Die Schlacht um Königsberg 1945: Warum fiel die Festung in nur 4 Tagen?

Die Schlacht um Königsberg 1945: Warum fiel die Festung in nur 4 Tagen?

Die alte Hauptstadt Ostpreußens, Königsberg, galt als uneinnehmbare Festung, doch im April 1945 dauerte die entscheidende Schlacht nur vier Tage, ein rasanter Fall, der Militärhistoriker bis heute beschäftigt. Die Antwort auf die Frage, warum dieses Bollwerk so schnell kapitulierte, liegt in einer verheerenden Kombination aus veralteten Befestigungen, erdrückender sowjetischer Überlegenheit und fatalen Entscheidungen der deutschen Führung, die Tausende in den Tod trieben.

Die Befestigungsanlagen von Königsberg waren einst der Stolz preußischer Militärbaukunst. Zwischen 1872 und 1890 errichteten Ingenieure zwölf massive Forts und vier Zwischenwerke in einem 43 Kilometer langen Ring um die Stadt, basierend auf dem sogenannten einheitlichen Fortsystem des 19. Jahrhunderts. Diese Anlagen waren jedoch für die Artillerie jener Zeit konzipiert und boten gegen moderne schwere sowjetische Geschütze und Fliegerbomben keinen ausreichenden Schutz mehr, die Ziegelkasematten brachen unter dem Beschuss zusammen.

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte die Weimarer Republik die militärische Bedeutung der Festung aufgegeben und die Wallanlagen in einen Grüngürtel mit Parks umgewandelt. Erst im Dezember 1944, als die Rote Armee bereits vor den Toren stand, begann man hastig mit dem Wiederaufbau der Verteidigungslinien, doch es war zu spät, um die veralteten Strukturen wirksam zu modernisieren. Der Fortgürtel wurde zur Hauptkampflinie erklärt, aber die Zeit reichte nicht mehr, um die Schwachstellen zu beheben.

Um die Dramatik der Situation zu verstehen, muss man die Ereignisse der Monate zuvor betrachten. Ende Januar 1945 war Königsberg von sowjetischen Truppen größtenteils umschlossen worden, nur ein schmaler Korridor über das Samland zum Hafen Pillau blieb offen, die letzte Hoffnung für Hunderttausende Zivilisten und Soldaten. Die Stadt war durch zwei britische Luftangriffe im August 1944 bereits schwer getroffen, als 480 Tonnen Brand- und Sprengbomben den historischen Stadtkern in Schutt und Asche legten.

In den Nächten vom 26. und 27. August sowie vom 29. und 30. August 1944 zerstörten britische Bomber den Königsberger Dom, das Schloss und sämtliche Kirchen der Innenstadt, über 200.000 Einwohner wurden obdachlos. In dieser verwüsteten Stadt befanden sich zu Beginn des Jahres 1945 noch etwa 200.000 Zivilisten, darunter 40.000 bis 50.000 Einwohner sowie 140.000 bis 150.000 Flüchtlinge aus den umliegenden Gebieten, alle saßen in der Falle.

Am 27. Januar 1945 wurde General Otto Lasch zum Festungskommandanten von Königsberg ernannt, ein erfahrener Offizier, geboren 1893 in Ples, Oberschlesien, der im Ersten Weltkrieg gedient hatte. Lasch übernahm das Kommando über eine zusammengewürfelte Truppe von etwa 48.000 Mann, bestehend aus vier Divisionen, sieben Volkssturmbataillonen und einigen Alarmeinheiten, doch die Kampfstärke war deutlich geringer, die Einheiten ausgeblutet und die Moral erschüttert.

Lasch erkannte sofort die Aussichtslosigkeit der Lage und bezweifelte, ob die Garnison länger als eine Woche durchhalten könnte, dennoch machte er sich energisch an die Arbeit. Er reorganisierte die Verteidigung und verstärkte die Stellungen, doch ihm fehlten die Mittel für eine wirksame Abwehr, während über der militärischen Führung Gauleiter Erich Koch stand, ein Fanatiker, der mit Durchhalteparolen eine geordnete Evakuierung verhinderte.

