Der Vorstoß der 4. Panzerarmee unter Generaloberst Hermann Hoth, der im Sommer 1942 als entscheidender Schlag gegen die Sowjetunion begann, endete in einer der größten militärischen Katastrophen des Zweiten Weltkriegs. Was als glänzender Feldzug mit hohem Tempo und taktischer Meisterschaft begann, versank im November und Dezember desselben Jahres in den Trümmern Stalingrads und der eisigen Steppe südlich der Wolga.
Am 28. Juni 1942 rollten die Panzerkolonnen der 4. Armee über die endlose Steppe südlich des Don. An ihrer Spitze stand Hoth, ein Offizier, der zu diesem Zeitpunkt als einer der erfahrensten Befehlshaber der mobilen Kriegführung in der Wehrmacht galt. Die Offensive, unter dem Decknamen Fall Blau, sollte den Krieg im Osten zugunsten des Reiches entscheiden. Ihr Ziel lag weit im Osten an der Wolga und in den Erdölgebieten des Kaukasus. Die 4. Panzerarmee war dabei als bewegliches Instrument gedacht, als Werkzeug für jene Form des Operierens, die das Heer über Jahre verfeinert hatte.
Hoth hatte im Westfeldzug 1940 ein motorisiertes Korps befehligt und während des Angriffs auf die Sowjetunion 1941 die 3. Panzergruppe geführt. Sein Verständnis vom Panzerkrieg beruhte auf zwei Grundgedanken, die das gesamte Operationsverständnis des Heeres prägten. Der erste war der Schwerpunkt, also die Bündelung der Kräfte an der entscheidenden Stelle. Der zweite war die Auftragstaktik, jenes Führungsprinzip, das den unteren Befehlsebenen großen Handlungsspielraum bei der Erfüllung des Auftrags ließ.
Was geschah, als eine der geübtesten Panzerarmeen der Wehrmacht den Befehl zum Vorstoß an die Wolga erhielt, und dieser Vorstoß sich Schritt für Schritt in den Weg zu einer der größten Katastrophen der Kriegsgeschichte verwandelte, lässt sich anhand der erhaltenen Quellen genau nachzeichnen. Die folgende Darstellung verfolgt diesen Weg in drei Abschnitten und betrachtet dabei die Entscheidungen der Führung, die Zusammensetzung der Verbände und die operativen Ergebnisse mit der gebotenen Nüchternheit.
Der erste Abschnitt begann am 28. Juni 1942 mit dem Anlauf von Fall Blau, dem ersten Teilstoß, der in den eigenen Stäben als Blau 1 bezeichnet wurde. Hoth übernahm den Befehl über die 4. Panzerarmee und verfügte über mehrere starke schnelle Verbände, darunter das 24. Panzerkorps und das 48. Panzerkorps. Die Vorbereitung folgte dem vertrauten Muster der Operationsführung der Wehrmacht. Die Panzerdivisionen wurden nicht gleichmäßig über die gesamte Frontbreite verteilt, sondern an einem schmalen Abschnitt zusammengezogen, um dort die volle Wucht zur Wirkung zu bringen.
Dieser Schwerpunkt richtete sich gegen die Stellungen des sowjetischen Brjansker Fronts, der die Räume um Kursk und Woronesch zu decken hatte. Die Konzentration der Kräfte war kein Selbstzweck, sondern das Ergebnis einer klaren operativen Überlegung. Wo die Panzer in dichter Staffelung antraten, ließ sich die gegnerische Verteidigung an einem Punkt überlasten, durchbrechen und in der Tiefe aufrollen, bevor sie sich neu ordnen konnte. Der Gesamtplan von Fall Blau sah einen gestaffelten Aufmarsch vor.
In einem ersten Schritt sollten die nördlichen Verbände der Heeresgruppe Süd den Raum um Woronesch gewinnen und damit die Nordflanke der weitausgreifenden Operation sichern. Erst danach sollte der Hauptstoß nach Südosten in die große Donschleife und weiter zur Wolga und in den Kaukasus geführt werden. Die 4. Panzerarmee bildete in diesem Plan den beweglichen Hebel, der die sowjetische Front aufreißen und den nachfolgenden Verbänden den Weg öffnen sollte.
