Der Hochsommer jenes Jahres legte sich über die russische Ebene wie ein Fluch, von dem es kein Entrinnen gab, und die Welt vergaß den Winter, während die Männer unter einer erbarmungslosen, weißglühenden Hitze litten, die ihnen die Kraft raubte, ehe der Frost sie überhaupt erreichte. Die Sonne stieg jeden Morgen blutrot aus dem dunstigen Osten empor, dann blendend weiß, und kletterte an einem Himmel hinauf, an dem sich tagelang keine Wolke zeigte, und sie brannte herab auf das geduckte Land, auf die endlosen Felder und die staubigen Straßen und auf uns, die wir uns gebückt und keuchend dahin schleppten, bis die Luft selbst zu flimmern begann und am fernen Horizont die trügerischen Seen der Fata Morgana glitzerten. Wasser, das es nicht gab und nach dem die durstigen Augen sich dennoch sehnten, ein quälendes Spiel der Sinne, das uns in die Irre führte.
Der Staub war unser ständiger Begleiter, ein feiner, mähliger Staub, den die tausende von Stiefeln und Hufen und Rädern aus der ausgedörrten Erde aufwirbelten, und er hing über der Marschkolonne in einer dichten gelblichen Wolke, die uns von weitem verriet und die uns von nahm erstickte. Er legte sich in jede Pore, in jede Falte, in Mund und Nase und Ohren, sodass wir abends den grauen Schlamm aus den Augenwinkeln rieben und beim Husten graue Klumpen ausspuckten, ein ständiges Mahnmal der endlosen Straße. Ich erinnere mich, dass der Durst in jenen Tagen zu einer fixen Idee wurde, zu einer Besessenheit, die alle anderen Gedanken verdrängte und dass wir von Wasser träumten, vom kühlen Brunnen im Hof des Elternhauses, vom Sprudel der Bäche, von einem einzigen großen Glas frischen Wassers, das wir in einem Zuge leeren würden.
Wir sprachen davon, wenn wir überhaupt sprachen, mit jener verzehrenden Sehnsucht, mit der Hungernde von Speisen reden, und die Feldflaschen waren schnell geleert. Das Nachfüllen war ein Glücksspiel, denn die Brunnen der Dörfer waren oft vergiftet oder mit Kadavern verschüttet, wie es hieß, und das Wasser der Tümpel und Bäche war lau und brackig und brachte vielen die Ruhr, die sich bald durch die Kompanie zog wie eine eigene Plage. Sie machte manchen Mann schwächer als jede feindliche Kugel, und Joseph Lindner, der Sanitäter, hatte alle Hände voll zu tun mit den Erkrankten und warnte uns unermüdlich, nur abgekochtes Wasser zu trinken. Doch wer hatte schon die Zeit und das Holz und die Geduld in dieser Hitze Wasser abzukochen, wenn die Kehle brannte und der nächste Befehl zum Aufbruch schon erscholl?
Otto litt sichtbar unter der Hitze, denn er war ein kräftiger, breitschultriger Bursche, der im Winter und in der Kälte aufgeblüht wäre, und die schwüle, drückende Glut nahm ihm die Kraft und ließ sein Gesicht oft rot und aufgedunsen erscheinen. Ich sorgte mich um ihn und teilte mit ihm das wenige Wasser, das ich hatte, wie er das Seine mit mir teilte, denn so hielten wir es, einer für den anderen, in einer stillen Abmachung des Überlebens. Feldwebel Weiß aber lehrte uns einen Trick, der das Marschieren erträglicher machte, nämlich einen kleinen glatten Kieselstein in den Mund zu nehmen und auf ihm zu lutschen, was den Speichel anregte und den ärgsten Durst für eine Weile betrog.
