Die deutsche Sommeroffensive Fall Blau, die im Juni 1942 begann, sollte den Zweiten Weltkrieg im Osten entscheiden und endete in der größten militärischen Katastrophe der deutschen Geschichte. Was als strategischer Plan zur Sicherung der lebenswichtigen Ölfelder des Kaukasus begann, führte zur Vernichtung der gesamten 6. Armee in Stalingrad.
Im Frühjahr 1942 stand das Deutsche Reich vor einer entscheidenden strategischen Weichenstellung. Das Unternehmen Barbarossa hatte sein Ziel verfehlt. Die Sowjetunion war nicht zusammengebrochen. Moskau blieb unerobert. Der Blitzkrieg war gescheitert. Adolf Hitler und seine militärische Führung erkannten eine bittere Wahrheit. Deutschland befand sich nun in einem Abnutzungskrieg, den es ohne ausreichende Treibstoffreserven nicht gewinnen konnte.
Die rumänischen Ölfelder allein konnten den enormen Bedarf der Wehrmacht nicht mehr decken. Eine neue Offensive musste her, eine Offensive, die das Schicksal des Krieges wenden sollte. So entstand Fall Blau, eine Operation, die in der Katastrophe von Stalingrad enden würde. Der Winter 1941 auf 1942 hatte der Wehrmacht schwere Verluste zugefügt. Über eine Million deutsche Soldaten waren gefallen, verwundet oder vermisst.
Von den ursprünglich eingesetzten Panzern war nur noch jeder Zehnte einsatzfähig. Die Heeresgruppe Süd hatte ihre Kampfkraft eingebüßt. Doch Hitler blieb überzeugt, dass die Rote Armee ihre Reserven weitgehend verbraucht hatte. Diese Fehleinschätzung sollte sich als verhängnisvoll erweisen. Tatsächlich standen in der Sowjetunion noch 16 Millionen Bürger im waffenfähigen Alter zur Verfügung. Die hinter den Ural verlagerte Rüstungsindustrie produzierte bis 1942 bereits 4500 Panzer und 3000 Kampfflugzeuge.
Am 5. April 1942 unterzeichnete Hitler die Führerweisung Nummer 41. Dieses Dokument legte die Ziele der Sommeroffensive fest. Die Heeresgruppe Süd sollte zunächst in Richtung Woronesch am Don durchbrechen, dann südlich entlang des Flusses vorstoßen und schließlich die Wolga bei Stalingrad erreichen. Das eigentliche Ziel aber waren die Ölfelder des Kaukasus. Die Städte Maikop, Grosny und Baku sollten erobert werden.
Hitler formulierte es in unmissverständlicher Deutlichkeit. Entweder erhalte Deutschland das Öl von Maikop und Grosny, oder er müsse diesem Krieg ein Ende setzen. Das Oberkommando des Heeres gab der Operation zunächst den Tarnnamen Siegfried. Am 7. April wurde er in Blau geändert. Für Fall Blau versammelte die Wehrmacht beeindruckende Kräfte. Die Heeresgruppe Süd unter Generalfeldmarschall Fedor von Bock erhielt die Hauptaufgabe.
Sie verfügte über zwei Panzerarmeen, drei Infanteriearmeen und zusätzliche Verbände der Verbündeten. Die zweite ungarische Armee, die achte italienische Armee und rumänische Divisionen sollten die langen Flanken sichern. Die sechste Armee unter General der Panzertruppe Friedrich Paulus bildete das Herzstück des Unternehmens. Paulus war am 1. Januar 1942 zum Oberbefehlshaber ernannt worden. Ein akribischer Stabsoffizier mit wenig Fronterfahrung.
Er hatte an der Planung von Barbarossa mitgewirkt und war als vielversprechender Generalstabsoffizier bekannt. Doch das Kommando über eine kämpfende Armee war für ihn Neuland. Die vierte Panzerarmee unter Generaloberst Hermann Hoth sollte den gepanzerten Stoß führen. Die erste Panzerarmee unter Generaloberst Ewald von Kleist wurde für den späteren Vorstoß in den Kaukasus bereitgehalten. Die Luftwaffe stellte erhebliche Kräfte bereit.
Die Luftflotte 4 unter Generaloberst Wolfram von Richthofen sollte die Bodenoperationen unterstützen. Tausende Flugzeuge standen bereit, um die sowjetische Luftwaffe zu neutralisieren und den Vormarsch zu unterstützen. Am 19. Juni 1942 ereignete sich ein Vorfall, der die gesamte Operation hätte gefährden können. Major Joachim Reichel, der Operationschef der 23. Panzerdivision, wurde bei einem Beobachtungsflug nahe Charkow über sowjetisch kontrolliertem Gebiet abgeschossen.