Der Brjansker Front, der diesen Abschnitt verteidigte, war zwar zahlenmäßig stark, doch er war auf einen Stoß dieser Wucht und Geschwindigkeit nicht eingerichtet. Die Panzerkorps fanden Lücken, drangen tief in die Verteidigung ein und brachten das gesamte Gefüge der sowjetischen Abwehr in diesem Raum ins Wanken. Binnen weniger Tage verwandelte sich der geordnete Aufmarsch des Gegners in eine Reihe einzelner Rückzugsbewegungen, die kaum noch aufeinander abgestimmt waren. Der Durchbruch durch die Front gelang in den ersten Tagen mit hoher Geschwindigkeit.
Die Panzerkorps stießen in die Lücken der sowjetischen Verteidigung, umgingen befestigte Widerstandsnester und überließen deren Beseitigung den nachfolgenden Infanteriedivisionen. Das Tempo war dabei selbst Teil der Waffe. Wer schneller vorging, als der Gegner reagieren konnte, zwang diesem den Rhythmus des Gefechts auf. Eng abgestimmt wirkte die Luftwaffe. Die Sturzkampfflugzeuge vom Typ Stuka griffen Artilleriestellungen, Marschkolonnen und Knotenpunkte an und wirkten dabei wie eine fliegende Verlängerung der Artillerie.
Diese unmittelbare Zusammenarbeit zwischen Boden und Luft war eines der Kennzeichen der Operationsführung der Wehrmacht jener Jahre. Sie beruhte auf eingespielten Verfahren, auf Funkverbindungen bis in die vorderste Linie und auf der Erfahrung von Besatzungen, die diese Form des Zusammenwirkens seit dem Westfeldzug und seit dem Vorjahr beherrschten. Eine besondere Rolle spielte die Initiative der unteren Führer. Die Auftragstaktik gab den Kommandeuren der Bataillone und Kompanien das Recht, im Rahmen des Gesamtauftrags eigenständig zu handeln.
Bot sich eine Gelegenheit zum Durchbruch, musste niemand auf einen Befehl von oben warten. Diese Selbstständigkeit beschleunigte das Vorgehen erheblich, denn Entscheidungen fielen dort, wo die Lage am besten zu überblicken war, nämlich an der Spitze der Kolonnen. Die Folge war ein Vorstoß, der sich in wenigen Tagen über große Räume erstreckte. Die Panzerverbände erreichten den Don und drängten auf die Stadt Woronesch zu, einen wichtigen Verkehrsknoten und Brückenkopf an der Naht der sowjetischen Fronten.
Der Stoß auf Woronesch erreichte Anfang Juli seinen Höhepunkt. Am 5. Juli drangen Verbände der Wehrmacht in die Stadt ein und nahmen große Teile von ihr in Besitz. Die sowjetische Führung erkannte die Gefahr und warf rasch Reserven heran. In der Mitte des Monats führte der sowjetische Befehlshaber Alexander Lissjukow mit Kräften der 5. Panzerarmee eine Reihe von Gegenangriffen, die den Vorstoß in der Flanke treffen und die Stadt entlasten sollten.
Diese Gegenangriffe wurden abgewehrt. Die sowjetischen Panzerverbände, oft ohne ausreichende Aufklärung und ohne abgestimmte Unterstützung durch Infanterie und Artillerie eingesetzt, liefen gegen eine bewegliche und gut geführte Abwehr an und erlitten schwere Verluste. Lissjukow selbst fiel wenig später im Verlauf dieser Kämpfe. Für die 4. Panzerarmee war dies ein klassischer Erfolg des operativen Tempos. Sie hatte einen entscheidenden Punkt erreicht, bevor der Gegner seine Kräfte ordnen konnte und sie hatte die ersten Gegenstöße aus eigener Beweglichkeit herausgeschlagen.
Zugleich offenbarte der Kampf um Woronesch bereits eine Spannung, die den gesamten Feldzug begleiten sollte. Die Stadt war ein verlockendes Ziel, doch ihre vollständige Eroberung band Kräfte und Zeit, die an anderer Stelle dringender gebraucht wurden. Die oberste Führung schwankte zwischen dem Wunsch, den Knotenpunkt fest in die Hand zu bekommen und der Notwendigkeit, die schnellen Verbände rasch wieder herauszulösen und nach Südosten zu wenden. Diese Unentschlossenheit kostete wertvolle Tage.
