Beim Mittagessen schrie mein Sohn „Du bist wertlos, Mama! Papas neue Frau ist es nicht “ Ich sch

Als Stefan mir an jenem Dienstag im Restaurant gegenüber saß und die
Worte aussprach, die mich bis ins Markt trafen, hätte ich nie gedacht,
dass mein Leben sich so dramatisch wenden würde. Mit seinen 34 Jahren
streite mein Sohn den Erfolg aus, den er sich so hart erarbeitet hatte.
Der maßgeschneiderte Anzug, die teure Uhr am Handgelenk. Alles an ihm
schrie nach beruflichem Triumph.

Doch seine Augen waren kalt, als er sagte: “Du bist wertlos, Mutter.
Papas neue Frau ist es nicht. Die Worte hingen zwischen uns in der Luft
des gehobenen Münchner Restaurants, während ich meine Gabel langsam
niederlegte. Mit meinen 63 Jahren hatte ich schon viele Enttäuschungen
erlebt, aber diese kam von meinem einzigen Kind, dem Menschen, für den
ich alles geopfert hatte.

Stefans neue Stiefmutter Claudia hatte einen Doktortitel in
Betriebswirtschaft, sprach vier Sprachen und half meinem Ex-Mann dabei,
seine Zahnarztpraxis zu erweitern. Und ich, ich hatte 20 Jahre lang in
der Schulkantine der Grundschule in Schwabing gearbeitet. Für Stefan war
das nichts wert, weniger als nichts. Die Scheidung von Robert lag 15
Jahre zurück.

Doch Stefan schien entschlossen, mir klar zu machen, dass sein Vater
erst jetzt wirklich glücklich sei. Claudia würde ihn intellektuell
fordern, ihn zum Lachen bringen, ihm das Gefühl geben, lebendig zu sein.
Ich hingegen hätte ihn nur eingeengt. Als ich das Restaurant verließ,
fühlte ich mich wie betäubt.

Die Herbstsonne schien zu grell. Die Menschen auf der Leopoldstraße
bewegten sich an mir vorbei wie Schatten. Zu Hause in meiner kleinen
Wohnung in Gesing angekommen, saß ich lange in meinem Auto und ließ die
Tränen laufen. Drei Tage später bemerkte ich den Mercedes zum ersten
Mal.

Ein silberner S-Klasse Mercedes, der morgens um 8 Uhr vor meinem
Wohnhaus parkte und erst nachmittags wieder verschwand. In unserer
bescheidenen Gegend fiel so ein Fahrzeug auf wie ein Diamant im
Kiesbett. Die getönten Scheiben ließen keinen Blick ins Innere zu, doch
ich spürte, daß jemand darin saß und wartete. Nach einer Woche hielt die
Spannung nicht mehr aus.

Gerade als ich mich dem Wagen nähern wollte, klingelte mein Telefon.
Eine Hamburger Vorwahl, die ich nicht kannte, Margarete Hoffmann fragte
eine männliche Stimme, die leicht zitterte. Ja, am Apparat. Hier ist
Thomas Berger.

Wir waren zusammen auf dem Gymnasium in Hamburg. Abschlussjahrgang 1978.
Der Name traf mich wie ein Blitzschlag. Thomas Berger, der ruhige Junge
aus dem Chemiekurs, der mir immer geholfen hatte, aber das war nicht der
Grund seines Anrufs.

Greta fuhr er fort und bei meinem Spitznamen aus der Schulzeit wurde mir
warm ums Herz. Ich rufe wegen Joachim an. Joachim Richter. Mein Herz
setzte einen Schlag aus.

Joachim, meine erste große Liebe. Der Junge mit den dunkelbraunen Augen
und dem schiefen Lächeln, der mir versprochen hatte, eines Tages
zurückzukommen und mich zu heiraten. Das war 45 Jahre her. Er hat dich
gesucht, Greta, jahrzehntelang.

Er sitzt gerade in dem Mercedes vor deinem Haus.