Die Operationen des SS-Offiziers Otto Skorzeny, den die nationalsozialistische Propaganda einst als „gefährlichsten Mann Europas“ feierte, entpuppen sich bei nüchterner historischer Betrachtung als taktische Nadelstiche eines längst verlorenen Krieges, die in einem verbrecherischen System verwurzelt waren und dessen Ziele bedienten. Eine umfassende Analyse seines Werdegangs und seiner Einsätze zeigt ein Bild, das weit entfernt ist von den Legenden, die er selbst und die NS-Propaganda nach dem Krieg webten.
Skorzeny, geboren in Wien, wuchs in einem Umfeld auf, das von nationalistischen und deutschnationalen Strömungen geprägt war. Bereits in den Jahren 1932 und 1933, noch vor der Machtergreifung Hitlers in Deutschland, schloss er sich der nationalsozialistischen Bewegung in Österreich an. Dies geschah in einer Phase, in der diese Bewegung in seinem Heimatland zunehmend an Einfluss gewann und offen auf den Anschluss an das Deutsche Reich hinarbeitete. Der spätere „Anschluss“ Österreichs im Jahr 1938 war kein freiwilliger Zusammenschluss gleichberechtigter Partner, sondern ein Akt der expansiven Außenpolitik des NS-Regimes, der das Land seiner Eigenständigkeit beraubte und es der Kontrolle der Nationalsozialisten unterwarf. Skorzeny stand von Anfang an auf der Seite jener Kräfte, die diese Entwicklung aktiv vorantrieben, und bewegte sich damit von Beginn seiner Laufbahn an im ideologischen und organisatorischen Zentrum des Nationalsozialismus.
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges trat Skorzeny in die Waffen-SS ein, eine Organisation, die später im Nürnberger Prozess als verbrecherische Organisation eingestuft wurde. Er diente zunächst in der Division, die unter dem Namen „Das Reich“ bekannt wurde und an den verbrecherischen Feldzügen des Regimes teilnahm, insbesondere an der Ostfront. Dort erlebte er den Krieg in seiner brutalsten Form, mit all den Belastungen und der Härte des Vormarsches und der Abwehrkämpfe. Eine schwere Verwundung und daraus resultierende gesundheitliche Probleme führten schließlich zu seiner Versetzung von der Front in den Stabsbereich nach Berlin. Dieser Wechsel erwies sich als entscheidend für seinen weiteren Werdegang, denn er brachte ihn in die Nähe jener Stellen, die über unkonventionelle Methoden der Kriegsführung nachdachten. Seine Erfahrungen an der Front und sein Interesse an nicht regulären Vorgehensweisen verbanden sich zu der Vorstellung, dass speziell ausgebildete Jagdverbände Aufgaben erfüllen könnten, für die reguläre Truppen nicht vorgesehen waren. So kam es zur Ernennung Skorzenys zum Kommandeur eines Sonderverbandes, der zunächst unter der Bezeichnung „Sonderverband zur besonderen Verwendung Friedenthal“ geführt wurde und später im Rahmen des „Jagdverbandes 502“ eine erweiterte Rolle erhielt. Diese Verbände standen unter der Kontrolle der höheren Führung der SS, in deren Umfeld Namen wie Ernst Kaltenbrunner und Walter Schellenberg eine zentrale Rolle spielten. Es handelte sich um parallele Strukturen innerhalb des nationalsozialistischen Militär- und Sicherheitsapparates, die für besondere Aufgaben gedacht waren und außerhalb der gewöhnlichen militärischen Befehlswege operierten. Gerade diese enge Anbindung an die Spitze der SS verdeutlicht, dass Skorzeny kein freischwebender Spezialist war, sondern ein Werkzeug innerhalb eines Apparates, dessen Zwecke durch die verbrecherische Politik des Regimes bestimmt wurden.