Ein Teil der Panzerkräfte blieb länger als nötig im Raum von Woronesch gebunden, während die eigentliche Stoßrichtung der Offensive bereits weiter südlich lag. Hier zeigte sich zum ersten Mal jenes Grundproblem, das den weiteren Verlauf bestimmen sollte. Die taktischen Erfolge waren glänzend, doch sie wurden nicht konsequent in eine einzige klare strategische Richtung umgesetzt. Die Frage, warum die Verbände der Wehrmacht in dieser Phase ihren Rhythmus halten konnten, lässt sich an mehreren Faktoren festmachen.

Die Besatzungen der Panzerkampfwagen III und IV waren gründlich ausgebildet und seit Monaten im Gefecht erprobt. Die Instandsetzung wurde so organisiert, dass beschädigte Fahrzeuge möglichst rasch wieder einsatzbereit gemacht wurden, oft unter freiem Himmel und während der Bewegung. Das Zusammenwirken der Waffengattungen, also der Panzer, der motorisierten Infanterie, der Artillerie und der Luftwaffe war eingeübt und folgte festen Regeln, die jeder Beteiligte beherrschte.
Hinzu kam die Überlegenheit in Führung und Nachrichtenverbindung. Der durchgängige Funkverkehr erlaubte es, Befehle schnell zu übermitteln, Schwerpunkte zu verschieben und auf Veränderungen der Lage zu reagieren, bevor der Gegner darauf eingestellt war. Ein weiterer Schlüssel lag im Zusammenspiel der Panzer mit der gepanzerten und motorisierten Infanterie. Panzer allein konnten Gelände gewinnen, aber nicht dauerhaft halten. Erst die nachfolgenden Schützen, die auf Lastwagen und Schützenpanzerwagen herangeführt wurden, sicherten das Erkämpfte, brachen letzte Widerstandsnester und hielten die Verbindung offen.
Die Artillerie wiederum wurde so beweglich geführt, dass sie den Panzerspitzen folgen und im entscheidenden Augenblick ihr Feuer zusammenfassen konnte. Diese enge Verzahnung der Waffengattungen war keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis langer Ausbildung und gemeinsamer Erfahrung. Sie verlieh den Verbänden in der ersten Phase des Feldzugs eine Geschmeidigkeit, die der Gegner zu diesem Zeitpunkt nur schwer nachahmen konnte. Gerade in dieser Beweglichkeit, im raschen Wechsel von Feuer und Bewegung lag die eigentliche Stärke der 4. Panzerarmee.
Diese ersten Wochen zeigten das Operationsverständnis der Wehrmacht auf der Höhe seiner Wirkung. Schwerpunktbildung, Tempo, Initiative der unteren Führer und Luftüberlegenheit griffen wie Zahnräder ineinander. Doch gerade dieser Erfolg verdeckte ein grundlegendes Problem, das sich erst später vollständig zeigen sollte. Erfolge auf der taktischen und operativen Ebene sicherten noch keinen Erfolg auf der strategischen Ebene. Die schnellen Geländegewinne führten zwar tief in den sowjetischen Raum hinein, doch sie zerstörten nicht die feindlichen Kräfte in dem Umfang, den ein dauerhafter Sieg erfordert hätte.
Der Gegner wich vielfach aus, statt sich umfassen und vernichten zu lassen. Schon wenige Wochen nach dem glänzenden Auftakt griff die oberste Führung mit Anordnungen ein, die alles veränderten und den weiteren Weg der 4. Panzerarmee entscheidend prägten. Der zweite Abschnitt der Geschichte beginnt mit einer Entscheidung, die im Nachhinein als eine der folgenschwersten des Feldzugs gilt. Im Juli wies die oberste Führung mit der Weisung Nummer 45 die beiden Heeresgruppen, in die die Heeresgruppe Süd zuvor geteilt worden war, zugleich in zwei verschiedene Richtungen an, nach Süden in den Kaukasus und nach Osten an die Wolga.
