Das tödlichste Jahr Europas: So ekelhaft war 1348 wirklich

Das tödlichste Jahr Europas: So ekelhaft war 1348 wirklich

Du wachst auf. Es ist irgendwann im Frühling des Jahres 1348, und du befindest dich in einer kleinen, eng bebauten Stadt in Südfrankreich. Das Bett, in dem du gerade deine Augen öffnest, ist kein privater Rückzugsort, sondern eine hölzerne Strohschütte, die du dir mit mindestens einer anderen Person teilst. Vielleicht sind es auch zwei. Das Stroh unter deinem Körper ist alt; es wurde seit dem letzten Herbst nicht mehr gewechselt. Tief im Inneren dieser Matratze, für das bloße Auge unsichtbar, aber absolut real, existiert eine eigene, krabbelnde Zivilisation: mehrere Dutzend Flöhe, etliche Läuse und die getrockneten biologischen Rückstände jedes einzelnen Menschen, der vor dir in diesem Verschlag geschlafen hat.

Doch du findest das nicht ungewöhnlich. Es ist ein ganz normaler Dienstagmorgen.

Du stehst auf und wäschst dir nicht das Gesicht. In der dunklen Ecke des Zimmers steht zwar eine kleine Tonschale mit Wasser, aber die Brühe steht dort schon seit gestern. Sie ist eiskalt, und sich morgens das Gesicht oder den Körper zu reinigen, ist keine Gewohnheit, die deine Kultur jemals besonders gefördert hätte. Du ziehst dieselben Kleider an wie gestern, wie am Tag davor und an den meisten Tagen des vergangenen Monats. Deine Leinenunterwäsche wurde – wenn du zu den ordentlicheren Bürgern gehörst – vielleicht einmal in den letzten zwei Wochen gewaschen. Deine Oberbekleidung aus schwerer Wolle hat noch nie ein Waschbecken von innen gesehen, denn Wolle läuft ein und verfilzt, wenn sie nass wird. Das Waschen macht in dieser Welt einfach mehr Mühe, als es wert ist.

Du stinkst. Du weißt, dass du stinkst. Aber das ist kein Grund zur Scham: Alle um dich herum stinken genauso. Es ist die universelle atmosphärische Bedingung des menschlichen Lebens im Jahr 1348. Deine Nase hat sich schon vor Jahren an diesen allgegenwärtigen Dunst aus Schweiß, Fäulnis und ungewaschenen Körpern gewöhnt.

Willkommen im hygienisch feindseligsten Jahr der europäischen Geschichte. Es ist das Jahr, in dem der Schwarze Tod ankommt. Und man muss eines von Anfang an begreifen: Die Pest traf die Menschen des Mittelalters nicht trotz ihrer Hygiene. Sie traf sie in vielen entscheidenden Punkten genau wegen ihrer Hygiene. Wenn du deinen modernen Körper per Zeitreise in diese Welt versetzen würdest, wärst du innerhalb weniger Monate tot.

Fangen wir mit dem Wichtigsten an: deinem Wasser. Die Stadt, in der du lebst, bezieht ihr Trinkwasser aus einem zentralen Brunnen auf dem Marktplatz oder aus einem nahe gelegenen Bach. Genau in diesen Brunnen oder Bach kippen deine Nachbarn jeden Morgen ihre Nachttöpfe und ihr Abwasser. Dort trinken die Arbeitstiere, und dorthin gelangt am Ende auch alles, was von den Straßen abfließt – Straßen, die gleichzeitig Fahrweg, Marktplatz und offener Abwasserkanal sind.

Von einer Verunreinigung im mikrobiellen Sinn hast du keine blasse Vorstellung. Wenn das Wasser klar aussieht und halbwegs normal schmeckt, ist es für dich in Ordnung. Die Idee, dass unsichtbare, winzige Organismen im Wasser tödliche Krankheiten verursachen könnten, existiert in deinem Weltbild schlichtweg nicht. Was du jedoch aus reiner Erfahrung weißt, ist Folgendes: Bier und Wein sind sicherer zu trinken als reines Wasser.