Koch, seit 1928 Gauleiter der NSDAP in Ostpreußen, verbot Fluchtvorbereitungen und drohte mit Bestrafung, während er selbst die Stadt am 28. Januar verließ und sich auf die Frische Nehrung absetzte. Mit seinen Flugzeugen flog er immer wieder kurz in Königsberg ein, um Präsenz vorzutäuschen, während Hitler die Stadt zur Festung erklärte und befahl, sie bis zum letzten Mann zu verteidigen, um sowjetische Kräfte zu binden.

Auf der anderen Seite bereitete sich Marschall Alexander Wassilewski methodisch auf den Sturm vor, nachdem er im Februar 1945 das Kommando über die dritte weißrussische Front übernommen hatte. Wassilewski setzte die Offensive nicht unmittelbar fort, sondern wartete auf Verstärkungen, während südlich der Kessel von Heiligenbeil zerschlagen wurde, und zog dann seine Kerntruppen zur Eroberung von Königsberg zusammen.

Die Zahlen waren erschreckend, für die Eroberung der Stadt wurde ein Drittel der gesamten sowjetischen Luftwaffe zusammengezogen, 2400 Flugzeuge standen bereit. Am Hauptangriff nahmen drei Armeen mit einer Stärke von 106.000 Mann teil, insgesamt verfügten die sowjetischen Truppen über 250.000 Soldaten, 5200 Geschütze und 538 Panzer, während die Deutschen nur etwa 48.000 Soldaten, 4000 Geschütze, 108 Panzer und 170 Flugzeuge hatten.

Das Kräfteverhältnis war erdrückend, fünf zu eins bei den Soldaten, dreizehn zu eins bei den Geschützen, fünf zu eins bei den Panzern und vierzehn zu eins bei den Flugzeugen. Im März begannen die Sowjets, Material in die Ausgangsstellungen zu verlegen, und die Deutschen konnten nur zusehen, ein Mangel an Artilleriemunition machte es unmöglich, die Aufmarschbewegungen zu stören.

Mitte Februar geschah etwas Unerwartetes, die deutschen Truppen starteten am 19. Februar das Unternehmen Westwind, um die Verbindung nach Königsberg wiederherzustellen, und überraschten die Rote Armee völlig. Binnen drei Tagen erreichten die deutschen Truppen ihr Operationsziel, schlossen Einheiten der sowjetischen 39. Armee ein und zerschlugen sie, wodurch Königsberg etwa acht Wochen länger gehalten werden konnte.

Der schmale Korridor nach Pillau wurde wieder geöffnet, und Tausende Zivilisten und Verwundete konnten evakuiert werden, doch der Preis war hoch. Die kampfkräftigsten Divisionen, die erste und die fünfte Panzerdivision, wurden auf der Samlandfront gebraucht und aus Königsberg abgezogen, Lasch hatte diese Divisionen mühsam wieder aufgebaut, ihr Verlust nahm ihm alle Hoffnungen auf ein Halten der Stadt.

Am 6. April 1945 begann der Generalangriff, das Frühlingswetter mit wolkenlosem Himmel begünstigte die Sowjets, ihre Luftwaffe konnte ohne Einschränkung operieren. Um fünf Uhr morgens eröffnete die Artillerie das Feuer, Tausende Geschütze hämmerten auf die deutschen Stellungen, dann griffen die Sturmtruppen an, den Hauptangriff gegen die nordwestliche Festungsfront führte die 43. Armee unter Generalleutnant Afanassi Beloborodow.

Von Süden stieß die elfte Gardearmee unter General Kusma Galitzki vor, während die 39. Armee unter Generalleutnant Ludnikow aus dem Samland angriff, um die Verbindung nach Pillau zu unterbrechen. Am Abend des ersten Angriffstages gelang es der 39. Armee, die Eisenbahnlinie Königsberg nach Pillau zu unterbrechen, die Stadt war nun vollständig abgeschnitten, und die 43. Armee drang zuerst in die Stadtrandgebiete ein.

