Die Rauchsäule über Smolensk war bereits aus zwanzig Kilometern Entfernung sichtbar, ein schwarzes, träge waberndes Mal am östlichen Horizont, das die Sonne in einen kranken, rötlichgelben Schein tauchte. Was die Vorhut der deutschen Wehrmacht dort erwartete, war kein gewöhnliches Gefecht, sondern der Vorbote einer Hölle, die sich in den kommenden Tagen über die alte Zarenstadt am Dnjepr legen sollte. Die Einnahme von Smolensk, die in den offiziellen Wehrmachtsberichten als strategischer Erfolg gefeiert wurde, entpuppte sich für die Männer an der Front als ein Albtraum aus Feuer, Rauch und einem Häuserkampf, der jede Vorstellung von Krieg übertraf.
Der Zug des Martin Adler, eine Einheit, die bereits die brennenden Dörfer und die ersten Gefechte an der Brücke überlebt hatte, wurde in das Herz dieses Infernos hineingezogen. Der Lärm war ohrenbetäubend, ein vielstimmiges Tosen aus dem Krachen der Artillerie, dem Hämmern der Maschinengewehre und dem dumpfen, unaufhörlichen Grollen, das wie ein Gewitter über dem Land lag. In den seltenen Atempausen des Geschützfeuers hörte man das Knistern und Prasseln der Brände, das von der Stadt herüberscholl wie das Atmen eines riesigen, gefräßigen Tieres. Die Straßen waren ausgebrannte Skelette aus geschwärztem Mauerwerk, durch deren leere Fensterhöhlen der rote Schein der inneren Brände loderte. Die Hitze war so gewaltig, dass die Soldaten die Gesichter mit den Händen schützen mussten, während der Rauch so dicht in den Gassen hing, dass sie kaum die Hand vor Augen sahen.
Überall lagen Trümmer, geborstene Mauern, umgestürzte Fuhrwerke, ausgebrannte Fahrzeuge. Und zwischen den Trümmern lagen die Toten, deutsche und russische Soldaten und zuweilen auch Zivilisten, alte Menschen, die nicht mehr hatten fliehen können. Der Anblick übte eine furchtbare Anziehung aus, der sich niemand entziehen konnte. Leutnant Bcker führte die Männer mit gezogener Pistole, sein Gesicht eine starre Maske der Anstrengung, die Fassung zu bewahren. Feldwebel Weiß, der unermüdliche Fels in der Brandung, trieb die Nachzügler an und hielt die Einheit zusammen, immer wieder einzelne Namen rufend, prüfend, ob noch alle da waren, denn in diesem Chaos aus Rauch, Lärm und Feuer war es ein Leichtes, den Anschluss zu verlieren und sich in den brennenden Gassen zu verirren.
Der Häuserkampf, von dem die alten Soldaten mit gesenkter Stimme sprachen, entpuppte sich als die grausamste Form des Krieges. In den Trümmern einer Stadt verlor der Krieg jene letzte Ordnung, die ihm im offenen Feld noch eigen war, und wurde zu einem Gemetzel auf engstem Raum, Mann gegen Mann, Haus gegen Haus, Zimmer gegen Zimmer. Der Tod lauerte hinter jeder Mauer, in jedem Fenster, in jedem Kellerloch. Man erblickte den Feind oft erst, wenn es bereits zu spät war. Die Männer kämpften sich vor durch eine Straße, deren Häuser teils noch standen und teils in Trümmern lagen. Der Feind hatte sich in den oberen Stockwerken und in den Kellern eingenistet und feuerte aus dem Hinterhalt. Sie konnten nicht sehen, woher die Schüsse kamen, hörten nur das peitschende Krachen und das Klatschen der Einschläge in das Mauerwerk umher. Sie warfen sich in Hauseingänge und hinter Trümmerhaufen und feuerten zurück auf Fenster, in denen sie einen Schatten zu erkennen glaubten, oft ohne zu wissen, ob sie trafen oder ins Leere schossen.