Und damit liegst du goldrichtig. Die Gärung tötet viele der Krankheitserreger ab, die das Wasser überträgt. Die Menschen des Mittelalters hatten dies Jahrhunderte vor der Entdeckung der Keimtheorie empirisch erkannt, ohne es sich wissenschaftlich erklären zu können. Deshalb trinkst du schon zum Frühstück Bier. Deine Kinder trinken dünnes, wässriges Bier. Das ist kein Luxus, sondern die einzige Möglichkeit zu überleben. Doch das bedeutet auch, dass deine tägliche Kalorienzufuhr schon vor dem Mittagessen einen spürbaren Alkoholanteil enthält. Die kumulative Wirkung eines Lebens im permanenten, leichten Dauerrausch auf deine Leber, dein Urteilsvermögen und deine allgemeine körperliche Widerstandskraft ist verheerend.

Die Toilettenverhältnisse im Jahr 1348 verdienen ebenfalls Aufmerksamkeit, denn sie sind direkt dafür verantwortlich, was der Menschheit gleich bevorsteht. Wenn du in einem der besseren Viertel lebst, gibt es eine gemeinschaftliche Latrine – eine wackelige Holzkonstruktion über einer tiefen Grube, die sich vielleicht 40 oder 50 Haushalte teilen. Diese Grube wird in unregelmäßigen Abständen von einem Fäkaliensammler geleert, einem Mann, dessen Beruf das absolute Ende der sozialen Hierarchie markiert. Lebst du in den ärmeren Gassen oder ist die Latrine voll, dient die Straße als einzige Alternative. Der gesamte Unrat sammelt sich in den Gräben an den Straßenrändern und sickert langsam zum tiefsten Punkt der Stadt durch: genau zu dem Bach, aus dem am nächsten Morgen das Wasser geholt wird.

Auch deine Haut trägt eine ganz eigene, lebendige Bevölkerung mit sich herum. Ein echtes Vollbad, bei dem du komplett untertauchst, nimmst du vielleicht ein paar Mal im Jahr, wenn du Zugang zu einem öffentlichen Badehaus hast. Diese Badehäuser gibt es in den Städten durchaus, doch sie sind alles andere als hygienisch: Ein großes Gemeinschaftsbecken wird den ganzen Tag über von Kunde zu Kunde weiterverwendet. Während das Wasser mit den Stunden immer kühler, trüber und dicker wird, verwandelt es sich in die effizienteste Tauschbörse für Hautinfektionen, Krätze und Läuse, die man sich vorstellen kann. Du gehst zwar hinaus und fühlst dich subjektiv sauberer, bist objektiv aber kontaminierter als zuvor. Wenn die Pest die Stadt erreicht, werden diese Badehäuser als Erstes geschlossen – und das ist die einzige richtige Entscheidung der Obrigkeit.

Dein Verhältnis zu deinem eigenen Körper ist nach modernen Maßstäben von einer unfreiwilligen Intimität mit Dingen geprägt, die dich umbringen wollen. Die Flöhe, mit denen du heute Morgen aufgewacht bist, sind nicht bloß lästig. Sie sind der Hauptüberträger von Yersinia pestis, dem Bakterium der Beulenpest. Im heißen Sommer 1348 sterben die Ratten in den Gassen Südfrankreichs bereits in riesigen Zahlen. Da ihre Wirte verenden, suchen die infizierten Flöhe händeringend nach neuen, warmen Körpern.

Du bist dieser warme Körper in einer Welt voller Stroh, enger Räume und ohne jegliches Verständnis für Infektionsketten. Du wirst gebissen werden. Vielleicht bist du es schon, in der Matratze, aus der du gerade aufgestanden bist. Es ist eine biologische Lotterie, bei der du jeden Tag Dutzende Lose kaufst.

