Kapitel 14 | Der Weg nach Osten – Das Tagebuch des Martin Adler | Hörbuch

Kapitel 14 | Der Weg nach Osten - Das Tagebuch des Martin Adler | Hörbuch

Der Krieg hat viele Gesichter, doch keines ist so grauenvoll wie das, das sich hinter den Linien verbirgt, wo die Verwundeten in den Feldlazaretten um ihr Leben kämpfen. Martin Adler, ein junger deutscher Soldat, hat in diesen Tagen des Septembers 1942 eine Wandlung durchgemacht, die ihn für immer prägen wird. In den Wochen vor der großen Schlacht von Stalingrad, von der bereits dunkle Gerüchte die Runde machen, ist er einem Mann nähergekommen, der ihm die wahre Natur des Krieges offenbart hat: Josef Lindner, der Sanitäter.

Lindner ist eine Erscheinung, die inmitten des Tötens und der Zerstörung wie ein Fremdkörper wirkt. Mit seinen sanften, traurigen Augen und seiner schmalen, fast gebrechlichen Gestalt dient er dem Leben, während alle anderen um ihn herum dem Tod frönen. Adler, der selbst getötet hat und weiter töten wird, erkennt in Lindner den wahren Helden des Krieges, einen Mann, der nie eine Waffe in die Hand nimmt, sondern nur heilt, tröstet und bewahrt. In den gemeinsamen Stunden der Pflege lernt Adler die stille Würde dieses Menschen kennen, der seinen katholischen Glauben als Quelle der Kraft nutzt, um das Unerträgliche zu ertragen.

Doch auch Lindner ist nicht unverwundbar. Adler beobachtet, wie der Sanitäter unter der Last seiner Aufgabe leidet, wie er Tag für Tag mit dem Tod ringt und oft genug verliert. In einem unbewachten Augenblick sieht Adler ihn weinen, lautlos, das Gesicht in den Händen verborgen, nachdem ein junger Soldat unter seinen Händen gestorben ist. In diesem Moment setzt sich Adler zu ihm, legt ihm die Hand auf die Schulter, und in der Stille entsteht eine Verbindung, die tiefer geht als alle Worte. Von diesem Tag an sind die beiden Männer auf eine Weise verbunden, die der Krieg ihnen geschenkt hat, als Ersatz für alles, was er ihnen genommen hat.

Die Welt der Verwundeten, die Adler in den folgenden Tagen kennenlernt, ist eine verborgene, leidvolle Sphäre, von der die Berichte vom Krieg gewöhnlich schweigen. Es ist die Welt des langsamen, qualvollen Sterbens, der zerschmetterten Knochen, der aufgerissenen Leiber und der verbrannten Haut. Adler lernt die einfachen Handgriffe der Krankenpflege, das Anlegen von Verbänden, das Stillen von Blutungen, das Schienen gebrochener Glieder. Doch das Schwerste ist nicht die körperliche Arbeit, sondern das Seelische, die Konfrontation mit dem Leiden, das Aushalten der Schmerzensschreie, das Trösten der Verzweifelten.

Ein junger Soldat, kaum älter als sein Freund Fritz, wird zu ihnen gebracht, dem eine Mine beide Beine zerfetzt hat. Lindner sieht sofort, dass keine Hoffnung besteht, und Adler sitzt stundenlang bei dem Sterbenden, hält seine Hand, während der junge Mann von seiner Heimat, seinen Eltern, seinem Hund spricht. In dieser letzten einsamen Stunde begreift Adler, dass es eine heilige Pflicht ist, einem Menschen im Sterben beizustehen, ihn nicht allein zu lassen. Und er erkennt, dass dies vielleicht das Größte ist, was ein Mensch für einen anderen tun kann.

In diesen Tagen wandelt sich etwas in Adler. Der Soldat, der gelernt hat zu töten, lernt nun dem Leben zu dienen, dem Sterben beizustehen. Diese andere Seite des Krieges, die Seite der Heilung statt der Zerstörung, des Tröstens statt des Tötens, schenkt ihm einen seltsamen Trost, eine Art von Erlösung. Er beginnt zu denken, dass er, sollte er diesen Krieg überleben, einen Beruf ergreifen möchte, der Menschen hilft, ein Heiler werden, wie Lindner einer ist. Lindner lächelt bei diesen Worten und sagt, dass die Welt nach diesem Krieg viele Heiler brauchen werde, an Leib und an Seele.

