Gazala 1942: Der brillante Sieg des Wüstenfuchses – Rommels größter Triumph

Gazala 1942: Der brillante Sieg des Wüstenfuchses – Rommels größter Triumph

Die Sonne brennt erbarmungslos auf den libischen Sand, und die Welt hält den Atem an. Ende Mai 1942 bereitet sich in der endlosen Weite der nordafrikanischen Wüste eine der spektakulärsten militärischen Operationen des Zweiten Weltkriegs vor, die heute als der brillanteste Sieg des Wüstenfuchses in die Geschichte eingeht. Generalfeldmarschall Erwin Rommel, der legendäre Kommandeur des Deutschen Afrikakorps, steht auf dem Turm seines Befehlspanzers, die Augen hinter einer staubigen Fliegerbrille verborgen, den Blick fest auf den Horizont gerichtet. Er ist dabei, Geschichte zu schreiben, und die Luft flimmert in der Mittagshitze bei Temperaturen von über 40 Grad Celsius, die selbst das Atmen zur Qual machen.

Überall um ihn herum das Dröhnen von Motoren, das Rasseln von Panzerketten, das gedämpfte Rufen seiner Männer. Zehntausende Soldaten warten auf seinen Befehl, Deutsche und Italiener, Veteranen vergangener Wüstenschlachten und Neuankömmlinge, die noch nie den beißenden Sand in ihren Lungen gespürt haben. Was in den kommenden Wochen geschehen wird, gilt bis heute als Meisterwerk der beweglichen Kriegführung, eine Schlacht, die Militärhistoriker noch Jahrzehnte später studieren werden. Ein Triumph, der Rommels Ruf als einen der genialsten Feldherren seiner Zeit für immer zementieren sollte, doch der Weg dorthin war alles andere als vorgezeichnet, denn dieser vermeintlich glänzende Sieg begann beinahe als totale Katastrophe.

Um zu verstehen, was bei Gazala geschah, müssen wir einen Schritt zurücktreten. Seit Anfang 1941 tobte in Nordafrika ein erbitterter Kampf zwischen den britischen Streitkräften und dem deutsch-italienischen Afrikakorps. Hin und her wogte die Front, mal drängten die Briten vor, mal die Achsenmächte. Es war ein Krieg der Extreme, sengende Hitze am Tag, eisige Kälte in der Nacht, Sandstürme, die ganze Kolonnen verschluckten, und eine Logistik, die an ihre absoluten Grenzen stieß. Dieser Wüstenkrieg war anders als alles, was Europa bis dahin gekannt hatte, keine Städte, keine Wälder, keine natürlichen Hindernisse, nur endlose Weiten aus Sand und Fels, in denen Panzerverbände manövrieren konnten wie Flotten auf hoher See.

Die Männer litten unter Ruhr, Gelbsucht und der sogenannten Wüstenkrankheit, einer Mischung aus Erschöpfung, Dehydrierung und psychischem Stress. Wasser war kostbarer als Munition, und ein defekter Kühler konnte den Tod bedeuten. Im Frühjahr 1942 standen sich beide Seiten entlang einer Linie gegenüber, die sich von der Küstenstadt Gazala rund 70 Kilometer nach Süden erstreckte, bis hinunter zur Wüstenoase Bir Hakeim. Die Briten unter General Neil Ritchie hatten diese Zeit genutzt, um eine gewaltige Verteidigungsstellung zu errichten. Das Herzstück bildeten sogenannte Boxes, stark befestigte Stützpunkte, die wie Inseln in der Wüste lagen, umgeben von Hunderttausenden von Minen.

Mit fast 700 Panzern, darunter 300 der neuen amerikanischen Grant-Panzer mit ihrer gefürchteten 75-Millimeter-Kanone, fühlten sich die Briten ihrer Sache sicher. Dazu kamen Hunderte von Geschützen, eine überlegene Luftwaffe und scheinbar unerschöpfliche Nachschublinien aus Ägypten. Rommel hingegen verfügte über knapp 520 Panzer, von denen mehr als die Hälfte veraltete italienische M13 und M14 Modelle waren, Fahrzeuge mit dünner Panzerung und schwacher Bewaffnung, die ihre Besatzungen zu Recht als rollende Särge bezeichneten. Nur etwa 280 deutsche Panzer standen zur Verfügung, Panzer III mit der langen 50-Millimeter-Kanone und einige wenige Panzer IV. Auf dem Papier war die Sache klar, die Briten hatten die Oberhand, doch Rommel wäre nicht Rommel gewesen, wenn er sich davon hätte beeindrucken lassen.

