Der Anruf kam an einem gewöhnlichen Dienstagnachmittag. Ich saß in der Küche, vor mir eine Tasse Kaffee, die längst kalt geworden war, als das Telefon klingelte. Ein Mann meldete sich, nannte sich Manfred Ludolf und sagte, er betreibe den An- und Verkauf in der Leipziger Straße. Er habe im Frühjahr ein Akkordeon angekauft, eine alte Hohner, die eine Dame gebracht habe.

Beim Aufarbeiten habe er etwas gefunden, das mir gehöre. Er wolle es nicht einfach wegwerfen. Mein Name ist Marlis Ostheim. Ich bin einundsiebzig Jahre alt und lebe in Fulda, im Stadtteil Horas.
Bevor ich erzähle, was in diesem Akkordeon steckte, möchte ich sagen, dass ich in den Wochen davor nicht mehr viel von mir erwartet habe. Vierzehn Monate Witwenschaft, zwei Tage Ausmisten, eine leere Ecke im Zimmer meines Mannes. Und dann dieser Anruf, der alles veränderte, ohne dass ich es in dem Moment begriffen hätte. Mein Mann Bruno war Kraftfahrer bei der Post.
Jahrelang fuhr er Pakete durch Osthessen. Wir waren sechsundvierzig Jahre verheiratet, als er mit vierundsiebzig an einem Schlaganfall starb. Er hatte ein Akkordeon, ein altes Instrument, das er mit sechzehn von seinem Onkel bekommen hatte. Schwarz mit Perlmuttverzierungen, die an den Ecken abgeblättert waren.
Er spielte darauf, seit ich ihn kannte. Nicht gut, muss ich ehrlich sagen. Er hatte nie Noten gelernt, er spielte nach Gehör. Immer dieselben zwanzig, dreißig Stücke.
Volkslieder, alte Schlager, ein paar Kirchenlieder. Jeden Sonntagnachmittag war das fest. Nach dem Essen nahm er den Kasten, sagte: Ich fahre dann mal. Und war drei, vier Stunden weg.
Ich dachte immer, er fährt zu seinem Freund Erwin oder in den Musikverein oder einfach irgendwohin, wo er in Ruhe spielen kann, ohne dass ihm jemand zuhört. Ich habe nie gefragt. Jahre, jeden Sonntag, und ich habe nie gefragt, wohin genau er fährt. Das ist eine der Sachen, die mir heute leid tun.
Bruno war ein ruhiger Mann, nicht schweigsam. Er konnte gut erzählen, wenn er in Stimmung war, Geschichten von seiner Postroute, von den Leuten in den Dörfern. Aber über sich selbst sprach er nie. Wenn jemand ihm ein Kompliment machte, wurde er verlegen und wechselte das Thema.
Und er übte. Das ist mir erst später aufgefallen, wie viel er übte. Abends im Zimmer, die Tür zu, immer wieder dieselbe Stelle. Manchmal ein neues Stück, wochenlang, bis es saß.
Einmal fragte ich ihn, wozu er das übt, wo er doch immer dasselbe spielt. Er sagte: Manchmal wünscht sich einer was. Ich dachte, er meint Geburtstage. Ich nickte und bügelte weiter.
Ich hätte in dem Moment eine einzige Frage stellen müssen. Wer denn, Bruno? Ich habe sie nicht gestellt. Wir haben zwei Kinder.
Norbert, einundvierzig, arbeitet bei einer Versicherung in Fulda, ist mit Kerstin verheiratet. Und Anja, zweiundvierzig, ist Erzieherin in Gießen. Die Kinder haben das Akkordeon nie ernst genommen. Für sie war es Papas Marotte.
Als sie klein waren, war es ihnen peinlich, wenn er auf Familienfeiern spielte. Norbert sagte einmal als Teenager: Papa, kannst du das nicht lassen? Das ist so alte Leute Musik. Bruno lachte und spielte weiter.
Aber auf Familienfeiern spielte er danach nie wieder. Ich möchte kurz innehalten. Wenn Sie das kennen, wenn jemand etwas, das einem Menschen heilig war, für eine Marotte gehalten hat, dann wissen Sie, wovon ich spreche. Nach Brunos Tod stand das Akkordeon in seinem Zimmer, im Kasten unter dem Fenster.
