Divisionen saßen in Kurland. Divisionen, die an der Weichsel oder in Ostpreußen die sowjetischen Winteroffensiven hätten auffangen können. 30 Divisionen, die den Einmarsch in das Reichsgebiet vielleicht hätten verzögern können. Hitler lehnte ab. Kurland war zu halten. Die Heeresgruppe Nord wurde zur Heeresgruppe Kurland umbenannt. Eine Umbenennung, die nicht nur administrativer Natur war, sondern auch symbolisch den neuen Status der Einheit markierte. Sie war kein Teil einer durchgehenden Front mehr. Sie war ein Brückenkopf, abgeschlossen, auf sich gestellt, mit dem Auftrag, so lange wie möglich zu bestehen. Schörner blieb zunächst im Kommando. Unter ihm standen die 16. und die 18. Armee. Die 16. Armee unter General Karl Hilpert hielt den Süden des Kessels. Die 18. Armee unter General Ehrenfried Böge den Norden. Insgesamt standen in der Heeresgruppe Kurland zwischen 10 und 12 Divisionen zur Verfügung, die zu Beginn noch relativ kampffähig waren, aber mit jedem Monat dünner wurden.
Auf sowjetischer Seite standen die 1. und die 2. Baltische Front, die den Kessel einschlossen. Die Frage war nicht, ob die Rote Armee Kurland einnehmen konnte, sondern wann und zu welchem Preis. Bereits kurz nach der Einschließung begann die Rote Armee mit dem ersten koordinierten Angriff auf den Kessel. Der sowjetische Angriff richtete sich gegen die südliche Flanke des Kessels, wo die Verbindung zur abgeschnittenen Garnison Memel am ehesten wiederhergestellt werden konnte. Die Angriffsschwerpunkte lagen im Bereich zwischen dem Fluss Venta und der Straße nach Liepāja, dem wichtigsten Hafenort im Kessel. Liepāja war von zentraler Bedeutung. Dieser Hafen an der Westküste Kurlands war der primäre Versorgungshafen für die eingeschlossene Heeresgruppe. Über Liepāja kamen Munition, Lebensmittel, Ersatzteile, und über Liepāja wurden Verwundete evakuiert. Solange Liepāja in deutschen Händen blieb, war der Kessel lebensfähig. Die Rote Armee wusste das. Ihre ersten Vorstöße zielten darauf ab, die Straßen und Eisenbahnlinien in Richtung Liepāja zu unterbrechen. Die deutschen Verbände hielten. Die Verteidigung profitierte von dem bereits erwähnten Gelände, aber auch von der Tatsache, dass die eingeschlossenen Divisionen erfahrene Verbände waren. Die Heeresgruppe Nord hatte seit 1941 in diesem Raum gekämpft. Die Offiziere kannten das Gelände. Die Unteroffiziere hatten gelernt, mit minimalen Mitteln zu improvisieren. Die erste sowjetische Offensive lief sich in der deutschen Verteidigung fest und wurde zurückgeschlagen. Das war der Beginn eines Musters, das sich über die folgenden Monate wiederholen sollte: sowjetischer Angriff, deutsches Halten, hohe Verluste auf beiden Seiten, keine wesentliche Veränderung der Frontlinie.
Parallel zu den ersten Kämpfen organisierte die Kriegsmarine die Versorgung des Kessels über die Ostsee. Das war keine einfache Operation. Die sowjetische Luftwaffe kontrollierte zunehmend Teile des Ostseeraums, und sowjetische U-Boote operierten in den Versorgungsrouten. Trotzdem gelang es der Kriegsmarine, einen regelmäßigen Versorgungsverkehr zu etablieren, der den Kessel über Monate hinweg am Leben erhielt. Die Schiffe fuhren vor allem nachts, nutzten die Küstennähe und Geleitschutz durch Minenfelder. Der Hafen von Liepāja und der kleinere Hafen von Ventspils im Norden Kurlands wurden zu Drehscheiben eines logistischen Unternehmens, das trotz aller Widrigkeiten funktionierte. Es war nicht üppig, was ankam, aber es reichte, um die Kampffähigkeit der eingeschlossenen Verbände aufrechtzuerhalten. Auf den Rückschiffen gingen die Verwundeten. Zehntausende verwundete Soldaten wurden über den Seeweg evakuiert. Das war ebenfalls Teil des Systems. Ohne diese Evakuierungsmöglichkeit wäre der Kessel medizinisch kollabiert.
