Bei einem Familientreffen sagte mein Sohn: „Ich gebe dein Haus meiner Schwiegermutter “

Bei einem Familientreffen sagte mein Sohn: „Ich gebe dein Haus meiner Schwiegermutter “

Mutti, wir haben geredet und wir haben

beschlossen, daß das Haus jetzt an Malas

Mutter gehen soll”, sagte Digma. Ich

Bei einem Familientreffen sagte mein Sohn: „Ich gebe dein Haus meiner Schwiegermutter “

stand da die Kaffeekanne noch warm in

der Hand und starrte ihn an. Keine

Frage, kein Vorschlag, einfach

beschlossen, als wäre alles schon

gelaufen. Neben ihm saß Rosvita am

Tisch, den ich letztes Frühjahr selbst

abgeschliffen und neu lackiert hatte.

Sie hielt den Rücken gerade ein leises,

selbstzufriedenes Lächeln auf den

Lippen. Sie sah mich nicht einmal an.

Ihre Augen wanderten durch die

Küchenschränke.

Maßen stellten sich schon vor, wie alles

aussähe, wenn es ihres wäre. Ich blieb

ruhig. Wie bitte Diet schaute auf seine

Hände. Du weißt doch, dass Gertrud seit

der Räumungsklage kaum noch klar kommt.

Die Wohnung zerfällt. Es ist nicht mehr

sicher dort. Sie ist die Mutter deiner

Frau, sagte ich leise. Nicht meine.

Rosvita meldete sich endlich. Sie

braucht ein richtiges Zuhause, Eleonore.

Und dieses Haus? Na ja, es ist ideal

ebenerdig alles Fußläufig die Geschäfte

gleich um die Ecke. Es passt einfach.

Sie griff in ihre Handtasche, zog eine

Mappe heraus und legte sie auf den

Tisch, als wäre es eine Präsentation

beim Notar. Wir haben schon mit den

Papieren angefangen. Ihr Name steht

schon drauf. Die Worte kratzten wie

Sandpapier. Die Papiere. Als könnte man

mit ein paar Formularen auslöschen, was

Walter und ich hier jahrelang aufgebaut

hatten. Die Fliesen in der Küche hatten

wir selbst gelegt ein Jahr, nachdem

Digma geboren war. Die Wände hatten wir

neu gestrichen, nachdem er sein Abi in

der Tasche hatte. Jede Macke, jeder

Fleck in diesem Haus war von uns. Ich

setzte mich schwerfällig. “Ihr habt

schon Formulare ausgefüllt, um mir mein

Haus wegzunehmen, ohne ein Wort zu mir.”

“Wir dachten, es wäre einfacher, wenn

wir schon mal alles in Gang bringen”,

sagte Digma. Und plötzlich klang er

wieder wie der kleine Junge von früher,

unsicher, ein bisschen beschämt, aber

nicht genug, um aufzuhören. Rosvita

steckte die Mappe ordentlich zurück. Es

ist wirklich das Beste, Eleonore. Der

Kaffee in meiner Hand war kalt geworden,

aber ich spürte es kaum. Ich war viel zu

beschäftigt damit, mir auszurechnen, was

sie alles schon geplant hatten, wie sie

sich umschauten. Diese Formulierung: Wir

haben beschlossen, nicht. Wir hätten

gedacht, nicht. Wir wollten mal fragen.

Sie waren nicht zum Reden gekommen. Sie

waren gekommen, um zu übergeben. Sie

hatten es Doxan nur ein schnelles

Mittagessen genannt. Ich hätte

misstrauisch sein müssen. So ein breites

Lächeln und ein dampfender Auflauf unter

Alufolie. Das hat noch nie Gutes

bedeutet. Rosvita stellte ihn auf die

Anrichte, als gehörte die Küche schon

ihr. Spinat und Champignons strahlte

sie. Ich weiß doch, wie gern du was

deftiges magst. Sie hatte noch nie etwas

für mich gekocht. Nicht ein einziges

Mal. Didar kam hinterher mit

Papierservieten und dieser nervösen

Energie, die er immer hatte, wenn er

mich wieder enttäuschen wollte. Wir

setzten uns. Ich gos Eistee ein. Er

räusperte sich. Gertrud hat viel

durchgemacht, fing er an. Die

Mietwohnung schwarzer Schimmel, keine

Heizung. Sie mussten ganz schnell raus.

