Wer waren die sibirischen Soldaten und warum spielten sie 1941 in Moskau eine entscheidende Rolle?

Wer waren die sibirischen Soldaten und warum spielten sie 1941 in Moskau eine entscheidende Rolle?

Die eisigen Winde, die Anfang Dezember 1941 über die Vororte Moskaus fegten, trugen nicht nur Schnee und Kälte mit sich, sondern auch den verzweifelten Atem einer Nation am Abgrund. Weniger als 30 Kilometer trennten die Spitzen der deutschen Wehrmacht von den goldenen Kuppeln des Kremls, die durch deutsche Ferngläser bereits wie ein verlockendes Ziel schimmerten. General Feldmarschall Fedor von Bock, der Kommandeur der Heeresgruppe Mitte, stand bereit, den triumphalen Einzug in die sowjetische Hauptstadt zu planen, während seine Truppen nach monatelangen Gewaltmärschen und verheerenden Kesselschlachten bei Minsk, Smolensk und Kiew glaubten, der Sieg sei zum Greifen nah. Millionen gefangener oder gefallener Rotarmisten schienen das Schicksal Moskaus endgültig zu besiegeln, doch in den eiskalten Nächten rollten bereits die Züge, die alles verändern sollten.

Diese Züge kamen aus der Ferne, aus den unendlichen Weiten Sibiriens, über 8000 Kilometer durch die endlosen Ebenen Russlands. Sie transportierten keine gewöhnlichen Soldaten, sondern kampferprobte Divisionen, Männer, die den Winter kannten wie ihre eigene Westentasche. Ihre Ankunft war das Ergebnis einer der spektakulärsten Geheimdienstoperationen des Zweiten Weltkriegs, orchestriert von einem Mann, dessen Name in den Geschichtsbüchern glänzt wie wenige andere: Richard Sorge. Geboren 1895 in Baku als Sohn eines deutschen Ingenieurs und einer russischen Mutter, hatte Sorge im Ersten Weltkrieg für das Kaiserreich gekämpft, war dreimal schwer verwundet worden und hatte sich im Lazarett zum überzeugten Kommunisten gewandelt. Seit 1933 lebte er in Tokio, getarnt als angesehener Korrespondent der Frankfurter Zeitung, und mit seinem Charme, seiner Intelligenz und seiner scheinbar makellosen Nazigesinnung eroberte er das Vertrauen der deutschen Botschaft. Botschafter Eugen Ott wurde zu seinem engen Freund, so eng, dass Sorge sogar dessen vertrauliche Berichte nach Berlin mitverfasste, ohne dass jemand ahnte, dass dieser charismatische Deutsche in Wahrheit für Moskau arbeitete.

Sein wertvollster Verbündeter war der japanische Journalist Hotsumi Ozaki, ein kommunistischer Sympathisant mit Zugang zu den höchsten Regierungskreisen. Durch ihn erfuhr Sorge im Sommer 1941 von den heftigen Debatten im japanischen Kabinett, ob das Kaiserreich nach Norden gegen die Sowjetunion marschieren oder nach Süden ziehen sollte, um die rohstoffreichen Kolonien der Europäer zu erobern. Mitte August 1941 sandte Sorge eine Funkdepesche, die den Lauf der Geschichte verändern sollte: Der japanische Kronrat, so meldete er nach Moskau, habe beschlossen, die Sowjetunion vorerst nicht anzugreifen. Japan werde stattdessen seine Expansion nach Süden richten, selbst wenn das bedeutete, einen Krieg mit den USA und Großbritannien zu riskieren. Für Stalin war diese Nachricht goldwert, denn seit dem deutschen Überfall am 22. Juni 1941 kämpfte die Sowjetunion ums Überleben, und die Wehrmacht hatte bereits über drei Millionen Rotarmisten getötet, verwundet oder gefangen genommen. An der fernöstlichen Grenze in Sibirien und entlang der Mandschurei standen jedoch immer noch starke sowjetische Verbände, einsatzbereit, gut ausgebildet und für den Winterkampf gerüstet, deren Aufgabe es war, die Sowjetunion vor einem möglichen japanischen Angriff zu schützen. Stalins Dilemma war furchtbar: Er brauchte diese Truppen verzweifelt in Moskau, aber wenn er sie abzog und Japan doch angriff, stand die Sowjetunion an zwei Fronten, ein sicheres Todesurteil. Nur mit Sorges Garantie, dass Japan neutral bleiben würde, wagte er das ungeheuerliche Risiko.