Ich habe es nicht angerührt. Ich konnte es nicht. Im Frühjahr, etwa ein Jahr nach der Beerdigung, kam Kerstin, meine Schwiegertochter, um mir beim Ausmisten zu helfen. Ich hatte selbst darum gebeten.
Ich wollte Brunos Zimmer endlich leerräumen und schaffte es nicht allein, weder körperlich noch seelisch. Kerstin ist tatkräftig. Sie ist keine böse Frau, aber sie teilt Dinge in Kategorien ein. Brauchbar, verkäuflich, Müll.
Wir arbeiteten zwei Tage lang. Kleidung, Bücher, Werkzeug, die alten Postkalender, die er gesammelt hatte. Am zweiten Tag war ich in der Küche und machte Kaffee. Als ich zurückkam, war der Akkordeonkasten weg.
Ich fragte, wo er sei. Kerstin sagte: Ach, das Ding habe ich schon ins Auto gelegt. Ich fahre nachher bei dem Ankauf in der Leipziger Straße vorbei. Die nehmen alte Instrumente.
Das steht doch nur rum und riecht nach Keller. Ich sagte: Kerstin, das ist Brunos Akkordeon. Sie antwortete ganz freundlich, ohne böse Absicht: Marlis, ich weiß. Aber spielst du drauf?
Nein. Spielt sonst jemand? Nein. Und in dem Zustand, ehrlich gesagt, das kriegt keiner geschenkt.
Sei froh, wenn die überhaupt was geben. Sie gaben dreißig Euro. Dreißig Euro. Ich ließ es geschehen.
Ich widersprach nicht. Ich sagte nicht: Halt, das kommt nicht weg. Ich stand da, einundsiebzig Jahre alt, in dem halbleeren Zimmer meines Mannes, und sah zu, wie meine Schwiegertochter den Kofferraum zuknallte. Ich weiß bis heute nicht genau, warum ich nichts sagte.
Ich glaube, ich war einfach müde. Zwei Tage ausmisten, vierzehn Monate Witwe. Man wird an bestimmten Punkten sehr weich. Am Abend legte sie mir die dreißig Euro auf den Küchentisch, drei Zehner.
Sie sagte: Siehst du, ist doch was. Ich ließ die Scheine liegen. Drei Wochen lagen sie dort. Ich fasste sie nicht an.
Und dann, sechs Wochen später, dieser Anruf. Herr Ludolf sagte am Telefon: Frau Ostheim, ich habe das Akkordeon aufgearbeitet, weil ich dachte, dafür findet sich noch jemand. Beim Öffnen des Gehäuses habe ich etwas gefunden. Das gehört Ihnen, nicht mir.
Können Sie vorbeikommen? Ich fuhr am nächsten Tag hin. Der Laden war klein und vollgestellt, Gitarren an der Wand, Verstärker, eine Vitrine mit Mundharmonikas. Herr Ludolf, ein Mann um die sechzig mit grauem Zopf und Brille, führte mich in den hinteren Raum, seine Werkstatt.
Dort stand Brunos Akkordeon, auseinandergenommen. Das Gehäuse offen, die Bälge separat. Er sagte: Ich mache das immer so. Aufmachen, reinigen, Wachs erneuern, Stimmzungen prüfen.
Bei alten Hohner lohnt sich das. Dann nahm er von der Werkbank einen Umschlag. Ein einfacher brauner Umschlag, an einer Seite ganz flach gedrückt. Er sagte, der sei innen im Diskantteil festgeklebt gewesen, an der Rückwand, mit Isolierband.
Man komme da nur ran, wenn man das Instrument komplett zerlege. Ich nahm den Umschlag. Er war schwerer, als er aussah. Herr Ludolf sagte: Ich habe hineingesehen, um zu wissen, ob es wichtig ist.
Bitte entschuldigen Sie. Als ich gesehen habe, was es ist, habe ich sofort aufgehört zu lesen und Sie gesucht. Ich fragte, was es sei. Er sagte: Setzen Sie sich lieber, Frau Ostheim.
