„Niemand war auf diesen Winter vorbereitet“ – Grausame Erinnerungen aus der Schlacht um Moskau

„Niemand war auf diesen Winter vorbereitet“ – Grausame Erinnerungen aus der Schlacht um Moskau

Der russische Winter 1941 hat die Wehrmacht nicht nur gestoppt, sondern zermalmt. Was als blitzartiger Siegeszug begann, endete in einer der größten militärischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Hunderttausende junger Männer wurden in eine Hölle geschickt, auf die sie weder körperlich noch seelisch vorbereitet waren.

Die deutsche Führung hatte im Sommer 1941 noch geglaubt, der Krieg im Osten sei beinahe gewonnen. Die Wehrmacht eroberte in wenigen Wochen gewaltige Gebiete, nahm hunderttausende sowjetische Soldaten gefangen und kesselte ganze Armeen ein. Die Stimmung unter den Truppen war eine Mischung aus Erschöpfung und Siegesgewissheit. Viele Soldaten schrieben in ihren Feldpostbriefen nach Hause, dass sie zu Weihnachten zurück sein würden. Sie glaubten, was man ihnen versprochen hatte: dass die Sowjetunion ein Koloss auf tönernen Füßen sei, der beim ersten ernsthaften Stoß zusammenbrechen werde.

Doch niemand, weder die Generäle in ihren Hauptquartieren noch die einfachen Landser in ihren Schützengräben, ahnte, was in den kommenden Monaten auf sie zukommen würde. Niemand war auf diesen Winter vorbereitet. Die Geschichte der Schlacht um Moskau ist keine Geschichte von Strategien und Pfeilen auf Landkarten. Sie ist die Geschichte von hunderttausenden junger Männer, die in eine Hölle geschickt wurden, auf die sie weder körperlich noch seelisch vorbereitet waren. Sie ist die Geschichte von erfrorenen Gliedmaßen, von Männern, die neben ihren toten Kameraden schliefen, weil die Körperwärme der Verstorbenen noch für wenige Stunden Schutz vor der tödlichen Kälte bot. Sie ist die Geschichte einer Armee, die an den Grenzen menschlicher Belastbarkeit zerbrach.

Am 2. Oktober 1941 begann die Operation Taifun, der deutsche Angriff auf Moskau. Auf dem Papier sah der Plan überzeugend aus. Drei Panzergruppen und drei Armeen, insgesamt rund eine Million Soldaten, sollten in einer gewaltigen Zangenbewegung die sowjetische Hauptstadt einschließen und erobern. Die Wehrmacht verfügte noch immer über eine beeindruckende Schlagkraft, und die ersten Tage des Angriffs schienen den Optimismus der Führung zu bestätigen. Bei Wjasma und Brjansk gelang es den deutschen Truppen, mehrere sowjetische Armeen einzukesseln. Über 600.000 Rotarmisten gerieten in Gefangenschaft. Es war ein Sieg, der in den Zeitungen des Reiches als Beweis dafür gefeiert wurde, dass der Feldzug bald vorbei sein werde.

Doch hinter den Schlagzeilen sah die Wirklichkeit bereits ganz anders aus. Die Soldaten, die an der Front standen, spürten es als erste. Nach Monaten ununterbrochenen Kampfes seit dem 22. Juni waren die Divisionen ausgedünnt. Kompanien, die mit 180 Mann angetreten waren, zählten oft nur noch 60 oder 70 einsatzfähige Soldaten. Die Fahrzeuge waren nach tausenden Kilometern auf unbefestigten russischen Straßen verschlissen. Die Ersatzteillage war katastrophal. Viele Panzer standen still, nicht weil sie im Kampf zerstört worden waren, sondern weil ein einzelnes defektes Bauteil fehlte, das irgendwo in den endlosen Weiten zwischen Berlin und der Front festhing. Die Nachschublinien erstreckten sich über mehr als 1500 Kilometer, und jeder Kilometer war ein potentieller Engpass. Munition, Treibstoff, Nahrung – alles kam in unzureichenden Mengen an der Front an.