Gegen Ende des Jahres 1944 startete die Rote Armee die zweite große Offensive gegen den Kessel. Diesmal war der Angriffsschwerpunkt im Norden, im Bereich zwischen Saldus und dem Rigaischen Meerbusen. Die sowjetische Führung hoffte, die deutsche Front aufzureißen und die Heeresgruppe Kurland zu spalten. Der Angriff wurde von massivem Artillerieeinsatz eingeleitet. Sowjetische Rohrartillerie und Raketenwerfer bereiteten die deutschen Stellungen stundenlang vor. Dann folgten Panzerverbände, unterstützt von Infanterie. In den ersten Stunden gewann die Rote Armee tatsächlich Terrain. Einige deutsche Stellungen wurden durchbrochen, Reserven wurden gebunden. Die deutsche Reaktion war ein taktisches Meisterstück, das den Verzweiflungscharakter der Lage nicht verbergen konnte, aber die unmittelbare Krise bewältigte. Schörner warf die verfügbaren Panzerreserven in den Einbruch. Die 4. Panzerdivision, eine der kampfkräftigsten Einheiten im Kessel, führte mehrere Gegenangriffe, die die sowjetischen Einbrüche aufhielten und teilweise zurückdrängten. Die Front stabilisierte sich erneut.
In diesem Kontext muss man über Ferdinand Schörner als Person sprechen, weil sein Führungsstil diese Phase der Kämpfe direkt beeinflusste. Schörner hatte ein einfaches Prinzip: Wer hält, lebt. Wer zurückweicht ohne Befehl, stirbt. Das war keine Übertreibung. Er ließ tatsächlich Soldaten erschießen, die er als Drückeberger oder Feiglinge einstufte, ohne reguläres Kriegsgerichtsverfahren. Seine Feldgendarmen, die von den Soldaten abfällig als Kettenhunde bezeichnet wurden, wegen der Metallplakette an der Kette um den Hals, kontrollierten Straßen, Dörfer und rückwärtige Gebiete. Wer ohne gültige Papiere unterwegs war, riskierte standrechtliche Erschießung. Diese Methoden waren innerhalb der Wehrmacht extrem, aber nicht vollständig ohne Wirkung. Schörner verhinderte damit in mehreren kritischen Momenten den Zerfall der Disziplin, der in anderen eingekesselten deutschen Verbänden zur Katastrophe geführt hatte. In Stalingrad hatte der Zusammenbruch der Moral den militärischen Kollaps beschleunigt. In Kurland blieb die Disziplin bis zum Ende formal aufrecht. Das hatte seinen Preis. Schörner hinterließ unter den Soldaten, die seine Befehle erlebten, einen Ruf, der nach Kriegsende in zahlreichen Zeugenaussagen dokumentiert wurde. Viele überlebende Soldaten beschrieben ihn nicht als Retter, sondern als Schreckensgestalt. Was Schörner jedoch nicht konnte, war die strategische Sinnlosigkeit des Kessels ändern. Er konnte die Front halten. Er konnte die Divisionen zusammenhalten. Er konnte verhindern, dass der Kessel überrannt wurde. Aber er konnte nicht verhindern, dass mit jedem Angriff die Divisionen dünner wurden, die Verluste stiegen und der Pool an ausgebildeten Soldaten schrumpfte.