Die 4. Panzerarmee wurde im Zuge dieser Anordnung zunächst nach Süden umgelenkt, um der 1. Panzerarmee unter Generaloberst von Kleist beim Übergang über den unteren Don zu helfen. Das Ergebnis war ein logistisches Durcheinander von erheblichem Ausmaß. Auf den wenigen brauchbaren Straßen und Übergängen stauten sich die Verbände beider Panzerarmeen. Der Treibstoff wurde knapp, weil die Nachschubwege überlastet waren und die Entfernungen ständig wuchsen. Von Kleist hielt die Hilfe für überflüssig und äußerte später, er hätte den Don auch ohne die 4. Panzerarmee überschritten, während diese Armee an anderer Stelle dringend gefehlt habe.
Diese Umlenkung zerstörte für mehrere Wochen den Schwerpunkt der Operation. Statt die geballte Kraft auf ein Ziel zu richten, wurden die schnellen Verbände auseinandergezogen und in einem Raum gebunden, in dem sie keinen entscheidenden Erfolg erzielten. Der sowjetischen Seite verschaffte diese Verzögerung wertvolle Zeit, um die Verteidigung im Raum um die Stadt an der Wolga zu verstärken. Die Weisung Nummer 45 gilt vielen Betrachtern als der Punkt, an dem die Offensive ihre innere Geschlossenheit verlor.
Statt die Kräfte nacheinander auf ein Ziel zu richten, wurden zwei große Ziele zugleich verfolgt. Die nach Süden gerichteten Verbände sollten den Kaukasus und seine Ölfelder nehmen, die nach Osten gerichteten Verbände die Stadt an der Wolga. Beide Aufgaben für sich genommen waren gewaltig, und die Wehrmacht verfügte in diesem Jahr nicht über die Mittel, um sie gleichzeitig mit voller Kraft durchzuführen. Die Umlenkung der 4. Panzerarmee war ein unmittelbarer Ausdruck dieses Widerspruchs.
Sie wurde zunächst dorthin geschickt, wo sie nach Lage der Dinge nicht den Ausschlag gab und dann zurückgerufen, als an ihrem eigentlichen Ziel bereits kostbare Zeit verstrichen war. Der Treibstoffverbrauch der hin und her marschierenden Verbände war beträchtlich und jeder zusätzliche Marschkilometer zehrte an einer Substanz, die ohnehin knapp bemessen war. Erst danach wurde die 4. Panzerarmee wieder nach Norden und Nordosten gewendet, um nun von Süden her gegen Stalingrad vorzugehen.
Hoth verfügte jetzt über deutlich geschwächte Kräfte. Ein großer Teil seiner Verbände bestand aus Infanteriedivisionen und aus verbündeten rumänischen Einheiten, die in Ausrüstung und Beweglichkeit den Panzerdivisionen der Wehrmacht unterlegen waren. Dennoch hatte er noch immer einige schlagkräftige Panzerverbände in der Hand. Mit diesen führte er einen kühnen Flankenstoß durch die offene Kalmückensteppe. In diesem weiten, kaum gegliederten Gelände kam die Beweglichkeit der Panzer voll zur Geltung.
Am 29. August gelang der 4. Panzerarmee ein Durchbruch durch die Stellungen der sowjetischen 64. Armee. Damit entstand für kurze Zeit sogar die Aussicht, die sowjetische 62. und 64. Armee von Süden her zu umfassen und vom Hinterland abzuschneiden. Träger dieses Stoßes waren vor allem die noch verbliebenen Panzerdivisionen, unter ihnen die 24. Panzerdivision, die in der Steppe ihre operative Beweglichkeit eindrucksvoll unter Beweis stellte. Doch die sowjetische Führung erkannte die Gefahr und zog ihre Armeen rechtzeitig zurück, sodass die geplante Umfassung nicht voll gelang.
Die 4. Panzerarmee erreichte gegen Ende August und Anfang September die südlichen Randgebiete von Stalingrad. Damit begann eine völlig andere Art des Kampfes. Die Stadt zog sich über viele Kilometer am westlichen Ufer der Wolga hin und bot der Verteidigung eine Tiefe, in der sich Beweglichkeit kaum noch entfalten ließ. Ein Sinnbild dieser neuen Lage wurde der Kampf um den großen Getreidespeicher im südlichen Teil der Stadt. Zwischen dem 17. und dem 22. September verteidigte eine kleine sowjetische Besatzung dieses massive Betongebäude gegen eine vielfache Übermacht.