Und dann war da noch etwas, das in den Planungen der Führung schlichtweg keine Rolle gespielt hatte: die Rasputiza. Dieses russische Wort für die Schlammperiode verwandelte ab Mitte Oktober die Landschaft in ein bodenloses Meer aus Schlamm. Der Regen, der wochenlang fiel, weichte die unbefestigten Wege auf, bis sie zu zähen Schlammflüssen wurden, in denen Fahrzeuge, Pferde und Menschen versanken. Lastwagen, die dringend benötigten Nachschub transportierten, blieben bis zu den Achsen im Morast stecken und mussten von Soldaten, die selbst kaum noch stehen konnten, mit bloßen Händen freigeschaufelt werden. Ein einzelner Kilometer Vormarsch konnte Stunden dauern. Ganze Kolonnen stauten sich auf den wenigen befestigten Straßen, und wenn sowjetische Flugzeuge diese Stauungen entdeckten, verwandelten sie sich in Todesfallen.

Die Pferde, auf die die Wehrmacht noch immer in hohem Maße angewiesen war, brachen unter der Belastung zusammen. Tausende verendeten am Straßenrand, und ihr Gestank mischte sich mit dem Geruch von Diesel und dem allgegenwärtigen modrigen Geruch des Schlamms zu einer Mischung, die sich in das Gedächtnis der Soldaten einbrannte. Die Stimmung unter den Truppen begann sich merklich zu verändern. Die Siegesgewissheit des Sommers wich einer dumpfen Resignation. Die Soldaten waren müde, durchnässt und hungrig. Warme Mahlzeiten waren selten geworden, weil die Feldküchen im Schlamm stecken geblieben waren. Viele ernährten sich tagelang von hartem Brot und kaltem Wasser. In den Feldpostbriefen dieser Tage taucht ein Wort immer wieder auf: das Wort Erschöpfung.

Ein Gefreiter der 256. Infanteriedivision schrieb am 28. Oktober an seine Frau, dass er seit vier Tagen nicht geschlafen habe und dass seine Stiefel so durchnässt seien, dass er seine eigenen Füße nicht mehr spüren könne. Er schrieb, er wolle nur noch nach Hause, und er fragte sich, ob dieser Krieg jemals enden werde. Es war ein Brief voller Verzweiflung, geschrieben von einem Mann, der wenige Monate zuvor noch voller Zuversicht aufgebrochen war. Tausende solcher Briefe wurden in diesen Wochen geschrieben. Nicht alle erreichten ihre Empfänger.

Was die Männer an der Front besonders quälte, war nicht nur die körperliche Erschöpfung, sondern das Gefühl, vergessen worden zu sein. Die Nachrichten aus der Heimat klangen wie Botschaften aus einer anderen Welt. In Deutschland feierte man die Siege, die längst Wochen zurücklagen, und in den Wochenschauen sah man lächelnde Soldaten, die durch sonnige Landschaften marschierten. Die Wirklichkeit im Oktober 1941 war eine andere. Die Wirklichkeit bestand aus endlosem Regen, aus Schlamm, der bis zur Hüfte reichte, aus Fahrzeugen, die wie Grabsteine am Straßenrand standen, und aus dem leisen, beständigen Husten der Männer, die bereits die ersten Anzeichen von Lungenentzündungen zeigten.

Die medizinische Versorgung war völlig unzureichend. Verbandsmaterial ging zur Neige, Medikamente waren Mangelware, und die Feldlazarette lagen so weit hinter der Front, dass verwundete Soldaten oft Tage warten mussten, bevor sie behandelt werden konnten. Viele überlebten den Transport nicht. Sie starben auf den Ladeflächen von Lastwagen, die sich durch den Schlamm quälten, und ihre Kameraden mussten weiter marschieren, ohne Zeit für eine Beerdigung zu haben. Man legte die Toten an den Straßenrand, markierte die Stelle mit einem Helm auf einem Stock und hoffte, dass irgendwann jemand kommen würde, um sie zu begraben. Oft kam niemand.

In den Stäben der höheren Führung war man sich der prekären Lage durchaus bewusst, doch der Druck, Moskau noch vor dem Winter zu erreichen, ließ keine Pause zu. Generalfeldmarschall Fedor von Bock, der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte, drängte auf die Fortsetzung des Angriffs, obwohl seine Divisionskommandeure ihm täglich meldeten, dass die Truppe am Ende ihrer Kräfte sei. Die Berichte, die von der Front nach oben gingen, wurden auf dem Weg nach Berlin immer optimistischer, weil niemand der Überbringer schlechter Nachrichten sein wollte. So entstand ein Bild der Lage, das mit der Realität immer weniger zu tun hatte. Die Führung plante einen Sieg, während die Soldaten ums Überleben kämpften. Dieser Widerspruch sollte in den kommenden Wochen zu einer Tragödie führen, deren Ausmaß selbst die schlimmsten Befürchtungen übertraf.

