Es ist ein Dokument von unermesslichem historischem Wert, das nun der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Das Tagebuch des deutschen Wehrmachtssoldaten Martin Adler, das die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs aus der Perspektive eines einfachen Mannes schildert, ist in seiner zehnten und wohl erschütterndsten Passage veröffentlicht worden. Das Kapitel trägt den Titel „Der Weg nach Osten – Das Tagebuch des Martin Adler, Kapitel 10: Rückzug“ und beschreibt den Zusammenbruch der deutschen Front vor Moskau im Dezember 1941. Es ist ein Augenzeugenbericht von einer Intensität und Rohheit, die den Leser unmittelbar in die Hölle des Ostfeldzugs versetzt.
Die Aufzeichnungen, die nun als Hörbuch vorliegen, schildern die Tage, als die Rote Armee ihre gewaltige Gegenoffensive startete. Adler beschreibt die Kälte, die die deutschen Stellungen lähmte, und die völlige Überraschung über die frischen, winterfesten sibirischen Divisionen, die gegen die erschöpften und unzureichend ausgerüsteten Deutschen geworfen wurden. Der Bericht beginnt mit den ersten Tagen des Dezembers, als die Kälte ihren Höhepunkt erreicht hatte und die Soldaten, ohne Hoffnung und Ziel, in ihren notdürftigen Stellungen kauerten. Der Feind führte einen Schlag, den niemand erwartet hatte. Die deutschen Truppen hatten geglaubt, der Russe sei am Ende seiner Kräfte, doch stattdessen kamen Männer in warmer Pelzkleidung, die an die Kälte gewöhnt waren, und überrollten die Front wie eine Lawine.
Der Morgen des Angriffs wird von Adler als grau und eisig beschrieben. Ein Artilleriefeuer von ungekannter Heftigkeit wühlte die gefrorene Erde auf und zerschlug die flachen Stellungen. Durch Pulverrauch und aufgewirbelten Schnee kamen die feindlichen Massen in weißen Tarnanzügen, kaum zu erkennen, und mit ihnen rollten die berüchtigten T-34-Panzer, gegen die die deutschen Abwehrwaffen wenig ausrichteten. In diesem Augenblick begriff Adler, dass das Blatt sich gewendet hatte. Nun waren sie die Überrollten, die Gejagten. Der Kampf war hoffnungslos, die Übermacht an Zahl und Ausrüstung erdrückend. Die deutschen Waffen versagten in der Kälte, das Öl erstarrte, die Verschlüsse vereisten, und mancher Mann drückte ab, ohne dass etwas geschah.
Adler schildert das Schicksal seiner Kameraden mit erschütternder Detailtreue. Erich Vogt hielt mit seinem Maschinengewehr, das er durch ständiges Warmhalten am Feuern hielt, eine Zeitlang die heranstürmenden Massen auf. Er mähte sie nieder, doch sie kamen immer weiter über ihre eigenen Toten hinweg. Als sein Gewehr leergeschossen war, mussten sie zurück, denn das Halten der Stellung war unmöglich geworden. So begann jener erste große Rückzug des Krieges, der das Ende des deutschen Vormarsches im Osten bedeutete. Für Adler war dies eine Zäsur, ein Wendepunkt, nach dem nichts mehr war, wie es gewesen war. Der Befehl zum Rückzug kam spät, zu spät für viele, und er kam in einem Chaos, denn die feindliche Offensive hatte die Front an vielen Stellen durchbrochen und drohte die Einkesselung, die der Soldat mehr fürchtet als jede andere.
Der Rückzug wird von Adler als das Furchtbarste beschrieben, was er bis dahin im Kriege erlebt hatte. Schlimmer als die Schlacht von Smolensk, schlimmer als der gescheiterte Angriff. In der Schlacht gab es noch eine Ordnung, einen Sinn, ein Ziel. Im Rückzug jedoch, im ungeordneten Zurückweichen unter feindlichem Druck, löste sich alles auf, herrschte das nackte Chaos. Die Straßen waren verstopft von den Trümmern der Niederlage: liegen gebliebene Fahrzeuge, deren Motoren in der Kälte den Dienst versagt hatten, zerschlagene Geschütze, verendete Pferde, weggeworfenes Gerät. Zwischen diesem Gerümpel drängten sich die zurückweichenden Truppen, durcheinandergewürfelt, Einheiten ohne Zusammenhalt, Versprengte, die ihre Kompanien suchten, Verwundete, die sich mühsam dahinschleppten.
