Die Artillerie setzt wieder ein, nicht vereinzelt, nicht in kurzen Serien, sondern wie eine Wand aus Druckwelle und Schall, die von den Birken im Rücken zurückgeworfen wird und von vorne wiederkommt. Der Boden überträgt jede Einschlagserie als Vibration, die durch den Lehm, durch die Holzstützbalken der Grabenwand, durch die Kniescheibe, durch das Kniegelenk bis in die Hüfte läuft. Ein Rütteln, das kein Ende findet. Seit dem Abzug aus dem Orelbogen sind wir hier, südlich von Jelnia, an dieser Linie, die die vierte Armee hält, die Linie, die Generaloberst Heinrici hält. Und seit dem Abzug kenne ich diesen Graben besser als irgendetwas sonst.
Wischke hat den Lauf nicht gewechselt. Das ist das erste, was mir auffällt, als ich die Munitionskiste auf dem Boden abstelle und mich neben ihn kauere. Er hat den Lauf nicht gewechselt und das Maschinengewehr läuft heiß. Ich kann es riechen, diesen spezifischen Geruch von erhitztem Stahl und verbranntem Schmiermittel, einen metallischen Geruch, der sich von Pulverdampf klar unterscheidet, wenn man gelernt hat, worauf man achten muss. Wischke schaut nicht zu mir. Er hat den Blick auf den Waldrand gerichtet, wo der Nebel noch liegt, wo der frühe Morgen noch nicht entschieden hat, ob er hell werden will oder grau bleibt. Und er drückt den Abzug in kurzen Gruppen, Zweier- oder Dreiergruppen. Nicht, weil er so schießen soll, sondern weil er muss, weil das kurze Unterbrechen die einzige Kontrolle ist, die einem bleibt, wenn die sowjetischen Schützenketten schon so nah sind, dass man keine langen Zielpausen mehr nehmen kann.
Ich höre das Klacken der Patronen im Kasten, ein schwaches metallisches Geräusch unter dem ohrenbetäubenden Schlagen des Maschinengewehrs, und ich reiße den Deckel des zweiten Kastens auf, den ich bei mir trage. 250 Patronen verpackt im Gurt in dieser spezifischen Anordnung, die man nach Wochen auswendig kennt, die man im Dunkeln und unter Beschuss kennt, die man mit tauben Fingern kennt. Der Gurt liegt flach im Kasten in sauberen Lagen, und ich greife die Schnauze des Gurtes, die ersten fünf Patronen, und halte sie bereit. Wischkes Maschinengewehr 42 hört auf. Nicht, weil er aufhört. Er hört nicht auf. Es hört auf, weil der Gurt durch ist. Ich kann es am Laut hören, am spezifischen Klicken des Bolzens, der ins Leere schlägt, an der Art, wie Wischkes Körper sich minimal verändert, die Spannung, die andere Qualität der Stille, die sich in seinen Schultern abzeichnet.
Ich habe den neuen Gurt schon in der Hand. Ich greife den Zuführungsdeckel, öffne ihn, lege die Schnauze des Gurtes in die Führungsrinne, schließe den Deckel. Die Bewegung dauert weniger als drei Sekunden. Wischke zieht den Spannhebel, und das Maschinengewehr 42 beginnt wieder zu schlagen. Und in diesen drei Sekunden, in diesem kurzen Intervall, kann ich hören, was draußen passiert. Das Schreien, das nicht aufhört, das lauter geworden ist, das aus dem Nebel kommt wie etwas Mechanisches. Die Hände. Ich schaue auf meine Hände, während sie die Kiste umpositionieren, damit der Gurt nicht verdreht läuft. Meine Hände sind groß, breiter als bei den meisten Männern hier, und sie sind rissig, die Haut an den Knöcheln aufgebrochen, an den Kuppen dunkel verfärbt von eingetrocknetem Schmutz, der tiefer sitzt, als Waschungen ihn erreichen könnten. Ich habe lange versucht, nicht auf die Hände zu schauen, weil ich weiß, was mir dann einfällt. Die Werkbank zu Hause, der Geruch von Holzspänen und Leinöl, der Hobel, den der Vater mir gegeben hat, und wie der Stahl des Hobeleisens warm wurde unter den Händen vom langen Arbeiten. Hier wird auch Stahl warm, aber nicht so.