Im Januar 1945 wurde Schörner abgelöst und erhielt das Kommando über die Heeresgruppe Mitte. Sein Nachfolger in Kurland wurde General Carl Hilpert, der bisherige Kommandeur der 16. Armee. Hilpert war das Gegenteil von Schörner. Bedächtig, methodisch, weniger ideologisch aufgeladen, aber genauso gefangen in einem System, das ihm keine Handlungsalternativen ließ. Der Beginn des Jahres 1945 war für das Deutsche Reich insgesamt katastrophal. Im Westen hatte die Ardennenoffensive endgültig versagt. Im Osten startete die Rote Armee die Weichsel-Oder-Operation, die in wenigen Wochen bis an die Oder führen sollte. Das Reich wurde auf beiden Seiten komprimiert. In Kurland startete die Rote Armee gleichzeitig die dritte große Offensive gegen den Kessel. Sie war die schwerste bis dahin. Generaloberst Leonid Govorov, Kommandeur der Leningrader Front und einer der erfahrensten sowjetischen Offiziere des Krieges, koordinierte die Operationen gegen Kurland. Govorov verstand Belagerungsoperationen. Er hatte Leningrad verteidigt. Er hatte die Blockade der Stadt durchbrochen. Und jetzt sollte er Kurland liquidieren.

Der Angriff im Januar konzentrierte sich auf den Mittelabschnitt des deutschen Kessels zwischen Saldus und Jelgava. Sowjetische Kräfte setzten mehrere Infanteriearmeen zusammen mit Panzerverbänden ein. Die Intensität des Artilleriefeuers übertraf alles, was die deutschen Verbände bis dahin in Kurland erlebt hatten. Einige Stellungen wurden in den ersten Stunden vollständig zerstört. Die Kämpfe in diesem Zeitraum waren auf beiden Seiten mit extremen Verlusten verbunden. Sowjetische Verbände gewannen einzelne Ortschaften, verloren sie in deutschen Gegenangriffen, gewannen sie erneut. Das Dorf Priekule im Südwesten des Kessels wechselte mehrfach den Besitzer. Das Gelände um Priekule wurde zum Symbol der sinnlosen Zermürbung, die diesen Kessel kennzeichnete. Dörfer, deren Namen in keinem deutschen Schulatlas standen, für die Hunderte von Männern starben, weil die taktische Lage es erforderte und weil niemand in der Lage war, das große Bild neu zu denken.
An dieser Stelle muss man über die Männer sprechen, die diese Schlachten tatsächlich kämpften. Die Heeresgruppe Kurland war keine abstrakte Zahl. Sie bestand aus Soldaten, die seit Jahren an der Ostfront kämpften und die die strategische Absurdität ihrer Lage sehr wohl verstanden. Feldpostbriefe aus dieser Zeit, die nach dem Krieg teilweise archiviert und ausgewertet wurden, zeigen ein komplexes Bild. Einerseits Erschöpfung und eine resignierte Akzeptanz der Lage. Viele Soldaten schrieben nach Hause, dass sie nicht mehr damit rechneten, den Krieg zu überleben. Andererseits eine merkwürdige Normalität des Alltags, Beschreibungen von Quartieren in lettischen Bauernhäusern, von Weihnachtsfeiern in Bunkern, von der Freude über einen warmen Mantel oder eine heiße Mahlzeit. Die lettische Zivilbevölkerung, die noch im Kessel lebte, erlebte diese Zeit ebenfalls unter extremem Druck. Teile der lettischen Bevölkerung hatten zeitweise mit der deutschen Besatzungsmacht kollaboriert, aus Furcht vor der Sowjetunion, die Lettland bereits einmal okkupiert hatte. Andere lehnten die deutschen Besatzer ab. Diese Ambivalenz prägte das Verhältnis zwischen deutschen Soldaten und lettischer Zivilbevölkerung in einer Weise, die nach dem Krieg kaum aufgearbeitet wurde.