Der erste Tag hatte gemischte Ergebnisse, die sowjetischen Fortschritte waren nicht so gut wie erwartet, Fort Nummer fünf, das als stärkste Befestigung des gesamten Königsberger Gürtels galt, leistete hartnäckigen Widerstand. Die sowjetischen Kommandeure entschieden sich, es zu umgehen und die Nachhut mit der Eroberung zu beauftragen, während am zweiten Tag, dem 7. April, die Rote Armee über Ponarth auf den Pregel vorstieß.

Die Eisenbahnbrücke wurde am Abend gesprengt, im Norden erweiterten die Sowjets den Einbruchsraum bis zu den Hufen und Juditten, gehobenen Wohnvierteln der Stadt. Nach zwei Tagen schwerer Kämpfe war die Garnison vom Samland abgeschnitten, General Lasch beantragte die fünfte Panzerdivision von Westen her zum Entsatz einzusetzen, doch General Friedrich Wilhelm Müller untersagte den Ausbruch.

Königsberg sollte gehalten werden, koste es, was es wolle, und am 8. April gelang der Roten Armee die Bildung eines Brückenkopfes bei Kosse, die von Norden und Süden vorstoßenden Verbände vereinigten sich. Die an der Ost- und Nordfront stehenden deutschen Teile mussten auf den Stadtrand zurückgenommen werden, in der Nacht zum 9. April versuchten deutsche Truppen einen Ausbruch nach Westen, der zunächst gelang, dann jedoch stecken blieb.

Sowjetisches Artilleriefeuer sperrte die Straße, der Führer des Ausbruchs, Generalmajor Erich Sudau, fiel, und auch Gauleiter-Stellvertreter Ferdinand Großherr wurde getötet. Zivilisten und Soldaten flüchteten führerlos in die Stadt zurück, am Morgen des 9. April versuchten die deutschen Truppen erneut, sich nach Westen durchzuschlagen, doch die 43. Armee verhinderte den Ausbruch, und der Angriff der deutschen fünften Panzerdivision von außen scheiterte ebenfalls.

Um die Mittagszeit des 9. April waren nur noch wenige Stadtteile in deutscher Hand, Sackheim, Rossgarten, Tragheim, das Schlossgebiet und Steindamm, die Munition war erschöpft. Die Telefon- und Funkverbindungen waren zusammengebrochen, für die vielen Verwundeten gab es keine Versorgung mehr, weiße Fahnen erschienen an den Häusern, die Zivilbevölkerung wollte nicht, dass die Kämpfe weitergingen.

Sowjetische Soldaten standen bereits auf dem Paradeplatz, unter dem sich Laschs Bunker befand, und General Lasch erkannte, dass weiterer Widerstand nur noch sinnlose Opfer fordern würde. Etwa 50.000 deutsche Soldaten waren bereits gefallen oder verwundet worden, die Stadt lag in Trümmern, am Abend des 9. April entsandte er Parlamentäre zu den sowjetischen Linien und unterbreitete das Angebot zur bedingungslosen Kapitulation.

Um ein Uhr nachts am 10. April ging Lasch in Gefangenschaft, die Festung Königsberg hatte kapituliert, Hitler tobte und ließ Lasch in Abwesenheit zum Tode verurteilen. Die Familie des Generals wurde in Sippenhaft genommen, seine Frau und seine Töchter wurden in Berlin und Dänemark verhaftet, erst mit Kriegsende wurden sie freigelassen, während Gauleiter Koch Hitler per Telegramm über die Kapitulation informierte und Lasch als Feigling bezeichnete.

Koch selbst war längst nicht mehr in Königsberg, Ende April setzte er sich mit einem Eisbrecher über die Ostsee nach Flensburg ab, während die Bevölkerung ihrem Schicksal überlassen blieb. Die sowjetischen Verluste waren vergleichsweise gering, etwa 3700 Rotarmisten fielen bei der Eroberung, auf deutscher Seite wurden nach sowjetischen Angaben etwa 42.000 Soldaten getötet und 92.000 gefangen genommen, verlässliche Zahlen zu den Opfern unter der Zivilbevölkerung existieren nicht.