Der Artilleriebeschuss verlagert sich. Das ist keine Einbildung, das ist eine messbare Veränderung in der Einschlagsverteilung, eine Verschiebung von links nach rechts von unserem Grabenabschnitt weg in Richtung der zweiten Linie, 200 Meter im Rücken. Das bedeutet, dass die sowjetische Infanterie in einem Sektor vorrückt, in dem sie Erfolg hat, und die Artillerie nachzieht, um die Tiefe zu isolieren. Unteroffizier Franke hat mir das erklärt, vor Wochen irgendwo in einem anderen Graben, während die neunte Armee noch am Orelbogen festhing, und ich habe zugehört. Nicht, weil ich es verstehen wollte, sondern weil Zuhören die einzige sinnvolle Aktivität war, wenn man nicht schoss. Jetzt verstehe ich es, weil der Körper es versteht, bevor der Kopf es versteht. Wischkes Schultern lese ich wie eine Karte. Wenn er vorwärts lehnt, streckt sich der Schuss. Wenn er zurückweicht, ist er erschöpft oder die Garbe sitzt falsch. Jetzt lehnt er vor, und das bedeutet, dass etwas näher gekommen ist, dass die Entfernung zum Ziel kleiner geworden ist. Und ich schaue über den Grabenrand, was ich nicht tun sollte, aber ich tue es, weil ich wissen muss, wie viel Zeit noch bleibt.
Sie kommen aus dem Wald, nicht aus dem Waldrand, aus dem Wald selbst. Sie haben sich in der Nacht durch die Bäume bewegt, und jetzt kommen sie über das Stoppelfeld, das vor drei Wochen noch Roggen war und jetzt eine braune, matschige Ebene ist, übersättigt von Einschlägen der letzten Tage, mit flachen nassen Kratern, mit verstreuten Requisiten des Krieges, Helmen, Tragegurten, Gewehren, die halbmast im Schlamm stecken. Sie kommen in Wellen, aber nicht in geraden Linien. Die Wellen sind unregelmäßig, zerteilt, auseinandergezogen, weil die Männer in den Kratern Deckung suchen und weiterrennen und wieder Deckung suchen. Und das macht sie schwieriger zu treffen, aber nicht unmöglich, weil das Maschinengewehr 42 keine Einzelziele braucht, weil das Maschinengewehr 42 für genau das gebaut wurde, für diese Abstände, für diese Dichte, für dieses Gelände. Der Lauf muss gewechselt werden. Das weiß ich, bevor Wischke etwas sagt. Das weiß ich am Klang, der ein bisschen höher geworden ist. Nicht dramatisch, nicht hörbar für untrainierte Ohren, aber hörbar für mich, weil ich seit Wochen nichts anderes gehört habe. Ein heißer Lauf schießt ungenauer, kann durchbrennen.
Ich greife in den Beutel an meiner Seite und nehme den Wechsellauf heraus. Er liegt im Laufschutzlappen, einem dicken Stück Filz, fettgetränkt, grau von Hitze und Gebrauch. Ich halte ihn bereit. Wischke unterbricht das Feuer. Der Moment dauert weniger als zwei Sekunden. Er klappt die Laufklappe nach unten auf. Ich greife den heißen Lauf mit dem Laufschutzlappen, drücke ihn nach vorne, ziehe ihn seitlich heraus. Die Hitze überträgt sich durch den Lappen auf meine Handfläche. Nicht brennend, nur unangenehm warm. Eine Warnung. Den heißen Lauf lege ich auf den Holzsteg, nicht in den Schmutz. Den neuen Lauf einschieben. Laufklappe schließen. Wischke zieht den Spannhebel, schießt. Sieben Sekunden, vielleicht acht, vielleicht weniger. Wenn Sie in dieser Zeit die Entfernung nicht überbrücken, dann überleben wir. Wenn schon, dann nicht. Sie haben die Entfernung nicht überbrückt. Der Nebel zieht langsam ab, und das ist kein Vorteil für uns, weil wir unser Sichtfeld nicht brauchen. Wir haben das Maschinengewehr 42, aber es ist auch kein Nachteil, weil die sowjetische Artillerie im Nebel genauso gut einmessen kann wie ohne, und der Nebel für die angreifenden Schützenketten keine wirkliche Deckung ist, sondern nur eine psychologische Stütze, eine Illusion von Unsichtbarkeit, die beim Erreichen des freien Feldes endet. Im Sturmregiment 195 weiß man das. Man weiß es nach zwei Jahren an diesem Frontabschnitt, nach Rshew, nach dem Orelbogen, nach allem, was davor kam.