In dem Umschlag waren Listen. Handgeschriebene Listen, auf liniertem Papier, zusammengeheftet, viele Blätter. Brunos Handschrift, klein und schräg. Auf jedem Blatt standen Namen untereinander, daneben ein Datum und dahinter, bei manchen, ein Wort oder zwei.
Ich las das erste Blatt und verstand nicht. Hedwig Breuer, 3. März 1995, Rosamunde. Alfred Zink, 9.
März 1995, kein Wunsch. Elisabeth Hartmann, 16. März 1995, Großer Gott. Blatt für Blatt.
Namen, Daten, manchmal ein Titel. Ich sah Herrn Ludolf an. Er sagte: Frau Ostheim, ich glaube, ich weiß, was das ist. Aber das sollten Sie herausfinden, nicht ich.
Ich fuhr nach Hause mit diesem Umschlag auf dem Beifahrersitz. Zu Hause setzte ich mich hin und zählte alles durch. Es waren dreihundertzweiundvierzig Namen, von 1995 bis zwei Monate vor seinem Tod. Dann sah ich mir die Daten an.
Alle Daten. Es waren Sonntage. Ausnahmslos. Ich breitete die Blätter auf dem Küchentisch aus, ordnete sie nach Jahren.
Es waren so viele, dass ich keinen Platz mehr hatte und den Rest auf den Boden legen musste. Dann begann ich, in den Jahren zu suchen, die ich selbst kannte. Neunzehnhundertfünfundneunzig, das Jahr, in dem Anja Abitur machte. Namen.
Zweitausendacht, das Jahr unserer Silberhochzeit. Namen. Und an einem Sonntag im Mai stand ein Name mit dem Vermerk Ave Maria, zweimal. Jemand wollte es noch einmal hören.
Ich suchte auch das Jahr, in dem Bruno selbst krank war. Zweitausendsechzehn, die Gallenoperation. Er lag zwei Wochen im Krankenhaus und war danach sechs Wochen schwach. In diesen acht Wochen gab es eine Lücke.
Kein einziger Name. Und dann ging es weiter, als wäre nichts gewesen. Ich saß auf dem Boden meiner Küche zwischen den Blättern und verstand, dass ich sechsundzwanzig Jahre lang neben einem Mann gelebt hatte, der etwas getan hatte, das größer war als alles, was ich in meinem Leben getan hatte. Und dass er dafür genau nichts gewollt hatte.
Nicht einmal, dass seine Frau es wusste. Am Abend rief ich meine Freundin Traudel an, die früher im Krankenhaus gearbeitet hatte, und las ihr ein paar Namen vor. Sie war lange still. Dann sagte sie: Marlis, die Hedwig Breuer kenne ich.
Die war in der Sterbebegleitung im Haus am Frauenberg. Das ist das Hospiz. Am nächsten Morgen fuhr ich dorthin. An der Anmeldung sagte ich, ich sei die Witwe von Bruno Ostheim.
Die Frau am Empfang, eine Frau in meinem Alter, schlug die Hand vor den Mund und sagte: Sie sind die Frau von Herrn Ostheim? Wir haben uns schon gedacht, dass er gestorben ist, als er nicht mehr kam. Aber niemand wusste, wie wir Sie erreichen können. Sie holte die Pflegedienstleitung, und dann saßen wir eine Stunde in einem kleinen Büro, und ich erfuhr, wohin mein Mann sechsundzwanzig Jahre lang sonntags gefahren war.
Bruno kam seit 1995 jeden Sonntagnachmittag ins Hospiz, mit dem Akkordeon. Er ging von Zimmer zu Zimmer, klopfte an und fragte, ob jemand etwas hören möchte. Wer wollte, bekam ein Lied. Wer nicht wollte, wurde in Ruhe gelassen.
Er spielte für Menschen, die im Sterben lagen. Die Pflegedienstleitung, Frau Rösch, sagte: Herr Ostheim war eine Institution bei uns. Er hat nie etwas dafür genommen. Er hat nicht einmal Fahrtkosten abgerechnet, obwohl wir es angeboten haben.