Die Verteidiger, zusammengesetzt aus Resten verschiedener Verbände und aus Soldaten der Marineinfanterie, hielten den Speicher über Tage. Die Angreifer, darunter Teile der 29. motorisierten Infanteriedivision, mussten Stockwerk um Stockwerk und Raum um Raum nehmen und erlitten dabei schwere Verluste. Erst nach mehreren Tagen erbitterten Ringens fiel das Bauwerk. Der Kampf um den Getreidespeicher zeigte in aller Deutlichkeit, was der Übergang zum Häuserkampf bedeutete.

Selbst bei materieller Überlegenheit und bei Unterstützung durch Panzer und Luftwaffe sank die Wirksamkeit der klassischen Panzertaktik in der Stadt dramatisch. Die Panzer verloren in den engen Straßen ihre Beweglichkeit und ihr weites Schussfeld. Sie wurden zu verwundbaren Zielen für Nahkampfwaffen, die aus Kellern, Trümmern und oberen Stockwerken eingesetzt wurden. Die Stärke der Wehrmacht, die Bewegung im freien Gelände verkehrte sich in der zerstörten Stadt nahezu in ihr Gegenteil.
Wo zuvor das Tempo entschieden hatte, entschieden nun Ausdauer, Menge und die Bereitschaft, jeden Trümmerhaufen einzeln zu erkämpfen. Im Verlauf des Septembers schoben sich die Verbände der 4. Panzerarmee von Süden her in die Stadt hinein und verbanden sich allmählich mit den von Westen herandrängenden Kräften der 6. Armee. Doch jeder Geländegewinn wurde teuer bezahlt. Die Panzerdivisionen, die in der Steppe noch ihre volle Wirkung entfaltet hatten, verschlissen in den Trümmern Mann und Material in einem Tempo, das durch Ersatz nicht auszugleichen war.
Aus den schlagkräftigen Stoßverbänden des Sommers wurden allmählich ausgedünnte Einheiten, die kaum noch über die Substanz für einen entscheidenden Vorstoß verfügten. Die Truppe kämpfte weiterhin mit hoher Disziplin und Sachkenntnis, doch der Charakter des Krieges hatte sich gewandelt. Hoth war sich der Schwäche seiner Lage bewusst. Er warnte mehrfach vor der ungenügenden Sicherung der langen Südflanke, die zu großen Teilen von rumänischen Verbänden gehalten wurde.
Diese Verbände waren tapfer, doch sie verfügten weder über genügend Panzerabwehrwaffen noch über die nötige Beweglichkeit, um einem geballten Stoß standzuhalten. Die Warnungen blieben jedoch weitgehend ohne Wirkung, weil die oberste Führung den Blick fest auf die Eroberung der Stadt selbst gerichtet hielt und die wachsende Gefahr an den Flanken unterschätzte. Die Frage, ob einer der fähigsten Panzerbefehlshaber der Wehrmacht den Lauf der Ereignisse hätte ändern können, wenn ihm stärkere Kräfte und ein stabiler Schwerpunkt zur Verfügung gestanden hätten, bleibt im Bereich des Möglichen.
Tatsache ist, dass die ständigen Umlenkungen und die fortwährende Schwächung der Panzerkomponente die Stoßkraft der 4. Panzerarmee in einem entscheidenden Augenblick verringerten. Zu Beginn des Septembers stand die 4. Panzerarmee an den Stellungen vor Stalingrad. Das Ziel schien zum Greifen nah und auf der Karte wirkte der Erfolg fast vollendet. Doch das taktische Können der Truppe und ihrer Führer konnte nicht ausgleichen, was auf der höheren Ebene versäumt worden war.
Auf der sowjetischen Seite reifte zur gleichen Zeit ein ganz anderer Plan heran. Ein Plan, der nicht auf die Stadt selbst zielte, sondern auf die schwachen Flanken weit außerhalb von ihr. Während die Verbände der Wehrmacht sich in den Trümmern festbissen, sammelte die sowjetische Führung in aller Stille die Kräfte für einen Schlag, der das gesamte Kräfteverhältnis umkehren sollte. Der dritte Abschnitt begann am 19. November mit dem Beginn der sowjetischen Operation Uranus.