Ich zähle die Kästen. Vier Kästen, je 250 Patronen, macht 1000 Patronen. Der erste Kasten ist leer. Der zweite ist zur Hälfte leer. Das sind sechs Gurte, nicht viele. Ich habe Wischke schon schießen sehen. Ich weiß, wie lange er braucht, um einen Gurt durch das Maschinengewehr 42 zu ziehen, wenn die Lage es verlangt. Und das sind unter 30 Sekunden pro Gurt bei anhaltendem Feuer. Was hier liegt, reicht für wenige Minuten intensiven Feuers, und das ist nicht genug. Und der Nachschub kommt von hinten, von der zweiten Grabenreihe, wo Ehrmann die Reserve trägt. Aber Ehrmann ist nicht hier, und solange Ehrmann nicht hier ist, rechne ich. Das Artilleriefeuer hört nicht auf. Es verlagert sich, verschiebt sich, konzentriert sich neu, aber es hört nicht auf. Seit dem frühen Morgen hört es nicht auf. Das Gehör passt sich an. Das ist ein physiologischer Vorgang, kein psychologischer Wunsch. Das Gehör passt sich an, indem es die konstanten Geräusche aus dem Bewusstsein schiebt und nur das Ungewohnte registriert, das Neue, das Veränderte. Ein neuer Einschlag, der näher ist als die anderen, landet 30 Meter rechts von uns. Und ich spüre es in der Brust, nicht als Schmerz, sondern als Druck, als würde die Luft kurz aufhören zu existieren und dann wiederkommen, leicht verändert, heißer, nach Erde riechend und nach etwas anderem, das ich nicht benennen will. Wischke flucht. Das ist das erste Wort, das er heute Morgen sagt. Er flucht, weil der Gurt geklemmt hat, weil der Schlamm vom Grabenrand in die Zuführungsrinne gefallen ist. Eine kleine Menge, zu wenig, um sie zu füllen, aber genug, um einen Patronenstau zu verursachen. Eine Hemmung, die das Maschinengewehr 42 zum Schweigen bringt. Kurz, sehr kurz, aber schweigend.
Ich bin bereits neben ihm. Ich greife den Zuführungsdeckel, öffne ihn, ziehe den Gurt heraus, klopfe ihn gegen den Grabenrand zwei-, dreimal, lege ihn zurück. Wischke zieht den Spannhebel, schießt, die Hemmung ist behoben. Diese Handgriffe, diese spezifischen Handgriffe, Zuführungsdeckel öffnen, Gurt greifen, Gurt herausziehen, Gurt klopfen, Gurt einlegen, Deckel schließen. Ich habe sie hundertmal gemacht. Nein, tausendmal, mehr als tausendmal, wenn ich die Nächte mitzähle, die Übungen im Regen, die Trockenübungen in den Pausen, die immer weniger Pausen wurden, je länger der Herbst dauerte. Die Bewegung ist keine Handlung mehr, sie ist ein Reflex, wie das Zurückziehen der Hand vom heißen Eisen, wie das Blinzeln gegen helles Licht. Der Kopf ist nicht beteiligt, und das ist gut, weil der Kopf, wenn er beteiligt ist, anfängt zu denken, anfängt zu rechnen, anfängt zu vergleichen. Und das kostet Zeit, und Zeit hat man hier nicht. Von links kommt jetzt Gewehrfeuer. Kein einzelner Schuss, eine Reihe. Unregelmäßig, der Karabiner 98k der Männer in der Nachbarstellung. Und das bedeutet, dass dort die Sichtlinie frei ist, dass der Nebel abgezogen hat, dass die Schützenkette nah genug ist für Einzelfeuer. Ich höre die sowjetischen Selbstladegewehre nicht klar, nicht deutlich, aber ich höre den Unterschied in der Kadenz, den anderen Rhythmus, und ich weiß, was er bedeutet.
