Kapitel 6 | Der Weg nach Osten – Das Tagebuch des Martin Adler | Hörbuch

Kapitel 6 | Der Weg nach Osten - Das Tagebuch des Martin Adler | Hörbuch

Es ist ein Krieg gegen die Erde selbst, und die Erde gewinnt. Die deutschen Soldaten der Wehrmacht, die im Juni 1941 voller Siegeszuversicht die Grenze zur Sowjetunion überschritten, versinken nun im Schlamm. Der Vormarsch auf Moskau, einst als zügiger Feldzug geplant, ist zu einem zähen, mörderischen Ringen geworden. Der Feind ist nicht mehr nur der Russe, sondern der Morast, der Regen und die Kälte, die langsam, aber unerbittlich die Lebenskraft aus den Männern saugen.

Die Rasputiza, die Zeit der Wegelosigkeit, hat begonnen. Was im Sommer noch staubige, harte Pisten waren, auf denen die Armeen vorrückten, sind jetzt grundlose, klebrige Sümpfe. Jeder Schritt wird zur Qual. Die Stiefel saugen sich im zähen Brei fest, die Beine werden bleischwer. Wo die Truppen im Sommer an einem Tag dutzende Kilometer zurücklegten, kämpfen sie sich nun nur noch wenige Meter vorwärts. Die schweren Lastwagen und Geschütze sinken bis zu den Achsen ein und bleiben stecken.

Die Soldaten, darunter der junge Martin Adler, der ein Tagebuch führt, erleben eine neue Form der Hölle. Sie müssen die Fahrzeuge mit Seilen und Stangen aus dem Morast ziehen, oft stundenlang im strömenden Regen, bis zu den Hüften im Schlamm. Kaum ist ein Geschütz befreit, bleibt das nächste stecken. Es ist ein Kampf gegen die Natur, der die Männer zermürbt und an dem mancher verzweifelt. Der Regen ist nicht mehr nur ein Wetterphänomen, sondern ein ständiger, grauer Begleiter, der keine Pause kennt.

Der Regen fällt in langen, grauen Güssen, die tagelang nicht nachlassen. Er durchweicht die Kleidung, die Mäntel werden schwer wie Blei und entziehen dem Körper die Wärme. Die Haut an den Füßen fault, offene Wunden zwischen den Zehen wollen nicht heilen, weil sie nie trocknen. Die Männer vergessen, wie es sich anfühlt, trocken zu sein. Die Nässe dringt in alles ein, in die Stiefel, in die Socken, in die Seele. Die ständige Feuchtigkeit und Kälte führen zu einer tiefen, lähmenden Erschöpfung.

Die Erschöpfung ist nicht nur körperlich. Der unaufhörliche graue Regen, das fahle Licht und die Trostlosigkeit der durchweichten Landschaft senken sich auf das Gemüt. Die Freude, die Hoffnung, der Lebensmut ersticken langsam. Die Männer werden still, mürrisch und in sich gekehrt. Das Lachen stirbt. An seine Stelle tritt ein dumpfes Dahinleben, ein bloßes Ausharren. Der Geist verkriecht sich, nur der Leib funktioniert noch mechanisch, ohne Antrieb. Viele Soldaten fragen sich, ob Gott sie in diesem Land vergessen hat.

Der Tod kommt nicht mehr nur durch Kugeln und Granaten. Die Ruhr, begünstigt durch verdorbenes Wasser und die geschwächten Leiber, wütet in den Reihen. Sie rafft die Männer dahin, macht sie binnen weniger Tage zu wandelnden Skeletten. Wer liegen bleibt, ist dem Tod geweiht. Die Sanitäter sind machtlos, es fehlen Medikamente. Kameraden, die noch vor einer Woche kräftig waren, bleiben am Wegrand zurück, wenn die Kraft sie endgültig verlässt. Zurücklassen zu müssen, einen Kameraden mit flehenden Augen, ist das Bitterste.

Ein stiller, freundlicher Bursche aus Schwaben, Albrecht, ist tot. Keine Kugel, keine Granate hat ihn getroffen. Eine Lungenentzündung, die er sich in der ewigen Nässe geholt hat, hat ihn in zwei Tagen dahingerafft. Die Kameraden saßen bei ihm, kühlten seine Stirn, während er im Fieber von zu Hause sprach. Dann, in einer Nacht, als der Regen kurz aussetzte und ein blasser Mond durch die Wolken brach, hörte sein Atem auf. Sie begruben ihn am Wegrand in der nassen, schweren Erde.