Die erste Operation, die Skorzeny weithin bekannt machte, trug den Decknamen „Eiche“ und fand im September 1943 statt. Der Hintergrund war die politische Entwicklung in Italien. Benito Mussolini war gestürzt und von der neuen italienischen Regierung festgesetzt worden. Italien strebte aus dem Krieg heraus, und Truppen der Wehrmacht besetzten daraufhin den Norden des Landes, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Hitler legte persönlich großen Wert darauf, seinen gestürzten Verbündeten zu befreien, sowohl aus politischen Gründen als auch aus Prestigeerwägungen. Die Aufklärung des Aufenthaltsortes Mussolinis war das Werk eines ganzen Apparates, in dessen Umfeld auch das Netz um Herbert Kappler tätig war. Die Planung der Befreiung erfolgte gemeinsam mit Kräften der Luftwaffe, insbesondere mit Fallschirmjägern unter der Führung von General Kurt Student. Es war also von Anfang an eine gemeinsame Unternehmung mehrerer Stellen und nicht das alleinige Werk Skorzenys. Die Ausführung erfolgte am 12. September 1943. Mussolini wurde in einem abgelegenen Hotel in den Bergen, dem Hotel Campo Imperatore am Gran Sasso, festgehalten. Die Angreifer landeten mit Lastenseglern des Typs DFS 230 in unmittelbarer Nähe des Gebäudes. Eines der Segelflugzeuge verunglückte bei einem riskanten Landemanöver im schwierigen Gelände, was die Gefahren des Unternehmens verdeutlichte. Die italienischen Carabinieri, die Mussolini bewachten, waren demoralisiert und leisteten keinen ernsthaften Widerstand, sodass die Festsetzung im Wesentlichen ohne nennenswerten Kampf gelang. Mussolini wurde anschließend mit einem kleinen Flugzeug des Typs Fieseler Storch ausgeflogen, wobei Skorzeny darauf bestand, an Bord mitzufliegen, was die ohnehin riskante Aktion zusätzlich belastete. Die eigentliche militärische Hauptarbeit leisteten dabei die Fallschirmjäger der Luftwaffe, während Skorzeny und seine Männer eine wichtige, aber nicht die entscheidende Rolle spielten. Diese Verteilung der tatsächlichen Anteile ist wesentlich, denn sie steht im Widerspruch zu dem Bild, das später entstand. Der propagandistische Ertrag dieser Operation war enorm. Die Propaganda unter Joseph Goebbels stellte das Unternehmen als kühnen Husarenstreich dar und schob Skorzeny in den Vordergrund, während der Anteil der Luftwaffe in den Hintergrund trat. Skorzeny erhielt hohe Auszeichnungen und wurde zu einer öffentlichen Figur, deren Bekanntheit weit über das tatsächliche Gewicht seiner Rolle hinausging. Wenn man nüchtern fragt, warum die Operation ihr Ziel erreichte, so lauten die Gründe: Überraschung, eine genaue Aufklärung des Aufenthaltsortes und vor allem die niedrige Kampfmoral der Bewachung, die zu keinem ernsthaften Widerstand bereit war. Es waren also günstige Umstände und das Zusammenwirken mehrerer Kräfte, die den Erfolg ermöglichten, und nicht eine übermenschliche Leistung eines Einzelnen. Strategisch betrachtet hatte die Befreiung jedoch erhebliche Folgen, denn sie ermöglichte die Errichtung der Italienischen Sozialrepublik, eines vom Reich abhängigen Marionettenregimes im Norden Italiens. Dieses Regime setzte den Krieg fort und beteiligte sich an weiteren Repressionen, sodass der vermeintliche Befreiungserfolg in Wahrheit die Verlängerung von Krieg und Gewalt bedeutete.
Um die Operationen des Jahres 1944 zu verstehen, muss man sich die allgemeine Lage des Regimes im Herbst und Winter dieses Jahres vor Augen führen. Das Reich erlitt an allen Fronten schwere Verluste. Im Osten drängte die Rote Armee unaufhaltsam nach Westen. Im Westen rückten die alliierten Truppen nach der Landung in der Normandie vor. Und im Süden hatte sich die Lage seit dem Ausscheiden Italiens grundlegend verändert. Mehrere Verbündete des Regimes versuchten in dieser Zeit, sich aus dem Krieg zu lösen, weil sie das nahende Ende erkannten. Rumänien hatte die Seiten gewechselt. Finnland suchte einen Ausweg, und nun zeichnete sich ab, dass auch Ungarn nach einem Weg aus dem Bündnis mit dem Reich suchte. Für das Regime in Berlin bedeutete jeder solche Abfall eine zusätzliche Bedrohung, denn er öffnete neue Lücken und beschleunigte den Zerfall der eigenen Position. In diesem Klima der Bedrängnis entstanden die Unternehmungen, an denen Skorzeny im Herbst und Winter beteiligt war, und sie tragen den Charakter verzweifelter Versuche, einen ohnehin verlorenen Krieg noch ein wenig zu verlängern.