Doch die Schlammperiode war nur das Vorspiel. Sie war unangenehm, sie war zermürbend, sie kostete Zeit und Kraft, aber sie war nicht tödlich. Das Tödliche kam mit dem Frost. Ende Oktober begannen die Temperaturen zu fallen. Zunächst langsam, dann immer schneller. Die Nächte wurden bitter kalt, und der Schlamm, der eben noch jede Bewegung unmöglich gemacht hatte, gefror zu einer steinharten, zerklüfteten Fläche, die Räder und Achsen zertrümmerte. Die Soldaten, die den Schlamm verflucht hatten, sehnten sich bald nach ihm zurück, denn was nun kam, war um ein Vielfaches schlimmer.

Anfang November fielen die Temperaturen auf minus 20 Grad, dann auf minus 25, dann auf minus 30, und die deutschen Soldaten standen in ihren Sommeruniformen da. Es ist eine der unfassbarsten Tatsachen des Zweiten Weltkrieges, dass die Wehrmacht im Oktober 1941 über keine ausreichende Winterausrüstung verfügte. Die Planungen waren davon ausgegangen, dass der Feldzug vor Einbruch des Winters beendet sein würde. Pelzmäntel, gefütterte Stiefel, Frostschutzmittel für die Motoren – all das war entweder gar nicht produziert oder irgendwo im rückwärtigen Gebiet gelagert worden und konnte über die zusammengebrochenen Nachschubwege nicht an die Front gebracht werden.

Die Soldaten trugen dünne Feldmäntel, die für einen milden Herbst in Frankreich geeignet gewesen wären, aber nicht für einen russischen Winter. Ihre Stiefel waren aus Leder, das in der Kälte hart wurde wie Holz und die Füße nicht wärmte, sondern erfrieren ließ. Sie wickelten sich Zeitungspapier um die Beine, stopften Stroh in ihre Stiefel, zogen sich die Kleidung gefallener Kameraden oder sowjetischer Soldaten über – alles, um der Kälte zu entkommen. Doch es half kaum. Wer sich nachts hinlegte, ohne eine Feuerstelle in der Nähe zu haben, riskierte, nicht mehr aufzuwachen. Die Wachen, die in den Stellungen stehen mussten, erfroren manchmal im Stehen, und ihre Kameraden fanden sie am Morgen aufrecht, mit offenen Augen, das Gewehr noch in den Händen, aber leblos.

Es waren junge Männer, neunzehn, zwanzig Jahre alt, die noch wenige Monate zuvor auf den Feldern ihrer Heimatdörfer gearbeitet oder in den Werkstätten ihrer Väter gelernt hatten. Nun standen sie erfroren in einer Landschaft, die ihnen so fremd war wie ein anderer Planet, und niemand konnte ihnen helfen. Die Motorenöle, die für mitteleuropäische Temperaturen ausgelegt waren, wurden bei der Kälte dickflüssig und schließlich fest. Panzer und Lastwagen sprangen morgens nicht mehr an. Die Soldaten versuchten, unter den Fahrzeugen kleine Feuer zu entzünden, um die Motoren aufzuwärmen. Doch häufig gerieten dabei Benzinleitungen in Brand, und die ohnehin knappen Fahrzeuge wurden durch die eigenen Männer zerstört.

Selbst die Gewehre versagten. Das Fett in den Verschlüssen fror ein, und wenn ein Soldat den Abzug betätigen wollte, passierte nichts. Die Männer mussten ihre Waffen am Körper tragen, unter der Kleidung, dicht an der Haut, um sie funktionsfähig zu halten. Die Artilleriegranaten mussten vor dem Abschuss stundenlang in beheizten Unterständen gelagert werden, sofern es beheizte Unterstände überhaupt gab. Eine Armee, die für den Blitzkrieg gebaut worden war, für schnelle Vorstöße in warmem Wetter, stand nun erstarrt in einer Welt aus Eis und konnte sich kaum noch bewegen. Der russische Winter war gnadenlos, und er hatte gerade erst begonnen.

