„Papa, sie haben mir wieder diese Pillen gegeben. Ich will sie nicht nehmen.“ Es war zwei Uhr morgens, als meine Tochter Helene mich so anrief – ihre Stimme klang fremd, lallend, gebrochen. Acht…

„Papa, sie haben mir wieder diese Pillen gegeben. Ich will sie nicht nehmen.“ Es war zwei Uhr morgens, als meine Tochter Helene mich so anrief – ihre Stimme klang fremd, lallend, gebrochen. Acht...

Die Pendeluhr schlug genau zwei Uhr morgens, als das Telefon die Stille zerriss. Ich dämmerte in meinem Ledersessel, die Zeitung noch in der Hand. Ein Anruf um diese Stunde bedeutet nie etwas Gutes. Ich hob ab und hörte nur schweren Atem.

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„Papa”, flüsterte eine Stimme, und mir blieb das Herz stehen. Es war Helene, aber ihre Stimme klang fremd, schwerfällig, lallend. „Ich bin so furchtbar müde, Papa. Sie haben mir wieder diese Pillen gegeben.

Ich will sie nicht nehmen. ”

Ich fragte hastig nach ihrem Mann Carsten. Statt einer Antwort kam nur ersticktes Schluchzen. Dann das kalte Tuten der Leitung.

Ich rief sofort zurück, dreimal, viermal. Nichts. Acht Jahre war es her, dass Carsten in mein Weingut eingeheiratet hatte. Er war charmant, aber ich traute diesem Mann nie ganz.

Jetzt wusste ich, dass mein Misstrauen berechtigt war. Achthundert Kilometer trennten mich von meiner Tochter. Ich griff unter den Sitz meines Geländewagens und holte die silberne Walter hervor. Helen war mein Ein und Alles, das Mädchen, das nach dem Tod ihrer Mutter mein Leben wieder mit Sinn gefüllt hatte.

Ich startete den Motor und raste ohne anzuhalten durch die Nacht. Als ich am nächsten Morgen vor der Villa meiner Tochter ankam, schien die Sonne friedlich. In der Einfahrt stand ein schwarzer Geländewagen mit ausländischem Kennzeichen. Carsten kam mir auf der Treppe entgegen, lächelnd, mit ausgebreiteten Armen.

„Robert, welche Überraschung! ”

Ich fragte nach Helen. Sein Lächeln wich einen Moment. „Sie schläft noch.

Sie war gestern Abend so müde. ” Meine Hand wanderte zur Jackentasche, wo das Tonbandgerät steckte. Ich spielte ihm die Aufnahme vor, Helens leise, gebrochene Stimme. Carstens Gesicht wurde bleich.

Dann begann er zu stottern. Er führte mich ins Arbeitszimmer und brach dort zusammen. Schluchzend gestand er die Wahrheit. Er hatte Schulden, riesige Schulden, über zweihunderttausend Euro.

Und um sie zu begleichen, hatte er Helene an eine Bande verkauft. Gegen fünfzigtausend Euro Anzahlung. Als Pfand. „Sie sind hier, um sie abzuholen”, flüsterte er.

Ich spürte, wie etwas in mir zerbrach. In diesem Moment betrat ein schwerer Mann mit dunklem Anzug den Raum. Er grinste mich an und sagte: „Sie müssen der Schwiegervater sein. Wir haben ein Geschäft abgeschlossen.

” Vor meinen Augen blitzte das Metall seiner Pistole auf. Ich hörte Schritte von oben. Helen kam die Treppe herunter, blass, mit dunklen Ringen unter den Augen. Sie sah mich an, aber in ihrem Blick war keine Liebe, nicht einmal Hass, nur noch Leere.

Sie sagte: „Papa, du hättest nicht kommen sollen. ”

Der Mann im Anzug lachte. „Sie wird jetzt die Villa verkaufen und ihr Erbe übertragen. So ist es vertraglich geregelt.

” Ich sah Carsten an, der am Boden kauerte und sich die Haare raufte. Dann sah ich Helen, die mich mit einem kalten, entfremdeten Blick musterte. Sie sagte: „Ich bin seine Frau. Ich muss ihm helfen.

Sei still jetzt, Papa. ”

In diesem Augenblick begriff ich, dass etwas weit Schlimmeres passiert war, als ich mir zuvor vorgestellt hatte. Helen stand nicht unter Drogen. Sie stand unter seinem Einfluss, unter seiner Kontrolle, unter einer Art von Fessel, die stärker war als jeder Alkohol.

Sie sprach die Worte, die er ihr eingebläut hatte. „Ich bin so neugierig, von wo all die lieben Menschen hierher gefunden haben”, sagte sie, und ihre Stimme klang mechanisch, wie eine aufgezeichnete Nachricht. Der Mann im Anzug zog einen Vertrag aus der Tasche. „Unterschreiben Sie hier.