Die erste dieser Unternehmungen trug den Namen „Panzerfaust“ und fand im Oktober 1944 statt. Der Hintergrund waren geheime Verhandlungen, die der ungarische Reichsverweser Miklós Horthy mit der Sowjetunion führte, um sein Land aus dem Krieg zu lösen. Als das Regime in Berlin davon erfuhr, beschloss es, diesen Schritt mit allen Mitteln zu verhindern, und Skorzeny wurde mit einer Schlüsselaufgabe betraut. Am 15. Oktober 1944 wurde der Sohn Horthys in eine Falle gelockt. Man stellte ihm ein Treffen mit angeblichen jugoslawischen Vertretern in Aussicht. Doch bei dieser vorgetäuschten Zusammenkunft kam es zu einem Überfall. Der Sohn des Reichsverwesers wurde überwältigt, geschlagen, in einen Teppich gewickelt und außer Landes gebracht. Man verschleppte ihn nach Wien und von dort in das Konzentrationslager Mauthausen, wo er als Geisel festgehalten wurde. Diese Entführung war ein Mittel der Erpressung, mit dem der Vater unter Druck gesetzt werden sollte, und sie zeigt mit aller Deutlichkeit, mit welchen Methoden der Apparat arbeitete, dem Skorzeny diente. Nach der Entführung folgte der unmittelbare militärische Druck. Skorzeny führte eine Aktion gegen die Burg in Budapest, den Sitz der ungarischen Regierung, und setzte dabei auch Panzer ein, um jeden Widerstand im Keim zu ersticken. Unter dem Eindruck der Entführung seines Sohnes und der militärischen Übermacht gab Horthy nach. Er dankte ab, und an die Macht kam das Regime der Pfeilkreuzler unter Ferenc Szálasi. Die Folgen dieses Machtwechsels waren verheerend. Ungarn blieb bis zum Ende des Krieges an der Seite des Reiches, und das neue Regime entfesselte einen massenhaften Terror gegen die jüdische Bevölkerung und gegen jeden politischen Widerstand. In Budapest kam es zu Morden, und Tausende von Menschen wurden auf tödliche Märsche getrieben. Wenn man die Operation Panzerfaust nüchtern bewertet, so verband sie zwei Elemente: die Entführung als Mittel der Erpressung und die unmittelbare militärische Gewalt als Mittel der Durchsetzung. Für das unmittelbare politische Ziel des Regimes war dieses Vorgehen wirksam, denn es verhinderte den Ausstieg Ungarns aus dem Krieg. Doch der Preis bestand in der Errichtung eines Regimes, das für schwerste Verbrechen an der eigenen Zivilbevölkerung verantwortlich war, sodass der taktische Erfolg untrennbar mit einer humanitären Katastrophe verbunden war.
Die zweite große Unternehmung dieses Zeitraums trug den Namen „Greif“ und stand im Zusammenhang mit der Ardennenoffensive im Dezember 1944. Diese Offensive war der letzte große Versuch des Reiches, im Westen noch einmal die Initiative an sich zu reißen und die Lage zu wenden. Im Rahmen dieses Vorhabens erhielt Skorzeny den Befehl, eine besondere Einheit aufzustellen, die als 150. Panzerbrigade bezeichnet wurde. Der Plan sah vor, Soldaten der Wehrmacht mit englischen Sprachkenntnissen in amerikanische Uniformen zu stecken und sie mit erbeuteten amerikanischen Fahrzeugen hinter die feindlichen Linien zu schicken. Dort sollten sie Verwirrung stiften, Wegweiser vertauschen, falsche Befehle verbreiten und nach Möglichkeit Brücken über die Maas in die Hand bekommen, bevor sie gesprengt werden