Mitte November 1941 unternahm die Wehrmacht einen letzten verzweifelten Versuch, Moskau zu erreichen. Der Frost hatte den Schlamm in eine harte Oberfläche verwandelt, und für einen kurzen Moment schien es, als könnte die Armee wieder vorankommen. Die Panzer rollten wieder, die Lastwagen fuhren, und die Generäle in ihren Hauptquartieren schöpften neue Hoffnung. Doch diese Hoffnung war trügerisch, denn der gleiche Frost, der den Boden befahrbar machte, tötete die Soldaten. Die Temperaturen fielen im Laufe des Novembers auf minus 35 Grad, an manchen Tagen sogar darunter, und die Männer, die in ihren dünnen Uniformen über die gefrorene Steppe marschierten, bezahlten für jeden Kilometer mit ihrem Blut und ihrem Fleisch.

Die Erfrierungen nahmen ein Ausmaß an, das die Sanitätsdienste völlig überforderte. In manchen Divisionen fielen mehr Soldaten durch Erfrierungen aus als durch Feindeinwirkung. Die Ärzte in den Feldlazaretten berichteten von Szenen, die sie niemals vergessen konnten. Männer, denen man die Stiefel ausziehen wollte, verloren dabei ihre Zehen, weil das Fleisch am gefrorenen Leder festgefroren war und sich beim Abziehen vom Knochen löste. Finger, die um den Abzug eines Gewehrs gekrümmt waren, ließen sich nicht mehr strecken, weil die Gelenke erfroren waren. Die Nase, die Ohren, die Wangen – alles, was der Kälte ausgesetzt war, wurde weiß, dann schwarz, und schließlich fiel das tote Gewebe ab. Es waren Verletzungen, die keinen Feind brauchten. Die Kälte allein war der tödlichste Gegner, den diese Armee je gehabt hatte.

Trotz allem rückte die Wehrmacht im November noch vor. Die dritte und die vierte Panzergruppe drängten von Norden und Nordwesten auf Moskau zu, während die zweite Panzerarmee unter Generaloberst Heinz Guderian von Süden her versuchte, die Stadt zu umfassen. Am 23. November erreichten Vorausabteilungen der siebten Panzerdivision die Brücke bei Jachroma über den Moskau-Wolga-Kanal, nur 35 Kilometer nördlich des Kremls. Es war der nächste Punkt, den deutsche Truppen jemals an Moskau herankommen sollten. Aufklärungssoldaten berichteten, dass sie in der Ferne die Türme der Stadt sehen konnten, wenn die Luft klar genug war. Moskau lag zum Greifen nahe, und doch war es unerreichbar.

Denn die Männer, die dort standen und auf die Silhouette der feindlichen Hauptstadt blickten, waren keine siegreiche Armee mehr. Sie waren das Überbleibsel einer Armee, Schatten ihrer selbst, ausgezehrt, verfroren und am äußersten Rand dessen, was ein menschlicher Körper ertragen kann. Die Versorgungslage war zu diesem Zeitpunkt vollständig zusammengebrochen. Die Eisenbahnlinien, die den Nachschub aus dem Reich heranführen sollten, waren durch Partisanenangriffe und die unterschiedliche Spurweite des russischen Gleisnetzes nur eingeschränkt nutzbar. Was an der Front ankam, reichte bei weitem nicht aus. Die tägliche Brotration der Soldaten war auf 200 Gramm gekürzt, kaum genug, um den Grundbedarf eines ruhenden Menschen zu decken, geschweige denn den eines Soldaten, der bei extremer Kälte kämpfte und marschierte.

Warme Verpflegung gab es oft tagelang nicht, weil das Wasser in den Feldküchen gefror, bevor es kochte, und weil der Treibstoff zum Heizen für die Fahrzeuge gebraucht wurde. Die Männer aßen gefrorenes Brot, das so hart war, dass man es mit dem Bajonett in Stücke schlagen musste, und sie tranken geschmolzenen Schnee, der ihren Körper noch weiter auskühlte. Manche schlachteten die Pferde, die am Straßenrand verendet waren, und brieten das Fleisch über kleinen Feuern, die sie aus Munitionskisten und zerschlagenen Möbeln entfachten, die sie aus den verlassenen russischen Dörfern geholt hatten. Doch selbst diese Feuer waren gefährlich, denn ihr Licht und ihr Rauch zogen sowjetische Artillerie und Scharfschützen an. Wer sich wärmen wollte, machte sich zur Zielscheibe. Wer sich nicht wärmte, erfror. Es war eine Wahl, die keine wirkliche Wahl war.

