**Der ungelöste Tod des schottischen Kindermädchens: Janet Kennedy Smith und der dunkle Schatten der High Society von Vancouver**
Am 26. Juli 1924 wurde in einem eleganten Herrenhaus im exklusiven Shaughnessy-Viertel von Vancouver die 22-jährige Janet Kennedy Smith tot im Keller aufgefunden. Die junge Schottin, die als Kindermädchen für die wohlhabende Familie Baker arbeitete, lag mit einer Schusswunde in der Schläfe neben einem Bügelbrett. Neben ihrer ausgestreckten Hand lag ein Revolver Kaliber .45. Auf den ersten Blick schien es ein Selbstmord oder tragischer Unfall zu sein. Doch schon bald zeigten sich die Widersprüche, die aus dem Fall eines der berüchtigsten ungelösten Mordfälle Kanadas machen sollten.

Janet stammte aus bescheidenen Verhältnissen in Perth, Schottland. 1923 war sie mit der Familie Baker nach Vancouver gekommen, angelockt von einem guten Gehalt und dem Versprechen einer sicheren Rückreise. In der pulsierenden Hafenstadt arbeitete sie im Haushalt der Bakers, die zeitweise im Haus von Richard und Blanche Plante Baker wohnten. Janet führte ein Tagebuch, in dem sie von Flirts, Mondnächten und ihrer Sehnsucht nach Liebe schrieb. Sie war lebenslustig, gesellig und genoss die Aufmerksamkeit junger Männer im Stanley Park. Besonders häufig wird der chinesische Butler Wong Sing erwähnt, der ihr teure Geschenke wie ein seidenes Nachthemd machte und sie offenbar stark bedrängte.

Am Morgen ihres Todes fand Wong Sing die Leiche. Die erste polizeiliche Untersuchung war oberflächlich. Es gab keine Pulverrückstände an der Wunde, keinen Blutspritzer am Tatort und schwere stumpfe Verletzungen am Kopf, die nicht von einer Kugel stammten. Dennoch erklärte der Gerichtsmediziner den Tod als „selbst zugefügt, aber unfallbedingt“. Die Leiche wurde rasch freigegeben und bestattet. Erst massiver öffentlicher Druck durch schottische Vereine und die Presse führte zur Exhumierung und einer zweiten Untersuchung. Diese ergab eindeutig: Janet Smith war ermordet worden.
Der Fall löste eine Welle von Rassismus und Verschwörungstheorien aus. Wong Sing geriet unter massiven Verdacht. Eine Gruppe maskierter Männer, darunter angeheuerte Agenten der Scottish Societies und Polizisten außer Dienst, entführten und folterten ihn wochenlang, um ein Geständnis zu erzwingen. Er gestand nie. Später wurde er wegen Mordes angeklagt, doch das Verfahren wurde eingestellt. Hohe Beamte und einflussreiche Familien der High Society standen offenbar unter Verdacht, den Fall vertuscht zu haben. Gerüchte von wilden Drogenpartys und Orgien im Baker-Haus machten die Runde. Ein Sterbebett-Geständnis Jahrzehnte später deutete sogar auf einen Unfall bei einer Rangelei hin.
Bis heute bleibt der Mord an Janet Kennedy Smith ungelöst. War es der Butler, ein eifersüchtiger Liebhaber oder ein Skandal in den höchsten Kreisen, den man mit aller Macht vertuschte? Der Fall enthüllte die tiefen Risse in der kanadischen Gesellschaft der 1920er Jahre: Rassismus gegen chinesische Einwanderer, Klassendenken und Korruption. Janet, die „schottische Nachtigall“, wurde zum Symbol für die Gefahren, denen junge Immigrantinnen ausgesetzt waren. Ihr Grab auf dem Mountain View Cemetery erinnert noch heute an ein junges Leben, das viel zu früh und unter nie geklärten Umständen endete. Der wahre Täter nahm sein Geheimnis mit ins Grab – und Vancouver behielt eines seiner dunkelsten Rätsel. (ca. 505 Wörter)