konnten. Skorzeny selbst hatte erhebliche Bedenken gegen die Verwendung der feindlichen Uniform, denn er wusste, dass dies einen unmittelbaren Verstoß gegen die Haager Landkriegsordnung des Jahres 1907 darstellte und seine Männer im Falle der Gefangennahme als Spione behandelt werden konnten. Die Ausführung blieb hinter den Erwartungen zurück. Nur eine begrenzte Zahl von Gruppen, etwa zwei Dutzend kleiner Trupps, drang tatsächlich hinter die feindlichen Linien vor. Sie stifteten zwar an einzelnen Stellen Verwirrung und lösten unter den alliierten Truppen eine gewisse Unruhe und Nervosität aus, doch die entscheidenden Ziele wurden nicht erreicht. Die wichtigen Brücken über die Maas konnten durch diese Gruppen nicht in die eigene Hand gebracht werden, und der eigentliche Zweck des Unternehmens blieb unerfüllt. Viele der Beteiligten gerieten in Gefangenschaft, und ein Teil von ihnen wurde, weil sie in feindlicher Uniform aufgegriffen worden waren, als Spione behandelt und hingerichtet. Verstärkt wurde die Wirkung durch ein Gerücht, das sich rasch verbreitete, nämlich die angebliche Absicht, mit einem Stoßtrupp bis nach Paris vorzudringen und den alliierten Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower zu erfassen. Dieses Gerücht war militärisch ohne Substanz, doch es führte zu erheblichen Sicherheitsmaßnahmen und band alliierte Kräfte, sodass die psychologische Wirkung größer war als der tatsächliche militärische Erfolg. Wenn man die Operation Greif analysiert, so zeigt sich, dass die Täuschung teilweise funktionierte, und zwar dank der Sprachkenntnisse der eingesetzten Männer und dank der feindlichen Uniformen, die kurzzeitig Verwirrung stifteten. Doch dieser begrenzte taktische Effekt stand in keinem Verhältnis zu den Risiken und zum eingesetzten Aufwand. Strategisch war die Unternehmung Teil einer von vornherein zum Scheitern verurteilten Offensive, die ihre Hauptziele nicht erreichte und die letzten Reserven des Regimes verbrauchte. Wertvolle Ressourcen und ausgesuchte Männer wurden für einen taktischen Trick aufgewendet, während das Reich den Krieg bereits in seiner Substanz verloren hatte.

Es lohnt sich, an dieser Stelle inne zu halten und das Muster zu betrachten, das sich durch beide Unternehmungen des Jahres 1944 zieht. In beiden Fällen ging es nicht mehr um den Aufbau einer eigenen Stärke, sondern um die Verhinderung des Zerfalls. In Budapest wurde ein Verbündeter mit Erpressung und Gewalt im Bündnis gehalten. In den Ardennen wurde mit Täuschung und Tarnung ein letzter Schlag versucht. Beide Male war die unmittelbare Wirkung spürbar, und beide Male änderte sie nichts am unausweichlichen Ausgang. Die kleinen, beweglichen Methoden der Spezialkriegsführung konnten lokale Wirkungen erzielen, doch sie waren nicht imstande, die strategische Niederlage aufzuhalten. Im Gegenteil, sie banden Kräfte und verlängerten einen Krieg, dessen Fortsetzung für unzählige Menschen weiteres Leid bedeutete. Damit wird sichtbar, dass die taktische Geschicklichkeit nicht von dem Zweck zu trennen ist, dem sie diente, und dass dieser Zweck im Dienst eines Regimes stand, das für seine Verbrechen verantwortlich gemacht wurde.