In den Nächten, wenn die Temperaturen noch tiefer sanken, drängten sich die Soldaten in den Ruinen russischer Bauernhäuser zusammen, sofern sie welche fanden. Oft lagen 20, 30 Männer auf dem Boden eines kleinen Raumes, dicht an dicht wie Sardinen, und versuchten, sich gegenseitig zu wärmen. Der Gestank war unerträglich, denn die Männer konnten sich seit Wochen nicht waschen. Ihre Kleidung war verschmutzt und von Läusen befallen, und viele litten an Durchfallerkrankungen, die ihre ohnehin geschwächten Körper weiter auszehrten. Wer nachts nach draußen musste, um seine Notdurft zu verrichten, kehrte manchmal nicht zurück, weil er im Dunkeln den Weg verlor oder einfach zu schwach war, um gegen den eisigen Wind zurückzugehen. Am Morgen fand man sie dann wenige Meter vom Haus entfernt, zusammengekrümmt im Schnee, mit einem Gesichtsausdruck, der weniger Schmerz als Erschöpfung ausdrückte, als hätten sie sich einfach hingelegt und den Tod akzeptiert, weil der Kampf gegen die Kälte sinnlos geworden war.

Die sowjetische Seite war keineswegs untätig. Während die Wehrmacht sich in ihrem letzten Kraftakt verausgabte, sammelte die Rote Armee frische Reserven. Aus Sibirien und dem fernen Osten trafen die Divisionen ein, die für den Winterkrieg ausgebildet und ausgerüstet waren. Diese Soldaten trugen wattierte Jacken, Pelzmützen und Filzstiefel, die ihre Füße auch bei minus 40 Grad warm hielten. Ihre Waffen waren mit winterfestem Öl behandelt, ihre Fahrzeuge mit Frostschutzmittel versorgt. Für die deutschen Soldaten, die diesen Truppen gegenüberstanden, war der Anblick der gut ausgerüsteten Sibirier ein Schock. Es war, als kämpfe man gegen eine Armee aus einer anderen Welt, gegen Männer, für die dieser Winter kein Feind war, sondern ein Verbündeter.

Die sowjetischen Truppen bewegten sich auf Skiern durch den Schnee, lautlos und schnell, und sie tauchten dort auf, wo die deutschen Linien am dünnsten waren. Die Überfälle kamen oft in der Nacht, begleitet vom Geheul der Katjuscha-Raketenwerfer, die die Soldaten Stalinorgel nannten, weil ihr Klang an das grauenhafte Dröhnen einer Orgel erinnerte. Das Geräusch allein jagte den Männern einen Schrecken ein, der tief in die Knochen ging, denn wer es hörte, wusste, dass in wenigen Sekunden Dutzende von Raketen auf seine Stellung niedergehen würden, und es gab nichts, was man dagegen tun konnte, außer sich in den gefrorenen Boden zu pressen und zu beten.

Am 5. Dezember 1941 begann die sowjetische Gegenoffensive. Der Schlag traf die Wehrmacht mit einer Wucht, die niemand erwartet hatte. Auf einer Frontbreite von über 1000 Kilometern griffen frische sowjetische Divisionen die erschöpften deutschen Stellungen an. Die Überraschung war vollkommen. Die deutsche Aufklärung hatte die Stärke der sowjetischen Reserven massiv unterschätzt, teils aus Unfähigkeit, teils aus dem Unwillen, Nachrichten zu akzeptieren, die nicht in das Bild des bevorstehenden Sieges passten. Die Folge war ein Zusammenbruch, der sich wie eine Kettenreaktion entlang der gesamten Front ausbreitete. Einheiten, die seit Wochen nur noch auf dem Papier die Stärke von Divisionen hatten, in Wirklichkeit aber kaum ein Regiment zusammenstellen konnten, wurden überrannt oder mussten sich unter chaotischen Umständen zurückziehen.

Der Rückzug im Dezember 1941 gehört zu den dunkelsten Kapiteln der deutschen Militärgeschichte. Es war kein geordneter Rückzug, keine planmäßige Verkürzung der Front, wie es die Berichte später darstellten. Es war eine Flucht. Einheiten lösten sich auf, Kommandostrukturen zerbrachen, und auf den wenigen Straßen, die noch passierbar waren, stauten sich Kolonnen von Fahrzeugen, Pferdefuhrwerken und marschierenden Soldaten zu einem endlosen, verzweifelten Strom. Die sowjetische Luftwaffe, die nun die Überlegenheit am Himmel gewonnen hatte, griff diese Kolonnen immer wieder an, und jede Bombe, jeder Beschuss verwandelte den Rückzug in ein Blutbad.