Unteroffizier Franke erscheint am Grabenabschnitt, kommt von rechts, gebückt, den Körper unter der Grabenwand, das Gewehr in der rechten Hand, und er schaut uns an und schaut über den Rand und schaut uns wieder an. Er sagt etwas, aber ich verstehe es nicht durch den Lärm. Ich lese seine Lippen. Zweite Welle. Das lese ich. Zweite Welle. Das bedeutet, dass die erste Welle noch nicht aufgefangen ist und die zweite bereits folgt, dass hinter den Männern auf dem Stoppelfeld weitere Männer aus dem Wald kommen, dass dieser Morgen nicht damit aufhört, Menschen zu erzeugen, die über dieses Feld kommen wollen. Das neunte schwere Maschinengewehrzug des ersten Bataillons hält diese Linie. Das sind wir. Der Gurt ist durch. Ich habe den nächsten bereits in der Hand. Wischke macht keinen Halt. Er wartet gar nicht darauf, dass ich sage, dass ich bereit bin. Er wartet nur auf das metallische Klicken, das Ende des Gurtes ankündigt. Und dann öffnet er den Zuführungsdeckel. Ich lege den neuen Gurt ein. Er schließt den Deckel, zieht durch, schießt. Wir haben das nicht geübt, nicht in dieser Form, nicht so, dass wir es mit Worten vereinbart hätten. Es hat sich entwickelt in den letzten Wochen wie ein Dialog zwischen zwei Menschen, die dieselbe Sprache gelernt haben, ohne je Vokabeln ausgetauscht zu haben.
Mein Rücken schmerzt. Das ist kein neuer Schmerz. Das ist ein Schmerz, der sich über Wochen aufgebaut hat. Ein stumpfer, anhaltender Schmerz in der Lendenwirbelsäule, verursacht durch das Tragen der Munitionskisten, durch die gebückte Haltung im Graben, durch das Schlafen auf hartem Boden, wenn man überhaupt schlief. Ich beachte ihn nicht. Beachten würde nichts ändern. Der Schmerz ist da. Er bleibt da. Er gehört zu diesem Graben wie der Schlamm und der Geruch von Pulverdampf und der Geruch von Männern der schweren Kompanie, die seit Tagen nicht gewaschen haben. Der Einschlag trifft die Grabenwand nicht direkt, nicht das Zentrum, sondern die Schulter, den oberen Rand, und die Erde bricht herein. Eine Wand aus nassem Lehm, die auf Wischke und auf mich fällt, auf das Maschinengewehr 42 fällt, auf die Munitionskisten fällt. Ich bin blind für einen Moment. Nicht weil ich verletzt bin, sondern weil die Erde in meinen Augen ist, in der Nase, im Mund. Und ich huste und wische mit dem Handrücken über das Gesicht, und ich greife das Maschinengewehr 42 und wische Schlamm vom Zuführungsdeckel, vom Lauf, so gut es geht, so schnell es geht. Und Wischke tut dasselbe, und kein Wort fällt, weil kein Wort nötig ist.
Die zweite Welle ist auf dem Feld. Ich kann sie sehen jetzt durch das klärende Sichtfeld, das der abziehende Nebel hinterlässt. Mehr Männer als die erste Welle, enger zusammen. Das ist ungewöhnlich. Engere Formationen bedeuten höhere Verluste durch Streufeuer. Das weiß jeder. Das sollten die auch wissen. Und wenn sie es trotzdem so machen, dann entweder weil sie müssen oder weil hinter ihnen etwas steht, das sie nicht zurückgehen lässt. Wischkes Maschinengewehr 42 arbeitet. Das ist das richtige Wort. Es arbeitet. Es ist eine Maschine. Sie arbeitet. Und ich bin der Teil der Maschine, der die Maschine am Laufen hält, der Munition heranträgt und Gurte einlegt und Läufe wechselt. Und Wischke ist der andere Teil der Maschine, der zielt und abdrückt und die Garbe führt. Und zusammen sind wir ein System, das eine Funktion hat. Und die Funktion ist eindeutig und klar. Die schwere Kompanie des Sturmregiments 195 hat mehr Maschinengewehre als eine normale Infanterieeinheit, und das ist der Grund, warum der Graben hier noch steht. Der zweite Laufwechsel des Tages. Ich habe den Laufschutzlappen in der Faust. Ich warte auf das Signal, das kein Signal ist, nur die Veränderung im Klang, die ich inzwischen kenne wie eine vertraute Stimme. Der Ton steigt, der Lauf glüht. Ich greife, klappe die Laufklappe auf, drücke den Lauf nach vorne, ziehe ihn seitlich heraus, schiebe den neuen ein, klappe zu. Der heiße Lauf landet auf dem Holzsteg, dampft. Der Stahl ist so heiß, dass er die Feuchtigkeit des Holzes sofort verdampft. Ein kleines Zischen, das unter dem Schlagen des Maschinengewehrs verschwindet, aber das ich fühle als winzigen Dampfstoß gegen meine Wange.