Über allem lag die Angst, die Panik, die jeden Augenblick auszubrechen drohte. Das Gerücht, der Feind sei nahe, habe sie überholt, kessel sie ein, jagte durch die Kolonnen und trieb die Männer zu kopfloser Hast. Adler erlebte in jenen Tagen, wie dünn die Schicht der Ordnung und Disziplin in Wahrheit war. Er sah Männer, die ihre Kameraden im Stich ließen, Verwundete am Wegrand zurückließen, weil das Tragen sie aufhielt, die nur noch an ihr eigenes Überleben dachten. Er verstand sie und verachtete sie zugleich, denn die Furcht, das wusste er, kann jeden Menschen zum Tier machen. Doch er sah auch das Gegenteil: Männer, die in jenem Chaos ihre Menschlichkeit bewahrten, die Verwundete trugen, obwohl es sie selbst gefährdete, die zurückblieben, um die Nachzügler zu sammeln.

Feldwebel Weiß war einer von diesen. Er hielt den Zug mit einer Beharrlichkeit zusammen, die durch nichts zu erschüttern war. Er zählte sie immer wieder, rief die Namen, sammelte die Versprengten ein und duldete nicht, dass ein Verwundeter zurückgelassen wurde. Er organisierte das Tragen, teilte die Lasten, trieb die Erschöpften an. Allein durch seine Kraft blieben sie eine Truppe, während um sie herum alles in Auflösung begriffen war. Das Schlimmste in jenem Chaos waren die Augenblicke, in denen der Feind sie einholte, in denen seine Spähtrupps oder vorgeschobenen Panzer plötzlich in der Flanke oder im Rücken auftauchten. Dann brach für Momente die nackte Panik aus, die Männer rannten, warfen sich in den Schnee, suchten Deckung, wo es keine gab.
In einem dieser Gefechte verloren sie Leutnant Bäcker, nicht durch den Tod, sondern durch eine Verwundung. Ein Granatsplitter traf ihn in die Schulter, und er brach zusammen. Für einen Augenblick drohte der Zug führerlos zu werden, was im Chaos des Rückzugs den Untergang bedeutet hätte. Doch Feldwebel Weiß übernahm sogleich die Führung, hob den verwundeten Leutnant auf, befahl ihn zu tragen und führte sie weiter mit derselben kalten Klarheit. Adler begriff in jenen Stunden, dass dieser Mann das Herz des Zuges war, der Fels, an dem das Chaos sich brach. Ohne ihn hätte keiner diesen Rückzug überlebt. Der Rückzug forderte einen furchtbaren Zoll, schwerer als der jeder Schlacht, denn nun starben die Männer nicht mehr im Vorwärtsdrang, sondern in der Verzweiflung des Zurückweichens, im Frost und im Chaos.
Adler sah in jenen Tagen mehr Tote, als er zählen konnte. Deutsche Tote, die den Weg des Rückzugs säumten, erfroren im Schnee, gefallen in den verzweifelten Nachhutgefechten, liegen geblieben aus Erschöpfung. Das weiße Land war übersät mit den Gestalten der Gefallenen, ein Bild des Grauens. Aus dem Zug, der einmal an die fünfzig Mann gezählt hatte, war nur noch ein kläglicher Rest übrig, ein Häuflein erschöpfter, halberfrorener Gestalten. Mit jedem Tag des Rückzugs wurde dieser Rest kleiner, denn die Kälte und der Feind nahmen sie einen nach dem anderen. Adler begann die Gesichter zu zählen, die noch da waren, jeden Morgen aufs Neue, und jeden Morgen fehlte das eine oder andere.
Es war an einem dieser Rückzugstage, dass die dunkle Vorahnung sich erfüllte, die Adler seit jener Nacht der Wache nicht mehr verlassen hatte. Sie gerieten in ein Nachhutgefecht, ein kurzes, heftiges Feuergefecht mit einem feindlichen Spähtrupp. In diesem Gefecht fiel Karl Hoffmann, der Funker, der gute, sanfte Mensch, der Lehrer hatte werden wollen. Er fiel neben Adler, getroffen von einer Kugel, die ihm in die Brust drang. Adler fing ihn auf, als er stürzte, legte ihn in den Schnee und kniete bei ihm nieder. Josef Lindner kam herbeigeeilt, doch ein Blick genügte ihm, und er schüttelte den Kopf. Adler hielt Karls Hand, die schon kalt wurde, und Karl sah ihn an mit seinen klaren, sanften Augen, in denen das Leben langsam erlosch.