Verwundete wurden auf den Ladeflächen von Lastwagen gestapelt, ohne Decken, ohne Versorgung, und viele erfroren während der Fahrt. Wer nicht mehr gehen konnte, wurde am Straßenrand zurückgelassen, und jeder wusste, was das bedeutete. Es bedeutete den Tod, entweder durch Erfrieren oder durch die nachrückenden sowjetischen Truppen. Kameraden, die sich seit Monaten kannten, mussten sich voneinander verabschieden in dem Wissen, dass sie sich nie wiedersehen würden. Ein Obergefreiter der 79. Infanteriedivision beschrieb diese Tage später mit Worten, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen. Er sagte, es sei gewesen, als marschiere man durch die eigene Beerdigung, nur dass man noch am Leben war und jeden Schritt spürte.

Die Panik, die sich in diesen Tagen ausbreitete, ergriff nicht nur die einfachen Soldaten, sondern auch die Offiziere und Generäle. Einige Kommandeure gaben eigenmächtig den Rückzug ihrer Einheiten an, ohne auf Befehle von oben zu warten, weil sie erkannten, dass ein weiteres Ausharren den sicheren Untergang bedeutete. Andere klammerten sich an die Befehle der Führung, die verlangte, jeden Meter Boden zu halten, und schickten ihre Männer in aussichtslose Gegenangriffe, die nichts brachten außer weiteren Toten. Die Spannung zwischen denen, die die Realität erkannten, und denen, die sie leugneten, zerriss die Befehlsketten und führte zu Entscheidungen, die tausenden Soldaten das Leben kosteten. Ganze Bataillone, die sich hätten retten können, wurden aufgerieben, weil ein Befehl aus einem Hauptquartier, das Hunderte von Kilometern entfernt lag, ihnen verbot, ihre Stellungen zu räumen. Die Männer in diesen Stellungen wussten, dass der Befehl ihr Todesurteil war, aber sie gehorchten, weil ihnen nichts anderes übrig blieb, und sie starben in Positionen, die am nächsten Tag ohnehin aufgegeben wurden.

Was in diesen Dezembertagen an der Front geschah, überstieg alles, was die meisten Soldaten jemals für möglich gehalten hätten. Die Verwundeten, die nicht transportiert werden konnten, wurden in Bauernhäusern zurückgelassen, manchmal mit einem Kameraden, der bei ihnen blieb, meistens aber allein. Sie lagen auf dem Boden, in schmutzige Decken gehüllt, und warteten auf etwas, das nicht kommen würde: auf Rettung, auf Hilfe, auf ein Ende des Schmerzes. Manche von ihnen schrieben letzte Briefe an ihre Familien mit Händen, die vor Kälte und Schwäche kaum noch den Stift halten konnten. Diese Briefe, von denen einige Jahrzehnte später gefunden wurden, sind Dokumente einer Verzweiflung, die sich kaum in Worte fassen lässt. Ein 19-jähriger Soldat aus Sachsen schrieb an seine Mutter, sie solle nicht traurig sein, denn er habe keine Schmerzen, obwohl die Ärzte ihm beide Füße hätten abnehmen müssen. Er schrieb, er werde schon zurechtkommen, und er bat sie, seinem kleinen Bruder zu sagen, dass er bald nach Hause komme. Der Brief wurde nie abgeschickt. Man fand ihn zusammengefaltet in der Brusttasche seiner Uniform, als man Wochen später das Haus erreichte, in dem er zurückgelassen worden war. Der junge Mann aus Sachsen war nicht nach Hause gekommen.

Die Pferde, die die Wehrmacht in riesiger Zahl im Osten einsetzte, litten ebenso wie die Menschen. Hunderttausende dieser Tiere verendeten im Winter 1941/42 an Erschöpfung, Hunger und Kälte. Sie brachen in den Geschirren zusammen und blieben liegen, wo sie fielen, weil niemand die Kraft hatte, sie von der Straße zu ziehen. Für die Soldaten, von denen viele vom Land kamen und mit Pferden aufgewachsen waren, war das Leiden der Tiere besonders schwer zu ertragen. Mancher Landser weinte um ein sterbendes Pferd, der längst keine Tränen mehr für seine gefallenen Kameraden hatte, weil die Trauer um Menschen irgendwann einer tauben Gleichgültigkeit gewichen war, die das Überleben ermöglichte, aber die Seele abtötete. Die Kadaver der Pferde säumten die Rückzugsstraßen zu Hunderten und verwandelten sich im Frost zu grotesken Eiskulpturen, die die Überlebenden noch Jahre später in ihren Albträumen verfolgten.

