Schlimmer als ein gewöhnliches Gefängnis? Das Schicksal homosexueller Männer unter dem NS-Regime

Schlimmer als ein gewöhnliches Gefängnis? Das Schicksal homosexueller Männer unter dem NS-Regime

Als über die Opfer des Nationalsozialismus gesprochen wird, stehen häufig die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung, politischer Gegner sowie der Sinti und Roma im Mittelpunkt. Weniger bekannt ist das Schicksal Tausender homosexueller Männer, die vom NS-Regime systematisch verfolgt, inhaftiert und in Konzentrationslager deportiert wurden. Jahrzehntelang blieb ihre Geschichte weitgehend unbeachtet. Erst viele Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann eine umfassendere historische Aufarbeitung ihres Leidens.The persecution of homosexuality in the Holocaust - Auschwitz

Eine blühende Gemeinschaft vor 1933

In den Jahren der Weimarer Republik galt insbesondere Berlin als eines der bedeutendsten Zentren homosexuellen Lebens in Europa. Zahlreiche Bars, Kulturvereine und Zeitschriften entstanden, während Wissenschaftler wie Magnus Hirschfeld mit dem Institut für Sexualwissenschaft Pionierarbeit auf dem Gebiet der Sexualforschung leisteten. Hirschfeld setzte sich für die Entkriminalisierung homosexueller Beziehungen und für die Rechte sexueller Minderheiten ein.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 änderte sich diese Situation schlagartig. Das Institut wurde geschlossen, seine Bibliothek und wissenschaftlichen Archive geplündert und öffentlich verbrannt. Treffpunkte der homosexuellen Gemeinschaft wurden aufgelöst, Organisationen verboten und zahlreiche Aktivisten verfolgt. Innerhalb weniger Monate zerstörte das Regime ein über Jahre gewachsenes gesellschaftliches Netzwerk.

Paragraph 175 als Instrument der Verfolgung

Grundlage der Verfolgung war Paragraph 175 des deutschen Strafgesetzbuches, der sexuelle Handlungen zwischen Männern bereits seit dem 19. Jahrhundert unter Strafe stellte. Die Nationalsozialisten verschärften den Paragraphen 1935 erheblich. Bereits der Verdacht oder bestimmte als intim interpretierte Handlungen konnten nun strafrechtliche Konsequenzen haben.

In den folgenden Jahren wurden nach Schätzungen der Forschung rund 100.000 Männer aufgrund des Paragraphen 175 polizeilich registriert oder verhaftet. Zehntausende wurden verurteilt und in Gefängnisse eingewiesen. Die Gestapo nutzte Überwachungen, Hausdurchsuchungen, Denunziationen und Verhöre, um vermeintliche Netzwerke homosexueller Männer aufzudecken. Die Angst vor Entdeckung führte dazu, dass viele Betroffene ihr soziales Umfeld verloren oder dauerhaft im Verborgenen leben mussten.Gay Life Under Nazi Rule: The Legacy of Paragraph 175 Lesson - Lesson plan  | Facing History & Ourselves

Der Rosa Winkel in den Konzentrationslagern

Ein Teil der Verurteilten wurde nach Verbüßung ihrer Haftstrafen nicht freigelassen, sondern in Konzentrationslager deportiert. Historiker gehen davon aus, dass zwischen 5.000 und 15.000 homosexuelle Männer in diese Lager eingewiesen wurden.

Dort mussten sie den rosa Winkel auf ihrer Häftlingskleidung tragen. Dieses Kennzeichen machte sie innerhalb der Lager sofort als homosexuelle Gefangene erkennbar. Zeitzeugenberichte beschreiben, dass viele von ihnen zusätzlich zu den allgemeinen Misshandlungen besonderen Diskriminierungen ausgesetzt waren. Sie mussten schwere Zwangsarbeit verrichten, litten unter Hunger, Krankheiten und Gewalt und hatten in vielen Lagern besonders geringe Überlebenschancen.