Ehrmann kommt endlich. Er kommt von hinten geduckt, mit zwei Kästen in den Händen, je einer pro Hand, und er wirft sie mehr als legt sie. Sie landen neben mir mit einem dumpfen Geräusch, und ich greife den einen und öffne ihn, und der Gurt liegt darin ordentlich, ungebraucht, 250 Patronen. Und ich sage nichts zu Ehrmann, und Ehrmann sagt nichts zu mir. Er dreht sich um und geht zurück, gebückt, schon wieder weg. Der Nachmittag ist grau, der Vormittag war grau. Die Nacht davor war schwarz und nass, und der Morgen hat sich nur insofern vom Nachmittag unterschieden, dass der Lärm früher begann. Der Kältegrad, der sich langsam aber messbar in die Nächte schleicht, hat die Erde noch nicht gefroren. Das ist ein Nachteil und ein Vorteil gleichzeitig, je nachdem wen man fragt. Der Schlamm ist tief und weich und behindert die Bewegung der Infanterie. Er behindert auch unsere Bewegung. Er frisst Patronengurte. Er haftet an allem. Die Schmerzen in meiner rechten Hand sind neu. Nicht der stumpfe Schmerz der Erschöpfung. Das ist ein scharfer Schmerz. Ein spezifischer Schmerz, der vom dritten Knöchel kommt, dem mittleren Finger, rechte Hand. Ich habe diesen Finger irgendwann gegen das Maschinengewehr geschlagen, gegen den Deckelrahmen oder gegen die Laufklappe, und der Knöchel ist aufgeplatzt, nicht tief, nur oberflächlich, aber die Wunde ist offen und am Metall. Keine Handschuhe. In Handschuhen spürt man die Gurte nicht, nicht die Verdrehung, nicht die Klemme, nicht das Gewicht der ersten Patrone in der Führungsrinne, also keine Handschuhe, also offene Hand.
Franke kommt wieder. Er kommt nicht allein. Er kommt mit Kühn, der den Karabiner 98k über der Schulter trägt und den Gesichtsausdruck eines Mannes hat, der weiß, dass er gleich etwas tun muss, was er nicht tun will. Franke zeigt nach links mit dem Kinn, nicht mit der Hand. Eine minimale Geste, die aber eindeutig ist. Links. Ich schaue nach links über den Rand, und ich sehe, was Franke meint. Der linke Flügel der Angriffswelle hat sich in eine Mulde gezogen, eine flache Senke im Gelände, die vom Maschinengewehrfeuer nicht erreicht wird, weil der Winkel fehlt. Sie sammeln sich dort, vielleicht 20, vielleicht 30 Männer geduckt in der Senke, und wenn sie gleichzeitig aufstehen und rennen, dann kommen sie in wenigen Sekunden an den Graben. Wischke hat es auch gesehen. Er hat den Lauf bereits schräg nach links gezogen, soweit der Dreifuß erlaubt. Und er schießt in die Mulde, schießt auf das Gelände vor der Mulde, um die Aufstehenden zu erwischen. Und ich halte den Kasten hoch, damit der Gurt nicht am Boden zieht, weil der Boden Schlamm ist und der Gurt sich im Schlamm verhängt. Der Gurt verhängt sich im Schlamm. Nicht stark, nur eine kleine Torsion in der zweiten Patronenreihe, aber genug, um die Zuführungsrinne zu blockieren. Und das Maschinengewehr 42 stoppt mitten im Schuss. Stoppt einfach. Und ich habe das schon hundertmal behoben, und ich behebe es jetzt. Ich greife den Gurt, drehe ihn zurück, lege ihn flach, und Wischke zieht durch, und das Maschinengewehr 42 beginnt wieder.