In Berlin reagierte die Führung auf die Krise mit einem Befehl, der die Lage weiter verschlimmerte. Am 16. Dezember erließ die oberste Führung den sogenannten Haltebefehl, der jede eigenmächtige Rückzugsbewegung verbot und die Truppen anwies, ihre Stellungen bis zum letzten Mann zu halten. Dieser Befehl, der in manchen Fällen tatsächlich eine völlige Auflösung der Front verhinderte, kostete in anderen Fällen tausenden Soldaten das Leben, die in unhaltbaren Positionen festgehalten wurden. Generäle, die sich widersetzten und ihre Truppen dennoch zurücknahmen, wurden abgelöst und vor Kriegsgerichte gestellt. Generaloberst Guderian, einer der fähigsten Panzerkommandeure der Wehrmacht, wurde am 26. Dezember seines Kommandos enthoben, weil er eigenmächtig Rückzugsbewegungen angeordnet hatte, um seine Soldaten vor der Vernichtung zu bewahren. Die Botschaft an die übrigen Befehlshaber war unmissverständlich: Wer seine Männer rettete, riskierte seine Karriere und seine Freiheit. Wer sie sterben ließ, handelte befehlsgemäß.

Die Kämpfe vor Moskau dauerten den gesamten Winter über an, doch die Entscheidung war bereits Mitte Dezember 1941 gefallen. Die Wehrmacht hatte ihr Ziel nicht erreicht. Moskau war nicht gefallen, und es würde nicht fallen. Die sowjetische Gegenoffensive drückte die deutschen Linien stellenweise um 100 bis 300 Kilometer zurück und brachte die Heeresgruppe Mitte an den Rand der Vernichtung. Was im Januar und Februar 1942 folgte, war ein zähes, blutiges Ringen um jeden Weiler, jede Kreuzung, jeden Waldrand, in dem beide Seiten unvorstellbare Verluste erlitten. Die deutschen Soldaten, die diese Wochen überlebten, sprachen später von einer Zeit, in der der Tod so allgegenwärtig war, dass er aufgehört hatte, etwas Besonderes zu sein. Man sah ihn morgens, wenn man aufwachte und der Kamerad neben einem nicht mehr atmete. Man sah ihn mittags, wenn eine Granate in eine Gruppe Soldaten einschlug, die gerade versuchten, eine gefrorene Konserve zu öffnen. Man sah ihn abends, wenn die Verwundeten auf dem Rückzug am Straßenrand liegen blieben, weil kein Platz mehr auf den Fahrzeugen war. Und man sah ihn nachts, wenn die sowjetischen Angriffe kamen und das Mündungsfeuer der Gewehre die Dunkelheit zerriss und die Schreie der Getroffenen durch die eisige Luft hallten.

Die Zahlen, die das Ausmaß der Katastrophe vor Moskau beschreiben, sind so gewaltig, dass sie beinahe abstrakt wirken. Zwischen Oktober 1941 und März 1942 verlor die Wehrmacht an der Ostfront insgesamt über 500.000 Mann, davon allein vor Moskau schätzungsweise 300.000 Gefallene, Verwundete, Vermisste oder Erfrorene. Mehr als 100.000 Soldaten erlitten schwere Erfrierungen, die in vielen Fällen Amputationen nach sich zogen. Junge Männer, die wenige Monate zuvor noch vollkommen gesund gewesen waren, kehrten als Krüppel in eine Heimat zurück, die nicht wusste, wie sie mit ihnen umgehen sollte, und die es oft auch nicht wollte. Die Verwundeten, die in die Heimatlazarette verlegt wurden, wurden dort nicht als Helden empfangen, sondern als unbequeme Mahnung an eine Wirklichkeit, die nicht zu den Siegesmeldungen der Propaganda passte. Viele von ihnen schwiegen über das, was sie erlebt hatten, nicht weil sie es vergessen hatten, sondern weil es keine Worte dafür gab und weil niemand es hören wollte. Sie trugen ihre Erinnerungen mit sich wie eine Last, die sie niemals ablegen konnten, und viele von ihnen wurden diese Last bis zu ihrem Lebensende nicht los.