Seine Lippen bewegten sich, und Adler beugte sich zu ihm herab, um zu verstehen, was er sagte. Es waren Verse, die er flüsterte, jene Verse von den ewigen Sternen und vom Trost, die er Adler in der Sternennacht vorgesagt hatte. Mit diesen Versen auf den Lippen starb er dort im Schnee, fern von seiner Heimat, fern von seinen Büchern und seinem Mädchen und seinem Traum. Etwas in Adler zerbrach in jenem Augenblick, das nicht wieder heil wurde. Sie konnten Karl nicht begraben, denn der Feind drängte. Sie mussten weiter, und so mussten sie ihn zurücklassen im Schnee, ihm, dem Adler so gern ein ordentliches Grab geschenkt hätte. Adler nahm ihm sein geliebtes Buch ab, jenen abgegriffenen Gedichtband, den er stets bei sich getragen hatte, und steckte ihn in seine eigene Tasche.
Er wollte wenigstens etwas von ihm bewahren, ein Andenken an diesen guten Menschen. Er nahm sich vor, das Buch heimzubringen, sollte er überleben, und es seinen Eltern zu geben. Er trug es fortan bei sich durch den ganzen Krieg, dieses Buch, das nach Karl roch, nach seinem Leben, nach all dem Schönen, das mit ihm gestorben war. Als sie weiterzogen und Adler noch einmal zurückblickte auf Karls Gestalt, die einsam im Schnee lag, schon halb verweht vom treibenden Schnee, da weinte er. Zum ersten Mal seit langem weinte er offen, ohne sich der Tränen zu schämen. Otto legte ihm den Arm um die Schulter und führte ihn weiter. Keiner sagte ein Wort, denn es gab keine Worte für diesen Verlust.
Adler begriff, dass der Krieg ihnen nicht nur das Leben nahm, sondern das Beste, das Edelste, das Hoffnungsvollste. Dass er die Karls dieser Welt verschlang und die Brands verschonte, und dass darin vielleicht die tiefste Ungerechtigkeit lag, die furchtbarste Sinnlosigkeit dieses ganzen mörderischen Geschehens. Nach Karls Tod versank Adler für einige Tage in eine dumpfe, gefühllose Schwermut, in der er sich nur noch mechanisch durch den Rückzug bewegte. Ein Körper, der weiterging, während die Seele sich verkrochen hatte in eine dunkle Höhle. Hätte er in jenen Tagen nicht Otto an seiner Seite gehabt, er wäre wohl zugrunde gegangen, denn der Schmerz und die Erschöpfung und die Kälte hatten ihm den Lebenswillen geraubt.
Er war nahe daran, jenem trügerischen Verlangen nachzugeben, sich niederzulegen und nicht mehr aufzustehen. Doch Otto ließ es nicht zu. Er sah, wie es um Adler stand, und wich nicht von seiner Seite. Er sprach mit ihm, hielt ihn wach, zwang ihn zu essen, wenn er nicht essen wollte, zwang ihn zu gehen, wenn er stehen bleiben wollte. Einmal, als Adler erschöpft in den Schnee sank und murmelte, er könne nicht mehr, er wolle nicht mehr, da packte Otto ihn grob am Mantel und riss ihn hoch und schrie ihn an mit einer Heftigkeit, die Adler nie zuvor an ihm erlebt hatte. Er sagte, dass Adler nicht aufgeben dürfe, dass sie gemeinsam heimkommen würden oder gar nicht, dass er ihn nicht hier zurücklassen werde.

Diese harten Worte, geschrien aus Liebe und Verzweiflung, rissen Adler aus seiner Erstarrung. Er stand auf und ging weiter um Ottos willen, denn er begriff, dass sein Aufgeben auch ihn vernichtet hätte. So trug auch hier wieder einer den anderen über die Schwelle des Todes hinweg. Das Überleben in jenen Wochen des Rückzugs war ein Kampf, der jede Stunde, jede Minute geführt werden musste gegen den Frost und gegen die Erschöpfung und gegen die Verzweiflung. Es war ein Kampf um die kleinsten Dinge: um ein Stück Brot, um einen Schluck heißen Tees, um einen Platz nahe einem Feuer, um eine Stunde Schlaf in einem halbwegs geschützten Winkel. Diese kleinen Dinge wurden zu Fragen von Leben und Tod.
