Die Kalmückensteppe im September 1942: Ein feines weißgraues Pulver, so fein wie Mehl, dringt in jede Ritze, legt sich zwischen die Zähne und brennt in den Augen wie Sandpapier. Der Staub steht wie eine Wand vor den Männern der 16. Infanteriedivision motorisiert, die seit dem 20. August auf der Suche nach der sowjetischen Hauptverteidigungslinie südwestlich der Astrachan-Kizljar Eisenbahnstrecke sind. Obergefreiter Karl Braun, 28 Jahre alt, Schlosser aus Hameln an der Weser, hockt auf dem Kotflügel eines Kübelwagens und kämpft gegen die Elemente. Sein Hemd klebt am Rücken, die Stiefel sind voll Staub, und der Karabiner liegt quer über seinen Knien, zweimal bereits hat er die Kammer geprüft, aus Sorge, dass der Staub ins Innere gedrungen ist.
Die Einheit, ein Aufklärungszug, operiert im Niemandsland zwischen der Wolga und dem Kaukasus, wo die 6. Armee um Stalingrad kämpft und die 1. Panzerarmee um die Bergpässe und das Öl von Maikop. Der Divisionsbefehl lautete eindeutig: Aufklärung der Feindlage im Sektor zwischen Ulan Schol und dem Bereich nördlich von Schulschuta. Feststellen, ob die 110. kalmückische Kavalleriedivision der Roten Armee tatsächlich auf die südliche Streckenachse abgedreht ist oder ob sie noch in der Flanke steht. Oberleutnant Kastner, ein ruhiger Berufssoldat, der nicht viele Worte macht, hatte den Befehl zweimal lesen müssen, weil das Licht im Gefechtsfahrzeug schlecht war.
Die Steppe um sie herum ist leer, vollkommen leer. Kein Baum, kein Hügel, kein Haus, kein Mensch, nur ausgedörrtes gelbbraunes Gras, das dem Boden aufliegt wie eine tote Haut, und dazwischen immer wieder weißliche Salzflecken, die in der Sonne leuchten. Die Kalmücken nennen dieses Land ihre Heimat, aber Braun kann sich nicht vorstellen, wie ein Mensch hier lebt, woher er Wasser nimmt, wie er sich orientiert in diesem Nichts. Die Orientierung ist das größte Problem. Unteroffizier Brändle, der Fahrer des zweiten Kübels und vor dem Krieg Vermesser, hält die Richtung mit Kompass und Sonne, aber die Steine für Kärens sind selten, und der Kompass allein reicht nicht ohne Anhaltspunkte.
Der letzte Regen hier muss vor Monaten gewesen sein. Braun denkt an den Kompass in seiner Brusttasche, den ihm sein Vater gab, als er 1939 eingezogen wurde. Sein Vater, Infanterist bei Verdun im Ersten Weltkrieg, hatte nichts über den Krieg erzählt, aber den Kompass gegeben mit den Worten: „Behalte immer die Richtung.“ Der Kompass zeigt südsüdöstlich, in Richtung der Eisenbahnlinie, die von Astrachan nach Kizljar führt. Die Eisenbahn ist die einzige Versorgungsachse, die den Sowjets in diesem Raum noch bleibt, und die 1. Panzerarmee unter von Kleist will wissen, ob die Russen die Linie tatsächlich noch halten können.
Der Kübel vor Braun bremst abrupt. Ein abgebranntes sowjetisches Fahrzeug liegt im Gras, schon halb versunken im Staubboden. Die Plane ist weg, der Rahmen verrostet, obwohl Rost in dieser Trockenheit merkwürdig ist. Keine Leichen, keine frischen Reifenspuren, nur das tote Blech in der Sonne. Braun überprüft erneut die Kammer seines Karabiner 98 Kurz, eines zuverlässigen Gewehrs, wenn man es sauber hält. Der Staub der Kalmückensteppe ist kein normaler Staub; er ist ein Feind des Metalls, setzt sich in die Führungen, in die Schlosteile, in den Schlagbolzenkanal.
