„Ich habe die Hölle gesehen“ – Echte Berichte aus Halbe 1945

„Ich habe die Hölle gesehen“ – Echte Berichte aus Halbe 1945

Die Kiefern von Halbe ragen stumm in den grauen Aprilhimmel, und unter ihren Wurzeln liegen die Toten von 1945. „Ich habe die Hölle gesehen“, schrieb Günther Bruno Lüsk Jahrzehnte später in sein Buch. Er war 16 Jahre alt, als er in den Kessel von Halbe geriet. Ein Junge in einer Uniform, die ihm zu groß war, ohne ausreichende Ausbildung, ohne Munition, ohne jede Chance auf ein normales Leben. Was er in jenen letzten Apriltagen erlebte, übersteigt die Vorstellungskraft eines Menschen, der nie in einem Krieg war. Es ist kein Roman, kein Film. Es sind die nackten, ungeschönten Worte eines Überlebenden, der den Tod neben sich atmen hörte.

Neben ihm lag sein Kamerad, erschöpft vom stundenlangen Marsch durch die märkischen Wälder. Der Junge schlief ein, während Lüsk wach lag und in die Dunkelheit starrte. Plötzlich durchschlugen Schüsse die Stille der Nacht. Ein sowjetischer Stoßtrupp hatte sich lautlos herangeschlichen. Der Kamerad rührte sich nicht mehr. Lüsk hingegen rührte sich nicht. Er lag still, die Waffe in der Hand, und wartete auf den eigenen Tod. Der Tod kam nicht. Diesmal nicht. Diese Szene, so schlicht und doch so grauenvoll, ist der Kern seiner Erinnerung.

Der Kessel von Halbe, 60 Kilometer südlich von Berlin, war Ende April 1945 zu einer der blutigsten Fallen des Zweiten Weltkriegs geworden. Keine große Stadtschlacht wie um Berlin selbst, kein weithin bekannter Name wie Stalingrad. Nur ein Wald, ein Kiefernforst zwischen Sandwegen und kleinen Dörfern, in dem Hunderttausende eingeschlossen wurden. Soldaten ohne Munition, Zivilisten ohne Ausweg, Kinder in Uniformen, die viel zu groß für ihre schmalen Schultern waren. Die Rote Armee der ersten weißrussischen und ersten ukrainischen Front hatte die deutschen Linien durchbrochen und die 9. Armee eingekesselt.

Günther Lüsk war einer von ihnen. Seine Geschichte beginnt nicht erst im April 1945. Sie beginnt im Januar desselben Jahres, als er gerade 16 Jahre alt geworden war. Das nationalsozialistische Regime, das am Ende seiner Ressourcen war, griff nach den letzten verfügbaren Menschen: den Jugendlichen. Lüsk wurde zum Reichsarbeitsdienst nach Wittstock an der Dosse einberufen. Drei Monate lang lernte er, was man einem Jungen in dieser Zeit beibrachte: marschieren, gehorchen, aushalten. Keine Waffe, keine Taktik, aber ein harter Körper und ein drillgewohnter Geist.

Am 14. April 1945, als die sowjetische Offensive an der Oder bereits in vollem Gange war, meldete er sich als Kriegsfreiwilliger. Die Kaserne der Leibstandarte SS in Berlin-Lichterfelde war seit Jahren eine zentrale Ausbildungsstätte der Waffen-SS. Hier wurde er gemustert, eingekleidet und dem Verband „Falke“ zugeteilt, dem letzten Regiment, das die Waffen-SS überhaupt noch aufstellte. 16 Jahre alt, drei Monate Schaufeln als Kriegsvorbereitung, und nun Kriegsteilnehmer. Man schrieb den 14. April. Zwölf Tage später war die 9. Armee eingeschlossen.

Lüsk Weg in den Kessel begann knapp 30 Kilometer nordöstlich von Halbe bei Sprenhagen. Das Regiment „Falke“ lag hier an der Front, als die sowjetischen Truppen die deutschen Linien durchbrachen. Es gab keine geordnete Verteidigung mehr. Nur noch Rückzug, Auflösung, Chaos. Lüsk erster Befehl in dieser neuen Wirklichkeit war schlicht: Er sollte einen Verwundeten per Schubkarre zu einer Verbandsstelle an der Autobahn bringen. Ein 16-jähriger Junge schob einen blutenden Mann durch zerbombte Wälder. Er lieferte den Kameraden ab, und als er zurückkam, fand er keinen Verband mehr vor.