Dein Immunsystem ist auf diesen Angriff nicht vorbereitet. Man könnte annehmen, dass die Menschen des Mittelalters durch den ständigen Schmutz stahlharte Abwehrkräfte entwickelt hätten. Die Realität sieht düsterer aus. Ja, du bist seit deiner Kindheit lokalen Keimen ausgesetzt und besitzt gewisse Antikörper. Aber die chronische Mangelernährung des 14. Jahrhunderts – eine Spätfolge der großen Hungersnöte der vorangegangenen Jahrzehnte – hat die Immunfunktion der Bevölkerung massiv geschwächt. Deine Ernährung ist dauerhaft arm an Vitamin C, Vitamin D, Eiweiß und reinen Kalorien, da die Getreideernten der letzten Jahre miserabel waren. Dein Körper kämpft mit einer ohnehin geschwächten Armee gegen die Infektionen an.

Wenn in diesen Tagen jemand in deiner Stadt krank wird, ist die medizinische und soziale Reaktion darauf fast perfekt darauf ausgelegt, die Seuche rasend schnell zu verbreiten, statt sie einzudämmen. Sobald das Fieber ausbricht, wird der Kranke von der gesamten Familie, den Nachbarn und schließlich vom Priester besucht, der die letzte Ölung spendet. Alle drängen sich in einem winzigen, ungelüfteten Raum und atmen dieselbe Luft. Wenn es sich um die Lungenpest handelt, die sich über Tröpfcheninfektion verbreitet, ist das ein ideales Übertragungsszenario. Du sitzt am Bett deiner sterbenden Mutter, um sie zu trösten, gehst am Abend nach Hause und trägst den sicheren Tod bereits in deiner eigenen Lunge.

Der Arzt, falls überhaupt einer kommt, operiert mit staubigen Theorien aus altgriechischen Texten. Er weiß nichts von Bakterien, sondern faselt vom Ungleichgewicht der Körpersäfte. Seine Behandlungen sind fatal:

  • Er empfiehlt den Aderlass, was den ohnehin sterbenden Patienten durch massiven Blutverlust nur noch schneller schwächt.

  • Er verschreibt wirkungslose Kräuterpasten, die gegen eine aggressive bakterielle Infektion absolut nichts ausrichten können.

  • Wenn er wohlhabend ist, rät er dir, sofort aus der Stadt zu fliehen. Das war der einzige wirksame Rat der Epoche, doch er stand nur den Reichen offen.

Du kannst nicht fliehen. Du hast keinen Ort, an den du gehen könntest, kein Geld für die Reise und keine Kontakte auf dem Land. Du bleibst.

Während der Sommer voranschreitet, beginnen sich die engen Straßen deiner Stadt mit Toten und Sterbenden zu füllen. Die Fäkaliensammler kommen nicht mehr, die Brunnen versalzen und verkommen, die Märkte schließen, und der Priester ist selbst längst verscharrt worden. Die fragile soziale Infrastruktur bricht komplett in sich zusammen. An ihre Stelle tritt eine lähmende, furchterregende Stille.

Du befindest dich im Epizentrum der größten demografischen Katastrophe der europäischen Geschichte. Der Schwarze Tod wird in den nächsten Jahren zwischen 30 und 60 Prozent der gesamten Bevölkerung des Kontinents auslöschen. In manchen Städten wird die Sterberate bei 80 Prozent liegen.

Das Erschreckende daran ist: Du hättest es nicht überleben können. Nicht, weil du schwach oder unvorsichtig warst, sondern weil das Überleben ein wissenschaftliches Wissen erfordert hätte, das erst ein halbes Jahrtausend später existieren sollte. Die Keimtheorie wurde erst im 19. Jahrhundert entwickelt; der Nachweis des Zusammenhangs zwischen Ratten, Flöhen und der Pest gelang dem Arzt Alexandre Yersin erst im Jahr 1894 – 546 Jahre zu spät für dich.

Du hast nach den Maßstäben deiner Welt alles richtig gemacht. Du hast Bier statt Wasser getrunken, du hast inständig gebetet, du hast dein Haus so sauber gehalten, wie es deine Armut zuließ. Es hat nicht gereicht. Es konnte niemals reichen. Das ist der wahre Horror des Jahres 1348: nicht nur die schiere Zahl der Toten, sondern die absolute, vollständige wissenschaftliche Hilflosigkeit intelligenter Menschen angesichts eines Feindes, den sie weder sehen, noch verstehen, noch bekämpfen konnten.