Der Zug hält. Oberleutnant Kastner steigt aus, kommt nach hinten gelaufen, halb im Laufschritt, weil er gelernt hat, in der Steppe keine aufrechte Silhouette zu zeigen. Er breitet die Karte auf der Motorhaube des Führungskübels aus und beschwert sie mit Handschuhen. Die Karte zeigt den Sektor zwischen dem nördlichen Rand des Kaspischen Tieflands und der Eisenbahnlinie, eine einfache schwarze Linie, die nicht einmal durchgezogen ist, weil die Karte aus dem Jahr 1927 stammt und die Sowjets die Trasse mehrfach aktualisiert haben. Kastner zeigt auf einen Punkt: „Wir sind hier.“ Dann auf einen anderen, etwa 30 Kilometer weiter südöstlich: „Dort soll Ulan Schol sein.“ Die Eisenbahnlinie müssen sie sehen, nicht anfassen, nur sehen, ob sie noch in Betrieb ist.
Braun fragt, wie weit die 28. sowjetische Armee von ihrem geplanten Aufklärungsweg entfernt ist. Kastner antwortet: „Nach dem letzten Divisionsbericht 40 bis 50 Kilometer östlich der Eisenbahnlinie, aber das ist von gestern. Heute weiß ich es nicht.“ Die 28. Armee ist eine Unbekannte, seit Anfang August in diesem Raum aktiv, zurückgedrängt von deutschen Vorstößen, aber nicht vernichtet. Eine zurückgedrängte sowjetische Armee ist nicht dasselbe wie eine geschlagene; sie baut neue Stellungen auf, legt Hinterhaltspositionen an und wartet.
Das Gelände beginnt sich zu verändern. Mehr Salzpfannen, trockene Mulden, die einmal Wasser gehalten haben, jetzt weiß glänzend unter der Sonne. Der Untergrund einer Salzpfanne kann weich sein, das Fahrzeug einsinken lassen, bis die Achsen auf dem Boden aufliegen. Am 25. August war der Kübel von Unteroffizier Brändle in einer solchen Pfanne versunken, und es hatte drei Stunden gedauert, ihn herauszuziehen, bei Temperaturen über 40 Grad. Wasser ist das zentrale Element in der Kalmückensteppe; es bestimmt den Weg, das Tempo, den Aufenthaltsort. Die Ration ist seit dem 25. August auf einen halben Liter pro Mann und Tag reduziert, weil der Nachschub nicht mitgehalten hat.
Das Fahrzeug bremst wieder. Stummer hat etwas in der Steppe gesehen. Kastner gibt Zeichen: Fahrzeuge anhalten, Männer aussteigen, Deckung. Es gibt keine Deckung in der Kalmückensteppe, nur den Boden. Braun lässt sich fallen, flach auf den Bauch, den Karabiner vorgestreckt. Der Staub dampft um ihn herum, riecht nach trockenem Salzmineral und nach Schafmist. Drei Kamele ziehen langsam durch das Gras, etwa 300 Meter südlich, kein Mensch dabei. Aber ein kalmückischer Hirt kann flach im Gras liegen und unsichtbar sein, wenn er will.
Die Eisenbahnlinie Astrachan-Kizljar ist mehr als eine Eisenbahn; sie ist die Lebensader des sowjetischen Kaukasusraumes. Sie verbindet das Kaspische Meer mit dem Nordkaukasus und transportiert Öl, Truppen, Material, Nahrung. Ohne diese Linie kann die Rote Armee im Raum Kaukasus nicht operieren. Die Heeresgruppe A, von der die 16. Infanteriedivision ein kleines, weit vorgeschobenes Zahnrad ist, legt großen Wert auf Aufklärung in diesem Sektor. Es geht nicht darum, die Linie anzugreifen, sondern darum zu wissen.
Der Horizont verändert sich. Eine Dunstlinie erscheint nach Osten, kompakt und dunkel. Kastner stoppt die Kolonne, schaut durch das Feldglas. „Brennendes Gras“, sagt er, ohne Beunruhigung, aber mit einem leichten Zögern in der Stimme. Brennendes Gras kann Artilleriebeschuss bedeuten oder einen Motorschaden bei einem sowjetischen Fahrzeug oder einen Hinterhalt. In Verbindung mit der Tatsache, dass die 28. Armee irgendwo östlich ist, bedeutet es Vorsicht.