Der Hauptstoß traf zunächst die rumänischen Armeen an den Flanken nördlich und südlich der Stadt, traf aber auch Stellungen der 4. Panzerarmee. Die dünn besetzten und schwach ausgerüsteten Flankenverbände brachen unter dem Gewicht der massierten sowjetischen Panzer und Schützenkräfte rasch zusammen. Hoth organisierte aus dem Stand eine Abwehr, doch die Lage entglitt schnell. Die sowjetischen Stoßkeile aus Norden und Süden vereinigten sich binnen weniger Tage westlich der Stadt und schlossen damit die 6. Armee sowie Teile der 4. Panzerarmee in einem riesigen Kessel ein.
Selbst der Stab Hoths geriet zeitweise in unmittelbare Gefahr. Ein Teil der ihm unterstellten Kräfte, darunter Verbände, die zuvor in den Kämpfen gebunden waren, geriet in den Kessel oder an dessen Rand. Die Führung der Wehrmacht stand vor einer Lage, wie sie der Ostkrieg in dieser Größenordnung bis dahin nicht gekannt hatte. Zur Bewältigung der Krise wurde Ende November die Heeresgruppe Don unter dem Oberbefehl von Generalfeldmarschall Erich von Manstein gebildet.
Ihr unterstanden die noch zusammenhängenden Kräfte südlich und westlich des Kessels, darunter die Armeegruppe Hoth. Manstein galt als einer der begabtesten Operateure des Heeres und auf ihn richteten sich die Hoffnungen, die verfahrene Lage doch noch zu wenden. Doch auch der fähigste Stab konnte nur mit den Kräften arbeiten, die tatsächlich vorhanden waren. Die für den Entsatz vorgesehenen Verbände mussten erst aus großer Entfernung herangeführt werden, teils aus dem Westen, teils aus dem Kaukasusraum, und ihr Eintreffen verzögerte sich.
So musste der Entsatzangriff mit geringeren Kräften begonnen werden, als ursprünglich vorgesehen war und gegen einen Gegner, der mit jedem Tag stärker wurde. Zur Wiederherstellung der Verbindung mit der eingeschlossenen 6. Armee wurde unter dem Oberbefehl der neugebildeten Heeresgruppe Don eine Armeegruppe unter Hermann Hoth zusammengestellt. Hier fiel die Aufgabe zu, von außen einen Entsatzangriff zu führen und einen Korridor zum Kessel zu öffnen. Der Kern dieser Stoßgruppe war das 57. Panzerkorps.
Die zur Verfügung stehenden Kräfte blieben jedoch begrenzt, denn nicht alle zugesagten Divisionen trafen rechtzeitig ein. Der Plan sah einen Vorstoß aus dem Raum Kotelnikowo nach Nordosten vor, also entlang der kürzesten Linie, die zum südlichen Rand des Kessels führte. Die Operation erhielt den Decknamen Wintergewitter. Sie war ein Wettlauf gegen die Zeit, denn die eingeschlossenen Verbände konnten aus der Luft nur unzureichend versorgt werden und ihre Kampfkraft schwand mit jedem Tag.
Den Kern der Stoßgruppe bildeten Panzerdivisionen, die eigens für diese Aufgabe zusammengezogen wurden. Unter ihnen die 6. Panzerdivision, die frisch und gut ausgerüstet aus dem Westen eingetroffen war, sowie die 23. Panzerdivision. Später trat die 17. Panzerdivision hinzu, deren Einsatz jedoch zunächst zurückgehalten worden war, um die bedrohte Flanke zu sichern. Gerade dieses Zögern beim Einsatz aller verfügbaren Kräfte zeigte das Dilemma der obersten Führung in aller Schärfe.
Jede Division, die für den Entsatz nach vorn geworfen wurde, fehlte zur Abwehr der wachsenden Bedrohung an anderer Stelle. Die 6. Panzerdivision bildete die Spitze des Angriffs und trug in den ersten Tagen die Hauptlast des Vorgehens. Der Angriff begann am 12. Dezember und nahm zunächst einen stürmischen Verlauf. In einzelnen Abschnitten erreichten die Panzerverbände am ersten Tag Geländegewinne von bis zu 60 km. Die Auftragstaktik bewährte sich auch unter den harten Bedingungen des russischen Winters.