In der Senke stehen sie auf, nicht alle gleichzeitig. Ein Teil von ihnen steht auf, rennt, und dann der andere Teil, eine gestaffelte Bewegung, die die Feuerpausen ausnutzt, die es zwischen unseren Salven gibt. Sie kennen das, sie haben das gelernt. Sie haben das wahrscheinlich gegen andere Maschinengewehrnester gelernt, gegen andere Männer in anderen Gräben, und die Erfahrung kostete sie Tote, aber sie haben sie trotzdem gelernt. Und jetzt setzen sie sie um. Und der Vorteil, den das Maschinengewehr 42 normalerweise hat, schrumpft. Wischke wechselt die Strategie ohne ein Wort. Er feuert nicht mehr in Gruppen. Er feuert kontinuierlich, Dauerfeuer, ununterbrochen. Er legt den Finger auf den Abzug und hält ihn dort. Und der Gurt läuft durch die Zuführungsrinne, und der Lauf wird heiß in wenigen Sekunden. Ich weiß das. Ich kann es riechen, und ich greife schon den Wechsellauf, schon den Laufschutzlappen. Ich warte auf das Signal. Das Signal kommt nach weniger als einer Minute. Ich tausche den Lauf. In den Sekunden, die der Tausch dauert, hören sie das Schweigen und rennen. Ich sehe den ersten am Grabenrand, noch nicht drinnen, noch außen, seinen Stahlhelm, seine Hände, seine Mosin-Nagant, und Kühn schießt ihn mit dem Karabiner 98k, einen einzelnen Schuss, sehr laut in der kurzen Stille des Laufwechsels. Und dann ist das Maschinengewehr 42 wieder da, und das Einzelfeuer spielt keine Rolle mehr.
Meine Arme sind schwer, nicht die Muskeln allein. Die Arme sind insgesamt schwer. Von den Schultern bis in die Finger. Eine Schwere, die sich aufgebaut hat, die sich schichtet. Das Tragen der Kästen. Jeder Patronenkasten wiegt etwa acht Kilogramm, zwei Kästen gleich 16 Kilogramm, dazu die Gasmaskenbüchse, der Brotbeutel, das Seitengewehr, und man hat ein Gesamtgewicht, das den Körper nach unten zieht, in den Schlamm, in die Erde, als wolle das Gewicht selbst verhindern, dass man sich bewegt. Die erste Welle hat sich aufgelöst. Die meisten Überlebenden liegen flach in Kratern oder sind in den Wald zurückgegangen. Einige liegen still auf dem Stoppelfeld. Die zweite Welle drückt noch, aber langsamer, vorsichtiger, und der Artilleriebeschuss hat sich verändert, ist flacher geworden, zielt auf unsere Grabenwände, versucht sie einzudrücken, was er mancherorts auch tut. Und das Resultat ist, dass Männer unter Erdmassen verschüttet werden oder fliehen oder sterben. Ich denke nicht an das, was auf dem Feld liegt. Das ist keine Kälte, kein Mangel an etwas, das ist eine Notwendigkeit. Was auf dem Feld liegt, liegt dort, und es ändert nichts an dem, was ich als nächstes tun muss. Das nächste, was ich tun muss, ist den halbvollen Kasten abzählen und sicherzustellen, dass der Gurt ordentlich liegt und nicht klemmt. Das tue ich. Der Gurt liegt ordentlich.
Franke sagt, die zweite Linie hält. Er sagt das mit der Stimme eines Mannes, der es selbst nicht sicher glaubt. Die zweite Linie hält. Aber das bedeutet nicht, dass der Abend ruhiger wird. Das bedeutet nur, dass die nächste Angriffswelle auf die erste Linie kommt, auf uns, weil die zweite blockiert ist. Das Maschinengewehr 42 hat in den letzten zwei Stunden, schätze ich, zwischen sieben und acht Gurten durchgezogen. Das entspricht fast 2000 Patronen, und das ergibt einen spezifischen Geruch im Graben. Pulver, Cordit, warmes Metall, und darunter, weniger wahrnehmbar, aber beständig, der Geruch von verbranntem Gurt, von kleinen Stücken Textil und Metall, die sich im Abwurf sammeln und langsam verkohlen. Ich sammle die leeren Kästen und staple sie gegen die Grabenwand. Das ist keine Ordnungsliebe, das ist Platzkontrolle. Ein Graben, in dem leere Kästen herumliegen, ist ein Graben, in dem man stolpert. Und Stolpern in einem Graben unter Beschuss ist ein Fehler mit Konsequenzen. Die Kästen an die Wand, die leeren Gurtabschnitte zur Seite, der Schlamm bleibt. Den Schlamm kann man nicht wegräumen. Die Nacht kommt früh, das ist keine Überraschung. Das ist September, das ist der Osten, das ist die Konsequenz des Kalenders. Aber es ist trotzdem jedes Mal neu, wie schnell das Licht geht, wie kurz die Dämmerung ist, wie die Birken im Rücken plötzlich schwarz werden gegen einen Himmel, der noch grau ist. Das Artilleriefeuer hört mit der Dunkelheit nicht auf. Natürlich nicht.