Am frühen Nachmittag passieren sie die Überreste einer kalmückischen Siedlung, eine Ansammlung von Fundamenten und gemauerten Kochstellen aus Lehmziegeln. Die Kalmücken sind Nomaden; sie bauen ihre Unterkünfte auf, verlassen sie, kommen wieder oder auch nicht. Diese Siedlung ist verlassen, nur Scherben eines tönernen Gefäßes und ein verrostetes Stück Draht liegen auf dem Boden. Horwarth, der 19-jährige Wiener, der im Juni zugeteilt wurde, fragt Braun, ob die Kalmücken zu den Sowjets oder zu ihnen halten. Braun antwortet: „Das ist mir im Moment gleichgültig, solange keiner von ihnen auf uns schießt.“
Gegen 13 Uhr gibt es ein Problem mit dem dritten Fahrzeug, dem Krad von Unteroffizier Brändle. Der Ölkühler hat versagt, der Sand hat sich in jede Öffnung gesetzt, Filter verstopft, Kühllamellen belegt. Brändle und sein Begleiter, Gefreiter Imhof, beginnen die Arbeit. Braun sichert die Stellung, legt sich etwa 20 Meter vom Fahrzeug entfernt ins Gras und schaut nach Osten. Die Sonne brennt auf seinen Rücken durch das ausgeblichene Feldhemd, das einmal feldgrau war, jetzt fast beige, an den Ellenbogen durchscheuert.
Die 28. Armee der Roten Armee wurde im Frühjahr 1942 fast vollständig vernichtet im Raum Charkow, aber innerhalb von Monaten wieder aufgebaut mit neuen Männern, neuen Waffen. Die Armee, gegen die sie jetzt aufklären, ist nicht die Armee von Charkow; sie hat die gleiche Nummer, aber die Männer darin sind größtenteils andere. Braun denkt an die Ausrüstung in seinem Tornister: zwei Patronentaschen mit je drei Ladestreifen, 30 Schuss am Körper, sechs weitere im Tornister, insgesamt 60 Schuss, zwei Stielhandgranaten 24, ein Kochgeschirr, das seit vier Tagen nicht benutzt wurde, einen halben Leib Schwarzbrot, steinhart, und die Feldflasche mit einem Drittel Wasser.
Sie erreichen gegen 16 Uhr eine Senke, die auf der Karte eingetragen ist, in der Realität eine kaum erkennbare Vertiefung von zwei bis drei Metern. In der Senke gibt es Restfeuchte; das Gras ist etwas grüner, Insekten fliegen. Kastner schickt zwei Männer voraus, Braun und den schweigsamen Bayern Weitmann. Sie gehen gebückt durch das Gras, Karabiner im Anschlag. Am tiefsten Punkt ist der Boden feucht und weich; wenn Braun seine Hand auf den Boden drückt, bleibt ein Abdruck, und nach 30 Sekunden füllt er sich mit Wasser. Kastner nickt: 15 Minuten Halt, Feldflaschen auffüllen, Filterpillen einwerfen.
Das Wasser aus dem Boden ist salzig, schmeckt nach Kreideschlamm, aber nach drei Tagen mit einem halben Liter täglich ist es das Beste, was Braun seit Wochen getrunken hat. Er trinkt langsam, um Übelkeit zu vermeiden. In diesen Momenten, wenn das Licht wechselt und die Steppe in einem Orange liegt, denkt er manchmal an Hameln, an die Weser abends im Herbst 1938, als das Wasser ruhig war und das Licht genauso orange lag. Das war vor dem Krieg, ein anderes Leben, das einem anderen Menschen gehört hat.
Kastner gibt Zeichen, langsam zu machen. Sie fahren in einem Tempo, bei dem die Fahrzeuge kaum noch Staub aufwirbeln, beinahe schleichend. Braun nimmt den Karabiner von der Schulter und hält ihn quer. Die Stimmung im Fahrzeug verändert sich physisch, eine Anspannung, die in den Nacken kriecht. Die Eisenbahnlinie ist nicht das, was man sich in Deutschland unter einer Eisenbahn vorstellt; es ist eine eingleisige Bahn in russischer Breitspur, hastig gebaut, auf einem aufgeschütteten Damm, der in der flachen Steppe gut sichtbar ist.
Sie sehen den Damm am Horizont als eine dunklere Linie. Kastner hält sofort an, steigt aus, liegt im Gras, das Feldglas an den Augen. Braun sieht den Damm mit bloßem Auge, keine Bewegung, keine Gestalten, kein Rauch. Kastner ruft Braun zu sich: „Weitmann, Braun, ich zu Fuß. Die anderen bleiben.“ Sie gehen zu dritt durch das Gras, Abstand 20 Meter, um nicht alle auf einen Schlag getroffen zu werden. Es geht langsam, sehr langsam. 300 Meter, 250. Braun sieht die Schienen, die über den Damm ragen, zwei parallele Stahllinien, die in der tiefen Abendsonne glänzen. Rollende Räder polieren das Metall blank; das bedeutet, dass auf dieser Strecke tatsächlich Züge fahren.