Der österreichische Überlebende Josef Kohout, dessen Erinnerungen später veröffentlicht wurden, schilderte eindringlich die Isolation und Misshandlung homosexueller Häftlinge. Seine Berichte gehören heute zu den wichtigsten Quellen über ihre Erfahrungen in den Konzentrationslagern.

Medizinische Experimente und Widerstand

Die Verfolgung beschränkte sich nicht auf Haft und Zwangsarbeit. Einzelne SS-Ärzte führten pseudowissenschaftliche Experimente an homosexuellen Häftlingen durch. Besonders bekannt wurde der dänische Arzt Carl Værnet, der im Konzentrationslager Buchenwald hormonelle Implantate testete. Ziel war es, Homosexualität angeblich „heilen“ zu können – eine Vorstellung, die keinerlei wissenschaftliche Grundlage hatte und für zahlreiche Betroffene mit schweren gesundheitlichen Folgen verbunden war.

Gleichzeitig gab es homosexuelle Männer, die aktiv Widerstand gegen das NS-Regime leisteten. Einer der bekanntesten war der niederländische Künstler Willem Arondeus, der sich der niederländischen Widerstandsbewegung anschloss. Er beteiligte sich unter anderem an einem Anschlag auf das Einwohnermeldeamt in Amsterdam, um Meldeunterlagen zu vernichten und so die Verfolgung jüdischer Bürger zu erschweren. Nach seiner Verhaftung wurde Arondeus 1943 von den deutschen Besatzungsbehörden hingerichtet.

Die Diskriminierung endete nicht 1945

Mit der Befreiung der Konzentrationslager endete das Leid vieler homosexueller Überlebender nicht automatisch. Anders als zahlreiche andere Opfergruppen wurden sie in der Nachkriegszeit zunächst vielfach nicht als Verfolgte des Nationalsozialismus anerkannt.

Da Paragraph 175 in Deutschland weiterhin gültig blieb, galten frühere Verurteilungen häufig auch nach Kriegsende als rechtmäßig. Manche Männer mussten ihre Haftstrafen sogar fortsetzen oder konnten keine Entschädigung für ihre Verfolgung erhalten. Viele verschwiegen ihre Geschichte aus Angst vor erneuter gesellschaftlicher Ausgrenzung.

Erst Jahrzehnte später begann sich diese Situation langsam zu ändern. In den folgenden Jahrzehnten wurde Paragraph 175 schrittweise entschärft und schließlich vollständig aufgehoben. Erst in den 1990er-Jahren erkannte der deutsche Staat homosexuelle Männer offiziell als Opfer nationalsozialistischer Verfolgung an. Später wurden zahlreiche historische Urteile aufgehoben und Rehabilitierungsmaßnahmen beschlossen.

Ein lange verdrängtes Kapitel der Geschichte

Heute gilt die Verfolgung homosexueller Männer als fester Bestandteil der Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen. Historiker betonen jedoch, dass dieses Kapitel über viele Jahrzehnte kaum öffentliche Aufmerksamkeit erhielt. Erst durch die Arbeit von Forschern, Überlebenden und Bürgerrechtsbewegungen wurde das Schicksal dieser Opfergruppe umfassender dokumentiert.

Die Geschichte der Männer mit dem rosa Winkel erinnert daran, dass das NS-Regime nicht nur Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder politischen Überzeugung verfolgte, sondern auch wegen ihrer sexuellen Orientierung. Sie zeigt zugleich, wie Diskriminierung und gesellschaftliche Ausgrenzung selbst nach dem Ende einer Diktatur fortbestehen können.

Mehr als achtzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg bleibt ihre Geschichte ein wichtiger Bestandteil der historischen Erinnerung. Sie mahnt dazu, die Würde jedes Menschen zu schützen und Ausgrenzung aufgrund von Identität oder sexueller Orientierung entschieden entgegenzutreten.