Wischke lehnt sich zurück, nicht weit, nur ein paar Zentimeter, aber ich merke es. Er lehnt sich zurück, streicht mit dem Daumen über den Lauf, den heißen Lauf, mit dem Laufschutzlappen, eine prüfende Geste. Ich sage ihm nicht, dass der Lauf heiß ist, das weiß er. Ich reiche ihm stattdessen die Feldflasche, nicht meine, die ist leer, sondern die Reserveflasche, die ich am frühen Morgen aufgefüllt habe aus dem nassen Loch in der Grabensohle, wo das Grundwasser steht, durch das Taschentuch, das jetzt schwarz ist. Das Wasser schmeckt nach Erde. Alles schmeckt hier nach Erde. Die dritte Welle kommt in der Dunkelheit. Das ist keine taktische Innovation. Das haben Sie schon vor Wochen gemacht in anderen Abschnitten, und wir haben davon gehört von Männern, die aus anderen Abschnitten kamen. Und wir haben es gewusst und uns darauf vorbereitet, insofern man sich vorbereiten kann. Vorbereiten bedeutet hier die Leuchtpistole bereit haben, den Kasten mit den Leuchtpatronen offen, wissen, wer schießt und wer beobachtet. Franke schießt die Leuchtpatrone ab. Der Knall ist nicht laut, relativ gesehen, relativ zum Artilleriebeschuss, der immer noch anhält. Aber im Graben ist er scharf und direkt. Ein kurzes Bellen, das ich in den Zähnen spüre. Die Patrone steigt 50 Meter, 60 Meter, und dann brennt sie. Ein weißes, kaltes Licht, das das Stoppelfeld ausleuchtet. Die Krater, die liegenden Männer, die stehenden Männer, die rennenden Männer. Sie rennen. Sie sind schon nah. 30 Meter, 40 Meter, nicht weiter. Und ich habe die Kiste bereits offen, den Gurt bereits bereit, und Wischke beginnt zu schießen, ohne auf ein Kommando zu warten. Sofort im Moment der Beleuchtung, und der Knall des Maschinengewehrs 42 in der Nacht ist anders als am Tag. Lauter scheinbar, obwohl das physikalisch keinen Sinn ergibt. Lauter, weil der Kontrast größer ist. Die Stille davor war tiefer.
Einer von ihnen kommt an den Graben. Er kommt an den Graben, weil er nicht in der Schusslinie lag, weil er eine kleine Delle im Gelände ausgenutzt hat, weil er schneller war als die Leuchtpatrone. Er kommt an den Graben, und ich sehe ihn erst, als er am Rand ist, als sein Oberkörper über den Rand kommt, und meine Hand greift das Seitengewehr, das Bajonett, das am Gürtel hängt, ohne dass ich es entscheide, ohne Gedanke. Die Hand greift, zieht. Und er ist schon drin im Graben. Und wir sind zu nah für das Maschinengewehr, zu nah für das Gewehr, und es ist das Seitengewehr, und es ist sehr kurz, und es ist sehr nah, und ich werde es nicht weiter beschreiben, weil die Beschreibung nichts hinzufügt. Danach ist Wischke still. Nicht wegen mir. Er hat es nicht gesehen. Er hat weitergeschossen, weil er weiterschießen musste, weil neben dem einen noch zehn andere kamen. Er ist still, weil die Leuchtpatrone erloschen ist und das Feld wieder schwarz ist. Und im Schwarzen ist Stille besser als Schuss, weil man im Schwarzen auf Geräusche hört und nicht auf Bewegung. Ich lege das Seitengewehr zurück. Ich stelle mich neben Wischke. Ich halte den nächsten Kasten bereit. Die Nacht zieht sich. Das ist keine Beobachtung, das ist eine physische Erfahrung. Die Nacht zieht sich wie etwas Zähes, wie Schlamm, den man nicht durchqueren kann, ohne jeden Schritt zu spüren. Der Kältegrad, der jetzt deutlich spürbar ist, kriecht in die Hände, in die Füße, in die Knie, die noch immer nass sind vom Morgen, nass und kalt und beinahe unbeweglich. Ich knie auf dem Holzsteg und lege die Hände auf die Munitionskiste, um sie zu wärmen. Nicht die Kiste, die Hände.