Bei ihm befanden sich detaillierte Karten mit den exakten Plänen für Fall Blau. Die Dokumente gelangten in die Hände der sowjetischen Führung. Generalmajor Alexander Wassilewski überbrachte sie Stalin persönlich, doch der sowjetische Diktator weigerte sich, ihnen Glauben zu schenken. Er hielt sie für eine deutsche Täuschung. Stalin blieb überzeugt, dass das Hauptziel der Deutschen weiterhin Moskau sei. Diese Überzeugung wurde durch die deutsche Täuschungsoperation Kreml verstärkt, die einen erneuten Angriff auf die Hauptstadt vortäuschte.
So blieben die Hauptkräfte der Roten Armee bei Moskau konzentriert. Der Südabschnitt der Front war vergleichsweise schwach besetzt. Ein strategischer Fehler, der sich bald rächen sollte. Am 28. Juni 1942 begann Fall Blau. Die vierte Panzerarmee setzte sich in Bewegung. Ihr Ziel war Woronesch. Der Angriff traf die Sowjets trotz der erbeuteten Pläne überraschend. Ein chaotischer Rückzug setzte ein. Die deutschen Panzer drangen rasch vor.
Die Luftwaffe spielte eine entscheidende Rolle. Bis zu 100 Flugzeuge wurden auf einzelne sowjetische Divisionen konzentriert. Sie wirkten als Speerspitze, die weit vor den Bodentruppen feindliche Stellungen zerschlug. Innerhalb von 26 Tagen verloren die Sowjets 783 Flugzeuge der zweiten, vierten und achten Luftarmee. Das Oberkommando der Wehrmacht war euphorisch. Die Anfangserfolge schienen die kühnsten Erwartungen zu übertreffen.
Am 11. Juli verkündete Hitler gegenüber General Halder: Der Russe sei erledigt. Doch bereits Anfang Juli begann Hitler, den ursprünglichen Plan zu verändern. Am 7. Juli teilte er die Heeresgruppe Süd in zwei separate Heeresgruppen auf. Die Heeresgruppe A unter Generalfeldmarschall Wilhelm List sollte in den Kaukasus vorstoßen. Die Heeresgruppe B unter Generalfeldmarschall Maximilian von Weichs erhielt Stalingrad als Ziel.
Am 23. Juli folgte die Führerweisung Nummer 45. Sie kodifizierte die verhängnisvolle Teilung der Kräfte. Heeresgruppe A sollte mit der Operation Edelweiß die kaukasischen Ölfelder erobern. Heeresgruppe B sollte mit der Operation Fischreiher zur Wolga bei Stalingrad vorstoßen. Diese Entscheidung widersprach fundamentalen militärischen Grundsätzen. Die Konzentration der Kräfte wurde aufgegeben. Zwei divergierende Operationen sollten gleichzeitig statt nacheinander durchgeführt werden.
Die logistischen Linien waren bereits überdehnt. Munition und Treibstoff wurden knapp. Trotzdem erwartete Hitler, dass beide Heeresgruppen ihre Ziele erreichen würden. Die Generäle äußerten Bedenken. Generalstabschef Franz Halder warnte vor der Überdehnung der Front. Doch Hitler wischte alle Einwände beiseite. Er war überzeugt, dass die Sowjets am Ende ihrer Kräfte seien. Eine Überzeugung, die sich als tödlicher Irrtum erweisen sollte.
Die sechste Armee unter Paulus begann ihren Vormarsch nach Osten. Doch Mitte Juli kam es zu einer 18 Tage dauernden Kampfpause. Der Grund war simpel und verheerend. Treibstoffmangel. Die Nachschublinien konnten den enormen Verbrauch der Panzer nicht mehr decken. Fahrzeuge mit hohem Kraftstoffverbrauch mussten zurückgelassen werden. Diese 18 Tage waren ein Geschenk für die Sowjets. Sie nutzten die Zeit, um Verteidigungsstellungen rund um Stalingrad zu errichten.
Frische Truppen wurden herangeführt. Die Stadt am Westufer der Wolga bereitete sich auf die Verteidigung vor. Am 21. August 1942 überschritt die sechste Armee mit dem 51. Armeekorps unter General der Artillerie Walter von Seydlitz-Kurzbach den Don bei Kletsch. Der Vormarsch auf Stalingrad begann. Zwei Tage später, am 23. August, erreichten die ersten deutschen Verbände die Wolga nördlich der Stadt. An diesem Tag entfesselte die Luftwaffe einen verheerenden Angriff auf Stalingrad.