Er war einer sogenannten „Chorbegleitkompanie“ zugeteilt worden, einer kleinen, schlecht ausgerüsteten Einheit, die die Aufgabe hatte, dem Stab zu folgen. Die Dahme, ein schmaler Fluss, der von Süd nach Nord durch die märkische Landschaft fließt, war das nächste Hindernis. Kilometerlange Kolonnen stauten sich an den wenigen Übergängen. Soldaten, Zivilisten, Fuhrwerke mit Kindern, Pferdegespanne, Sanitätswagen. Wer auf der Straße wartete, riskierte Luftangriffe. Wer unter den Kiefern stand, kam nicht vorwärts. Es gab keine gute Entscheidung, nur weniger schlechte.

Lüsk hatte keine Decke, nur eine Zeltbahn. Er und der Unteroffizier, dem er zugeteilt war, schliefen an Ort und Stelle ein, sobald sie sich hinsetzten. So erschöpft waren sie. Die Russen beherrschten die Straßen, wir die Wälder, erinnerte er sich später. Manchmal hatten wir drei Tage lang gar nichts zu essen. Drei Tage, kein Brot, kein Wasser, keine Rast. Der Wald um ihn herum war dunkel und voller unbekannter Geräusche. Jedes Knacken eines Astes konnte den Tod bedeuten.

Als Lüsk das Dorf Halbe erreichte, war es längst kein Dorf mehr im gewöhnlichen Sinne. Es war ein Knotenpunkt des Sterbens geworden. Straßen verstopft von Fahrzeugen, einige noch rollend, andere brennend. An jeder Kreuzung Überreste von dem, was eine Armee einmal gewesen war. Feldküchen ohne Feuer, Munitionswagen ohne Munition, Soldaten ohne Einheit, Befehle ohne Befehlshaber. Lüsk lag auf Posten, 100 Meter von einem Gefechtsstand entfernt. Neben ihm ein Kamerad. In dieser Nacht schlief der Kamerad ein. Es war ein Fehler, der ihn das Leben kostete.

Ein sowjetischer Stoßtrupp bewegte sich lautlos durch die Dunkelheit. Schüsse, dann Stille. Lüsk rührte sich nicht. Er lag still, die Waffe in der Hand, und wartete auf den eigenen Tod. Der Tod kam nicht. Was diesen Moment so erschütternd macht, ist die Schlichtheit, mit der er ihn später beschrieb. Kein 𝒹𝓇𝒶𝓂𝒶, keine Heldenpose. Ein 16-jähriger Junge, der gelernt hatte, dass ruhig bleiben überleben bedeutet. Am nächsten Morgen in der Dämmerung wagten Lüsk und eine Gruppe versprengter Soldaten den nächsten Schritt.

Vom Wald nahe des Bahnhofs liefen sie über die Gleise, ein offenes Stück Boden, jede Sekunde sichtbar, jede Sekunde gefährdet. Auf der anderen Seite, hinter der Schule, bildeten die Männer kleine Gruppen. Keine Befehle mehr, keine Hierarchien, nur eine Richtung: Westen. Über eine Wiese liefen sie in den nächsten Wald. Auf einem Platz, den Lüsk viele Jahrzehnte später noch genau beschreiben konnte, feuerte eine deutsche Vierlingsflak auf einer Halbkette. Das lauteste, brutalste, hoffnungsloseste Zeichen des Widerstandes, das er je gesehen hatte. Vier Läufe gegen tausende Feinde.

Lüsk lief weiter. Im Wald lagen Tote, die im Gehen eingeschlafen schienen. Verwundete, die nach Wasser riefen. Männer, die weinten, lautlos, weil sie gelernt hatten, dass Lautsein tötet. Einmal begegneten ihnen Soldaten, die zu gut gekleidet waren, zu sauber für den Wald, zu aufrecht für Männer, die seit Tagen nicht geschlafen hatten. Lüsk misstraute ihnen sofort. Das waren Seydlitz-Leute, ehemalige deutsche Soldaten, die zur Roten Armee übergelaufen waren und nun in deutschen Uniformen durch den Kessel streiften, um Einheiten in die falsche Richtung zu locken. Er folgte ihnen nicht.