Die Eroberung Königsbergs wurde in Moskau mit einem Artilleriesalut gefeiert, eine eigene Medaille wurde geschaffen, 98 Militäreinheiten erhielten Ehrennamen. Die Frage, warum Königsberg in nur vier Tagen fiel, lässt sich nicht mit einem einzigen Faktor beantworten, es war das Zusammenspiel mehrerer Ursachen, die zusammen eine unüberwindbare Katastrophe für die Verteidiger darstellten.

Erstens waren die Befestigungsanlagen veraltet, die Forts aus dem 19. Jahrhundert boten gegen moderne Waffen keinen ausreichenden Schutz, die Ziegelkasematten konnten schwerer Artillerie und Fliegerbomben nicht standhalten. Zweitens war die sowjetische Überlegenheit erdrückend, fünf zu eins bei den Soldaten, vierzehn zu eins bei den Flugzeugen, gegen diese Übermacht hatte die erschöpfte deutsche Garnison keine Chance.

Drittens wurden der Verteidigung entscheidende Kräfte entzogen, die kampfkräftigsten Divisionen waren abgezogen worden, der Mangel an Munition und Treibstoff lähmte jeden Widerstand. Viertens war die Stadt bereits durch die Luftangriffe des Vorjahres schwer beschädigt, die Infrastruktur war zerstört, die Versorgung zusammengebrochen, und fünftens verhinderten politische Entscheidungen sinnvolle militärische Maßnahmen.

Der Befehl, bis zum letzten Mann zu kämpfen, das Verbot des Ausbruchs, die verweigerte Evakuierung, all dies kostete Menschenleben, ohne die Niederlage zu verhindern. General Lasch selbst schrieb später, Königsberg fiel durch die Überlegenheit der russischen Streitkräfte, die Munition und Versorgungsgüter wurden durch russisches Feuer zerstört, es gab keine Möglichkeit mehr, die vielen Verwundeten zu versorgen.

Nach dem Krieg wurde das nördliche Ostpreußen von der Sowjetunion annektiert, die Stadt wurde in Kaliningrad umbenannt, die verbliebene deutsche Bevölkerung wurde bis 1948 zwangsweise umgesiedelt. Von der Einnahme der Stadt bis zur vollständigen Aussiedlung starben in Königsberg mehr als 100.000 Deutsche, etwa 75 Prozent an Hunger, 15 Prozent durch Gewalt, die übrigen an Krankheiten und Entkräftung.

General Lasch verbrachte zehn Jahre in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, 1948 wurde er zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt und nach Workuta in der Arktis verbracht. Erst Anfang Oktober 1955, nach Verhandlungen zwischen Bundeskanzler Adenauer und dem sowjetischen Generalsekretär Chruschtschow, wurde er mit den letzten deutschen Kriegsgefangenen freigelassen, 1958 veröffentlichte er seine Erinnerungen unter dem Titel So fiel Königsberg.

Es ist bis heute eine der wichtigsten Quellen für die letzten Tage der ostpreußischen Hauptstadt, 1971 starb Lasch in Bonn-Bad Godesberg. Gauleiter Koch wurde 1949 verhaftet und an Polen ausgeliefert, 1959 wurde er zum Tode verurteilt, das Urteil aber in lebenslange Haft umgewandelt, bis zuletzt blieb er ohne Reue, 1986 starb er im Gefängnis von Barczewo, dem ehemaligen Wartenburg in Ostpreußen.

Der Bunker, in dem Lasch kapitulierte, ist heute ein Museum in Kaliningrad, die alten preußischen Forts verfallen langsam, sie sind stumme Zeugen einer Schlacht, die in nur vier Tagen siebenhundert Jahre Geschichte beendete. Der Fall Königsbergs bleibt eine Mahnung an die Sinnlosigkeit des Krieges und die verheerenden Folgen fanatischer Führung, die Tausende in den Tod trieb, während die Verantwortlichen sich selbst in Sicherheit brachten.