Ich tat es fortan und trug stets einen solchen Stein bei mir, und es half ein wenig, so wie alle kleinen Listen halfen, die uns die erfahrenen Männer beibrachten. Denn der Krieg, so lernte ich, bestand nicht nur aus den großen schrecklichen Stunden des Gefechts, sondern weit mehr noch aus dem täglichen zähen Ringen um die kleinen Dinge, um einen Schluck Wasser, um eine Stunde Schlaf, um ein trockenes Paar Socken. Und wer diese kleinen Kämpfe verlor, der war oft schon verloren, ehe die erste Kugel ihn fand, ein stilles Sterben am Rande der Kolonne. Es kam eine Zeit in jenen Wochen, da hörte der Marsch auf, ein Geschehen in der Welt zu sein und wurde zu einem Zustand des Geistes, einem nicht enden wollenden Traum, aus dem es kein Erwachen gab.
Wir marschierten so lange und so weit und so gleichförmig, dass die Grenze zwischen gehen und schlafen sich aufzulösen begann, und ich zuweilen mit offenen Augen weiterging und doch träumte von zu Hause, von Gesichtern und Stimmen, die mir lieb gewesen waren. Ein Stolpern oder ein Ruf riss mich zurück in die staubige Wirklichkeit der Straße, die unverändert vor mir lag, und die Beine bewegten sich von selbst. Der Körper marschierte weiter, auch wenn der Geist längst aufgegeben hatte, und ich verstand nun, warum die alten Soldaten sagten, der Mensch könne im Gehen schlafen wie ein Pferd, denn ich tat es. Wir alle taten es, ein Zug von Schlafwandlern, der sich durch die flimmernde Hitze schob und nur das Gewicht des Gepäcks und das Brennen der Füße hielten uns zuweilen wach.
Die Tage hatten ihre Unterscheidung verloren, und ich vermochte nicht mehr zu sagen, ob ein Marsch der heutige war oder der gestrige oder einer von vorgestern, denn alle Märsche waren derselbe Marsch, dieselbe Straße, dieselbe Säule, derselbe Staub. Manchmal kam mir der ketzerische Gedanke, dass wir vielleicht im Kreise gingen, dass wir jeden Tag dasselbe Stück Land durchschritten, so glich ein Tag dem anderen. In diesen Wochen begann ich, die Männer um mich her genauer zu betrachten und kennenzulernen, denn wenn man so lange mit Menschen marschiert und neben ihnen schläft und aus demselben Kessel isst und denselben Durst leidet, dann fallen die Masken, die man im Frieden trägt, und der wahre Mensch tritt hervor. Sein Mut oder seine Feigheit, seine Güte oder seine Niedertracht, und ich lernte, wem ich trauen konnte und wem nicht.

Erich Vogt, der MG-Schütze, war ein lauter Bursche, der gern prahlte und große Reden führte, doch ich bemerkte bald, dass hinter seiner lärmenden Art eine Verlässlichkeit lag. Er war der Erste, der mit anpackte, wenn ein Wagen aus dem Schlamm zu ziehen war, und der Letzte, der über Müdigkeit klagte, und ich gewann ihn lieb auf eine Weise, wie man jemanden lieb gewinnt, dessen Wert man nicht sogleich erkannt hat. Karl Hoffmann, der Funker, war von stillerer Art, ein nachdenklicher, gebildeter Mensch, der vor dem Krieg Lehrer hatte werden wollen, und er trug stets ein abgegriffenes Buch mit Gedichten bei sich, in dem er bei jeder Rast las. Manchmal, wenn wir abends um das verglimmende Feuer saßen, las er uns eine Strophe vor mit seiner leisen, deutlichen Stimme, und die Worte der alten Dichter klangen seltsam und ergreifend in dieser Wildnis, ein Gruß aus einer anderen besseren Welt.
Leutnant Bäcker hingegen blieb mir lange ein Rätsel, denn er hielt Abstand, wie es seinem Rang gebührte, und sprach wenig mit uns Mannschaften. Doch ich beobachtete, wie er litt unter der Verantwortung, die auf ihm lastete, wie er des Nachts oft wach blieb und die Posten kontrollierte, wenn er hätte schlafen können, und wie sein Gesicht von Woche zu Woche schmaler und ernster wurde. Er war noch jung, vielleicht dreiundzwanzig oder vierundzwanzig, und der Krieg hatte ihn früh in eine Rolle gezwungen, der ein Mann seines Alters kaum gewachsen sein konnte. Ich glaube, er fühlte die Last jedes einzelnen Mannes, den er führte, als eine persönliche Schuld, und gerade das machte ihn in meinen Augen zu einem besseren Offizier als die forschen Schreier, deren ich später so manchen kennenlernte.