Erich Vogt hatte sein Maschinengewehr in einem Hauseingang in Stellung gebracht und hielt die Fenster der gegenüberliegenden Häuser unter Feuer, sodass die anderen unter seinem Schutz vorrücken konnten. Das Hämmern der Waffe, das Rasseln der Gurte, der beißende Pulverqualm, alles vermischte sich zu einem einzigen Rausch des Schreckens, in dem kaum noch gedacht wurde, sondern nur noch gehandelt wie ein Tier, das um sein Leben kämpft. Sie nahmen ein Haus, indem sie die Tür aufsprengten und Handgranaten in die Räume warfen und dann hineinstürmten in den Rauch und den Staub. Eine Szene in jenem Haus sollte Martin Adler für immer verfolgen: ein junger russischer Soldat, der hinter einem umgestürzten Schrank kauerte und auf ihn zielte. Adler sah ihn eine Sekunde, ehe er ihn sah, und drückte ab, ehe er es tat. Der Russe fiel zurück gegen die Wand und rutschte langsam zu Boden. Sein Gesicht, das in jenem Augenblick zugewandt war, das Gesicht eines Jungen, kaum älter als Adler, mit weit aufgerissenen Augen, voll Erstaunen und Schmerz, dieses Gesicht hat ihn seither nicht mehr verlassen.

Adler hatte zuvor wohl Menschen getötet in dem blinden Feuern an der Brücke, in dem wirren Gefecht. Doch nie hatte er einem Menschen ins Gesicht gesehen, während er ihn tötete. Nie hatte er diesen einen bestimmten Menschen aus der Nähe erblickt, sein Leben und sein Sterben. Er stand über ihm und konnte sich nicht rühren, bis Otto ihn am Arm packte und weiter zerrte, denn es war keine Zeit und der Kampf ging weiter, von Raum zu Raum, von Haus zu Haus. Adler folgte ihm wie ein Schlafwandler. In ihm war etwas zerbrochen, das nie wieder ganz gefügt werden sollte. Den ganzen Tag und bis tief in die Nacht hinein währte dieser Kampf. Meter um Meter, Haus um Haus wurden gewonnen. Der Preis war furchtbar. Aus dem Zug fielen an jenem Tag mehr Männer als in allen Gefechten zuvor zusammen. Kameraden, die Adler gekannt und lieb gewonnen hatte, stürzten in den Trümmern und blieben liegen. Es gab keine Zeit, um sie zu trauern, keine Zeit, um auch nur inne zu halten, denn der Befehl trieb sie vorwärts, immer vorwärts durch das Feuer und den Rauch und das Sterben.
Feldwebel Weiß kämpfte unter ihnen wie ein Löwe und war doch überall zugleich, riss die Zögernden mit, deckte die Verwundeten, gab Befehle mit jener kalten, klaren Stimme, die selbst in diesem Inferno nicht versagte. Adler begriff in jener Nacht, dass dieser Mann es war, der sie am Leben hielt, der aus einem Haufen verängstigter Jungen eine kämpfende Truppe machte. Er hängte sich an ihn wie an einen Fels in der Brandung. Gegen Morgen, als das erste graue Licht durch den Rauch zu dringen begann, hatten sie ihren Abschnitt der Stadt genommen. Sie kauerten erschöpft in einem ausgebrannten Haus, schwarz von Ruß, taub dem Lärm, leer im Inneren wie ausgebrannte Hülsen. Keiner sprach. Adler saß an eine Wand gelehnt und starrte vor sich hin und sah immer wieder das Gesicht des jungen Russen. Er fragte sich, was aus ihm geworden war in dieser einen Nacht.
Als das Gefecht in ihrem Abschnitt verstummt war und nur noch in der Ferne am anderen Ende der Stadt das Grollen weiterklang, begann jene andere stille Arbeit, die dem Kampf folgte, wie der Schatten dem Licht: das Bergen und Versorgen der Verwundeten. Adler wurde mit anderen abkommandiert, Josef Lindner zur Hand zu gehen, denn der Sanitäter allein vermochte die Menge der Verletzten nicht zu bewältigen. So lernte Adler an jenem Morgen eine Seite des Krieges kennen, die ihm bis dahin verborgen geblieben war: das lange, schwere Leiden derer, die der Tod nicht sogleich genommen hatte, sondern die zwischen Leben und Sterben dahinschwebten, oft stundenlang in einer Qual, die zu lindern in ihrer Macht nur wenig stand. Sie trugen sie zusammen aus den Trümmern, aus den Kellern, aus den Hauseingängen, in denen sie sich verkrochen hatten, und legten sie nebeneinander in einem halbwegs erhaltenen Gebäude, das Lindner zum Verbandplatz bestimmt hatte. Adler sah Wunden, von denen er nicht gewusst hatte, dass ein menschlicher Körper sie ertragen und dabei noch leben konnte: zerschmetterte Glieder, aufgerissene Leiber, Gesichter, die keine Gesichter mehr waren. Das Stöhnen und Wimmern und zuweilen das gellende Schreien dieser Männer erfüllte den Raum und drang ihm bis ins Mark. Er biss die Zähne zusammen und tat, was zu tun war, hielt die Verbände, reichte das Wasser, hielt die Hände derer, die nach einer Hand verlangten.