Wer war dieser Erwin Rommel, der es wagte, mit unterlegenen Kräften anzugreifen? Geboren 1891 als Sohn eines Schullehrers, war er kein Spross einer preußischen Junkerfamilie. Er hatte sich seinen Rang von der Pike auf verdient, im Ersten Weltkrieg als junger Offizier in den Alpen gekämpft und dort bereits jenen Ruf für unkonventionelle Taktiken erworben, der ihn später berühmt machen sollte. Rommel war kein Schreibtischgeneral, er führte von vorne, teilte die Gefahren mit seinen Männern, und nicht selten fand man ihn im vordersten Gefechtsstand oder im Turm eines angreifenden Panzers. Diese Führungsweise brachte ihm die bedingungslose Loyalität seiner Truppen ein. Ein Kommandeur, der die Front nicht kennt, kennt gar nichts, war sein Credo.

Die Versorgungslage ist schlecht, die Luftwaffe hat andere Prioritäten, und Hitler schaut nach Osten. Wir müssen jetzt handeln oder nie mehr. Mit diesen Worten soll Rommel seinen Stab auf die kommende Offensive eingestimmt haben. Der Plan war typisch für seinen Stil, gewagt bis zur Tollkühnheit, aber mit einer inneren Logik, die seine Gegner immer wieder überraschte. Die Operation trug den Codenamen Theseus. Rommels Idee war so simpel wie riskant. Während italienische Infanterie im Norden einen Frontalangriff vortäuschte, würde er selbst mit dem gesamten mobilen Kern seiner Armee, drei deutschen und zwei italienischen Panzerdivisionen, einen weiten Bogen um die südliche Flanke schlagen.

Ein Nachtmarsch durch die offene Wüste vorbei an Bir Hakeim, dann ein Schwenk nach Norden, um den Briten in den Rücken zu fallen. 10.000 Fahrzeuge sollten sich in einer einzigen Nacht rund 50 Kilometer durch unbekanntes Gelände bewegen. Die Kolonnen würden sich über Dutzende Kilometer erstrecken, anfällig für Luftangriffe und mechanische Pannen. Sein Stabschef Generalmajor Alfred Gause soll besorgt gewarnt haben: Herr General, wenn die Briten unsere Absicht erkennen, sind wir verloren. Rommels Antwort wurde legendär. Dann dürfen Sie es eben nicht erkennen. Wenn das Manöver funktionierte, würde Rommel die gesamte britische Armee einkreisen. Wenn es scheiterte, würde sein Korps in der Wüste verdursten.

Als die Sonne am Abend des 26. Mai hinter dem Horizont versank, setzten sich Rommels Kolonnen in Bewegung. Tausende von Motoren heulten auf, Staub wirbelte in den Nachthimmel, und eine endlose Schlange aus Panzern, Lastwagen und Geschützen wälzte sich nach Süden. Rommel selbst fuhr an der Spitze, wie so oft führte er von vorne, teilte die Risiken mit seinen Männern. Die Nacht war kalt und klar, der Mond warf gespenstische Schatten auf den Wüstenboden. Kein Licht durfte brennen, kein Funkspruch gesendet werden. Die Männer kommunizierten mit Handzeichen und leisen Rufen. Kilometer um Kilometer fraßen sich die Kolonnen durch die Finsternis.

Gegen Morgengrauen des 27. Mai erreichten die ersten deutschen Verbände den Wendepunkt. Vor ihnen lag die ungeschützte Flanke der britischen Achten Armee. Jetzt gibt es kein Zurück mehr, soll Rommel gesagt haben. Dann gab er den Befehl zum Angriff. Was nun folgte, war zunächst alles andere als ein glatter Sieg. Die Briten waren zwar überrascht, doch sie erholten sich schneller als erwartet. Besonders die Grant-Panzer erwiesen sich als böse Überraschung. Ihre Feuerkraft übertraf alles, was die Deutschen bisher in Afrika erlebt hatten. Sie schießen, bevor wir sie überhaupt sehen können, funkte ein verzweifelter deutscher Panzerkommandant. Am Ende des ersten Tages war die Lage für Rommel kritisch. Seine Verbände waren verstreut, die Verluste höher als erwartet.