Ende August begannen die Truppentransporte, und in beispielloser Geschwindigkeit wurden die Divisionen aus dem fernen Osten westwärts verlegt. Nur kleine Restkommandos blieben zurück, täuschten mit fingierten Funksprüchen die Anwesenheit starker Verbände vor, während die eigentlichen Einheiten Tag und Nacht durch die sibirische Landschaft rollten. 8000 Kilometer trennten Wladiwostok von Moskau, eine Distanz, die normalerweise Wochen verschlang, doch diesmal verzichtete man auf jede Vorsicht und das übliche Blocksystem der Eisenbahn. Die Züge fuhren direkt auf Sicht mit absolutem Vorrang vor allen anderen Transporten und legten täglich 750 Kilometer zurück, beladen mit Männern, die den Unterschied machen sollten. Die Logistik dieser Operation war atemberaubend: Jeder Zug transportierte eine ganze Division, Tausende von Soldaten mit ihrer kompletten Ausrüstung, Panzern, Artillerie, Munition und Winterkleidung, alles musste über die transsibirische Eisenbahn geschafft werden, jene legendäre Bahnlinie, die Russland von West nach Ost durchzieht. Unterwegs mussten die Züge anhalten, um Wasser und Kohle aufzunehmen, mussten Weichen passieren, wo andere Züge ausweichen, doch trotzdem schafften sie das Unmögliche. Mehrere Wochen, nachdem sie Sibirien verlassen hatten, erreichten die ersten Divisionen die Moskauer Verteidigungslinien, und wie viele Divisionen tatsächlich kamen, darüber streiten Historiker bis heute. Sowjetische Propaganda und deutsche Wehrmachtsberichte sprachen später von 34 sibirischen Elitedivisionen, eine Zahl, die beide Seiten aus unterschiedlichen Gründen übertrieben, denn die Deutschen wollten ihre Niederlage erklären, die Sowjets die Moral ihrer unerfahrenen Rekruten stärken. Tatsächlich waren es wohl eher 14 Divisionen aus dem Osten, von denen nicht einmal alle aus Sibirien stammten, manche kamen aus Zentralasien, andere aus dem Wolgagebiet, doch die genaue Zahl spielt fast keine Rolle. Entscheidend war die Qualität dieser Truppen: ausgeruht, gut ausgerüstet, kampferprobt und vor allem perfekt vorbereitet auf den sibirischen Winter, der nun auch vor Moskau wütete.

Während die Wehrmacht sich durch Schlamm und Schnee quälte, bereitete Armeegeneral Georgi Konstantinowitsch Schukow die Verteidigung Moskaus vor. Stalin hatte ihm am 10. Oktober 1941 das Kommando über die Westfront übertragen, in einem Moment, als die Lage aussichtsloser nicht sein konnte, denn in der Doppelschlacht bei Wjasma und Brjansk hatten die Deutschen gerade wieder Hunderttausende Rotarmisten in Kesseln eingeschlossen. Schukow, ein bauernstämmiger Offizier mit Fronterfahrung seit dem Ersten Weltkrieg, war nicht der Typ für schöne Worte, sondern hart, unerbittlich und brillant, wie seine Untergebenen ihn beschrieben. Er schlief in diesen Wochen kaum mehr als zwei Stunden pro Nacht, plante jedes Detail der Verteidigung, ließ mit Hilfe der Moskauer Zivilbevölkerung Befestigungen errichten, 8000 Kilometer Schützengräben und 300 Kilometer Stacheldraht, während Hunderttausende Männer und Frauen schaufelten, gruben und bauten. Und er wartete, wartete auf den richtigen Moment, wartete auf die sibirischen Divisionen. Am 2. Dezember erreichten deutsche Einheiten der zweiten Panzerdivision das Dorf Krasnaja Poljana, nur noch 30 Kilometer vom Kreml entfernt, und einige Soldaten berichteten später, sie hätten die Türme der Stadt durch ihre Ferngläser sehen können. Moskau schien zum Greifen nah, doch die Wehrmacht war am Ende ihrer Kräfte, nach über 1000 Kilometern Vormarsch waren die Soldaten erschöpft, die Panzer hatten kaum noch Treibstoff, die Geschütze wenig Munition, und dann brach der Winter herein mit einer Grimmigkeit, die selbst alte Russlandveteranen erschreckte. Die Temperaturen stürzten auf minus 30, minus 40 Grad, deutsche Soldaten, ausgerüstet für einen schnellen Sommerfeldzug, erfroren zu Tausenden, und die Ausfälle durch Erfrierungen überstiegen bald die Kampfverluste um mehr als das Doppelte.