Adler lernte in jenen Wochen eine harte, oft erbarmungslose Findigkeit, ein sich Durchschlagen mit allen Mitteln. Er tat Dinge in jenem Winter, deren er sich später schämte. Er nahm einem toten Kameraden die Stiefel ab, weil seine eigenen durchgelaufen waren. Er plünderte mit, wo es etwas zu plündern gab. Er stieß einen schwächeren Mann beiseite, um näher ans Feuer zu kommen. Er begriff, dass der Krieg und die Not den Menschen entblößten, bis auf den nackten Überlebenstrieb. Die feine Tünche der Zivilisation und der Sittlichkeit, die sie im Frieden trugen, schmolz dahin im Frost wie der Schnee in der Sonne, und darunter kam ein Tier zum Vorschein, das nur leben wollte um jeden Preis.
Adler erschrak vor diesem Tier in sich und konnte es doch nicht bändigen. Und doch, das ist das Wunderbare, dass ihm den Glauben an den Menschen nicht ganz nahm. Auch in jener tiefsten Not erlosch die Menschlichkeit nicht völlig, denn neben dem Tier in ihnen lebte auch der Mensch weiter. Es gab Augenblicke der Güte und der Selbstlosigkeit inmitten all der Verrohung, die Adler tief bewegten. Er sah, wie ein Mann sein letztes Stück Brot mit einem Schwächeren teilte, wie einer den anderen trug, der nicht mehr gehen konnte, wie Feldwebel Weiß seinen eigenen Mantel einem jungen Rekruten gab, der vor Kälte schlotterte, und selbst behalf er sich mit weniger.
Adler begriff, dass im Menschen beides wohnt, das Tier und der Engel, und dass es die Umstände sind, die das eine oder das andere hervorrufen. Dass es vielleicht das Höchste ist, was ein Mensch erreichen kann in der äußersten Not, wenn das Tier ihn beherrschen will, dennoch den Engel nicht ganz erlöschen zu lassen, dennoch ein Mensch zu bleiben. Sie überlebten jenen Rückzug, Adler und Otto und Feldwebel Weiß und Erich Vogt und Josef Lindner und ein kleiner Rest des Zuges. Sie schleppten sich durch den Frost und das Chaos nach Westen, bis sie endlich nach Wochen eine neue Front erreichten, eine Linie, an der die Front zum Stehen kam, an der sie sich eingruben für den langen Winter.
Sie hatten überlebt. Doch sie waren nicht mehr dieselben, die im Sommer ausgezogen waren. Sie waren gezeichnet, ausgebrannt, verändert bis ins Innerste. Der Glaube an den Sieg, an ein baldiges Ende, an eine Heimkehr, war dahin. An seine Stelle war ein dumpfes, zähes Ausharren getreten, ein bloßes Überleben von Tag zu Tag. So endete das erste Jahr dieses Krieges für Martin Adler im Schnee und im Frost vor Moskau mit dem Tod so vieler Kameraden und dem Verlust so vieler Hoffnungen. Und er wusste nicht, dass dies erst der Anfang war eines noch viel längeren Leidensweges. Die letzte Eintragung in seinem Tagebuch, datiert auf den 18. Dezember 1941, ist ein stiller Schrei: „Karl ist tot. Ich schreibe es jetzt erst Wochen danach, denn ich konnte es nicht früher. Er fiel bei einem Nachhutgefecht neben mir, eine Kugel in die Brust. Ich habe ihn aufgefangen, als er stürzte. Ich habe seine Hand gehalten, bis sie kalt wurde. Und wisst ihr, was er gesagt hat, ehe er starb? Die Verse, die Verse von den ewigen Sternen, die er mir in jener Nacht vorgesagt hat. Mit denen ist er gegangen. Meine Vorahnung hat mich nicht getrogen. Ich wünschte, sie hätte mich getrogen. Wir konnten ihn nicht begraben. Wir mussten weiter. Ich habe sein Buch genommen, den Gedichtband, den er immer bei sich trug. Ich will es seinen Eltern bringen, wenn ich heimkomme. Ich trage es jetzt bei mir, dicht am Herzen, neben den Briefen von zu Hause. Der Rückzug ist die Hölle, schlimmer als jede Schlacht. Ich habe Dinge getan, deren ich mich schäme. Ich habe einem Toten die Stiefel genommen. Ich habe einen Schwächeren vom Feuer gestoßen. Der Krieg macht uns zu Tieren. Und doch, Weiß hat seinen Mantel einem Rekruten gegeben und friert nun selbst. Es gibt noch Menschlichkeit. Man muss sie nur festhalten mit aller Kraft. Ohne Otto wäre ich tot. Er hat mich angeschrien, als ich aufgeben wollte. Aus Liebe, glaube ich. Wir kommen zusammen heim, hat er gesagt, oder gar nicht. Moskau ist verloren. Das Jahr ist verloren. Aber wir leben. Karl, Ruhe in Frieden. Ich vergesse dich nicht. Martin.“