Mit dem Zusammenbruch des Regimes im Mai 1945 endete auch der Handlungsraum Skorzenys. Er begab sich in amerikanische Gefangenschaft und wurde interniert, wie zahlreiche andere Angehörige der SS und des militärischen Apparates. Die Sieger standen vor der Aufgabe, die Verantwortlichen für die Verbrechen des Nationalsozialismus zur Rechenschaft zu ziehen. In diesem Zusammenhang geriet auch die Tätigkeit der Sonderverbände in den Blick. Für Skorzeny bedeutete dies, dass seine Rolle bei der Ardennenoffensive und insbesondere die Verwendung feindlicher Uniformen im Rahmen der Operation Greif zum Gegenstand eines gerichtlichen Verfahrens wurden. Die Internierung dauerte mehrere Jahre, und in dieser Zeit bereitete sich das Verfahren vor, das seinen Namen erneut in die Öffentlichkeit bringen sollte. Der Prozess fand im August und September 1947 in Dachau statt und bezog sich auf die Operation Greif. Die Anklage warf Skorzeny und seinen Mitangeklagten vor, gegen die Gesetze des Krieges verstoßen zu haben, insbesondere durch die Verwendung der feindlichen Uniform. Im Verlauf des Verfahrens kam es jedoch zu einer Wendung, die für das Urteil entscheidend wurde. Ein britischer Agent des Geheimdienstes, der dem Umfeld der Special Operations Executive zugerechnet wurde, sagte aus, dass auch auf alliierter Seite ähnliche Pläne und Vorgehensweisen erwogen worden seien. Da sich zudem nicht nachweisen ließ, dass Skorzeny ausdrücklich befohlen hatte, in feindlicher Uniform zu kämpfen, sondern lediglich die Uniform zur Annäherung zu nutzen und vor dem Gefecht abzulegen, kam das Gericht zu einem Freispruch in dieser konkreten Sache. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass dieser Freispruch sich nur auf die eng umgrenzten Vorwürfe der Operation Greif bezog. Er bedeutete keineswegs eine Entlastung im weiteren Sinne, denn die SS als Ganzes war im Nürnberger Prozess als verbrecherische Organisation eingestuft worden, und der Rahmen, in dem Skorzeny gehandelt hatte, blieb durch dieses Urteil unberührt.
Der Freispruch beendete jedoch nicht die Internierung sogleich, und Skorzeny sah sich weiteren Verfahren im Rahmen der Entnazifizierung gegenüber. Im Juli 1948 entzog er sich diesen weiteren Verfahren durch eine Flucht. Bei dieser Flucht half ihm ein Netz ehemaliger Angehöriger der SS, das verschleppten und untergetauchten Kameraden Wege ins Ausland öffnete. Über solche Verbindungen gelangte Skorzeny schließlich nach Spanien, in den Machtbereich des autoritären Regimes unter Francisco Franco. Dort fand er Schutz und einen Raum, in dem er sich der weiteren Verantwortung entziehen konnte. Die Flucht zeigt, wie sehr alte Netzwerke nach dem Krieg fortbestanden und wie sie es einzelnen Personen ermöglichten, sich einer gründlichen Aufarbeitung ihrer Vergangenheit zu entziehen. Skorzeny gehörte zu denjenigen, die auf diese Weise einer umfassenderen Rechenschaft entgingen. In Spanien baute sich Skorzeny eine neue Existenz auf. Er betätigte sich in Madrid im Ingenieurs- und Geschäftswesen und knüpfte zugleich Verbindungen, die ihn in den Umkreis verschiedener autoritärer Regime führten. So wird berichtet, dass er Juan Perón in Argentinien beriet und dass er in Ägypten im Umfeld von Gamal Abdel Nasser tätig war, wo es um die Ausbildung von Kommandoeinheiten gegangen sein soll. In den 1960er Jahren kursierten zudem Gerüchte über mögliche Verbindungen zu Diensten anderer Staaten, unter anderem im Zusammenhang mit Aktionen gegen Wissenschaftler aus Deutschland, die für Ägypten arbeiteten. Diese späteren Tätigkeiten sind nicht in allen Einzelheiten gesichert, und manches bleibt im Bereich der Andeutung und des Gerüchts. Sicher ist jedoch, dass Skorzeny seine militärischen Fähigkeiten und seine Erfahrungen weiterhin im Dienst autoritärer Strukturen einsetzte und sich damit außerhalb des Rahmens des Völkerrechts und der demokratischen Ordnung bewegte. Sein Weg nach dem Krieg war die Fortsetzung einer Linie, die schon in der Zeit des Regimes erkennbar gewesen war.