Ich nickte langsam. Das ist hart. Er

wirkte erleichtert, als hätte ich

angebissen. Ich dachte, vielleicht wird

es Zeit, daß wir langfristiger denken,

fuhr er fort und zog ein Dokument aus

der Jackentasche strich es glatt. Nur

ein Übertragungsvertrag,

noch nichts eingereicht.

Er sagte es, als wäre es eine

Kleinigkeit,

als würde man sein Elternhaus an einem

ganz normalen Dienstag verschenken. Ich

rührte das Blatt nicht an. Ich dachte

immer, Familie hilft. Familie, sagte er

noch, dieser Satz, den hatte ich ihm

beigebracht, als ich auf Abende mit

Freundinnen verzichtete auf Urlaub auf

neue Kleider, als ich nach Walters Tod

die Doppelschicht geschoben hatte, damit

DMA auf seine Wunschuni gehen konnte.

Und jetzt benutzte er ihn, um mir

Schuldgefühle einzureden, damit ich mein

Haus hergab. Ich schwieg und sah nur,

wie Rosvita unsichtbare Krümel vom

Tresen wischte. Sie brachte es nicht

fertig, mich anzusehen. Ich blieb ruhig.

Geht’s hier um Geld? Ihr Lächeln

flackerte. Nur einen winzigen Moment zu

schnell für DMA. Natürlich nicht, aber

ihre Augen huschten und ihre Hand

wanderte zur Handtasche. In der Nacht,

nachdem sie weg waren, ging ich zum

Aktenschrank im Flur. Der originale

Grundbucheintrag lag noch da, mein Name

schwarz auf weiß. Ich strich mit dem

Finger darüber und flüsterte Walters

Namen wie ein Gebet. Dann öffnete ich

die Schublade, in der früher der

Notfallschlüssel gelegen hatte. Dietmars

Schlüssel leer. Sie stand an einem

Donnerstagnachmittag mit einer Katzenbox

in der einen und einer Stofftasche in

der anderen Hand vor der Tür. “Ich war

gerade in der Gegend”, sagte Gertrud,

als wäre das Zufall, als wäre ihr

Auftritt nicht einstudiert worden. Ich

öffnete nur einen Spaltbreit. Gert:

“Ach, ich wollte nur mal das Licht im

Arbeitszimmer sehen”, sagte sie und

schob sich einfach an mir vorbei. Dich

meinte, da kommt morgens die Sonne rein.

Das ist gut für meine Gelenke. Sie

stellte die Tasche ab. öffnete die Box

und heraus sprang eine getigerte Katze

mit verfilztem Fell und spitzen Krallen.

Das Tier schoss sofort auf Walters alten

Lesesessel zu, den, indem er abends

immer gesessen hatte, das Leder an den

Armlehnen schon ganz abgewetzt und

streckte sich mit einem wilden Kratzen.

“Warten Sie”, setzte ich an, aber

Gertrud lachte nur. “Die ist ganz

harmlos”, sagte sie und folgte der Katze

ohne jede Eile. “Schauen Sie mal diesen

Flur, die Regale sind perfekt für meine

Nährutensilien.” Sie strich über das

eingebaute Regal, zog eine Schublade auf

späte hinein, als würde sie eine

Mietwohnung besichtigen. Ich lächelte,

aber es erreichte die Augen nicht. Die

Katze sprang aufs Sofa, ließ langsam

eine Haarwolke zurück. Gertrud lief

durch die Räume, als wäre sie schon

öfter hier gewesen, als würde sie

wiederkommen. Als sie ging, entdeckte

ich den Kratzer an der Armlehne von

Walter Sessel. Klein, aber deutlich, ein

heller Strich im dunklen Holz. Ich holte

Politur und Tuch. Ich rieb erst

vorsichtig dann fester. Er ging nicht

weg. Abends rief DMA an. Sie hat das

nicht böse gemeint, sagte er. Sie ist

einfach aufgeregt.

Das würde ihr endlich Stabilität geben,

Mutti. Ein richtiges Zuhause. Ich sagte

nichts, starrte nur auf das Putztuch in

meinem Schoß. Sie hat ja sonst

niemanden, schob er nach. Ich wartete

bis Stille in der Leitung war dann legte

ich auf. Am nächsten Morgen klebte ein

gelber Zettel am Arbeitszimmerfenster.