Die vierte und fünfte sowjetische Offensive gegen Kurland fanden im Februar und März 1945 statt. Beide folgten demselben Muster: massiver Artillerieeinsatz, Panzer- und Infanterieangriffe auf bestimmte Abschnitte der deutschen Front, anfängliche Geländegewinne, deutsche Gegenangriffe, Stabilisierung der Front. Was sich jedoch veränderte, war die Substanz der deutschen Verteidigung. Die Verluste der vorhergehenden Kämpfe ließen sich nicht mehr vollständig ersetzen. Die Divisionen, die zu Beginn des Kessels noch 12.000 Mann stark gewesen waren, kämpften jetzt mit 5.000 oder 6.000. Artilleriegeschütze, die ausgefallen waren, konnten nur teilweise ersetzt werden. Munition war zwar vorhanden, aber nicht mehr in dem Maß, das eine aktive Verteidigung erforderte. Man kämpfte zunehmend mit dem, was man hatte. Die Panzerverbände im Kessel wurden zur kostbarsten Ressource. Die verbliebenen Panzerkampfwagen, vor allem Panzer IV und einzelne Tiger, wurden als mobile Feuerwehr eingesetzt. Dort, wo die Sowjets einbrachen, erschienen die Panzer und versiegelten den Einbruch. Das kostete Fahrzeuge und Besatzungen, die nicht ersetzt werden konnten.
In dieser Phase begann sich unter den höheren Offizieren eine stille Resignation zu verbreiten. Man hielt, weil man den Befehl hatte zu halten, aber die Frage, wozu man hielt, wurde schwerer zu beantworten. Guderian hatte in einem denkwürdigen Gespräch mit Hitler im Frühjahr 1945 erneut die Evakuierung von Kurland gefordert und wieder eine Ablehnung erhalten. Hitler bestand darauf, dass Kurland als Brückenkopf strategische Bedeutung behielt. Die Verbindung zur Realität war vollständig abgebrochen. Man muss sich fragen, warum die Rote Armee Kurland nicht einfach überrannte. Sie hatte im Westen die Weichsel-Oder-Linie überwunden. Sie kämpfte bereits auf deutschem Boden. Warum brauchte sie fünf große Offensiven, um eine eingeschlossene, von Nachschub abhängige deutsche Heeresgruppe nicht zu besiegen? Die Antwort liegt in mehreren Faktoren. Erstens, das bereits erwähnte Gelände, das Panzer- und Infanterieoffensiven verlangsamte und verteuerte. Zweitens, die Qualität der deutschen Verteidigung. Trotz aller Erschöpfung kämpften die eingeschlossenen Verbände mit einer taktischen Kompetenz, die sich aus jahrelanger Erfahrung speiste. Deutsche Infanterie im Defensivkampf auf bekanntem Gelände war auch im fünften Kriegsjahr ein ernsthafter Gegner. Drittens, und das ist ein entscheidender Punkt, hatte die sowjetische Führung keine zwingende operative Notwendigkeit, Kurland mit aller Kraft zu liquidieren. Die Heeresgruppe Kurland war eingeschlossen. Sie konnte nichts tun. Sie konnte nirgendwo ausbrechen, nirgendwo eingreifen. Jede sowjetische Division, die gegen Kurland eingesetzt wurde, war eine Division weniger an der Oder oder in Schlesien, auf dem Weg nach Berlin. Aus sowjetischer Perspektive war es rational, Kurland mit ausreichenden Kräften einzuschließen und es sich selbst zu überlassen, während man die Hauptkraft auf die Entscheidungsschlacht im Westen konzentrierte. Die Offensiven gegen Kurland waren also auch ein Testgelände, eine Bindungsoperation und ein Weg, kampferfahrene Verbände in Kämpfen zu trainieren und zu erproben, die taktisch wertvoll waren, ohne das strategische Gesamtbild zu gefährden.
Ivan Bagramjan verdient eine eigene Betrachtung, weil er derjenige war, der den entscheidenden Schlag geführt hatte. Der armenischstämmige Generaloberst war einer der bemerkenswertesten sowjetischen Kommandeure des Krieges. Er hatte im Westfeldzug der Sowjetunion, also in den Kämpfen nach Barbarossa, Erfahrungen gesammelt, die ihn als operativen Denker geformt hatten. Er verstand nicht nur das Planen von Offensiven, sondern auch das Ausnutzen von Gelegenheiten. Die Operation, die im Oktober 1944 zur Abschnürung der Heeresgruppe Nord geführt hatte, war in ihrer Konzeption und Ausführung präzise. Bagramjan hatte den Schwachpunkt zwischen den deutschen Heeresgruppen erkannt und mit ausreichender Kraft ausgenutzt. Er handelte schnell genug, um einen deutschen Gegenangriff zur Wiederherstellung des Korridors zu verhindern. Nach der Einschließung übernahm Govorov die Gesamtverantwortung für die Belagerung. Bagramjan wurde anderswo eingesetzt, was zeigt, wie die sowjetische Führung ihre Ressourcen priorisierte. Der Mann, der den Kessel geschlossen hatte, wurde für wichtigere Aufgaben gebraucht. Kurland verwaltete sich selbst.