Dann kann Ihre Tochter in Frieden leben. ” Ich sah die Papiere. Es waren die Übertragungsdokumente für das Weingut, das Haus, alles. Helen stand daneben und nickte stumm, mit ausdruckslosen Augen.

„Sie haben mir diese Pillen gegeben. Sie machen mich ruhig”, flüsterte sie, als ich zögerte. Ich unterschrieb nicht. Stattdessen griff ich in die Jackentasche und holte das Tonband heraus, auf dem Carstens Geständnis lief.

Ich drückte die Abspieltaste. Seine Stimme ertönte klar und deutlich: „Ich habe Schulden über zweihunderttausend Euro. Die Bande hat mir fünfzigtausend gegeben. Helen ist das Pfand.

” Der Mann im Anzug versteinerte. Carsten sprang auf und versuchte, mir das Gerät zu entreißen. Wir rangen. Helen stand daneben, bewegungslos, ihre Augen wie leere Fenster.

Sie sagte nur immer wieder: „Papa, bitte hör auf. Bitte. ” Dann hörte ich das Klicken einer entsicherten Waffe. Der Mann im Anzug zielte auf Helen.

Carsten schrie auf und warf sich vor sie. Er rief: „Nimm mich! Nimm mich statt ihrer! ” Der Mann lachte kalt und drückte ab.

Carsten brach zusammen, blutend. Helen schrie endlich, ein schriller, animalischer Laut, der die Stille durchbrach und die Fassade aus Drogen und Manipulation zerriss. In der Verwirrung zog ich meine Walter und feuerte. Der Mann taumelte, fiel gegen das Fenster, das mit einem ohrenbetäubenden Geräusch zersplitterte.

Ich packte Helens Hand und zog sie hinter mir her, hinaus auf die Terrasse, zum Gartenzaun. „Wie konntest du nur Carsten heiraten? “, schrie ich, während wir rannten. Helen schluchzte: „Er hat mich gepflegt, Papa.

Nachdem Mama gestorben ist, war er da. Er hat mir versprochen, mich nie allein zu lassen. ”

„Er hat dich verkauft, Helen! “, schrie ich über die Schulter.

Das Haus hinter uns begann zu brennen. Ich hatte eine brennende Kerze umgestoßen, als wir durch das Arbeitszimmer flüchteten. Die Flammen fraßen sich durch die Vorhänge, und irgendwo in dem chaos ertönte ein Schrei, der nicht menschlich klang, und dann ein Schuss, der direkt aus dem brennenden Haus kam. Helen und ich standen auf der Landstraße, außer Atem, als das Haus meiner Tochter in Flammen aufging.

Der geländewagen des Mannes stand noch in der Einfahrt, aber niemand kam heraus. Helen zitterte neben mir, und zum ersten Mal seit Stunden weinte sie, wirklich weinte, mit dem Schluchzen eines Kindes, das aus einem Albtraum erwacht. Ich umarmte sie, und sie ließ sich fallen, ihr ganzer Körper zitterte. „Wollte er mich wirklich verkaufen, Papa?

“, flüsterte sie. „Er hat es gestanden”, sagte ich leise. „Ich habe es auf Band. ”

Helen schluchzte: „Du hättest mich nicht retten können.

Niemand hätte mich retten können. Ich wollte sterben, Papa. Ich wollte einfach nur sterben. ”

Ich hielt sie fest, als hinter uns das Haus einstürzte.

„Ich bin jetzt da, mein Kind”, flüsterte ich. „Ich bin jetzt da. Und ich werde nie wieder jemanden an dich heranlassen. ”

Die Feuerwehr kam erst nach einer Stunde.

Vom Haus blieb nur ein Gerippe aus verkohlten Balken und geschwärzten Steinen. Von Carsten und dem Mann im Anzug fand man nie eine Spur. Sie waren einfach verschwunden, ausgelöscht von den Flammen und der Nacht. Und Helen, meine Tochter, wurde in den folgenden Monaten langsam wieder sie selbst, obwohl die Narben blieben, tief in ihren Augen, wenn sie zufällig Feuer sah.

Ich verkaufte die Ruine und kaufte einen kleinen Hof am anderen Ende der Weinstraße. Helen zog zu mir. Sie sagte nie viel über jene Nacht, aber jeden Abend, wenn wir am Küchentisch saßen und der Wein im Glas glänzte, packte sie meine Hand und hielt sie fest, als hätte sie Angst, dass ich verschwinden könnte. Und ich, Robert Eichenlaub, saß dann in meinem Sessel, trank einen Schluck von meinem eigenen Brand und wusste, dass wir davongekommen waren, auf eine Weise, die ich nie verstehen würde.

Aber ich hatte meine Tochter. Das war alles, was zählte.