200 Meter. Kastner stoppt und hält die Hand. Er schaut lange durch das Feldglas, kriecht dann alleine vor, bis er dicht am Fuß des Dammes ist. Er liegt still, wartet fünf Minuten, zehn. Braun liegt und schaut und wartet, sein Knie schmerzt auf einem Stein. Kastner dreht sich und macht das Zeichen, heranzukriechen. Am Fuß des Dammes flüstert Kastner: „Schienen blank, kein Rost, mindestens täglicher Betrieb, keine frischen Einschläge, keine Minen, keine sowjetische Sicherung sichtbar.“ Er macht Notizen in seinem Notizbuch.

Sie liegen 40 Minuten am Fuß des Dammes. Dann macht Weitmann das Zeichen für Geräusch. Ein dumpfes, weit entferntes Rollen kommt aus dem Nordosten, aus Richtung Astrachan. Es baut sich auf, wird lauter, zu einem Rhythmus, der durch den Boden vibriert. Braun spürt die Vibration in den Handflächen. Der Zug kommt langsam, vorsichtig. Braun wagt einen kurzen Blick über die Dammkrone: eine alte, schwere Lokomotive, die mindestens 20 Wagen zieht, Flatcars mit Panzern, ein T34, erkennbar an der abgeschrägten Wannenfront und dem sechseckigen Gussturm, dann Wagen mit Planen, dann offene Wagen mit Soldaten, die rauchen und nicht in ihre Richtung schauen.
Am Fahrzeug angekommen, gibt Kastner sofort Befehl zur Abfahrt: „Wir haben, was wir brauchen. Rückmarsch, Nordnordwest.“ Der Rückmarsch in der Nacht ist unangenehmer als die Fahrt tagsüber. Die Kälte fällt schnell und tief, die Hände sind kalt, die Ohren schmerzen. Der Boden ist nachts noch schwieriger, weil die Scheinwerfer abgeblendet fahren. Zweimal schlägt ein Rad hart in ein Loch. Braun nimmt den Karabiner auf den Schoß und hält die Hände im Lauf, ein Trick, den ein alter Unteroffizier im Winter 1941 vor Moskau ihm beigebracht hat.
Die Nacht in der Kalmückensteppe ist klar, keine Wolken, kein Licht außer den Sternen, die viel heller sind als in Deutschland. Die Milchstraße ist ein tatsächlicher Streifen. Kastner navigiert über die Sterne, den Kompass, den Kilometerzähler und die Karte. Gegen 2 Uhr morgens kommt das Krad von Brändle erneut zum Stehen, diesmal der Vergaser. Brändle arbeitet mit bloßen Händen im Dunkeln. Kastner kniet sich neben Braun: „Wie viel Wasser haben Sie noch?“ Braun sagt etwas über die Hälfte. Kastner nickt: „Gut, wir sollten morgen früh wieder im Bereich der Divisionsversorgung sein.“ Dann sagt er leise: „Das war gute Arbeit heute.“
Der Morgen beginnt vor der Sonne. Der Himmel wechselt von schwarz zu blau zu grau, die Fahrzeuge stehen als schwarze Silhouetten, der Atem der Männer dampft. Dann kommt die Sonne, erst als Linie, dann als Kugel, dann als Flächenbrand. Kurz nach Sonnenaufgang sieht Braun die Umrisse der Divisionsstellung im Westen. Ein Meldeläufer kommt entgegen: Die Versorgungsfahrzeuge sind gestern Abend eingetroffen, es gibt Wasser, Brot und sogar eine Kanne Kaffeeersatz. Beim Wort Wasser schließt Horwarth für einen kurzen Moment die Augen.
Sie kommen an. Kastner geht sofort zum Kompanieführer. Die Männer steigen aus, strecken sich, schweigen. Brändle und Imhof schieben das Krad unter ein Tarnnetz und beginnen, die Maschine auseinanderzunehmen. Braun nimmt den Karabiner auseinander, immer Reinigung vor dem Essen, vor dem Schlafen, vor allem anderen. Der Verschluss ist stark verschmutzt, der Schlagbolzen hat eine dünne Schicht Staub. Die Laufseele ist erstaunlich sauber, dank des Mündungsschutzes. Er legt die Teile in der Reihenfolge hin, die ihm Fröhlich in Hameln beigebracht hat.
