Stell dir vor, deine Kinder feiern deinen Geburtstag im edlen Restaurant – und überreichen dir als Geschenk den Kaufvertrag für dein eigenes Haus, 180.000 Euro unter Wert. Die Rechnungen fürs neue…

Stell dir vor, deine Kinder feiern deinen Geburtstag im edlen Restaurant – und überreichen dir als Geschenk den Kaufvertrag für dein eigenes Haus, 180.000 Euro unter Wert. Die Rechnungen fürs neue...

Wir saßen in einem schicken Restaurant in Düsseldorf-Gerresheim, an einem langen Tisch mit weißen Tischdecken. Meine Kinder hatten alles organisiert, sogar meine Kegelschwestern waren eingeladen. Seit Wochen hatte ich mich auf diesen Abend gefreut, denn seit Dieters Tod war ich selten von so vielen Menschen umgeben. Nach dem Hauptgang stand mein Sohn Torsten auf und klopfte an sein Glas.

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Er hielt eine wunderschöne Rede über meinen Mann, über unsere Kinder, über die vierzig Jahre in dem Haus in der Torbruchstraße. An zwei Stellen wurde er leise, und meine Nachbarin tupfte sich die Augen. Als die Rede endete, überreichte man mir eine Mappe – meine Geburtstagsmappe. Darin, obenauf, lag ein Hochglanzprospekt.

Ein Haus. Mein Haus. Zum Verkauf. Kaufpreis: 490.

000 Euro. Ich blätterte weiter und fand alle Rechnungen: die Grundsteuer, die Gebäudeversicherung, die Schornsteinfegerrechnung. Die Kanalsanierung 2017: 6. 400 Euro.

Die neue Heizung 2021: 19. 000 Euro. Und das Dach – das Dach war 2019 für 48. 000 Euro komplett neu gemacht worden, weil es durchgeregnet hatte.

48. 000 Euro von den 69. 000, die Dieter mir hinterlassen hatte. 490.

000 Euro. Am nächsten Morgen rief ich drei Makler in Gerresheim an und fragte, was ein Einfamilienhaus aus dem Baujahr 1984, 150 Quadratmeter, neues Dach, neue Heizung, 420 Quadratmeter Grundstück, in dieser Lage wert sei. Der erste sagte: 660. 000.

Der zweite sagte: 680. 000 bis 690. 000. Der Kaufvertrag in meiner Geburtstagsmappe lag also rund 180.

000 Euro unter Wert. Und weil ich die Hälfte des Hauses besitze, hätte ich davon die Hälfte verloren – 90. 000 Euro. An den Geschäftspartner meines Schwiegersohns.

Ich schaute mir das Grundbuch an. Ein Grundbuchauszug kostet 20 Euro. Da stand es schwarz auf weiß: Paragraph 748 des Bürgerlichen Gesetzbuchs – jeder Teilhaber ist den anderen gegenüber verpflichtet, die Lasten des gemeinschaftlichen Gegenstandes nach dem Verhältnis seines Anteils zu tragen. Dann rief ich meine Kinder an.

Wir trafen uns, und ich sagte ihnen: Ich verkaufe nicht. Ihr wollt verkaufen? Dann kauft mir meinen Anteil ab – zu einem fairen Preis. Oder ich kaufe euren Anteil.

Zum Verkehrswert. Sie waren empört. Sie hatten doch nur das Beste gewollt. Sie hatten geglaubt, mir helfen zu müssen.

Aber ich hatte nachgerechnet. Wenn ich verkauft hätte, hätte ich nicht mal eine kleine Wohnung bezahlen können. Drei Jahre hätte ich von dem Geld leben können, dann wäre nichts mehr übrig gewesen. Mein Anwalt schrieb ihnen einen Brief.

Er erklärte ihnen, dass der Verkauf unter Wert nicht rechtmäßig gewesen wäre, und dass ich bereit sei, ihren Anteil zu übernehmen – zu dem Preis, den der Makler genannt hatte: 680. 000 Euro. Sie zögerten. Sie diskutierten.

Aber am Ende blieb ihnen keine Wahl. Sie konnten mich nicht zwingen. Und ich konnte zahlen, denn ich hatte das Geld von Dieters Lebensversicherung und einiges von meinen Eltern gespart. Ich habe meinen Kindern ihr Viertel abgekauft – meinem Sohn und meiner Tochter.

Zusammen rund 246. 000 Euro. Für ein Haus, das 680. 000 Euro wert ist.

Sie haben den Betrag akzeptiert, weil sie wussten, dass ich im Recht war. Heute, zum ersten Mal seit 1984, steht in Abteilung 1 des Grundbuchs nur ein einziger Name – meiner. Ich habe einen Kredit über 21. 000 Euro aufgenommen, um alles zu regeln, aber ich habe es geschafft.

Wenn Sie mich vor zehn Jahren gefragt hätten, ob wir gemeinsam anständig verkaufen wollen, hätte jeder von ihnen rund 170. 000 Euro bekommen, und ich wäre in eine kleine Wohnung gezogen – freiwillig, mit ihrer Hilfe. Wir hätten zusammen Weihnachten gefeiert. Aber so haben sie mir an meinem Geburtstag, vor 35 Menschen, einen Kaufvertrag geschenkt, der 180.

000 Euro unter Wert lag. Und der Käufer saß mit am Tisch und hat mir gratuliert. Ich bin Ursula Brand.

Und ich habe mir mein Haus zurückgeholt.