In der Morgendämmerung des 5. Dezember 1941 begann die sowjetische Gegenoffensive, 150 Kilometer nördlich von Moskau an der Kalinin-Front stürmten die ersten Einheiten los, und am 6. Dezember folgte Schukows Westfront mit Frontalangriffen beiderseits der Rollbahn Moskau-Molensk. Und da waren sie, die Sibirier, in weißen Tarnanzügen mit Skiern und Schlitten, perfekt ausgerüstet für den Winterkrieg, einige trugen Filzstiefel, die ihre Füße vor der Kälte schützten, andere hatten wattierte Jacken und Pelzmützen. Sie kannten die Kälte, sie fürchteten sie nicht, und mit lautem Kriegsgeschrei stürmten sie auf die deutschen Stellungen zu, ein Anblick, der den erschöpften, halberfrorenen Landser den Atem raubte. Die Wehrmacht, die bis dahin als unbesiegbar galt, begann zu weichen, stellenweise wurde der geordnete Rückzug zur panischen Flucht, Ausrüstung wurde zurückgelassen, Geschütze im Schnee stehen gelassen. Die Rote Armee, verstärkt durch 720.000 frische Soldaten, 670 Panzer, darunter 205 der gefürchteten T-34 und KW-1, und über 5900 Geschütze, drängte die Deutschen unerbittlich zurück. Hitler war entsetzt, am 8. Dezember befahl er den Übergang zur Verteidigung an der gesamten Ostfront, der Traum vom Blitzsieg war geplatzt. Generalfeldmarschall Walter von Brauchitsch musste seinen Abschied nehmen, Fedor von Bock wurde durch Hans Günther von Kluge ersetzt, und die Panzergeneräle Heinz Guderian und Erich Hoepner wurden entlassen, weil sie entgegen Hitlers berüchtigtem Haltebefehl vom 16. Dezember den Rückzug angeordnet hatten. Insgesamt ersetzte Hitler bis zum Jahreswechsel 35 Korps- und Divisionskommandeure, und bis Mitte Januar 1942 hatten die sowjetischen Truppen die Wehrmacht 100 bis 250 Kilometer von Moskau zurückgedrängt. Die deutsche Heeresgruppe Mitte hatte fast 400.000 Mann verloren, der Nimbus der Unbesiegbarkeit war gebrochen.

Die sibirischen Soldaten waren nicht die einzige Ursache für diesen Wendepunkt, das muss klar gesagt werden, denn die Masse der sowjetischen Truppen bestand aus frisch mobilisierten, oft unerfahrenen Rekruten, und die Rote Armee stellte im zweiten Halbjahr 1941 12 neue Schützendivisionen auf, die größte Mobilisierungsaktion aller Zeiten. Auch der Winter, die Überdehnung der deutschen Nachschublinien und die Erschöpfung der Wehrmacht spielten eine Rolle, aber die Sibirier waren das Symbol, die sichtbare Spitze von Stalins letzter Karte. Ihre bloße Anwesenheit, ihr Kampfgeist, ihre Winterausrüstung veränderten die Psychologie der Schlacht, denn die Deutschen sahen plötzlich, dass die Roten Reserven hatten, von denen sie nichts gewusst hatten, und diese Erkenntnis brach ihren Willen. Richard Sorge erlebte seinen Triumph nicht mehr, denn am 18. Oktober 1941, wenige Wochen, nachdem er seine entscheidende Nachricht über Japans Neutralität gesendet hatte, verhaftete ihn die japanische Polizei. Die Japaner hatten seine illegalen Funksendungen geortet, seine Spionagezelle infiltriert, und unter Folter gestand er seine Spionagetätigkeit. Drei Jahre lang saß er im Gefängnis, schrieb dort seine Memoiren, rechtfertigte sein Leben als Spion, und am 7. November 1944, ironischerweise am Jahrestag der Oktoberrevolution, wurde er im Sugamo-Gefängnis in Tokio gehängt. Stalin, dem er die Sowjetunion gerettet hatte, unternahm nichts, um ihn zu befreien, denn der misstrauische Diktator hatte Sorge stets mit Argwohn betrachtet, einen Deutschen, der angeblich für Moskau arbeitete, und weigerte sich sogar, Sorges Existenz als sowjetischer Agent anzuerkennen. Erst 20 Jahre nach seinem Tod, im November 1964 unter Nikita Chruschtschow, ehrte ihn die Sowjetunion postum als Held der Sowjetunion, die höchste Auszeichnung des Landes. Die Schlacht um Moskau war nicht das Ende des Krieges, noch lagen dreieinhalb Jahre blutiger Kämpfe vor der Roten Armee, aber es war der Moment, in dem Hitlers Größenwahn zerbrach. Nie wieder würde die Wehrmacht so nah an Moskau herankommen, und die Sibirier von Moskau hatten Geschichte geschrieben als Beweis dafür, dass selbst in der dunkelsten Stunde ein einzelner Spion, ein mutiger Befehlshaber und kampferprobte Soldaten das Schicksal von Millionen wenden können.