Die Informationen, die sie gesammelt haben, sind nüchtern: Eisenbahnlinie Astrachan-Kizljar in Betrieb, aktiver Zugverkehr festgestellt, mindestens ein Zug mit gepanzerten Fahrzeugen, Typ T34 ostwärts in Richtung Kizljar, keine feindliche Sicherung der Trasse im beobachteten Abschnitt, Feindlage 28. Armee unverändert unklar, kein Feindkontakt. Diese Informationen sagen dem Kommando, was es wissen muss, nicht mehr und nicht weniger.
Am 29. August nehmen sie eine neue Aufklärungsfahrt auf, diesmal mit drei Kübelwagen und einem leichten LKW mit acht Schützen als Sicherung. Kastner hat neuen Befehl: Aufklärung in Richtung Ulan Schol, Feststellung der Feindlage, wenn möglich Gefangennahme eines sowjetischen Aufklärers. Die Fahrt ist von Anfang an anders, heißer, das Thermometer zeigt 44 Grad im Schatten. Gegen 11 Uhr sehen sie zum ersten Mal seit zwei Tagen wieder Menschen, drei Gestalten, die schnell auseinanderlaufen. Kastner lässt sie laufen; sie werden vielleicht den sowjetischen Aufklärern berichten.
Schulschuta liegt hinter ihnen, ein kleiner Ort mit 30 bis 40 Gebäuden, zwei Brunnen, einer trocken, der andere mit schlechtem Wasser. Frische Fahrspuren führen nach Osten, maximal zwei Tage alt. Die Schicht aus verkrustetem Salzlehm endet abrupt, als sie in eine Zone aus feinerem Boden geraten. Der Kübel beginnt zu schwimmen, die Räder graben sich ein. Stummer reduziert das Tempo. Sie steigen alle aus, um das Gewicht zu reduzieren, gehen nebenher, während das Fahrzeug durch den weichen Bereich fährt.
Der erste Feindkontakt des Tages kommt um 13 Uhr. Ein sowjetischer Panzerspähwagen kommt aus dem Südwesten auf sie zu. Braun ruft: „Spähwagen links!“ Kastner reagiert sofort: „Decken hinter die Welle!“ Die Kolonne hält, die Fahrzeuge bringen sich hinter den Geländestreifen, die Schützen steigen aus und gehen in Stellung. Der Spähwagen, ein BA10 oder BA64, kommt schräg auf sie zu, vielleicht hat er sie noch nicht genau lokalisiert. Kastner gibt den schwierigsten Befehl: nicht schießen. Der Spähwagen fährt weiter, hält auf 350 Meter, der Turm dreht sich langsam. Braun drückt sein Gesicht tiefer ins Gras.
Der Spähwagen wartet, dann fährt er weiter. Kastner entscheidet, Ulan Schol am heutigen Tag nicht mehr direkt anzugehen. Die Begegnung ist ein Signal: Die sowjetische 28. Armee hat Aufklärungsfahrzeuge in diesem Raum aktiv, was bedeutet, dass Ulan Schol näher an feindlichen Kräften liegt als angenommen. Kastner wird das melden. Die Division wird auswerten.
Am 3. September regnet es. Der Regen kühlt das heiße Blech der Fahrzeuge, aber dann wird der Boden zu Schlamm. Die Kalmückensteppe im Regen ist keine bessere Steppe, sie ist eine schlechtere. Auf dem Rückmarsch hört Braun zum ersten Mal Kastner etwas sagen, das kein Befehl ist: „Wissen Sie, warum ich Soldat geworden bin?“ Braun sagt nein. Kastner sagt: „Ich auch nicht mehr genau.“ Es ist kein Witz.
Die Versorgungslage im September 1942 verschlechtert sich merklich. Die Versorgungsfahrzeuge kommen seltener, bringen weniger. Das Benzin wird knapper, der Treibstoff für die schweren Fahrzeuge besonders. Weniger Bewegung bedeutet weniger Aufklärung, weniger Information, mehr Unsicherheit. Die Astrachan-Kizljar Linie ist nicht genommen worden, sie wird nicht genommen werden. Braun macht eine stille Rechnung: Sie haben die Linie gesehen, festgestellt, dass sie in Betrieb ist, dass die 28. Armee präsent ist und sich aktiv verhält, und dass ihre Versorgung für einen Angriff nicht ausreicht. Die Rechnung ergibt keine positive Zahl.
