Die sechste Armee marschierte im Sommer voller Überzeugung nach Stalingrad, und die Männer glaubten, es wäre eine Frage von Wochen, doch dann kamen die Herbstregen, der erste Frost und schließlich der sowjetische Zangenangriff, der im November die gesamte Armee einschloss. Fast 300.000 Soldaten, Deutsche, Rumänen, Kroaten und Hilfswillige, saßen in einem Kessel auf der Steppe westlich der Wolga fest, und der Kessel schrumpfte täglich, während die Temperaturen auf minus 30, minus 40 Grad fielen. Der Nachschub versiegte, und was dann folgte, war kein Rückzugsgefecht, sondern ein langsames Sterben, das sich in Tagebüchern, Feldpostbriefen und Notizen auf Zigarettenpapier und Verpackungsresten niederschlug. Viele dieser Briefe kamen nie an, weil sowjetische Stellen sie beschlagnahmten, und Historiker werteten sie aus, um etwas zu überleben, das kein Lagebericht je festhalten konnte: die genaue Beschaffenheit des Hungers, der Erschöpfung und der Auflösung. Dieses Skript stützt sich auf diese Quellen, auf Tagebücher, Feldpostbriefe, Verhörprotokolle und Nachkriegsaussagen, und es geht nicht um Heerführer und Strategien, sondern um das, was mit gewöhnlichen Männern geschieht, wenn eine Armee sie nicht mehr ernähren, nicht mehr wärmen und nicht mehr retten kann.
Unter all diesen Stimmen ragt eine heraus, nicht weil der Mann außergewöhnlich gewesen wäre, sondern weil er mit ungewöhnlicher Konsequenz alles aufgeschrieben hat, und sein Name war Wilhelm Hoffmann, Unteroffizier in der 94. Infanteriedivision. Sein Tagebuch wurde nach der Kapitulation von sowjetischen Truppen sichergestellt, ausgewertet und ist bis heute eine der dichtesten Primärquellen über den Alltag im Kessel, ein Protokoll des Verfalls, das keinen Heldenbericht darstellt. Wilhelm Hoffmann war kein Zweifler, als er nach Russland kam, und die frühen Einträge seines Tagebuchs lesen sich wie die Aufzeichnungen eines Mannes, der an das glaubt, wofür er kämpft, vom Tempo des Vormarschs, von der Überlegenheit des deutschen Soldaten und von der historischen Größe des Augenblicks. Er ist kein Zyniker, er ist ein Überzeugter, und genau deshalb ist zu verfolgen, was der Kessel aus ihm macht, so verstörend wie kaum eine andere Quelle dieser Zeit, denn die Einschließung verändert ihn innerhalb von Wochen. Einer seiner frühen Einträge nach dem Einschluss lautet sinngemäß: Wir werden befreit, der Führer lässt uns nicht im Stich, und dieser Satz kehrt mehrfach wieder, keine Propaganda, sondern Überzeugung, aber mit jedem weiteren Eintrag rückt die Befreiung weiter in den Hintergrund, während der Hunger immer stärker in den Vordergrund tritt.
Die Verpflegungslage im Kessel war von Beginn an katastrophal, denn Hermann Göring hatte versprochen, die sechste Armee aus der Luft zu versorgen, 300 Tonnen Nachschub täglich, die Mindestforderung des Armee Oberkommandos, aber was tatsächlich ankam, lag in den meisten Tagen unter 100 Tonnen, oft bei 50, manchmal bei 20. Selbst diese Lieferungen kamen nicht dort an, wo sie gebraucht wurden, und ein erheblicher Teil des eingeflogenen Materials war Munition, nicht Lebensmittel, Feldpostbriefe, Schreibmaschinenbänder, Orden, kein Brot, und die offizielle Tagesration wurde mehrfach gesenkt, zunächst auf 300 Gramm Brot pro Mann und Tag, dann auf 200, dann auf 100. In den letzten Wochen des Kessels gab es für viele Soldaten überhaupt keine reguläre Zuteilung mehr, und was sie aßen, wenn sie überhaupt noch etwas aßen, hatten sie selbst aufgetrieben aus geplünderten Kellern, von toten Pferden, aus dem Schnee. Hoffmann beschreibt, wie die Männer seiner Einheit begannen, die Pferde zu schlachten, zunächst die gefallenen Tiere, dann die noch lebenden, die ohnehin nicht mehr ziehen konnten, und er schreibt ohne Sentimentalität darüber, der Ton ist sachlich, Pferd gegessen, kalt, aber satt, doch das Wort Satt verschwindet bald aus seinen Einträgen.