Und dann sagte sie etwas, bei dem ich weinen musste. Sie sagte: Wissen Sie, was das Besondere an ihm war? Er hat gefragt, was die Leute hören wollen, nicht was er spielen kann. Wenn jemand ein Lied wollte, das er nicht kannte, schrieb er es sich auf und kam die Woche darauf wieder und konnte es.
Er hat es zu Hause geübt. Ich saß an diesem Tisch und dachte an all die Abende, an denen ich ihn durch die geschlossene Tür hatte üben hören, wochenlang dasselbe Stück. Ich hatte gedacht, er habe Spaß daran. Er hatte für einen Sterbenden geübt, der sich etwas gewünscht hatte und der vielleicht noch eine Woche hatte.
Deshalb standen bei manchen Namen Titel. Und bei manchen stand kein Wunsch. Das waren die, die nichts mehr sagen konnten. Denen spielte er einfach etwas Ruhiges.
Ich fragte, warum er das getan habe. Frau Rösch sagte, sie habe ihn das vor vielen Jahren einmal gefragt. Er habe geantwortet: Meine Mutter ist 1994 gestorben, ganz allein, nachts im Krankenhaus. Ich bin zu spät gekommen.
Seitdem denke ich, es sollte niemand allein und in der Stille gehen müssen. Neunzehnhundertvierundneunzig starb Brunos Mutter. Neunzehnhundertfünfundneunzig beginnt die erste Liste. Ich erinnere mich an diese Nacht.
Das Krankenhaus rief an. Es ging schneller als gedacht. Wir fuhren sofort los, und als wir ankamen, war sie schon eine Dreiviertelstunde tot. Bruno stand auf dem Flur und sagte nichts.
Auch auf der Beerdigung sagte er nichts. Ich dachte damals, er kommt gut damit zurecht. Er kam nicht damit zurecht. Er arbeitete sechsundzwanzig Jahre daran.
Sechsundzwanzig Jahre. Dreihundertzweiundvierzig Menschen. Und in all den Jahren, an all den Sonntagen, sagte er zu mir: Ich fahre dann mal. Ich fragte Frau Rösch, warum er es niemandem erzählt habe, auch mir nicht.
Sie sagte etwas, das ich seitdem oft im Kopf habe: Frau Ostheim, das kenne ich von unseren Ehrenamtlichen. Die meisten reden nicht darüber. Wenn man es erzählt, wird man gelobt, und dann tut man es irgendwann auch ein bisschen für das Lob. Manche wollen das nicht.
Die wollen, dass es sauber bleibt. Ich ging an diesem Tag noch durch das Haus. Frau Rösch zeigte es mir. Im Aufenthaltsraum hing an der Wand ein Foto, ein einfaches Foto in einem Rahmen, das jemand irgendwann gemacht hatte.
Darauf saß ein Mann mit einem Akkordeon auf einem Stuhl in einem Zimmer, und im Bett lag eine alte Frau und lächelte. Ich sah meinen Mann von hinten, an einer Wand hängen, in einem Haus, in dem ich noch nie gewesen war. Am selben Nachmittag fuhr ich zu Herrn Ludolf in den Laden. Ich sagte, ich möchte das Akkordeon zurückkaufen.
Was kostet es? Er sagte: Frau Ostheim, das Instrument ist nicht verkäuflich. Ich habe es nach dem, was ich gefunden habe, gar nicht erst ins Schaufenster gestellt. Ich legte die dreißig Euro auf den Tresen, dieselben drei Scheine, die drei Wochen auf meinem Küchentisch gelegen hatten.
Er nahm sie nicht. Er sagte, er habe achtzig Euro Material und zwei Tage Arbeit hineingesteckt und wolle nichts davon. Auf meinem Bestehen zahlte ich ihm wenigstens das Material. Dann bat ich Norbert und Kerstin zu mir.
Es war ein Sonntag. Ich hatte das Akkordeon auf den Esstisch gestellt, im Kasten, den Umschlag daneben. Kerstin sah es und sagte: Oh, hast du das zurückgeholt? Ich sagte: Setzt euch.