Josef Lindner arbeitete in jenen Stunden mit einer Ruhe und einer Geschicklichkeit, die Adler wie ein Wunder erschien, denn er war kein ausgebildeter Arzt, sondern nur ein einfacher Sanitäter, ein stiller, sanfter Mensch, der vor dem Krieg, wie Adler später erfuhr, in einem Krankenhaus als Pfleger gearbeitet hatte. Und doch verband er und schiente und stillte das Blut mit Händen, die nicht zitterten, und er sprach dabei unablässig mit leiser, beruhigender Stimme zu den Verwundeten, nannte sie bei Namen, log ihnen vor, dass es nicht so schlimm sei, dass sie durchkommen würden, dass sie bald nach Hause führen. Seine Worte waren oft das Letzte, was ein Sterbender hörte, eine sanfte Lüge, die ihm den Übergang erleichterte. Einmal kniete Adler neben ihm bei einem Mann, dessen Leib so zerrissen war, dass selbst er in seiner Unkenntnis erkannte, dass keine Hoffnung mehr war. Lindner gab ihm eine Spritze gegen den Schmerz und hielt seine Hand und redete ihm zu. Adler fragte ihn später, als der Mann gestorben war, wie er das ertrage, Tag um Tag. Lindner sah ihn an mit seinen müden, traurigen Augen und sagte, er ertrage es nicht. Er tue es nur. Und das sei nicht dasselbe. Diese Antwort hat Adler nie vergessen, denn sie enthielt eine Wahrheit über sie alle in jenem Krieg, dass sie vieles nicht ertrugen und dennoch taten.
Unter den Verwundeten war auch ein Mann aus ihrem eigenen Zug, ein junger Bursche namens Hennig, mit dem Adler manche Nacht Wache geteilt hatte. Ihm hatte ein Granatsplitter den Bauch aufgerissen, und er lag da kreideweiß, mit gebrochenen Augen, und hielt mit beiden Händen die Wunde, aus der sein Leben rann. Er erkannte Adler und rief seinen Namen. Adler kniete bei ihm nieder und nahm seine kalte Hand, und er bat ihn, seiner Mutter zu schreiben, wenn er es nicht überstehe, und ihm die Anschrift zu merken. Er sagte sie ihm vor, eine kleine Straße in einer Stadt in Thüringen, und Adler wiederholte sie immer wieder, damit er sehe, dass er sie behielt. Er nickte und schloss die Augen und starb eine Stunde später, ruhig, ohne ein weiteres Wort. Adler hat seiner Mutter geschrieben, Wochen danach, als sie wieder zur Ruhe kamen, einen kurzen, ungeschickten Brief, in dem er log, dass ihr Sohn schnell und ohne Schmerzen gefallen sei. Es war seine erste solche Lüge, doch nicht seine letzte, denn er lernte, dass es eine Pflicht der Lebenden ist, den Toten in den Augen ihrer Liebsten einen guten Tod zu schenken, gleich viel, wie schwer der wirkliche gewesen war.
In den Tagen, die auf die Eroberung ihres Stadtabschnitts folgten, lag eine merkwürdige Leere über ihnen. Eine Erschöpfung, die tiefer ging als die bloße Müdigkeit des Körpers. Denn sie hatten gesiegt, so hieß es, die Stadt war genommen oder doch beinahe genommen, und der große Kessel von Smolensk hatte dem Feind ungeheure Verluste zugefügt. Doch in Adler und, wie er an den Gesichtern der anderen erkannte, auch in ihnen war von Siegesfreude nichts zu spüren, sondern nur eine dumpfe, ausgebrannte Stumpfheit, als hätte der Kampf nicht nur den Leib, sondern auch die Seele leer geschöpft. Sie hatten Quartier bezogen in einem der wenigen unversehrt gebliebenen Häuser am Rande der Stadt, und sie lagen herum in den Räumen, schliefen, aßen, putzten die Waffen mit mechanischen Bewegungen und sprachen wenig. Und wenn sie sprachen, dann über belanglose Dinge, über das Essen, über das Wetter, niemals über das, was sie durchgemacht hatten, denn darüber zu sprechen, das hätte bedeutet, es noch einmal zu durchleben. Das vermochte keiner von ihnen.