Adler wird für einige Tage in ein Feldlazarett abkommandiert, das hinter dem Frontabschnitt eingerichtet ist. Das Lazarett ist in einem halbzerstörten Schulgebäude untergebracht, in dessen weiten Räumen Hunderte von Verwundeten auf Stroh und notdürftigen Pritschen liegen. Die Luft ist erfüllt von Gestank, von Eiter, Blut und Desinfektionsmitteln, und der unaufhörliche Chor des Schmerzes, das Stöhnen und Wimmern, verstummt nie. Beim ersten Betreten weicht Adler zurück, überwältigt von Anblick, Geruch und Lärm, doch er zwingt sich weiterzugehen, seine Arbeit zu tun.

Die Ärzte und Pfleger arbeiten bis zur Erschöpfung, die Zahl der Verwundeten übersteigt ihre Kräfte und Mittel bei weitem. Adler sieht Operationen ohne ausreichende Betäubung, Amputationen, bei denen die Männer festgehalten werden müssen, während ihnen ein Glied abgenommen wird. Das Schreien dieser Männer ist das Furchtbarste, was er je gehört hat. Er hilft, wo er kann, hält die Männer, reicht Instrumente, trägt die Verwundeten, und er lernt, sich abzuhärten gegen das Grauen, denn anders hätte er diese Arbeit nicht verrichten können.

Doch unter der Härte bleibt das Mitleid wach, das brennende Mitleid mit diesen Männern, die so leiden. Adler begreift in diesen Tagen, was der Krieg in Wahrheit ist. An der Front sieht man den Tod, das schnelle Sterben. Hier im Lazarett sieht man das langsame Sterben, das wochenlange Leiden, die zerstörten Leiber junger Männer, die für den Rest ihres Lebens ohne Beine, ohne Arme, ohne Augen sein werden. Der Krieg tötet nicht nur, er zerstört weit mehr Männer, als er tötet, und schickt sie zurück in ihr Leben als gebrochene Menschen.

Unter den Verwundeten trifft Adler durch einen sonderbaren Zufall einen Kameraden aus der Ausbildungszeit wieder, den er kaum wiedererkennt. Beide Beine hat der Krieg ihm genommen und einen Arm, sein Gesicht ist von Narben entstellt. Der junge, kräftige, lebensfrohe Bursche, den Adler gekannt hatte, ist dahin, und an seiner Stelle liegt dieser gebrochene Mensch. Er fragt Adler, ob ein Mädchen ihn noch lieben könne, so wie er nun ist, ohne Beine und ohne Arm. Adler lügt und sagt ja, doch der Kamerad weiß, dass er tröstet, und lächelt traurig.

In diesem Augenblick begreift Adler, dass es Wunden gibt, die tiefer sind als alle Wunden des Leibes, die Wunden der zerstörten Hoffnung, der genommenen Zukunft. Gegen diese Wunden ist auch der beste Arzt machtlos. Er verlässt das Lazarett nach diesen Tagen ein anderer, als er es betreten hat, erschüttert bis ins Innerste und mit einer noch tieferen Abscheu gegen den Krieg, der solches Leid über die Menschen bringt.

Doch mitten in dieser Stätte des Sterbens erlebt Adler auch etwas, das ihm den Glauben an das Leben für eine Weile zurückgibt. Das Gebäude beherbergt in einem abgelegenen Teil einige russische Zivilisten, die nicht hatten fliehen können. Unter ihnen ist eine junge Frau, hochschwanger, deren Stunde gerade in diesen Tagen kommt. Mitten in der Stätte des Sterbens, umgeben vom Leiden und vom Tod, kommt ein Kind zur Welt, ein neues Leben, das seinen ersten Schrei tut in einem Haus voll von Sterbenden.

Adler ist zugegen, als es geschieht, man hatte ihn gerufen, heißes Wasser zu bringen. Er sieht die Geburt dieses Kindes, sieht, wie das neue Leben hervorbricht, blutig und schreiend und voller Kraft. Es ergreift ihn so tief, dass ihm die Tränen kommen. Nach all dem Tod, den er gesehen hat, ist dies wie ein Wunder, wie eine Verheißung, dass das Leben weitergeht, dass es stärker ist als der Krieg und der Tod, dass es immer wieder neu beginnt, gleich wie viel man es auch niederzwingen will.

Die Mutter, eine junge Russin mit einem müden, schönen Gesicht, hält ihr Neugeborenes in den Armen und sieht es an mit jenem Blick unendlicher Liebe, den eine Mutter für ihr Kind hat. Adler erkennt denselben Blick, den seine eigene Mutter einst für ihn gehabt hatte, den jede Mutter hat auf der ganzen Welt, jenseits aller Völker und aller Fronten. In diesem Augenblick begreift er mit einer Klarheit, die ihn erschüttert, dass dies das Wahre ist, das Bleibende, die Mutter mit ihrem Kind, die Liebe, das Leben.