Doch die Zahlen allein erzählen nur die halbe Geschichte. Die andere Hälfte liegt in dem, was diese Schlacht mit den Menschen machte, die sie überlebten. Die Soldaten, die im Frühjahr 1942 noch an der Front standen, waren andere Menschen als die, die im Sommer 1941 aufgebrochen waren. Die Zuversicht war verschwunden, der Glaube an einen schnellen Sieg zerstört, und an die Stelle der Kampfmoral war eine stumpfe Entschlossenheit getreten, die weniger mit Tapferkeit zu tun hatte als mit dem schlichten Instinkt, den nächsten Tag zu überleben. Viele hatten Dinge gesehen und getan, die sie als Zivilisten für unmöglich gehalten hätten. Sie hatten Kameraden sterben sehen, deren Namen sie kannten, deren Familien sie kannten, deren Geschichten sie kannten. Und sie hatten gelernt, darüber hinwegzugehen, weil Trauer ein Luxus war, den man sich an der Front nicht leisten konnte. Diese innere Verhärtung war der Preis des Überlebens, und sie hinterließ Narben, die tiefer waren als jede Schusswunde.

Für die Führung in Berlin war die Niederlage vor Moskau ein Schock, den man öffentlich nicht eingestehen konnte und privat nicht wahrhaben wollte. In den Wochen nach Beginn der sowjetischen Gegenoffensive wurden zahlreiche Generäle entlassen oder versetzt, darunter neben Guderian auch Generalfeldmarschall von Bock selbst, der am 19. Dezember von seinem Posten als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte abgelöst wurde. Die Entlassungen waren der Versuch, Schuldige zu finden für ein Scheitern, das in Wahrheit seinen Ursprung in den grundlegenden Fehleinschätzungen der gesamten Feldzugsplanung hatte. Man hatte die Sowjetunion unterschätzt, ihre Fähigkeit, neue Armeen aufzustellen, ihren Willen zum Widerstand und vor allem die Macht des russischen Winters, der seit Jahrhunderten Armeen verschlungen hatte, die den Fehler begingen, sich auf sein Gebiet zu wagen. Napoleon hatte diese Erfahrung 129 Jahre zuvor gemacht, und die Parallelen, die sich im Winter 1941 aufdrängten, waren so offensichtlich, dass selbst die Soldaten in ihren Schützengräben darüber sprachen. Man hatte die Fehler der Vergangenheit nicht gelernt, und der Preis dafür wurde in Menschenleben bezahlt.

Ein besonders grausames Kapitel dieses Winters waren die Schicksale der Verwundeten, die in den Lazaretten hinter der Front lagen. Die Eisenbahntransporte, die sie nach Westen bringen sollten, waren hoffnungslos überfüllt. Männer mit offenen Wunden, mit amputierten Gliedmaßen, mit schweren Erfrierungen lagen auf den blanken Holzböden der Waggons, ohne Heizung, ohne ausreichende medizinische Betreuung, und die Fahrt, die unter normalen Umständen Tage gedauert hätte, zog sich über Wochen hin, weil die Gleise beschädigt, blockiert oder von Partisanen unterbrochen waren. In den Waggons herrschten Temperaturen, die kaum über dem Gefrierpunkt lagen, und der Gestank von Blut, Eiter und Verwesung war so durchdringend, dass die Sanitäter, die diese Züge begleiteten, noch Jahre später den Geruch nicht vergessen konnten. Wer die Fahrt überlebte, kam in einem Zustand in den Heimatlazaretten an, der die Ärzte dort erschütterte, obwohl sie längst an den Anblick schwerer Verletzungen gewöhnt waren. Die Erfrierungen waren oft so fortgeschritten, dass ganze Gliedmaßen schwarz und abgestorben waren und sofort amputiert werden mussten. Männer, die mit zwei gesunden Beinen in den Krieg gezogen waren, kehrten ohne Füße zurück, manche ohne Hände, manche ohne beides. Sie waren Anfang 20 und hatten ein ganzes Leben vor sich. Ein Leben, das nun für immer gezeichnet sein würde von dem, was ihnen in diesem Winter angetan worden war.

Auch die seelischen Wunden dieser Schlacht waren verheerend und sind bis heute wenig erforscht. In den Jahr