So marschierten wir dahin, dieser bunte Haufen von Menschen, jeder mit seinem eigenen Schicksal und seiner eigenen Geschichte, zusammengeschmiedet durch den Marsch und den Staub und die gemeinsame Mühsal zu etwas, das mehr war als eine Ansammlung von Soldaten. Es war eine Gemeinschaft, in der jeder den anderen brauchte, und ich begriff, dass diese Kameradschaft das einzige war, was uns trug durch diesen Marsch ohne Ende, durch dieses Land ohne Grenzen, dem Osten entgegen, an dessen Ende der Tod auf uns wartete. Was dann geschah, an einem schwülen Nachmittag, als die Marschkolonne sich durch ein offenes, leicht gewelltes Gelände zog, das kaum Deckung bot, nur hier und da einen Feldrain oder eine flache Mulde, und wir hatten nichts Böses geahnt.
Seit Tagen war der Feind nur als fernes Grollen am Horizont gegenwärtig gewesen, ein Gespenst, das stets zurückwich, ehe wir es zu fassen bekamen, und so gingen wir dahin in jener stumpfen halbschlafenden Verfassung, von der ich gesprochen habe. Plötzlich, ohne jede Warnung, fuhr der erste Einschlag in die Kolonne, und ich hörte zuerst ein hohes zunehmendes Heulen, das aus dem leeren Himmel zu kommen schien und das mir das Mark in den Knochen erstarren ließ. Ein Laut, den ich seit der Brücke nicht mehr in solcher Nähe vernommen hatte, und ehe mein müder Geist begriff, was er bedeutete, riss die Welt vor mir auseinander in einem Blitz aus Feuer und einer Säule aus Erde und schwarzem Rauch.
Der Luftdruck schlug mich zu Boden wie eine riesige unsichtbare Faust, sodass ich der Länge nach in den Staub stürzte und für einen Augenblick weder hören noch sehen konnte, nur ein Dröhnen in den Ohren und ein Funkenregen vor den Augen. Dann kamen die anderen Einschläge, einer nach dem anderen, und die Russen hatten sich offenbar gut eingeschossen, denn die Geschosse fielen mitten in die Säule hinein und rissen klaffende Lücken. Um mich her brach ein Chaos los aus Schreien und Brüllen und dem Wiehern verwundeter Pferde und dem unaufhörlichen Krachen der Detonationen, ein Höllenspektakel, das alle Sinne betäubte.

Feldwebel Weiß war es, der mich rettete in jenen ersten Augenblicken der Panik, denn während ich noch gelähmt im Staub lag, das Gesicht in die Erde gepresst, hörte ich seine Stimme durch das Tosen, ruhig und befehlend, die uns zurief, auseinanderzugehen, in die Mulde rechts der Straße, nicht im Pulk zu bleiben. Sein Befehl durchbrach den Bann des Schreckens und brachte meine erstarrten Glieder wieder in Bewegung, und ich kroch und stolperte und rannte gebückt zu der flachen Senke, in die wir uns warfen, eng aneinander gepresst, die Gesichter in den Boden gegraben, während über uns das eiserne Wetter tobte. Otto war neben mir, ich fühlte seine Schulter an der meinen, und das gab mir Halt, und auf der anderen Seite kauerte Karl Hoffmann, der das schwere Funkgerät schützend mit dem Körper deckte und dessen Lippen sich in stummem Gebet bewegten.
Wir lagen da und warteten, denn mehr konnte man nicht tun, man konnte nur warten und beten und hoffen, dass die nächste Granate nicht die eigene Mulde fand. Dieses Warten unter dem Artilleriefeuer war eine Qual, die schlimmer war als jeder Kampf, denn man war wehrlos ausgeliefert, ohne die Möglichkeit, sich zu wehren oder zu fliehen, ein hilfloses Ding, über das der blinde Zufall des Krieges richtete. Wie lange das Feuer währte, vermag ich nicht zu sagen, denn unter solchem Beschuss verliert die Zeit jeden Sinn, doch endlich ließ es nach. Die Einschläge wurden seltener, verlagerten sich, verstummten, und in die furchtbare Stille danach drang das Stöhnen der Verwundeten und das Rufen nach dem Sanitäter.