Was den Hunger begleitete, war die Kälte, denn der Winter 1942 bis 1943 war einer der härtesten der Kriegsjahre, und die Temperaturen im Kessel sanken auf Werte, bei denen Waffen einfroren, Motoren nicht mehr anspringen und Wunden in Minuten zu Erfrierungen wurden. Die Männer hatten keine Winterausrüstung, die Sommerformen, mit denen die Wehrmacht in den russischen Feldzug gezogen war, waren für solche Bedingungen nicht gedacht, und manche Soldaten wickelten sich in Lumpen, Papiersäcke, Decken aus zerstörten Häusern, während die Stiefel am Fuß festfroren. Hoffmann schreibt an einer Stelle: Ich weiß nicht mehr, wann ich zuletzt warm war, nicht die Hände, nicht den Bauch, ich habe vergessen, wie sich das anfühlt, und die medizinische Versorgung kollabierte parallel zur Verpflegung. Die Feldlazarette waren hoffnungslos überfüllt, Amputationen wurden ohne ausreichende Betäubung durchgeführt, weil das Narkosemittel fehlte, und Wunden, die unter normalen Umständen heilbar gewesen wären, wurden septisch, während Ruhr und Tyfus um sich griffen und Läuse allgegenwärtig waren. Die Hygienebedingungen in den Bunkern und Kellern, in denen die Männer hausten, waren katastrophal, und in einem Eintrag beschreibt Hoffmann, wie er morgens erwacht und der Mann neben ihm tot ist, nicht gefallen, einfach nicht mehr aufgewacht, und er vermerkt es ohne Ausruf, ohne erkennbaren Affekt: Schneider ist nicht mehr aufgewacht, dann geht der Eintrag weiter.
Das ist die Eigenheit dieser Quelle, sie dokumentiert den Gewöhnungsvorgang, die schrittweise Normalisierung des Unzumutbaren, denn ein Mann, der einige Monate früher voller Pathos über die historische Sendung des deutschen Soldaten geschrieben hat, schreibt jetzt darüber, ob der Nachbar noch atmet. Die psychologische Zerrüttung im Kessel verlief auf mehreren Ebenen gleichzeitig, zunächst war da das Warten auf Entlastung, Mannstein sollte durchbrechen, Unternehmen Wintergewitter, und die Nachrichten, die in den Kessel gelangten durch Feldpost, durch Rundfunk, durch Gerüchte, schwankten zwischen wagem Optimismus und offensichtlichem Schweigen. Die Männer entwickelten ein feines Gespür dafür, was das Schweigen bedeutete, und Hoffmann schreibt in einem mittleren Eintrag: Heute keine Nachrichten über die Entlastungsarmee, ich stelle mir vor, dass das einen Grund hat, den ich nicht wissen will. Dann, als die Entlastung ausblieb und der Kessel sich weiter verengte, trat an die Stelle der Hoffnung eine Art dumpfer Mechanismus, man machte weiter, weil man weitermachte, und Hoffmann beschreibt das ohne dramatische Ausschmückung: Man geht auf seinen Posten, man versucht nicht zu denken, das Denken ist das gefährlichste hier.

Die Briefe, die die Männer nach Hause schickten, waren einem strengen Zensursystem unterworfen, Kritik am Oberkommando, Schilderungen der tatsächlichen Versorgungslage, Berichte über Disziplinlosigkeit, all das durfte nicht passieren, trotzdem sickerte die Wahrheit durch in verschlüsselten Formulierungen, in auffällig leeren Briefen, die nur sagten: Mir geht es gut in allem, was nicht gesagt wurde. Manche Angehörige zu Hause verstanden sofort, manche wollten nicht verstehen, und ein Brief, der nach dem Krieg in deutschen Archiven auftauchte und keinem namentlich bekannten Absender zugeordnet werden kann, enthält den Satz: Wenn du das liest, weißt du bereits mehr als ich, schreib meiner Mutter nichts genaues. Hoffmanns Tagebuch zeigt in seiner zweiten Hälfte eine merkliche Veränderung im Schreibduktus, die Sätze werden kürzer, die Lücken zwischen den Einträgen werden größer, es gibt Tage ohne Eintrag, dann wieder einen, der nur aus zwei Zeilen besteht, kälter als gestern, Ration ausgefallen, das ist nicht literarische Sparsamkeit, das ist körperliche Erschöpfung. Das Schreiben selbst wird zu einer Anstrengung, die nicht mehr selbstverständlich ist, und er schreibt über Kameraden, die aufgehört haben zu sprechen, nicht aus Trotz oder Trauma, sondern schlicht aus Energiemangel, denn das Sprechen kostet Kalorien, die nicht da sind.