Die sechste und letzte große sowjetische Offensive gegen Kurland fand im späten März und frühen April 1945 statt. Sie war die intensivste, aber auch die am wenigsten entscheidende. Die Rote Armee war im Westen bei Berlin, die endgültige Phase des Krieges hatte begonnen. Kurland war militärisch bedeutungslos geworden, aber der politische Befehl, es zu halten, blieb in Kraft. Die deutschen Verbände, nun unter Hilpert, hielten auch diese Offensive auf. Die Front blieb im Wesentlichen dort, wo sie seit Monaten verlaufen war. Aber die Verluste waren immens. Die Divisionen, die im Oktober 44 noch mehrere Kämpfer stark waren, kämpften jetzt mit Bataillonsstärke. Artillerieregimenter hatten kaum noch Geschütze. Die Munitionsvorräte schrumpften. Was die Soldaten in dieser letzten Phase zusammenhielt, war nicht mehr Überzeugung oder Führertreue. Es war der Instinkt des Überlebens, die Struktur des militärischen Apparats und die schlichte Tatsache, dass es keine Alternativen gab. Desertion in ein sowjetisches Kriegsgefangenenlager war für viele keine verlockende Option.

Wer heute durch Kurland fährt, durch das heutige Kurzeme in Westlettland, sieht eine Landschaft, die von diesen Kämpfen kaum mehr erzählt. Die Wälder, die damals Verteidigungsstellungen verbargen, sind nachgewachsen. Die Dörfer, die mehrfach den Besitzer wechselten, wurden wieder aufgebaut oder verschwanden. Priekule, das Dorf, das für diese sinnlose Zermürbung stand, ist heute eine ruhige lettische Kleinstadt. Aber wer in den Wäldern zwischen Saldus und Kuldīga sucht, findet noch Überreste: Panzergräben, die die Jahrzehnte überlebt haben, Bunkerreste unter Moosschichten, und gelegentlich tauchen noch heute bei Bauarbeiten Knochen auf, Erkennungsmarken, Metallteile von Waffen. Kurland ist ein Feld, das noch nicht vollständig gesprochen hat.
Während die Heeresgruppe Kurland ihre Stellungen hielt, kollabierte das Reich um sie herum. Im April 1945 überquerten amerikanische und britische Truppen den Rhein und stießen tief in deutsches Territorium vor. Im Osten stand die Rote Armee an der Oder, keine 80 km von Berlin entfernt. Am 16. April begann die Berliner Offensive. Zwei Heeresgruppen der Roten Armee, insgesamt über eine Million Soldaten, griffen die letzte Hauptverteidigungslinie vor der Reichshauptstadt an. In Kurland wussten die eingeschlossenen Soldaten, was draußen geschah. Radioempfänger waren in der Truppe verbreitet. Gerüchte liefen schneller als offizielle Nachrichten. Die Männer, die seit Monaten in lettischen Wäldern kämpften, hörten von der Einschließung Berlins, vom Tod Mussolinis, von der Kapitulation ganzer Armeen im Westen. Und sie hielten ihre Stellungen.
General Carl Hilpert, der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Kurland, verstand in diesen Wochen, dass der Krieg verloren war. Er war kein Nationalsozialist im ideologischen Sinne. Er war ein Berufssoldat, der in einem System funktioniert hatte, das ihm keine Wahl gelassen hatte. Jetzt, am Ende, war er derjenige, der Verantwortung für über 200.000 Männer trug und keine Befugnisse besaß, das Offensichtliche zu tun: zu kapitulieren. Hilpert sandte in den letzten Wochen wiederholt Anfragen an das Oberkommando der Wehrmacht. Er fragte nach Evakuierungsplänen. Er fragte nach der Genehmigung, Verhandlungen einzuleiten. Die Antworten, wenn überhaupt welche kamen, waren ausweichend oder ablehnend. Das OKW selbst desintegrierte in diesen Wochen. Befehle kamen aus dem Führerbunker in Berlin, einem Ort, der von der Realität vollständig abgekoppelt war.