Das Begräbnis war karg. Eine flache Grube, die Zeltbahn als Leichentuch, ein kurzes Gebet, ein paar schlichte Worte. Dann schaufelten sie die Erde über ihn und setzten ein rohes Holzkreuz auf den Hügel, an das sie seinen Helm hängten. Dann marschierten sie weiter. Das Grab wird der nächste Regen bald fortspülen. In wenigen Wochen wird niemand mehr wissen, wo Albrecht liegt. Seine Mutter in der Heimat wird nie erfahren, wo ihr Sohn ruht, in welcher fremden, fernen Erde, ohne Stein, ohne Namen.

Martin Adler schreibt in sein Tagebuch: „Ich habe heute zum ersten Mal daran gedacht, mich einfach hinzulegen und nicht mehr aufzustehen.“ Was ihn davon abhält, ist nicht der eigene Lebenswille, der in diesen Stunden erloschen scheint, sondern sein Kamerad Otto. Die beiden jungen Männer gehen Seite an Seite durch den Morast. Einer trägt den anderen, wenn die Last zu schwer wird. Sie halten einander über die Schwelle der Verzweiflung hinweg. Die Liebe zu den Kameraden ist das Letzte, was ihnen bleibt, als alles andere genommen ist.

Der Feldwebel Weiß kämpft einen ständigen Kampf gegen die Nachlässigkeit der erschöpften Männer. Er treibt sie an, die Posten zu halten, die Waffen zu pflegen, die Stiefel zu trocknen. Manche murren gegen seine Strenge, nennen ihn einen harten Schinder. Doch Adler begreift, dass diese Härte Liebe ist. Weiß quält sie, weil er sie am Leben halten will. Er selbst schont sich nicht, schläft weniger als alle, trägt mehr. In einem unbeobachteten Augenblick sieht Adler ihn an einen Baum gelehnt, die Augen geschlossen, das Gesicht grau und eingefallen.

In diesem Moment fällt die Maske von Weiß ab. Adler sieht einen Mann, der am Ende seiner Kräfte ist, wie alle anderen, der sich nur durch eine ungeheure Willensanstrengung aufrecht hält. Adler versteht, was es den Feldwebel kostet, der Fels zu sein, an den sie sich klammern. Seine Bewunderung wächst, und mit ihr eine fast schmerzhafte Zuneigung. Weiß ist ihnen zu einer Art Vater geworden in diesem fremden, feindlichen Land. Er ist der Erste auf den Beinen und der Letzte, der zur Ruhe kommt.

Der Vormarsch, der so flott begonnen hatte, ist ins Stocken geraten. Die Kompanie, die im Juni voller Stolz über die Grenze marschierte, schmilzt dahin wie Schnee in der Frühlingssonne. Der lange Marsch nach Moskau ist zu einem einzigen, langgezogenen Sterbeprozess geworden. Die Männer fragen sich mit kaltem Schauder, wer von ihnen wohl übrig bleiben wird, wenn dieser Weg einmal sein Ende findet. Und ob sie selbst zu den Überlebenden gehören werden oder zu denen, die man am Wegrand zurücklässt unter einem rohen Holzkreuz.

Der 11. September 1941. Es regnet seit Tagen. Die Tage fließen ineinander, alle gleich grau, alle gleich nass. Adler hat vergessen, wie es ist, trocken zu sein. Seine Füße faulen in den Stiefeln. Der Schlamm ist überall. Er saugt ihnen die Stiefel von den Füßen, die Kraft aus den Beinen, die Hoffnung aus dem Herzen. Die Russen nennen diese Zeit Rasputiza, die Zeit der Wegelosigkeit. Ein gutes Wort. Es gibt keine Wege mehr, nur Morast. Albrecht ist tot. Seine Mutter wird nie wissen, wo er liegt.

Das ist es, was Adler am meisten quält. Nicht der Tod allein, sondern das spurlose Verschwinden, als wäre Albrecht nie gewesen. Er denkt daran, sich einfach hinzulegen und nicht mehr aufzustehen. Nur für einen Moment. Dann denkt er an Otto. Er darf nicht aufgeben, solange Otto neben ihm geht. Und Otto darf es nicht, solange er geht. So halten sie sich. Mehr haben sie nicht. Aber vielleicht ist es genug. Vielleicht ist es das einzige, was zählt. Adlers letzter Satz in seinem Tagebuch ist ein Flehen: „Gott, wenn es dich gibt, lass diesen Regen aufhören.“