Von besonderer Bedeutung für das spätere Bild ist die Tätigkeit Skorzenys als Verfasser seiner eigenen Erinnerungen. In diesen Memoiren und in zahlreichen Erzählungen wurde seine persönliche Rolle deutlich überzeichnet, und gerade in Bezug auf die Operation Eiche am Gran Sasso entstand der Eindruck, er allein habe das entscheidende Werk vollbracht. Dabei trat in den Hintergrund, dass die eigentliche militärische Hauptarbeit von den Fallschirmjägern der Luftwaffe geleistet worden war. So verband sich die Propaganda aus der Kriegszeit mit den sensationslüsternen Darstellungen der Nachkriegszeit und mit den Selbstdarstellungen Skorzenys zu einem Bild, das ihn als legendären Kommandoführer und als „gefährlichsten Mann Europas“ erscheinen ließ. Dieses Bild war jedoch ein Produkt der Inszenierung und nicht das Ergebnis einer nüchternen Prüfung der tatsächlichen Verhältnisse. Wenn man diese Verhältnisse nüchtern betrachtet, so zeigt sich ein anderes Bild. Es gab keinen universellen militärischen Genius, dessen Eigenschaften man losgelöst als Vorbild nehmen könnte. Es gab ganz bestimmte Bedingungen, die Skorzenys Erfolge erst ermöglichten. Dazu gehörte der Zugang zu den Ressourcen des Reiches, dazu gehörte das persönliche Vertrauen Hitlers, und dazu gehörte die Unterstützung durch eine Propaganda, die jeden Erfolg ins Riesenhafte vergrößerte. Die taktischen Fähigkeiten, die tatsächlich vorhanden waren, also die Überraschung, der Einsatz kleiner Gruppen und die Initiative untergeordneter Führer, brachten in engem Rahmen kurzfristige Resultate, doch sie konnten die strategische Niederlage des nationalsozialistischen Reiches in keiner Weise ausgleichen. Die Methode der Spezialoperationen funktionierte oder versagte stets innerhalb eines bestimmten Zusammenhanges, und dieser Zusammenhang war der Dienst an einem verbrecherischen Regime. Skorzeny entging nach dem Krieg einer umfassenderen Verantwortung und setzte seine Tätigkeit in den Kreisen autoritärer Machthaber fort, was den Charakter seines Wirkens zusätzlich verdeutlicht.
Wenn man alles zusammenfasst, was wir betrachtet haben, so zeigen die Operationen, an denen Otto Skorzeny beteiligt war, wie taktische Initiative, Überraschung und der Einsatz unkonventioneller Methoden konkrete kurzfristige Ergebnisse bringen konnten, und zwar selbst vor dem Hintergrund einer strategischen Niederlage. Die Befreiung Mussolinis, das Vorgehen in Budapest und die Täuschung während der Ardennenoffensive erreichten ihre jeweils unmittelbaren Ziele. Doch sie alle fanden innerhalb eines Krieges statt, den das nationalsozialistische Regime führte, eines Krieges um Eroberung, um Unterwerfung und um Vernichtung. Die SS, in der Skorzeny diente, wurde im Nürnberger Prozess als verbrecherische Organisation eingestuft, und dieser Umstand bestimmt die Bewertung all seiner Unternehmungen. Diese Erfolge änderten den Verlauf des Krieges nicht. Italien blieb geteilt. Ungarn geriet unter die Kontrolle eines Regimes, das neue schwere Verbrechen an der eigenen Bevölkerung verübte, und die Ardennenoffensive scheiterte am Ende vollständig. Die Propaganda und die späten Erinnerungen erhoben Skorzeny in den Rang einer Legende. Doch die historische Untersuchung zeigt die Überzeichnung seiner persönlichen Rolle, besonders am Gran Sasso, wo die Hauptarbeit von den Fallschirmjägern der Luftwaffe geleistet wurde. Nach dem Krieg wurde Skorzeny von den konkreten Vorwürfen freigesprochen, die mit der Operation Greif zusammenhingen. Doch er entzog sich einer umfassenderen Auseinandersetzung durch seine Flucht und durch seine alten Verbindungen. Seine weitere Tätigkeit, die Beratung autoritärer Regime, setzte die Linie fort, militärische Fähigkeiten außerhalb des Völkerrechts und der demokratischen Normen einzusetzen. So ist die Geschichte Skorzenys nicht die Geschichte eines universellen militärischen Fachmanns, dessen Eigenschaften man als Vorbild nehmen könnte. Es ist die Geschichte eines Offiziers, dessen Fähigkeiten den Zwecken eines bestimmten verbrecherischen Regimes in einem bestimmten Krieg dienten. Taktische Lehren der Spezialoperationen gibt es durchaus. Doch sie sind untrennbar von dem Zusammenhang, in dem sie angewandt wurden, nämlich von einem Angriffskrieg und von Strukturen, die als verbrecherisch eingestuft wurden. Erst dieses Verständnis erlaubt es, nicht ein romantisiertes Portrait zu sehen, sondern das wirkliche Bild der Ereignisse und ihrer Folgen.