Franke schießt eine zweite Leuchtpatrone ab. Das Feld ist leer. Nicht leer von allem, nicht sauber, aber leer von stehenden, laufenden Männern. Was dort liegt, liegt still. Die dritte Welle ist zurückgegangen oder aufgehört. Der Artilleriebeschuss geht weiter. Ich zähle die verbleibenden Gurte. Drei volle Kästen, ein halbvoller. Das sind sieben Gurte, 1750 Patronen, wenn ich richtig rechne. Und ich rechne wahrscheinlich richtig, weil das eine der Tätigkeiten ist, für die der Kopf noch funktioniert. Zählen. Es funktioniert nicht für Erinnerungen, nicht für das Morgen, nicht für andere Dinge, aber es funktioniert für das Zählen von Patronen. Wischke sagt meinen Namen. Das erste Mal heute seit dem frühen Morgen, zum ersten Mal sagt er meinen Namen, und ich schaue ihn an, und er zeigt auf seinen linken Unterarm, wo der Ärmel der Feldbluse dunkel ist, nicht von Schlamm, von etwas anderem. Eine Verletzung irgendwann während der Dunkelheit, ein Splitter wahrscheinlich vom Einschlag, der die Grabenwand getroffen hat. Er hat nichts gesagt. Er hat weitergeschossen. Ich nehme den Verbandspack aus meiner Hosentasche, das Persönliche, das jeder bei sich trägt, und ich lege ihm den Arm frei und binde es ab im Dunkeln. Nicht gut, aber gut genug, um die Blutung zu bremsen, die gering ist, mehr Färbung als Menge. Er sagt, es sei nichts. Ich sage nichts.
Der Morgen des zweiten Tages beginnt mit Regen. Nicht der feine, anhaltende Regen der letzten Wochen, sondern ein direkter, schwerer Regen, der auf die Grabenabdeckungen schlägt und durch sie dringt und auf das Maschinengewehr 42 schlägt, auf die Munitionskisten, auf Wischke und auf mich. Ich decke die Kästen mit der Zeltbahn ab, der Zeltbahn, die ich als Schlafunterlage benutzt hatte, die ich aufgerollt unter dem Arm getragen habe. Sie ist feucht, aber sie ist eine Barriere, und Feuchtigkeit ist der Feind der Patronen, der Feind der Gurte, der Feind der Zuführungsrinne. Die Artillerie am Morgen beginnt wieder. Sie hat in der Nacht nicht komplett geschwiegen, hatte Pausen, die kurz waren, die ich kaum registriert habe. Aber jetzt beginnt sie mit dem Morgen, als sei sie ausgeruht, als habe sie den Morgen abgewartet, um mit voller Energie zu beginnen. Die Einschläge kommen dichter. Ich spüre das. Ich messe das instinktiv an der Frequenz der Bodenvibration. Eine Vibration pro Sekunde, jetzt schneller, jetzt eine pro halber Sekunde. Jetzt überlappend, so dass die Einzelvibration im Gesamtvibrieren aufgeht. Franke brüllt etwas von rechts, und ich verstehe den Sinn. Sie kommen wieder, und sie kommen früher als erwartet, und sie kommen von vorne und vom Flügel. Der Flügel ist das Problem. Wenn Sie den linken Flügel umrunden, kommen Sie von hinten in den Graben. Und das wäre das Ende dieses Grabenabschnitts.
Ich hebe den Kasten auf, beide Kästen, die vollen, einen in jeder Hand, und gehe den Graben entlang nach links zu Wischke, der das Maschinengewehr 42 schon in die neue Richtung gedreht hat, und ich stelle die Kästen ab und öffne den ersten und halte den Gurt bereit und warte, bis Wischke den Spannhebel zieht.