Über 1600 Einsätze wurden geflogen. 1000 Tonnen Bomben fielen auf die Stadt. Über 40.000 Zivilisten kamen ums Leben. Stalin hatte eine Evakuierung verboten. Die Arbeiter sollten weiter produzieren, die Bevölkerung die Moral der Verteidiger stärken. Am 13. September 1942 begann die deutsche Großoffensive auf die Innenstadt Stalingrads. Was folgte, war eine der brutalsten Schlachten der Militärgeschichte. Ein Kampf von Haus zu Haus, von Stockwerk zu Stockwerk, manchmal von Raum zu Raum.
General Wassili Tschuikow befehligte die sowjetische 62. Armee. Er entwickelte eine Taktik, die den deutschen Vorteil neutralisierte. Seine Soldaten sollten so dicht wie möglich an den Deutschen bleiben. Dadurch konnte die Luftwaffe ihre Bomben nicht mehr abwerfen, ohne eigene Truppen zu treffen. Die sowjetischen Verteidiger nutzten jeden Vorteil, den die zerstörte Stadt bot. Die Kanalisation diente als Aufmarschgebiet. Beschädigte Panzer wurden zu unbeweglichen Geschützbunkern umfunktioniert.
Scharfschützen machten die Straßen zu Todesstreifen für deutsche Soldaten. Der Befehl Nummer 227, den Stalin am 28. Juli ausgegeben hatte, galt uneingeschränkt. Keinen Schritt zurück. Erschießungskommandos und Strafbataillone wurden gebildet für jeden, dem mangelnde Kampfbereitschaft vorgeworfen wurde. Während in Stalingrad der Häuserkampf tobte, entwickelte sich an den Flanken eine gefährliche Situation. Die Nordflanke der sechsten Armee erstreckte sich über mehrere hundert Kilometer entlang des Don.
Sie wurde größtenteils von Verbündeten gehalten. Ungarische, italienische und rumänische Divisionen, die weder die Ausrüstung noch die Kampferfahrung der deutschen Truppen besaßen. Im August 1942 eroberten sowjetische Verbände Brückenköpfe über den Don bei Serafimowitsch und Kremenskaja. Diese Brückenköpfe sollten sich als Sprungbrett für die spätere Gegenoffensive erweisen. Die Warnungen mehrten sich. Paulus flog am 12. September zu einer Besprechung mit dem Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B, Generalfeldmarschall von Weichs.
Gemeinsam machten sie Hitler auf die offene Nordflanke und den Mangel an Reserven aufmerksam. Ihre Argumente verhallten ungehört. Generaloberst Friedrich Fromm berichtete am 18. November, dass die Kräfte nicht mehr ausreichten, um die besetzten Räume zu halten. Von weiteren Offensivoperationen könne keine Rede sein. Doch Hitler befahl den Sturm auf Stalingrad um jeden Preis. Am 19. November 1942 begann die Operation Uranus.
Die sowjetische Gegenoffensive traf die schwachen rumänischen Verbände nördlich und südlich von Stalingrad. Zwei massive Zangenbewegungen sollten die deutschen Truppen in der Stadt einschließen. Die dritte rumänische Armee im Norden und die vierte rumänische Armee im Süden wurden überrannt. Die schlecht ausgerüsteten Verbündeten konnten dem Ansturm nicht standhalten. Sowjetische Panzerverbände stießen tief in die deutschen Linien vor. Drei Tage später, am 22. November, schloss sich der Ring.
Bei Kalatsch vereinigten sich die sowjetischen Zangen. Die gesamte sechste Armee, Teile der vierten Panzerarmee und Reste der rumänischen dritten und vierten Armee waren eingeschlossen. 220.000 deutsche Soldaten und weitere 30.000 Verbündete und russische Hilfssoldaten saßen in der Falle. Paulus bat um Erlaubnis zum Ausbruch nach Westen. Der Kessel war noch relativ dünn. Ein schneller Stoß hätte vielleicht die Verbindung zu den deutschen Linien wiederherstellen können, doch Hitler verweigerte die Genehmigung.
Stalingrad müsse gehalten werden. Reichsmarschall Hermann Göring gab Hitler eine fatale Zusicherung. Die Luftwaffe werde die eingeschlossene Armee aus der Luft versorgen können. Es war ein Versprechen, das nicht zu halten war. Die sechste Armee benötigte täglich mindestens 300 bis 400 Tonnen Nachschub. Treibstoff, Munition, Lebensmittel, Medikamente. Die verfügbaren Transportkapazitäten der Luftwaffe reichten bei weitem nicht aus. Im Durchschnitt wurden nur 70 Tonnen pro Tag in den Kessel geflogen.