Ich hob den Kopf und sah über den Rand der Mulde hinweg und erblickte ein Bild der Verwüstung, wie ich es bis dahin nicht gekannt hatte. Die Straße, auf der wir eben noch marschiert waren, war übersät mit Trümmern und gefallenen Männern und zerschmetterten Fuhrwerken, und ein Pferd lag in seinem Gespann, die Beine in der Luft, und schlug noch um sich. Josef Lindner rannte gebückt von einem Verwundeten zum nächsten, und sein Sanitätskittel, der einmal weiß gewesen war, war über und über mit Blut bespritzt, ein schreckliches Zeugnis der Wucht des Angriffs. Ich rappelte mich auf, die Glieder zitternd, und half, wo ich helfen konnte, trug einen verwundeten Kameraden in die Deckung, einen jungen Burschen aus Bamberg, dem ein Splitter den Oberschenkel aufgerissen hatte.
Ich hielt seine Hand, während Lindner ihn verband, und sah in sein kreidebleiches, von Schmerz verzerrtes Gesicht und wusste keinen Trost, außerdem, dass ich da war und seine Hand hielt. An jenem Nachmittag verloren wir elf Mann, sieben gefallen und vier verwundet, und es war das erste Mal, dass ich begriff, mit welcher Gleichgültigkeit der Tod aus heiterem Himmel über uns kam. Ohne Zorn, ohne Absicht, ein blindes, mähendes Werk, das keinen Unterschied machte zwischen dem Tapferen und dem Feigen, dem Guten und dem Schlechten, und diese Erkenntnis fraß sich tief in meine Seele. Am Abend jenes blutigen Tages erreichten wir den Rand eines großen Waldes, der sich dunkel und schweigend über die Hügel zog, und der Befehl erging, dort zu nächtigen im Schutz der Bäume, fort von der offenen Straße, auf der uns das Artilleriefeuer überrascht hatte.
Wir zogen unter das Dach der hohen Kiefern und Birken, dankbar für die Deckung und doch zugleich von einer unbestimmten Beklemmung erfüllt, denn der Wald war nicht der freundliche, lichte Forst der Heimat. Es war ein finsteres, undurchdringliches Dickicht, in dem die Schatten sich zu Gestalten verdichteten und in dem jedes Knacken eines Zweiges das Herz höher schlagen ließ, ein Ort der Stille und der verborgenen Gefahren. Wir bezogen Stellung am Waldrand, gruben flache Mulden und Schützenlöcher, so gut es die Erschöpfung zuließ, und Feldwebel Weiß teilte die Posten ein und schärfte uns ein, wachsam zu sein. Es hieß, dass versprengte russische Truppen sich in den Wäldern hielten und des Nachts hervorkamen, und die ersten Geschichten von Partisanen begannen zu kursieren, von Männern, die aus dem Dunkel auftauchten und einzelne Posten lautlos überwältigten und wieder im Wald verschwanden wie Schatten.

Diese Geschichten, ob wahr oder erfunden, legten sich uns auf die Seele und machten die Nacht zu einer Probe der Nerven, und ich hatte die Wache von Mitternacht bis zwei Uhr, gemeinsam mit Otto. Wir kauerten nebeneinander am Rande einer kleinen Lichtung, die Gewehre im Anschlag, und starrten in die Finsternis hinein, die so vollkommen war, wie ich sie in der Stadt niemals gekannt hatte. Eine schwarze, samtene Dunkelheit, in der das Auge nichts fand, woran es sich halten konnte, und in die das Ohr alle seine Kraft legte, um aus dem Wispern und Rauschen des nächtlichen Waldes das eine verräterische Geräusch herauszuhören, das den Feind verriet.