Südlage perfekt für den Morgen. Nicht

meine Handschrift. Das Haus war zu

leise, als ich nach Hause kam. Nicht die

gute Stille nach einem Spaziergang,

sondern diese, die nach fremdem Parfüm

riecht. Die Haustür war abgeschlossen,

nichts aufgebrochen und doch war etwas

verschoben. Im Wohnzimmer ein

Weinglasrand auf dem

Eichenbeistelltisch.

Meine Untersetzer lagen unberührt

daneben. Eine Teetasse, die ich seit

Jahren nicht benutzt hatte, stand

gespült in der Spüle. Die

Gästehandtücher im Bad waren feucht. Ich

ging zur Schublade im Flur, wo früher

der Ersatzschlüssel gelegen hatte. Immer

noch leer. Ich rief dim an. Es klingelte

zweimal. Ja, Mutti. Ich blieb ruhig.

Hast du Roswita den Ersatzschlüssel

gegeben? Eine Pause? Äh ja, nur ganz

kurz. Sie musste Gertrud reinlassen,

während du weg warst. Ich schloss die

Augen. Warum? Sie wollten sich mal

umsehen mit dem Handwerker. Nur

Kleinigkeiten. Bessere Beleuchtung.

Vielleicht neuer Boden. Damit sie sich

wohler fühlt. Handwerker sagte ich

langsam. Sie will ja nicht viel

verändern, beeilte er sich. Nur dass es

wohnlich wird. Für wen fragte ich? Er

antwortete nicht. Ich legte auf, bevor

meine Hände zitterten. Ich ging durchs

ganze Haus, suchte, was sie angefasßt

hatten. Die Stühle am Esstisch standen

anders. Auf einem Kissenkröel, neben dem

Lichtschalter im Bad ein Kratzer,

wahrscheinlich von einem Ring. Der

Wäscheschrank oben stand einen Spalt

offen. Es war kein Besuch gewesen, es

war eine Besichtigung. Spät abends holte

ich noch einmal die Politur und schrubte

am Weinfleck, bis die Arme weh taten.

Der Kreis blieb. Ein blasser Umrs, wo

ich nicht mehr hingehörte. Ich faltete

das feuchte Tuch, stellte die Tasse in

die Spülmaschine und schloß zum ersten

Mal die Fenster ab. Dann setzte ich mich

ins Arbeitszimmer und starrte auf das

Südfenster und wartete, denn ich wusste,

sie würden wiederkommen. Ich staubte

gerade die Regale im Arbeitszimmer ab.

Da flatterte ein Zettel aus einem

Stapelpost, den Digma vor Wochen

mitgebracht hatte. Nur alte Umschläge,

nichts Wichtiges. Aber einer war nicht

an mich adressiert. Er steckte tiefer

zweimal gefaltet, fast versteckt. Ich

öffnete ihn vorsichtig. Ein

Kreditantrag.

Meine Adresse, mein richtiger Name, aber

nicht meine Handschrift. Ich starrte auf

die Unterschriftszeile. Sie war meine,

aber falsch. Das E zu sehr nach links

geneigter Schwung, am Ende zu hoch. Sie

hatten sie nachgemacht, wahrscheinlich

von alten Geburtstagskarten abgeguckt in

Liebe Mutti, ohne nachzudenken,

unterschrieben. Sie wollten mein Haus

als Sicherheit benutzen. Ich setzte mich

auf die Kante von Walters altem Sessel.

Die Hände zitterten. Ich bekam keine

Luft mehr, nur das Blut in den Ohren.

Sie kamen nicht nur zu Besuch. Sie

wollten nicht nur Gtrut einziehen

lassen, sie bauten sich etwas auf. auf

meinem Rücken mit meinem Namen. Ich

stand auf, ging in die Küche,

fotografierte jede Seite. Dann holte ich

mein altes Adressbuch aus der Schublade

unter dem Telefon hervor und blätterte

Namen, durch die ich seit Jahren nicht

mehr gewählt hatte. Da stand sie, Grete

Manford, Walters alte Kollegin aus der

Kanzlei. Damals noch als

Rechtsanwaltsgehilfin scharf ruhig

verlässlich. Ich hatte sie seit der

Beerdigung nicht mehr gesehen. Ich rief

an. Beim dritten Klingeln hob sie ab.

Eleonora erst als sie fragte, was ist

los, merkte ich, dass ich weinte. Ich

erzählte alles. Den Schlüssel, den

Weinfleck, die gefälschte Unterschrift.