Das sowjetische Flakfeuer und die Winterstürme forderten ihren Tribut. Transportflugzeuge wurden abgeschossen oder stürzten ab. Die verbliebenen Flugplätze im Kessel gerieten unter ständigen Beschuss. Die Versorgungslage verschlechterte sich von Tag zu Tag. Die Soldaten im Kessel begannen zu hungern. Die tägliche Ration sank auf zwei Scheiben Brot und etwas Tee. Erste Todesfälle durch Erschöpfung und Unterernährung traten Mitte Dezember auf. Der russische Winter mit Temperaturen von minus 30 Grad forderte tausende Opfer unter den unzureichend ausgerüsteten deutschen Soldaten.
Am 12. Dezember 1942 begann die Operation Wintergewitter. Generalfeldmarschall Erich von Manstein führte den Entsatzversuch mit der eilig zusammengestellten Heeresgruppe Don. Die vierte Panzerarmee unter Generaloberst Hoth stieß von Süden in Richtung des Kessels vor. Die deutschen Panzer kämpften sich bis auf 48 Kilometer an Stalingrad heran, so nahe, dass die Eingeschlossenen nachts das Mündungsfeuer der Geschütze sehen konnten. Doch weiter ging es nicht.
Der sowjetische Widerstand versteifte sich. Frische Reserven wurden herangeführt. Am 23. Dezember brach eine weitere sowjetische Offensive los. Die Operation Kleiner Saturn traf die achte italienische Armee am Don. Der italienische Frontabschnitt brach zusammen. Die sowjetischen Verbände stießen in Richtung der deutschen Versorgungsflugplätze vor. Manstein stand vor einer unmöglichen Entscheidung. Sollte er den Entsatzversuch fortsetzen und riskieren, selbst eingeschlossen zu werden, oder sollte er sich zurückziehen und die sechste Armee ihrem Schicksal überlassen?
Am 27. Dezember befahl er den Rückzug. Die letzte Hoffnung für die Eingeschlossenen war erloschen. Hitler weigerte sich weiterhin, einen Ausbruch zu genehmigen. Am 30. Januar 1943, dem zehnten Jahrestag seiner Machtergreifung, ernannte er Paulus zum Generalfeldmarschall. Es war eine unmissverständliche Botschaft. Noch nie hatte ein deutscher Feldmarschall kapituliert. Hitler erwartete, dass Paulus kämpfen, fallen oder sich erschießen würde. Doch Paulus folgte dieser unausgesprochenen Erwartung nicht.
Am 31. Januar 1943 kapitulierte der Südkessel. Paulus ergab sich den sowjetischen Truppen. Am 2. Februar stellten auch die letzten deutschen Verbände im Nordkessel den Kampf ein. Von den ursprünglich etwa 265.000 eingeschlossenen Soldaten waren 20.000 bereits vor der Kapitulation gefallen oder an Krankheit und Unterernährung gestorben. 91.000 gingen in Gefangenschaft. Nur etwa 6000 von ihnen sollten die sowjetischen Lager überleben und nach Deutschland zurückkehren.
Fall Blau war als Operation konzipiert, die den Krieg im Osten entscheiden sollte. Sie endete in einer der größten militärischen Katastrophen der deutschen Geschichte. Die Niederlage von Stalingrad markierte den psychologischen Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs. Die Ursachen des Scheiterns waren vielfältig. Hitlers Eingriffe in die Operationsführung, die Aufspaltung der Kräfte, die Überschätzung der eigenen und die Unterschätzung der feindlichen Stärke, die unhaltbaren Versprechungen Görings, die mangelnde Absicherung der Flanken durch schwache Verbündete.
Doch im Kern lag das Scheitern in der strategischen Grundanlage des Unternehmens. Die enormen Entfernungen überforderten die Nachschubkapazitäten. Die gleichzeitige Verfolgung zweier divergierender Ziele zersplitterte die verfügbaren Kräfte. Die Führung ignorierte die Warnzeichen und hielt an unhaltbaren Positionen fest. Nach Stalingrad war die strategische Initiative im Osten endgültig verloren. Die Wehrmacht wurde von nun an in die Defensive gedrängt. Der Weg führte nicht mehr nach Moskau oder Baku, er führte nach Berlin.