Am 30. April 1945 nahm sich Adolf Hitler in Berlin das Leben. Großadmiral Karl Dönitz übernahm als Reichspräsident und oberster Befehlshaber die Führung des Restes, der noch als deutsches Reich bezeichnet werden konnte. Dönitz befand sich in Flensburg, nahe der dänischen Grenze, weit von Kurland entfernt. Dönitz war Realist. Er wusste, dass der Krieg beendet werden musste, aber er versuchte eine Teilkapitulation zu organisieren, die so viele deutsche Soldaten wie möglich in westliche Kriegsgefangenschaft bringen würde, anstatt sie der Roten Armee zu überlassen. Aus westdeutscher Nachkriegsperspektive war das oft als humanitäre Handlung dargestellt worden. In der Realität war es eine Verlängerung des Krieges um Tage, die weitere Tausende das Leben kostete. Für Kurland bedeutete der Tod Hitlers zunächst nichts Unmittelbares. Der Befehl zu halten blieb formell in Kraft. Hilpert wartete auf Anweisungen, die nicht kamen oder nicht klar waren. In diesen letzten Tagen des Kessels zeigt sich am deutlichsten, wie ein militärisches System ohne eindeutige Führung in einen Zustand der Paralyse verfällt. Niemand wollte der sein, der als erster kapitulierte. Niemand wollte die persönliche Verantwortung für das Ende übernehmen.
In den ersten Maitagen 1945 wurden noch Schiffe in die kurländischen Häfen geschickt. Die Marine versuchte in den letzten Stunden so viele Soldaten wie möglich zu evakuieren. Die Bilder dieser Evakuierung, die in Berichten und Memoiren überliefert sind, haben etwas von den chaotischen letzten Stunden großer historischer Niederlagen. Männer, die auf Kais drängten, Offiziere, die versuchten, Ordnung aufrechtzuerhalten, Verwundete, die vorgelassen wurden, gesunde Soldaten, die warteten und wussten, dass das Schiff, das jetzt ablegte, vielleicht das Letzte sein würde. Die Zahlen, die über die Evakuierungen in den letzten Tagen verfügbar sind, variieren. Klar ist, dass ein erheblicher Teil der Truppe nicht mehr evakuiert werden konnte. Die Zeit reichte schlicht nicht aus.
Am 8. Mai 1945 unterzeichnete Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel in Berlin-Karlshorst die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht. Der Krieg in Europa war beendet. Der Befehl zur Kapitulation erreichte Kurland in den frühen Morgenstunden des 9. Mai. Hilpert trat am 9. Mai mit sowjetischen Offizieren in Verhandlungen. Er übergab die Heeresgruppe Kurland formell den sowjetischen Streitkräften. Die deutschen Soldaten in Kurland, über 200.000 Mann, legten die Waffen nieder und gingen in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Für die Männer der Heeresgruppe Kurland endete der Krieg nicht mit der Kapitulation. Es begann ein neues Kapitel, das für viele Jahre lang dauern sollte.
Die sowjetische Kriegsgefangenschaft war eine eigene Welt mit eigenen Regeln und eigenen Gesetzen der Überlebenschance. Die über 200.000 deutschen Soldaten, die in Kurland kapitulierten, wurden in sowjetische Gefangenenlager transportiert, die über das gesamte Territorium der Sowjetunion verteilt waren: Sibirien, der Ural, Zentralasien, der Kaukasus. Männer, die das Baltikum nie verlassen hätten und es als ihre militärische Heimat in diesen letzten Kriegsjahren bezeichnet hätten, fanden sich plötzlich in Lagern bei Karaganda oder am Jenissei wieder. Die Sterblichkeit in sowjetischer Kriegsgefangenschaft war hoch, besonders in den ersten Jahren. Hunger, Kälte, Krank