Alles. Sie keuchte nicht, sie geriet

nicht in Panik. Sie sagte nur: “Gut,

zuerst atmen wir, dann schützen wir, was

dir gehört.” Sie gab mir eine Liste,

Schritte, Namen, was ich zusammensuchen

sollte. Ich schrieb alles auf. Am

nächsten Morgen holte ich Wald das alten

feuersicheren Kasten aus dem Schrank und

nahm ein Taxi zu Gretes Büro. Ich wusste

noch nicht genau, wie es weitergehen

würde, aber ich würde nicht mehr daitzen

und warten, bis sie mich aus meinem

eigenen Leben strichen. Grete handelte

schnell. Sie sagte, wenn Leute wie

Rosvita schon Unterschriften fälschen,

ist jede Verhandlung ohnehin vorbei.

Zwei Tage später saßen wir bei Jerome

Ses, einem Anwalt für Immobilienrecht,

dem Grete vertraute. Er sprach langsam

bedächtig, als könnte ihn nichts aus der

Ruhe bringen. Sie richteten einen

widerruflichen Treuhandvertrag ein ich

alleinige Treuhänderin.

Das Haus gehörte jetzt rechtlich dem

Trust. Niemand, weder Dietma, noch

Roswita noch Gertrud, konnte mehr etwas

daran ändern, ohne meine Zustimmung.

weder mit Handwerkern, noch mit

Übertragungsurkunden, noch mit falschem

Lächeln. Ich unterschrieb in Jeromes

Büro seiner Assistentin als Zeugin. Dann

brachten wir die neue Urkunde zum

Grundbuchat. Ich sah zu, wie die Beamtin

alles ins System eingab, sah, wie mein

Name mit diesem Trust verknotet wurde,

so fest, dass keiner mehr dran ziehen

konnte. Es war leise, kein Drama, keine

zugeschlagenen Türen, kein Geschrei, nur

eine Mappe, eine Unterschrift, ein

Zeitstempel auf dem Bildschirm. Danach

fuhr ich mit dem Bus nach Hause die

Unterlagen fest in der Tasche

verschlossen. Abends setzte ich mich an

den Esstisch und druckte zwei saubere

Exemplare des Trusts. Eins, kam in den

feuersicheren Safe direkt neben das

schwarz-weiß Foto von unserer Hochzeit.

Ich mit dem kurzen Schleier, den Walter

so liebte und seine alten

Erkennungsmarken glatt und kühl. Das

zweite Exemplar legte ich ins

Nachttischschränkchen.

Vor dem Schlafen gehen rief ich den

Schlüsseldienst an. Er kam gleich

morgens als erstes, tauschte beide

Türschlüsser aus. Ich ließ drei neue

Schlüssel machen, einen an meinen Bund,

einen in den Safe. Den dritten hielt ich

lange in der Hand, bevor ich ihn in die

Küchenschublade legte, wo früher Dietmaß

gelegen hatte. Sollten Sie doch mit dem

alten Schlüssel kommen. Sollten Sie doch

Ihre alten Tricks versuchen. Das Haus

war jetzt meins, schriftlich, gesetzlich

und mit jeder Phaser. Und ich wartete

nicht mehr darauf, dass man mich darum

bat. Ich deckte den Tisch mit drei

Tassen. Kein Zucker, keine Milch, nur

schwarzer Kaffee. Heiß, ehrlich, bitter.

Didma und Roswita kamen pünktlich.

Rosvita hatte sich die Haare gemacht.

Demma trug die Anspannung im Kiefer, als

könnte das Ganze immer noch ein

Missverständnis sein. Gertrud hatte ich

nicht eingeladen. Es ging nicht wirklich

um sie. Es ging um die zwei Menschen,

die mir den Schlüssel weggenommen und

versucht hatten mir alles andere gleich

mitzunehmen. Wir setzten uns. Ich begann

nicht mit Höflichkeitsfloskeln.

Ich legte zwei Dokumente zwischen uns

auf den Tisch. Erstens, der Kreditantrag

mit meiner gefälschten Unterschrift

jetzt rot markiert und mit Jeromes

Notarstempel versehen. Zweitens, die

Treuhandurkunde, sauber und klar mein

Name als alleinige Eigentümerin und

Treuhänderin. Ich weiß, was ihr gemacht

habt, sagte ich. Meine Stimme zitterte

nicht. Ich hatte den Satz gestern Nacht

allein geübt, bis er wie eine Rüstung

saß. Diet starrte auf die Papiere. Sein

Mund zuckte, aber er sagte nichts.