Der Wald war voller Laute, die ich nicht zu deuten wusste, ein Knarren und Ächzen der Bäume, das Rascheln kleiner Tiere im Unterholz, der ferne Ruf eines Käuzchens oder eines anderen Nachtvogels, und einmal ein langgezogenes, klagendes Heulen aus der Tiefe des Waldes, das Otto und mich erschauern ließ. Wir wussten nicht, ob es ein Wolf war oder ein Hund oder etwas anderes, das wir uns nicht auszumalen wagten, und wir flüsterten kaum, denn jeder Laut schien in dieser Stille verstärkt. Ich lauschte und starrte, bis die Augen mir tränten und die Dunkelheit vor mir zu wabern und sich zu bewegen begann, sodass ich mehrmals den Finger schon am Abzug hatte und nur Otto mich mit einer Hand auf meinem Arm zurückhielt.
Das, was ich für eine Gestalt gehalten hatte, war nur ein Strauch oder ein Baumstumpf, dem meine überreizten Sinne Leben verliehen, und in den langen Stunden dieser Wache, in der die Furcht und die Müdigkeit miteinander rangen, sprach Otto leise von Dingen, über die wir am Tage nicht sprachen. Er sprach von seiner Mutter und seinen Schwestern, von dem Mädchen, das er zu Hause hatte und das Anna hieß und auf das er zurückzukehren hoffte, und er fragte mich, ob ich glaube, dass wir wieder heimkehren würden. Ich sagte ihm, dass ich es glaube, dass ich fest daran glaube, obgleich ich es in jener Nacht selbst kaum noch glaubte, denn nach allem, was ich an diesem Tag gesehen hatte, nach den elf Männern, die der Morgen noch lebend gesehen und der Abend tot wusste, war mir der Glaube an die Heimkehr brüchig geworden wie altes Glas.
Doch ich sagte es ihm dennoch, denn ich wusste, dass er es brauchte, so wie ich es brauchte, und manchmal, das lernte ich in jenem Krieg, ist eine Lüge, die man aus Liebe sagt, mehr wert als die nackte Wahrheit. Vielleicht ist es überhaupt keine Lüge, sondern eine andere Art von Wahrheit, die Wahrheit dessen, woran man sich festhalten muss, um nicht zu versinken, und als die Ablösung kam und wir uns in unsere Mulden legten, lag ich noch lange wach. Ich horchte in den Wald und dachte an Otto und an Anna und an die Heimat und an den Tod, der überall lauerte, und über den Wipfeln der Bäume, wo ich durch eine Lücke ein Stück des Himmels sah, zogen langsam die Sterne ihre uralte Bahn, gleichgültig gegen alles, was unter ihnen geschah.
Der sechzehnte Juli 1941, ich schreibe im Wald bei abgeschirmtem Licht, denn offenes Feuer ist verboten, und die Hände wollen mir kaum gehorchen, nicht vor Kälte, sondern vor etwas anderem, das ich nicht zu benennen weiß. Heute habe ich zum ersten Mal verstanden, was Artillerie bedeutet, und am Morgen marschierten wir müde wie immer, und ich kannte die Gesichter um mich her, und am Abend sind elf von ihnen nicht mehr. Sieben tot, vier verwundet, und der Junge aus Bamberg, dessen Hand ich gehalten habe, wird vielleicht durchkommen, sagt Lindner, aber das Bein ist schlimm dran. Ich höre noch sein Schreien, wenn ich die Augen schließe, und es kam aus heiterem Himmel, kein Feind zu sehen, keine Warnung, nur das Heulen und dann das Feuer.
Man kann sich nicht wehren, man liegt im Dreck und betet, und ich habe gebetet, ich, der ich seit der Konfirmation kaum noch gebetet habe, und Weiß hat uns gerettet, seine Stimme hat mich aus der Starre gerissen. Ohne ihn wären wir mehr gewesen, und Otto hat mich heute Nacht gefragt, ob wir heimkehren, und ich habe ja gesagt, ich weiß nicht, ob es wahr ist, aber ich will, dass es wahr ist. Er hat ein Mädchen daheim, Anna, und ich denke an meine Eltern und kann mir ihr Gesicht kaum noch deutlich vorstellen, und das macht mir mehr Angst als die Granaten. Wie kann man vergessen, wie die eigene Mutter aussieht, der Krieg nimmt einem alles, auch die Erinnerung, und ich will nicht vergessen. Gott, lass mich nicht vergessen.