Adler saß oft am Fenster und blickte hinaus auf die rauchende Stadt, über der noch immer die schwarze Wolke hing, und er versuchte zu begreifen, was geschehen war. Er versuchte, den jungen Russen aus seinem Gedächtnis zu verbannen, dessen Gesicht ihn verfolgte, und es gelang ihm nicht, und er begriff, dass es ihm nie mehr ganz gelingen würde. Feldwebel Weiß bemerkte wohl, wie es um sie stand, denn er war ein Menschenkenner. Er wusste, dass ein Soldat nach einem solchen Gefecht eine Zeit braucht, um wieder zu sich zu finden. Und er ließ sie gewähren in jenen Tagen, drängte sie nicht, verlangte nur das Notwendigste. Einmal, als er Adler am Fenster sitzen und in die Ferne starren sah, setzte er sich zu ihm und reichte ihm eine Zigarette. Obwohl Adler sonst nicht rauchte, nahm er sie und rauchte sie mit ihm. Weiß sagte nach einer Weile, ohne ihn anzusehen, dass das erste Mal das Schwerste sei, dass man nie darüber hinwegkomme, aber dass man lerne, damit zu leben, dass man es in sich verschließe, wie in einer Kammer, deren Tür man nur selten öffne, und dass dies das Einzige sei, was ein Mensch tun könne, um nicht daran zu zerbrechen. Adler fragte ihn, ob es ihm auch so gegangen sei beim ersten Mal. Weiß schwieg lange und sagte dann nur, dass er nicht mehr wisse, wann sein erstes Mal gewesen sei. In diesem Schweigen und dieser knappen Antwort lag eine ganze Geschichte von Jahren des Tötens und Überlebens, die Adler erschauern ließ und die ihm zugleich zeigte, was aus einem Menschen werden konnte, wenn der Krieg lange genug an ihm zerrte.
Otto saß in jenen Tagen viel bei Adler, und sie fanden Trost in der bloßen Gegenwart des anderen, denn es bedurfte zwischen ihnen keiner Worte mehr. Sie hatten dasselbe gesehen, dasselbe getan, dasselbe gelitten, und diese geteilte Last war es, die sie enger zusammenschweißte, als alle Worte es vermocht hätten. Adler begriff in jenen Tagen, was Kameradschaft im tiefsten Sinne bedeutet, dass sie nämlich nicht in den fröhlichen Stunden entsteht, sondern in den dunklen, dass zwei Menschen, die gemeinsam durch die Hölle gegangen sind, einander gehören auf eine Weise, die kein anderes Band der Welt zu knüpfen vermag. Am Abend des dritten Tages kam der Befehl, dass sie am Morgen weiterziehen würden, fort aus Smolensk, weiter nach Osten. Obwohl ihnen dies neue Strapazen und neue Gefahren verhieß, empfand Adler beinahe etwas wie Erleichterung, denn diese tote, brennende Stadt mit ihren Trümmern und ihren Toten lastete auf ihm wie ein Albtraum, und er sehnte sich danach, sie hinter sich zu lassen, als könnte er mit ihr auch die Erinnerung zurücklassen, was er freilich nicht konnte, denn die Erinnerung trägt man mit sich, gleich wie weit man auch geht. Und Smolensk zog mit ihm als ein Schatten unter den Schatten, die er von nun an für immer mit sich trug.
Die offizielle Propaganda sprach von einem Sieg, von der Zerschlagung der sowjetischen Verteidigungslinien und dem Vormarsch auf Moskau. Doch für die Männer des Zuges, für Martin Adler, war Smolensk ein Wendepunkt, eine Grenzerfahrung, die sie für immer veränderte. Die Stadt brannte nicht nur im physischen Sinne, sie brannte sich in ihre Seelen ein. Die Frage, die Adler in sein Tagebuch schrieb, hallt noch heute nach: Wo ist das Ende? Immer weiter nach Osten. Die Antwort, die die Geschichte geben sollte, war eine der blutigsten und verlustreichsten des gesamten Krieges. Der Weg nach Osten war gepflastert mit den Trümmern von Städten und den Leibern von Hunderttausenden, und Smolensk war nur der Anfang einer langen, unendlichen Straße des Schreckens.