Rosvita blickte vom Trust zur

Unterschrift zu mir, suchte nach einem

Faden, den sie ziehen konnte, einem

Schlupfloch, einem Lächeln, einem Trick,

aber da war nichts, nur Schweigen und

schwarze Tinte. “Ihr habt meinen dann

Namen benutzt”, sagte ich.

Mein Haus, mein Vertrauen, immer noch

nichts. Ich sage es jetzt ein für alle

mal, fuhr ich fort. Wenn noch ein

Schlüssel verschwindet, noch ein Kratzer

an diesen Wänden auftaucht, noch ein

einziger Zettel auf meinem Tresen liegt,

der nicht von mir ist, dann hört ihr von

meinem Anwalt. Rosvitas Lippen öffneten

sich. Ich hob die Hand. Ich bin fertig

damit, die höfliche zu sein. Das hier

ist nicht euer Haus, nicht ihres, nicht

euer Erbe. Es ist meins und es ist

geschützt. Diet sah kleiner aus als je

zuvor. nicht beschämt, nur in die Engel

getrieben. Sie gingen ohne den Kaffee

angerührt zu haben. Ich schloß die Tür

hinter ihnen ab und lehnte mich einen

Moment dagegen. Kein Geschrei, kein

Theater, aber die Stille, die ich ihnen

da ließ, war lauter als jedes Zuknallen.

Eine Woche nach dem Gespräch lehnte die

Bank den Kredit ab. Die Unterschrift war

eindeutig gefälscht. Grete schickte mir

die Mitteilung weiter. Der Schwungste

nicht zu den offiziellen Unterlagen. Die

Geburtstagskartenunterschrift hatte

niemanden getäuscht. Am gleichen Tag

verlor Dietma einen wichtigen Auftrag in

seiner Firma. Sein Name war irgendwie

mit dem Vorantrag verknüpft gewesen.

Nicht offiziell, aber genug, um Fragen

aufzuwerfen. Sein Chef mochte keine

Fragen. Der Absturz war leise. Keine

Szenen, keine Auftritte vor meiner Tür.

Gertruds Vermieter kündigte fristlos.

Sie hatten seit Monaten keine Miete

gezahlt. Sie hatten auf ein Haus

gewartet, das niemals ihres werden

würde. Gertrud rief an dem Wochenende

dreimal an. Einmal morgens, zweimal,

nach Einbruch der Dunkelheit. Jedes Mal

summte das Telefon über den Tisch. Ich

ging nicht ran. Ich lief barfuß durchs

Haus, ließ die Stille mir wie ein treuer

Hund folgen. Keine neuen Kratzer, kein

Katzenhaar auf den Polstern, kein

fremder Geruch. Selbst der Kühlschrank

brummte, als wüßte er, daß die

Eindringlinge weg waren. Ich strich den

Flur neu. Nichts Wildes, nur eine

frische Schicht, dort, wo Gertrud ihre

Nähregale eingeplant hatte. Ich nahm mir

Zeit, strich jeden Pinselstrich glatt,

ein kleines Stück zurückerobern. Zwei

Tage später kam eine Nachricht von

Dimma. Wir haben Mist gebaut. Es tut mir

leid. Kein Bettteln, keine Erklärungen,

nur diese Worte. Ich schaute lange aufs

Display. Der Daumen schwebte, aber ich

antwortete nicht. Nicht aus Wut, obwohl

die da war, sondern weil ich müde war.

Müde immer diejenige zu sein, die

hinterher aufräumt. Sie hatten eine

Entscheidung getroffen, geplant,

gefälscht, so getan als ob. Und jetzt

lebten sie mit den Folgen. Ich hatte sie

nicht gestoßen. Ich war nur zur Seite

getreten. Das Haus war ruhig, die

Papiere wasserdicht. Mein Kaffee kochte

ohne Unterbrechung und in dieser Ruhe

fand ich etwas wieder, das ich seit

Jahren nicht gespürt hatte. Platz zum

Atmen. Ich habe mir einen neuen Sessel

gekauft. Nicht um Walters zu ersetzen.