Die Männer liegen in ihren Bunkern eng zusammengerückt, nicht aus Zuneigung, sondern um Körperwärme zu konservieren, und schweigen, und einer seiner letzten ausführlicheren Einträge befasst sich mit einem Gespräch, das er mit einem Leutnant geführt hat, dessen Namen er nicht aufschreibt. Der Leutnant fragt ihn, ob er noch an den Sinn des Ganzen glaube, und Hoffmann antwortet in seinem Tagebuch nicht auf diese Frage, er schreibt nur: Ich habe ihm gesagt, dass ich müde bin, das war die Wahrheit. Die ideologische Überzeugung, die seine frühen Einträge durchzieht, ist zu diesem Zeitpunkt nicht widerlegt worden, sie ist einfach nicht mehr vorhanden, der Hunger hat sie nicht widerlegt, die Kälte hat sie nicht widerlegt, sie ist verbraucht worden, wie alles andere verbraucht worden ist. Hoffmanns Fall ist kein Einzelfall, er ist der Regelfall, dokumentiert in Hunderten von ähnlichen Quellen, und die Auszehrung folgte einem Muster: zuerst die körperliche Kraft, dann die emotionale Reaktionsfähigkeit, dann die Sprache, dann der Wille. Was blieb, war ein biologischer Mechanismus, Atmung, Herzschlag, der Reflex, sich in Sicherheit zu kriechen, wenn Artilleriefeuer kam, und die sowjetischen Verhöre, die nach der Kapitulation mit deutschen Gefangenen geführt wurden, bestätigen dieses Bild.
Immer wieder taucht in den Protokollen die Formulierung auf: Der Soldat war nicht in der Lage, zusammenhängende Angaben zu machen, nicht weil er schwieg, sondern weil er nicht mehr konnte, denn das Denken in längeren Kausalketten, wenn das dann jenes, war für viele Männer schlicht nicht mehr möglich. Das Gehirn hatte nicht genug Energie für abstrakte Verbindungen, es funktionierte noch für das Unmittelbare, Kälte, Schmerz, Schritt, und die Zahl der Toten im Kessel ist bis heute nicht exakt bezifferbar. Die Schätzungen reichen von 100.000 bis 120.000 Soldaten, die im Kessel selbst starben, an Gefechtseinwirkung, an Hunger, an Kälte, an Krankheit, und von den rund 90.000 Männern, die nach der Kapitulation in sowjetische Kriegsgefangenschaft gingen, überlebten nur etwa 5000 bis 6000 die Lagerjahre und kehrten nach Deutschland zurück. Die meisten starben in den ersten Wochen und Monaten der Gefangenschaft, geschwächt bis an die Grenze des Lebens, und Wilhelm Hoffmann gehörte zu denen, die die Kapitulation erlebten, ob er die Gefangenschaft überlebte, ist nicht mit letzter Sicherheit dokumentiert. Sein Tagebuch endet vor der formellen Übergabe, der letzte Eintrag, den Historiker ihm zuordnen, ist knapp, er beschreibt weder Pathos noch Zusammenbruch, er beschreibt Stille.
Die Dokumente aus dem Kessel von Stalingrad sind keine Anklageschriften, sie sind keine Heldenerzählungen, sie sind etwas Unbequemeres, genaue Aufzeichnungen davon, was Menschen erleiden können und dabei noch schreiben, noch formulieren, noch festhalten wollen, dass sie hier waren und dass es so war. Wilhelm Hoffmanns Tagebuch wurde wie viele andere Dokumente in sowjetischen Archiven aufbewahrt und erst Jahrzehnte später für die westliche Forschung zugänglich, es war kein Einzelstück, es war eines von tausenden. Die Sowjets hatten systematisch gesammelt, was die deutschen Soldaten hinterlassen hatten, nicht aus Pietät, sondern aus propagandistischem und nachrichtendienstlichem Interesse, und was sie konservierten, war trotzdem ein Archiv des menschlichen Verfalls unter extremen Bedingungen, das seinesgleichen kaum hat. Was diese Aufzeichnungen hinterlassen, ist keine einfache Botschaft, sie enthalten keine läuternde Lektion, keinen persönlichen Abschluss, sie enden, wie der Kessel endete, abrupt, erschöpft, im Schweigen. Der Historiker Antony Beevor schrieb, Stalingrad sei die Wende des Krieges gewesen, das stimmt strategisch, aber für die Männer im Kessel war es keine Wende, es war ein Ende, und das Ende begann nicht mit dem letzten Schuss, es begann in dem Moment, indem die Ration auf 100 Gramm fiel, indem der Mann neben einem aufhörte zu sprechen, indem man aufhörte zu fragen, wann die Entlastung kommt, weil man die Antwort bereits kannte: Kein Brot, nur Eis.