Am 6. September kommt ein neuer Befehl: keine Aufklärung Richtung Ulan Schol mehr, stattdessen Sicherung des rückwärtigen Bereichs zwischen Elista und Schulschuta. Die Division stoppt die aktiven Vorstöße und konsolidiert die Linien. Kastner sagt es in einer kurzen Lagebesprechung ohne Bewertung: „Das ist der Befehl, wir führen ihn aus.“ Die Männer hören zu, niemand sagt etwas. Man hat im Laufe des Krieges gelernt, dass Befehle kommen und gehen.
Die Sicherungsarbeit hat ihre eigene Monotonie. Bei der Aufklärung fährt man vorwärts in das Unbekannte, eine Spannung, die wach hält. Bei der Sicherung fährt man immer denselben Weg, dieselben Punkte, dieselbe Steppe. Die Gefahr ist vielleicht dieselbe, aber die Spannung wird zur Gewohnheit und die Gewohnheit zur Erschöpfung. Braun schreibt das nicht auf, um sich zu beklagen, sondern weil es die Realität ist: Staub, Hitze am Tag, Kälte in der Nacht, wenig Wasser, wenig Essen, viel warten, wenig Information, eine Waffe, die sauber gehalten werden muss, und ein Kompass, der immer die Richtung zeigt.
Der 16. September. Es ist kühler geworden, der Herbst kommt in die Steppe, von einem Tag auf den nächsten. Die Männer holen ihre Mäntel hervor, die nach Moder riechen. Braun sitzt in einer Steinmulde und reinigt zum 20. Mal den Karabiner. Es ist nicht nötig, aber es ist etwas zu tun. Horwarth liegt neben ihm auf dem Rücken und schaut in den grauen Himmel. Er fragt: „Was machst du, wenn du nach Hause kommst?“ Braun denkt kurz nach: „Ich weiß es nicht.“ Horwarth sagt: „Ich wollte Musiker werden. Klavier.“ Braun sagt: „Gut.“ Horwarth fragt: „Du glaubst nicht, dass ich das noch kann?“ Braun sagt weder ja noch nein.
Braun denkt manchmal an die Kalmücken. Sie leben seit Jahrhunderten in dieser Steppe, ihre Jurten stehen und fallen, ihre Tiere kennen die Wege zu den Brunnen, die auf keiner Karte verzeichnet sind. Für sie ist diese Steppe keine Leere, sondern ein Raum voller Informationen. Braun hat angefangen, ein wenig zu lernen: Salzkrusten bedeuten weichen Untergrund, bestimmte Grasarten weisen auf Feuchte hin, Kamele gehen immer in Richtung des nächsten Wassers. Ein alter kalmückischer Mann hat ihm durch Gesten gezeigt, wo ein Brunnen war, den er nicht kannte. Braun weiß nicht, warum er das getan hat.
Am 18. September kommt ein Bericht von der Division: Die sowjetische 28. Armee hat in den letzten zwei Wochen Stellungen aufgebaut, die jetzt als befestigt gelten müssen. Das Vordringen auf die Eisenbahnlinie gilt als auf absehbare Zeit nicht mehr möglich. Die Division wird eine Winterstellung beziehen. Braun schreibt einen Brief nach Hause an seine Mutter in Hameln: „Ich bin gesund. Ich bin in Russland. Das Wetter wird kühler. Die Stiefel, um die ich im letzten Brief gebeten habe, wären gut zu haben, wenn sie noch kommen können. Aber mach dir keine Mühe, wenn es zu kompliziert ist.“ Er unterschreibt mit Karl.
Die sowjetische 28. Armee greift im September 1942 nicht an. Sie baut auf, sie wartet ihrerseits. Zwei Armeen in der Steppe, die beide warten. Braun, Obergefreiter Karl Braun, 28 Jahre alt, Schlosser aus Hameln, Soldat seit 1939, seit September 1942 in der Kalmückensteppe östlich von Elista, wartet. Die Steppe wartet auch, auf den Winter, der kommen wird, auf den Frühling, der danach kommt, auf alle Sommer und Winter danach. Denn die Steppe kennt keine Armeen und keine Kriege, sie kennt nur Jahreszeiten und Gras und Salz und Wind. Wenn sie weg sind, werden ihre Spuren für eine Weile im Boden bleiben und dann vergehen. Der alte kalmückische Mann wird weiter seine Wege gehen. Braun sitzt und schaut in die Steppe. Was er tun kann, ist den Kompass halten, die Waffe sauber halten, die Richtung behalten. Das ist genug. Mehr ist nicht.