Der steht immer noch an seinem Platz

abgewetzt und vertraut. Meinen stellte

ich gegenüber ans Fenster leicht zum

Garten gedreht. Der Stoff ist fest in

einem warmen Ton, der mir gefällt. Nicht

modisch, nicht zurückhaltend.

einfach meiner. Am ersten Morgen nach

der Lieferung kochte ich mir Tee, setzte

mich mit einer Decke über den Knien

hinein und schaute zu, wie ein

Eichhörnchen unter den Rosmarinbusch

flitzte und hinter dem Vogelbad

verschwand. Das Telefon blieb stumm.

Keine Gertrut, kein Dietma, keine

Entschuldigungen, mit Hintergedanken.

Grete kam mit noch warmen Skones vorbei

in einem mit stoffservierten ausgelegten

Körbchen. Wir aßen sie mit

Zitronenbutter und redeten über das

hintere Zimmer. Sie schaute sich um und

sagte: “Weißt du, das könnte ein

wunderschönes Nähzimmer werden.” “Das

Licht ist perfekt.” Ich nickte. “Genau

das habe ich auch gedacht. Wir planten

eine ganze Stunde. Schubladenregale,

Lochwände. So ein Projekt, das man

macht, weil man Lust dazu hat, nicht

weil jemand etwas erwartet.” Abends

öffnete ich die Haustür einfach nur, um

durchzulüften. Es roch nach Mehl und

Bohnerwachs und Kamille. Ich stand im

Türrahmen und atmete. Kein Auflauf auf

der Treppe, kein Auto am Bordstein, kein

Kinderschuh, der den Weg zerkratzt. Die

Stille war nicht einsam, sie war

verdient. Ich hatte das Haus

zurückerobert, ja, aber mehr noch meinen

Rhythmus, meine Privatsphäre, das Recht,

meinen Tee zu trinken, ohne daß jemand

meine Möbel verrückt oder meine

Entscheidungen in Frage stellt. Ich

musste keine Warnungen mehr aussprechen.

Die Dokumente sprachen lauter als jede

Aussprache und als ich an dem Abend die

Tür schloss, drehte ich den Riegel mit

ruhiger Hand zu. nicht aus Angst, aus

Frieden. Dann faltete ich die Serviette

von den Scones, legte sie auf die

Anrichte und schaute mich in meiner

Küche um. Morgen würde ich das hintere

Zimmer ausräumen, vielleicht sogar

Stoffmuster bestellen. Die Feiertage

kamen leise, niemand klopfte. Kein Auto

in der Auffahrt, kein Lachen mehr vom

Vorgarten wie in früheren Jahren. Ich

kochte mir einen Eintopf. Zwiebeln,

Möhren, Kartoffeln, etwas Tymian. Genug

für einen vielleicht zwei. Ich schaute

einen alten Schwarz-Weiß Film bis zum

Ende, ohne dass jemand anrief oder mich

bat, den Ton leiser zu machen. Ich holte

eine alte Decke heraus, kuschelte mich

mit einem Buch ein, dass ich schon ewig

fertig lesen wollte. Die Stille war

gleichmäßig, nicht schwer. Zwei Tage

nach Weihnachten kam ein

handgeschriebener Brief von Dietma.

Vorsichtig. Die Absenderadresse war

nicht mehr die alte, ein gemietetes

Reihenhaus am anderen Ende der Stadt. Er

fragte, ob sie mal vorbeikommen dürften.

Nur auf einen Kaffee. Vielleicht reden.

Ich las ihn zweimal. Dann faltete ich

ihn sorgfältig und legte ihn in die

Schublade zu den Messlöffeln. Nicht aus

Verbitterung, sondern weil ich aufgehört

hatte, Zugang mit Liebe zu verwechseln.

Manchmal baut man einen Zaun nicht, um

andere auszusperren, sondern um sich

selbst daran zu erinnern, wo der eigene

Garten aufhört. Ich verbrachte Silvester

damit, durch die Räume zu gehen. Meine

Hand strich über die Flurwand dieselbe,

die Gertrud einmal perfekt für Nähregale

genannt hatte. Das Arbeitszimmer gehörte

wieder mir. Walters Sessel stand in

seiner Ecke meiner gegenüber. Ich hatte

eine zweite Lampe dazu gestellt und die

Stille zwischen den beiden Sesseln

fühlte sich verdient an. Ich ging durch

die Küche, das Geschirrtuch gerade die

Arbeitsplatte blank, dann durch das

Nähzimmer, Gretes Notizen an ein Brett

geheftet, Stoffproben sorgfältig

gesteckt, kein Ger