Dann las ich vor, nicht alles, das hätte Stunden gedauert. Ich las die erste Seite, Name für Name, mit den Daten. Norbert fragte: Mama, was ist das? Ich sagte: Das sind die Menschen, denen dein Vater vorgespielt hat, bevor sie gestorben sind.
Jeden Sonntagnachmittag, jahrelang, im Hospiz am Frauenberg. Es war sehr still in meinem Wohnzimmer. Kerstin wurde blass. Sie sah auf den Kasten, dann auf mich, dann wieder auf den Kasten.
Dann sagte sie ganz leise: Ich habe gesagt, es riecht nach Keller. Norbert sagte nichts. Mein Sohn, einundvierzig Jahre alt, saß an meinem Esstisch und sah auf seine Hände. Dann sagte er: Ich habe ihm gesagt, das ist alte Leute Musik.
Ich war fünfzehn. Er hat danach nie wieder auf einer Familienfeier gespielt. Ich habe immer gedacht, er hat einfach keine Lust mehr gehabt. Ich sagte: Nein.
Er hat es sich nicht mehr getraut. Das ist jetzt Monate her. Das Akkordeon steht wieder in Brunos Zimmer. Aufgearbeitet, gereinigt, gestimmt.
Herr Ludolf hat gute Arbeit geleistet. Und ich fahre jetzt sonntags ins Hospiz. Nicht mit dem Akkordeon, ich kann kein einziges Lied spielen. Ich mache etwas anderes.
Ich sitze bei Menschen, die keinen Besuch bekommen, rede mit ihnen oder lese vor oder bin einfach da. Frau Rösch hat mich gefragt, ob ich mir das zutraue. Ich sagte: Ich weiß es nicht. Ich probiere es.
Es geht jetzt seit sieben Monaten. Ich führe auch eine Liste. Das habe ich von Bruno. Namen, Daten.
Ich bin bei siebenundzwanzig. Kerstin hat mich zweimal gefragt, ob sie mitkommen darf. Beim zweiten Mal sagte ich ja. Sie ist jetzt zweimal mitgefahren und war beide Male sehr still auf der Rückfahrt.
Und Norbert hat angefangen, Akkordeon zu lernen, mit fünfundvierzig, einmal die Woche bei einem Lehrer in der Musikschule. Er sagte, er wolle wenigstens ein Lied können. Am besten das, das am häufigsten auf den Listen steht. Ich habe nachgezählt.
Das ist Rosamunde. Ich möchte Ihnen etwas mitgeben. Ein Mensch, der jeden Sonntag verschwindet, hat einen Grund. Vielleicht ist es ein langweiliger Grund.
Vielleicht ist es der wichtigste Teil seines Lebens. Fragen Sie nicht misstrauisch. Fragen Sie neugierig. Einmal reicht.
Ich hatte sechsundvierzig Jahre Zeit, meinen Mann zu fragen, wohin er sonntags fährt. Ich habe es nicht getan, weil ich dachte, jeder braucht etwas für sich. Das stimmt auch. Aber ich hätte stolz auf ihn sein können, sechsundzwanzig Jahre lang.
Ich konnte es erst, als er vierzehn Monate tot war. Und noch etwas, an alle, die aufräumen und ausmisten: Bevor Sie einen Gegenstand weggeben, den ein Mensch jeden Tag oder jede Woche in den Händen hatte, machen Sie ihn auf. Sehen Sie hinein. Es gibt einen Grund, warum mein Mann diese Listen ausgerechnet in dem Instrument versteckt hat und nicht in seinem Schreibtisch.
Das Akkordeon war der Ort, an dem alles passiert ist. Da gehörte es hin. Im Hospiz hängt immer noch das Foto im Aufenthaltsraum. Ich gehe jeden Sonntag daran vorbei.
Ein Mann von hinten, mit einem Akkordeon auf einem Stuhl neben einem Bett. Neulich fragte mich eine Bewohnerin, wer das sei. Und ich sagte zum ersten Mal in meinem Leben den Satz, den ich sechsundzwanzig Jahre lang hätte sagen können: Das ist mein Mann.