Alles andere, der Krieg, das Töten, der Hass, ist nur ein Wahnsinn, ein furchtbarer Irrtum, eine Verirrung der Menschheit. Die Soldaten, die sich töten, sind in Wahrheit Brüder, Söhne von Müttern, die sie geliebt haben, wie diese Russin ihr Kind liebt. Adler tritt zu der jungen Mutter und sieht ihr Kind an, dieses winzige, hilflose Geschöpf, das nichts weiß vom Krieg, vom Hass, von all dem Unheil, in das es hineingeboren wurde. Die Mutter sieht ihn an, den deutschen Soldaten, den Feind, und in ihrem Blick liegt keine Furcht, kein Hass, sondern nur eine müde, allumfassende Müdigkeit und vielleicht eine Spur von Mitleid.

Mitleid mit ihm, dem jungen Mann, der so weit fort ist von seiner eigenen Mutter. Adler lächelt ihr zu, und sie lächelt zurück, ein schwaches, müdes Lächeln. In diesem Augenblick gibt es keinen Krieg zwischen ihnen, keine Front, keine Feindschaft, nur zwei Menschen, die einander ansehen, über den Abgrund hinweg, den andere zwischen ihnen aufgerissen haben. Als Adler das Lazarett verlässt und zu seiner Einheit zurückkehrt, trägt er dieses Bild mit sich fort, das Bild der Mutter mit ihrem neugeborenen Kind inmitten der Sterbenden.

Es wird ihm zu einem Trost, zu einem Halt in den dunklen Zeiten, die kommen, denn es zeigt ihm, dass es etwas gibt, das stärker ist als der Krieg, das Leben selbst, die Liebe, die immer wieder neu beginnt, gleich wie viel Tod auch um sie herrscht. Er klammert sich an dieses Bild, an diese Gewissheit, wenn die Verzweiflung ihn zu übermannen droht. Er kehrt zurück zu Otto und Fritz und den anderen und erzählt ihnen von dem Kind, das im Lazarett geboren worden ist, und er sieht, wie auch sie ergriffen sind, wie auch ihnen dieser Funke der Hoffnung wohltut.

An jenem Abend sprechen sie nicht vom Tod, von dem sie umgeben sind, sondern vom Leben, von der Zukunft, von dem, was nach dem Kriege sein wird, von Kindern, die sie haben werden, von einem Frieden, an den sie kaum noch zu glauben wagen und an den sie sich doch klammern. Denn ohne diesen Glauben, ohne diese Hoffnung hätten sie nicht weiterleben können in dem Inferno, dem sie entgegengehen, dem Inferno von Stalingrad, dessen Name nun immer häufiger fällt, immer bedrohlicher, und das sie erwartet wie ein dunkler Abgrund, in den sie hineingerissen werden, ohne sich wehren zu können.

Mitte September 1942. Martin Adler hat Tage im Feldlazarett verbracht, hat geholfen, hat Dinge gesehen, die schlimmer sind als alles an der Front. An der Front sieht man das schnelle Sterben, im Lazarett sieht man das langsame, die zerstörten Leiber, die Amputationen ohne genug Betäubung, das Schreien. Der Krieg tötet nicht nur, er macht aus jungen Männern Blinde, Krüppel, für ein ganzes Leben. Vielleicht ist das schlimmer als der Tod. Er hat einen alten Kameraden wieder getroffen, ohne Beine, ohne einen Arm, das Gesicht entstellt, der fragte, ob ihn ein Mädchen noch lieben könne.

Adler hat gelogen und ja gesagt, und der Kamerad wusste, dass er log. Aber dann, mitten in all dem Sterben, ist ein Kind geboren worden, eine junge Russin im Lazarett. Adler war dabei, hat das neue Leben gesehen, blutig und schreiend und voller Kraft, und er hat geweint. Nach all dem Tod war es ein Wunder. Die Mutter hat ihn angesehen, den Feind, und in ihrem Blick war kein Hass, nur Müdigkeit, und ihr Kind sah aus wie jedes Kind. Da war kein Krieg zwischen ihnen, nur zwei Menschen, die einander ansahen.

Adler hat begriffen, das Leben ist stärker als der Tod. Die Mutter mit ihrem Kind, das ist das Wahre, alles andere ist Wahnsinn. Er hält sich an dieses Bild, denn er wird es brauchen. Der Name Stalingrad fällt immer öfter wie ein dunkler Abgrund vor ihnen. Gott, lass mich dieses Bild nicht vergessen, wenn die Finsternis kommt, schreibt Martin in sein Tagebuch. Die Welt wartet auf das, was kommen wird, und die Hoffnung, die in einem Feldlazarett in Russland geboren wurde, mag das Einzige sein, was diesen jungen Soldaten durch die Hölle tragen kann, die vor ihm liegt.