Dann kam Radeland. Es war die erste Ortschaft nach dem Wald, die erste Straße, das erste Haus, der erste Beweis, dass es eine Welt jenseits der Kiefern gab. Lüsk erreichte das erste Grundstück. Der Hof war verlassen. In der Einfahrt lag ein toter sowjetischer Panzerfahrer, die Haube noch auf dem Kopf, als hätte er nur kurz innegehalten. Es war das erste Mal, dass Günther Lüsk einen Toten aus unmittelbarer Nähe sah. Er war 16 Jahre alt. Er stieg in den Keller des verlassenen Hauses hinab. Hunger, seit Tagen kein Essen mehr.

Im Dunkeln ertastete er Einweggläser. Er öffnete eines. Süß, klebrig, fruchtartig. Birnen, Pfirsiche, Aprikosen. Er wusste es nicht. Es spielte keine Rolle. Er verschlang den Inhalt. Es war das erste Mal seit Tagen, dass sein Magen nicht leer war. Dieser Moment – ein 16-jähriger Soldat allein in einem verlassenen Keller, ein eingewecktes Glas Obst aus Friedenszeiten in der Hand, draußen Krieg, drinnen der süße Geschmack einer anderen Welt – dieser Moment verdichtet etwas, das schwer zu benennen ist. Das Absurde des Krieges, die Zufälligkeit des Überlebens, die Menschlichkeit, die sich in den seltsamsten Momenten zeigt.

Günther Lüsk überlebte Halbe. Er erreichte die Linien der 12. Armee unter General Walter Wenck, einer von etwa 25.000 Soldaten, die am 1. Mai 1945 bei Belitz ankamen. Er geriet in Gefangenschaft, nicht in sowjetische, sondern in amerikanische, was sein Leben möglicherweise rettete. Die Kameradschaft, von der er später schrieb, half ihm dabei. Eine frühzeitige Entlassung durch das Einwirken von Bekannten folgte. Was dann kam, war das Leben in der DDR, die Sowjetzone, die neue Ordnung. Lüsk arbeitete in den Uranbergwerken der Wismut, tief unter der Erde, unter miserablen Bedingungen.

Radioaktiver Staub in den Lungen, sowjetische Aufseher über sich. Vom Waffen-SS-Mann zum Bergbauingenieur. So lautet der Untertitel seines späteren Buches „Feuertaufe im Kessel von Halbe“. Und es klingt fast lakonisch für eine Biographie, die mehr umfasst, als die meisten Leben. Jahrzehnte vergingen. Die DDR bestand, kollabierte und verschwand. Und Günther Lüsk kehrte zurück. Er fuhr nach Radeland, zum ersten Grundstück nach dem Wald, zum verlassenen Hof mit dem Keller.

Die Frau, die jetzt dort wohnte, sie war zu Hause. Sie erinnerte sich an einen Mann, der einmal zu Besuch gekommen war, an eine Bootsfahrt auf dem Tupitzer See, zu der er sie eingeladen hatte, an den Krieg, der in diesem Haus und in dieser Landschaft nie ganz geendet hatte. Ein 16-jähriger Junge hatte im Frühling 1945 in ihrem Keller ein Glas eingewecktes Obst gegessen und war zurückgekommen, um Danke zu sagen. Nicht für das Glas, sondern dafür, dass es diesen Keller gegeben hatte, diesen Moment, diese kleine stille Insel im Chaos.

Auf dem Waldfriedhof Halbe liegen heute über 20.000 Tote. Günther Lüsk ist nicht unter ihnen. Er ist einer der wenigen, die dieses Inferno überlebt haben, und er hat seine Geschichte niedergeschrieben, damit die Welt nie vergisst, was in diesen Kiefernwäldern geschah. Seine Worte sind ein Mahnmal, ein Zeugnis der Grausamkeit und der Zufälligkeit des Überlebens. Sie erinnern uns daran, dass der Krieg nicht nur aus Schlachten und Strategien besteht, sondern aus den Schicksalen einzelner Menschen, die in den Strudel der Geschichte gerissen wurden.

Die Hölle von Halbe ist kein Ort, den man besuchen möchte. Aber sie ist ein Ort, den man nicht vergessen darf. Die Kiefern ragen noch immer stumm in den Himmel, und unter ihren Wurzeln liegen die Toten. Aber die Stimme eines Überlebenden, die Stimme von Günther Bruno Lüsk, hallt durch die Jahrzehnte und sagt uns: Ich habe die Hölle gesehen. Und ich lebe, um davon zu erzählen.