Der 28. Mai brachte noch schwerere Kämpfe. Die 21. Panzerdivision verlor über zwei Drittel ihrer Panzer. Die 15. Panzerdivision war von ihrer Versorgung abgeschnitten. Für einen kurzen Moment schien Rommels große Wette zu scheitern. Dann geschah etwas Unerwartetes. Anstatt sich zurückzuziehen, befahl Rommel seinen Truppen, sich einzugraben. Mitten im britischen Hinterland, eingeklemmt zwischen Minenfeldern und feindlichen Stellungen, ging das Afrikakorps in die Defensive. Die Briten nannten dieses Gebiet den Kessel und waren überzeugt, Rommel in der Falle zu haben. Die Situation war verzweifelt. Wasser und Munition gingen zur Neige. Verwundete konnten nicht evakuiert werden. Britische Artillerie hämmerte Tag und Nacht auf die Eingeschlossenen ein.

Doch während die Briten ihre Kräfte sammelten, arbeiteten deutsche Pioniere fieberhaft daran, Korridore durch die Minenfelder zu räumen. Unter ständigem Beschuss gruben sie Hunderttausende von Minen aus dem Sand. Die Briten machten einen fatalen Fehler. Anstatt mit geballter Kraft anzugreifen, zersplitterten sie ihre Panzerverbände in einzelne Vorstöße. General Ritchie unterschätzte die Entschlossenheit seines Gegners. Am 1. Juni ging Rommel selbst zum Angriff über, mitten aus dem Kessel heraus. Die befestigte Box von Got el Ualeb fiel nach erbitterten Kämpfen. 1500 britische Soldaten gingen in Gefangenschaft. Der Schlüssel zur Wende lag im Süden.

Bir Hakeim wurde von einer freien französischen Brigade unter General Marie Pierre König verteidigt. 4000 Männer, Legionäre und Patrioten aus ganz Europa, die gegen Hitler kämpften. Solange sie hielten, konnte Rommel seine Versorgungslinien nicht sichern. Die Verteidigung von Bir Hakeim sollte zu einer der heroischsten Episoden des Wüstenkrieges werden. Vom 1. Juni an bombardierten Stukas die Stellungen, manchmal über 100 Angriffe täglich. Die Franzosen kämpften mit einer Tapferkeit, die selbst ihre Gegner beeindruckte. Diese Franzosen sind die besten Soldaten, gegen die wir je gekämpft haben, soll Rommel gesagt haben. Ein Angebot zur Kapitulation wurde mit einem einzigen Wort beantwortet: Nein.

11 Tage hielten sie stand. Dann am 11. Juni war ihre Lage aussichtslos geworden. In einer verzweifelten nächtlichen Aktion gelang es rund 2700 Überlebenden, durch die deutschen Linien zu entkommen. Bir Hakeim fiel, und mit dieser Position brach die gesamte südliche Flanke der britischen Verteidigung zusammen. Nun schlug Rommels Stunde. Mit gesicherten Nachschublinien ging er am 12. Juni zum entscheidenden Angriff über. Bei Knightsbridge kam es zur finalen Panzerschlacht. Die Taktik war klassisch Rommel. Seine Panzer lockten die britischen Verbände vor, zogen sich scheinbar zurück. Dann eröffneten versteckte Batterien das Feuer. Die gefürchteten 88-Millimeter-Flugabwehrgeschütze feuerten in der Horizontalen und verwandelten reihenweise feindliche Tanks in brennende Wracks.

Am Ende des 13. Juni hatte die Achte Armee fast 250 Panzer verloren. General Ritchie erkannte zu spät das Ausmaß der Katastrophe. Am 14. Juni befahl er den allgemeinen Rückzug. Die Gazala-Linie brach wie ein Kartenhaus zusammen. Was folgte, war ein Wettlauf. Während die Briten nach Osten flohen, jagte Rommel ihnen nach. Sein Ziel war Tobruk, die Hafenstadt, die 1941 Monate lang allen deutschen Angriffen getrotzt hatte. Am 20. Juni standen deutsche und italienische Truppen vor den Festungswerken. Die Garnison unter Generalmajor Hendrik Klopper bestand aus 35.000 Mann, Südafrikaner, Briten, Inder. Sie hatten Vorräte für Wochen, starke Befestigungen und den Befehl, die Stadt um jeden Preis zu halten.