Die Kommandeure nutzten jede Gelegenheit, umgingen Widerstand und hielten die Bewegung in Gang, wo immer es möglich war. Doch je weiter der Vorstoß nach Nordosten drang, desto härter wurde der sowjetische Widerstand. Um den Ort Werchne Kumski entbrannten mehrtägige äußerst verlustreiche Kämpfe, in denen sich die Front mehrfach hin und her bewegte. Die Panzerbesatzungen zeigten dabei ein hohes Maß an Können und Durchhaltevermögen. Doch die sowjetische Führung warf laufend frische Kräfte in den Kampf.
Gegen den 19. Dezember erreichten die Spitzen der Angriffsgruppe den Fluss Myschkowa und überschritten ihn an einzelnen Stellen. Damit war die Stoßgruppe dem südlichen Rand des Kessels bis auf etwa 48 km nahe gekommen. Diese letzten Kilometer wurden jedoch nicht mehr überwunden und die Gründe dafür lagen in einem Geflecht von Faktoren, das selbst die größte taktische Meisterschaft nicht zu durchtrennen vermochte. Der sowjetische Widerstand am Fluss verdichtete sich und es trafen weitere Reserven ein, die eigens herangeführt wurden, um den Entsatz aufzuhalten.
Entscheidend war jedoch ein Ereignis weit nördlich des unmittelbaren Gefechtsfeldes. Am 16. Dezember hatte die sowjetische Seite mit der Operation Kleiner Saturn einen weiteren großen Angriff begonnen, der sich gegen die verbündeten Kräfte am oberen Don richtete und die tiefe Flanke der gesamten Heeresgruppe Don bedrohte. Diese Gefahr zwang die oberste Führung Kräfte aus dem Entsatzunternehmen abzuziehen und sie zur Abwehr im Rücken einzusetzen. Damit verlor der Angriff Hoths seine letzte Reserve und seine Stoßkraft.
Hoth ließ den Druck dennoch bis zum letztmöglichen Augenblick aufrechterhalten, in der Hoffnung, dass die eingeschlossene Armee ihrerseits zum Ausbruch ansetzen würde. Dieser Ausbruch erfolgte jedoch nicht. Die Führung der eingeschlossenen Armee wagte den Durchbruch aus dem Kessel nicht, sei es wegen des Mangels an Treibstoff, sei es aus Furcht vor einem Befehl, der das Halten der Stellung verlangte. Für den Fall, dass der Entsatzangriff den Kessel nicht vollständig erreichen würde, war ein Ausbruch der eingeschlossenen Armee dem Entsatzstoß entgegen vorgesehen.
Dieses Vorhaben trug den Decknamen Donnerschlag. Es hätte bedeutet, dass die eingeschlossene Armee die Stadt aufgab und sich unter Zurücklassung des schweren Geräts nach Südwesten durchschlug, um die Hand zu ergreifen, die ihr Hoths Verbände entgegenstreckten. Doch der Befehl zum Ausbruch wurde nicht gegeben. Die Entfernung von etwa 48 km zwischen den Spitzen der Entsatzgruppe und dem Rand des Kessels blieb bestehen. Ein schmaler Streifen Steppe, der unter den gegebenen Umständen nicht mehr zu überwinden war.
So nah die Rettung schien, so unerreichbar blieb sie für die erschöpften und unzureichend versorgten Verbände im Inneren des Kessels. Damit war das Schicksal des Unternehmens besiegelt. Selbst bei höchster Anspannung der Kräfte und bei großem Können der Befehlshaber waren der Mangel an Reserven, die Schwierigkeiten in Nachschub und Luftunterstützung sowie die Reife der sowjetischen Operationsführung nicht mehr auszugleichen. Die sowjetische Seite hatte gelernt, ihre Schläge nicht mehr nur frontal, sondern in der Tiefe und gegen die empfindlichen Flanken zu führen.
Sie band den Gegner an einer Stelle und schlug an einer anderen zu. Diese Form der tiefgestaffelten Operation machte die Aufgabe der Armeegruppe Hoth unlösbar. In dieser Entwicklung zeigte sich der Wandel, der sich auf der sowjetischen Seite vollzogen hatte. Was im Sommer noch als überstürzter und schlecht abgestimmter Gegenangriff erschienen war, hatte sich bis zum Winter zu einer planvollen in der Tiefe gestaffelten Operationsführung entwickelt.