Doch diesmal gab es keine lange Belagerung. Rommel hatte aus seinen Fehlern von 1941 gelernt. Am Morgen des 21. Juni eröffnete ein gewaltiges Bombardement die Operation. Stukas stürzten in Wellen herab. Artillerie hämmerte auf die Stellungen ein. Deutsche Pioniere sprengten Breschen in die Minenfelder. Dann rollten die Panzer. Nach nur einem Tag kapitulierte die Garnison. 33.000 Soldaten gingen in Gefangenschaft, die größte Kapitulation britischer Truppen seit Singapur. Riesige Vorräte fielen den Siegern in die Hände. Über 2 Millionen Liter Benzin, Tausende Tonnen Lebensmittel, Zehntausende Fahrzeuge. Churchill erhielt die Nachricht im Weißen Haus. Tobruk ist gefallen, flüsterte ihm ein Adjutant zu. Der britische Premierminister wurde bleich.

Zeugen berichteten, dass er für einen Moment sprachlos war, ein Mann, der nie um Worte verlegen war. Er nannte es später einen der schwersten Schläge meines gesamten Lebens im Krieg. Es war eine Demütigung, die das britische Empire in seinen Grundfesten erschütterte. Hinter den nüchternen Zahlen verbergen sich unzählige persönliche Tragödien. Männer marschierten in Gefangenschaft, erschöpft, verwundet, gebrochen. Viele würden Jahre in italienischen und deutschen Lagern verbringen, einige würden nie zurückkehren. Für die Verwundeten auf beiden Seiten war die Wüste ein gnadenloser Ort. Ohne schnelle Evakuierung bedeuteten selbst leichte Verletzungen oft den Tod durch Infektion oder Austrocknung.

Die Familien in England, Südafrika, Indien und Australien erfuhren erst Wochen später vom Schicksal ihrer Söhne und Väter. Telegramme mit der gefürchteten Nachricht, vermisst oder in Gefangenschaft, erreichten Tausende von Haushalten. Der Krieg in der fernen Wüste war plötzlich greifbar nah geworden. Für Erwin Rommel war Gazala der Höhepunkt seiner Karriere. Hitler beförderte ihn noch am selben Tag zum Generalfeldmarschall, mit 50 Jahren der jüngste Träger dieses Ranges in der gesamten Wehrmacht. Die Propaganda feierte ihn als Helden. Sein Bild zierte Zeitungen im ganzen Reich. Sogar Churchill nannte ihn im Unterhaus einen großen General, ein beispielloser Tribut an einen Feind mitten im Krieg.

Die Beute war gewaltig. Über 1000 Panzer, Hunderte von Geschützen, Tausende Soldaten gefallen, verwundet oder gefangen. Die britische Achte Armee war nur noch ein Schatten ihrer selbst auf der Flucht nach Ägypten. Für einen kurzen Moment schien alles möglich. Alexandria, der Suezkanal, vielleicht sogar die Ölfelder des Nahen Ostens. Doch der Triumph trug den Keim des Untergangs in sich. Die langen Nachschublinien, die Überdehnung der Kräfte, die zunehmende Luftherrschaft der Alliierten, all das sollte sich rächen. Bei El Alamein, 160 Kilometer vor Alexandria, endete Rommels Siegeszug im Oktober 1942. Aber das ist eine andere Geschichte.

An jenem Junitag, als die Sonne über Tobruk unterging, stand der Wüstenfuchs auf dem Gipfel seines Ruhms. Er hatte mit unterlegenen Kräften einen überlegenen Feind bezwungen durch Kühnheit, Schnelligkeit und jenen unbestimmbaren Instinkt, der große Feldherren von bloß fähigen Generälen unterscheidet. Die Schlacht von Gazala lehrt uns vieles, dass Zahlen allein nicht entscheiden, dass Initiative oft wichtiger ist als Material, dass ein entschlossener Führer selbst aussichtslosen Lagen einen Sieg schmieden kann. Und sie erinnert uns daran, wie schnell das Blatt sich wenden kann im Krieg wie im Leben. Rommel selbst sollte den Krieg nicht überleben. Im Oktober 1944 zwang ihn Hitler zum Selbstmord, verwickelt in das Attentat vom 20. Juli. Der Wüstenfuchs starb, wie er gelebt hatte, mit Würde. Doch sein Vermächtnis lebt fort, in der Erinnerung an jene heißen Tage im libischen Sand, als ein Mann es wagte, das Unmögliche zu versuchen und gewann.