Die sowjetische Führung setzte ihre Reserven nicht mehr stückweise und vorzeitig ein, sondern sammelte sie für den entscheidenden Augenblick und führte sie geschlossen in den Kampf. Sie zielte nicht mehr allein auf die starke Front des Gegners, sondern auf dessen schwache Flanken und seinen Rücken. Genau jene Form des Operierens, die die Wehrmacht in den Vorjahren selbst zur Meisterschaft entwickelt hatte, wandte sich nun gegen ihre Urheber. Die Entsatzgruppe Hoth stieß in eine Lage, in der jeder örtliche Erfolg von einer übergeordneten Bewegung des Gegners überholt wurde.
Es folgte der Rückzug. Unter dem fortgesetzten Druck nachstoßender sowjetischer Verbände musste die Stoßgruppe ihre mühsam gewonnenen Stellungen aufgeben und über hunderte von Kilometern nach Westen zurückweichen. Der Raum Kotelnikowo, von dem der Angriff ausgegangen war, ging wieder verloren. Der letzte Versuch, die eingeschlossenen Verbände bei Stalingrad zu befreien, war gescheitert. Die Art jedoch, wie dieser Versuch vorbereitet und durchgeführt wurde, wird bis heute als Beispiel für militärische Sachkunde unter nahezu aussichtslosen Bedingungen untersucht.
Der Rückzug der Armeegruppe Hoth war kein ungeordnetes Auseinanderfallen, sondern eine geführte Bewegung unter ständigem Druck. Die Verbände setzten sich abschnittsweise voneinander ab, deckten einander und versuchten dem nachstoßenden Gegner immer wieder kurze empfindliche Schläge zu versetzen, um Zeit und Raum zu gewinnen. Diese Form des hinhaltenden Gefechts gehörte zu den schwierigsten Aufgaben überhaupt, denn sie verlangte Disziplin und Übersicht in einer Lage, in der die Initiative längst beim Gegner lag.
Dass die geschlagenen Verbände überhaupt imstande waren, sich über so weite Räume in Ordnung zurückzunehmen, gilt als ein letzter Ausdruck jener Führungs- und Ausbildungsleistung, die den gesamten Weg der 4. Panzerarmee kennzeichnete. Am Ende dieses Weges steht ein zwiespältiges Bild, das den Wert wie die Grenzen militärischen Könnens gleichermaßen sichtbar macht. Zu Beginn des Feldzugs stand die 4. Panzerarmee unter Hermann Hoth auf der Höhe des taktischen und operativen Vermögens.
Der Stoß auf Woronesch und der kühne Flankenmarsch durch die Kalmückensteppe zeigten, wozu eine gut geführte und gründlich ausgebildete Panzerarmee fähig war. Schwerpunktbildung, hohes Tempo, das Zusammenwirken der Waffengattungen und die Initiative der unteren Führer ergaben über Wochen eine Wirkung, die der Gegner in dieser Phase nicht aufzuhalten vermochte. Doch dieselbe Geschichte zeigt ebenso deutlich die Grenzen dieses Könnens, als die strategischen Entscheidungen der obersten Führung den Schwerpunkt zerschlugen und die sowjetische Gegenoffensive die Bedingungen des Kampfes von Grund auf veränderte, konnte selbst das beste operative Handwerk das Ergebnis nicht mehr wenden.
Die Initiative der unteren Führer im Sinne der Auftragstaktik, die Ausbildung der Besatzungen und die Fähigkeit unter ständig wechselnden Befehlen und unter schwierigster Versorgungslage zu handeln, bleiben bemerkenswerte Leistungen. Hermann Hoth und die Soldaten der 4. Panzerarmee zeigten ein hohes Maß an militärischer Sachkunde, auch dort, wo die Lage längst aussichtslos geworden war. Ihre Geschichte ist nicht allein die Geschichte eines Vorstoßes an die Wolga. Sie ist zugleich eine Lehre darüber, wie wichtig es ist, die Kräfte auf das entscheidende Ziel zu bündeln und die wirklichen Möglichkeiten auch in den ehrgeizigsten Unternehmungen nüchtern abzuwägen.


