Als Kerstin das Akkordeon meines verstorbenen Mannes zum Ankauf brachte, stand ich daneben und sagte kein Wort. Sie hatte den Kasten schon im Auto, als ich aus der Küche zurückkam. „Ach, das Ding habe ich schon eingeladen“, sagte sie. „Das steht doch nur rum und riecht nach Keller.

“
Dreißig Euro hat sie dafür bekommen. Drei Scheine, die sie mir am Abend auf den Küchentisch legte. Ich ließ sie drei Wochen lang dort liegen. Ich konnte sie nicht anfassen.
Mein Mann Bruno war Kraftfahrer bei der Post, 46 Jahre waren wir verheiratet. Er starb vor 14 Monaten an einem Schlaganfall, mit 74. Das Akkordeon, eine alte Hohner mit Perlmutteinlagen, hatte er von seinem Onkel bekommen, als er 16 war. Er spielte nach Gehör, nie nach Noten.
Immer dieselben zwanzig, dreißig Stücke. Volkslieder, alte Schlager, ein paar Kirchenlieder. Jeden Sonntagnachmittag nahm er den Kasten und sagte: „Ich fahre dann mal. “ Dann war er drei, vier Stunden weg.
Ich dachte, er fährt zu seinem Freund Erwin oder in den Musikverein. Ich habe nie gefragt, wohin genau. Jahre lang habe ich nie gefragt. Das ist eine der Sachen, die mir heute leid tun.
Bruno war ein ruhiger Mann. Er konnte gut erzählen, aber über sich selbst sprach er nie. Wenn ihm jemand ein Kompliment machte, wurde er verlegen und wechselte das Thema. Und er übte viel, abends im Zimmer bei geschlossener Tür, immer wieder dieselbe Stelle.
Manchmal ein neues Stück, wochenlang, bis es saß. Als ich ihn einmal fragte, wozu er das übe, sagte er: „Manchmal wünscht sich einer was. “ Ich dachte, er meint Geburtstage. Ich nickte und bügelte weiter.
Ich hätte fragen müssen: Wer denn, Bruno? Ich habe es nicht getan. Unsere Kinder, Norbert und Anja, haben das Akkordeon nie ernst genommen. Für sie war es Papas Marotte.
Norbert sagte als Teenager einmal: „Papa, kannst du das nicht lassen? Das ist so alte Leute Musik. “ Bruno lachte und spielte weiter, aber auf Familienfeiern hat er danach nie wieder gespielt. Nie wieder.
Nach Brunos Tod stand der Kasten in seinem Zimmer unter dem Fenster. Ich konnte ihn nicht anrühren. Im Frühjahr, etwa ein Jahr nach der Beerdigung, half mir Kerstin beim Ausmisten. Sie ist eine tatkräftige Frau, keine Böse.
Sie teilt die Dinge nur in Kategorien ein: brauchbar, verkäuflich, Müll. Zwei Tage lang arbeiteten wir. Am zweiten Tag, als ich in der Küche Kaffee machte, verschwand das Akkordeon. Ich sagte: „Kerstin, das ist Brunos Akkordeon.
“ Sie antwortete freundlich, ohne jede böse Absicht: „Marlis, ich weiß, aber spielst du drauf? Nein. Spielt sonst jemand? Nein.
In dem Zustand kriegt das keiner geschenkt. Sei froh, wenn die überhaupt was geben. “
Ich habe es geschehen lassen. Ich stand da, 71 Jahre alt, im halbleeren Zimmer meines Mannes, und sah zu, wie sie das Auto zumachte.
Ich weiß bis heute nicht genau, warum ich nichts sagte. Ich glaube, ich war einfach müde. Zwei Tage ausmisten, vierzehn Monate Witwe. Man wird an bestimmten Punkten sehr weich.
Sechs Wochen später klingelte das Telefon. Ein Mann meldete sich, Manfred Ludolf, vom An- und Verkauf in der Leipziger Straße. Er sagte: „Frau Ostheim, ich habe im Frühjahr ein Akkordeon angekauft, eine alte Hohner. Ich habe es aufgearbeitet.
Beim Öffnen des Gehäuses habe ich etwas gefunden. Das gehört Ihnen, nicht mir. Können Sie vorbeikommen? “
Ich bin am nächsten Tag hingefahren.
Der Laden war klein und vollgestellt, Gitarren an der Wand, eine Vitrine mit Mundharmonikas. Herr Ludolf, ein Mann um die sechzig mit grauem Zopf und Brille, führte mich in seine Werkstatt. Dort stand Brunos Akkordeon, auseinandergenommen, das Gehäuse offen. Von der Werkbank nahm er einen Umschlag, einen einfachen braunen Umschlag, an einer Seite flach gedrückt.
„Der war innen im Diskantteil festgeklebt, mit Isolierband an der Rückwand“, sagte er. „Man kommt da nur ran, wenn man das Instrument komplett zerlegt. Ich habe hineingesehen, um zu wissen, ob es wichtig ist. Als ich sah, was es ist, habe ich sofort aufgehört zu lesen und Sie gesucht.
“
In dem Umschlag waren handgeschriebene Listen, auf liniertem Papier, zusammengeheftet. Brunos Handschrift, klein und schräg. Auf jedem Blatt standen Namen untereinander, daneben ein Datum, bei manchen dahinter ein Titel. Hedwig Breuer, 3.
März 1995, Rosamunde. Alfred Zink, 9. März 1995, kein Wunsch. Elisabeth Hartmann, 16.
März 1995, Großer Gott. Blatt für Blatt. Ich zählte alles durch. Es waren 342 Namen, von 1995 bis zwei Monate vor seinem Tod.
Und alle Daten, alle 342, waren Sonntage. Ich breitete die Blätter auf dem Küchentisch aus, dann auf dem Boden, weil der Tisch nicht reichte. Ich suchte die Jahre, die ich kannte. 1998, das Jahr, in dem Anja Abitur machte.
Namen. 2008, Silberhochzeit. Namen. Eines Sonntags im Mai stand ein Name mit dem Vermerk „Ave Maria“, zweimal.
Jemand wollte es noch einmal hören. Ich suchte das Jahr, in dem Bruno selbst krank war, 2016, die Gallenoperation. Zwei Wochen Krankenhaus, sechs Wochen schwach. Und in diesen acht Wochen eine Lücke.
Kein einziger Name. Dann ging es weiter, als wäre nichts gewesen. Ich saß auf dem Boden meiner Küche zwischen den Blättern und verstand, dass ich 26 Jahre lang neben einem Mann gelebt hatte, der etwas tat, das größer war als alles, was ich je getan hatte. Und dass er dafür nichts wollte, nicht einmal, dass seine Frau es wusste.
Am Abend rief ich meine Freundin Traudel an, die früher im Krankenhaus gearbeitet hatte. Ich las ihr ein paar Namen vor. Sie war lange still. Dann sagte sie: „Marlis, die Hedwig Breuer, die kenne ich.
Die war in der Sterbebegleitung im Haus am Frauenberg. Das ist das Hospiz. “
Am nächsten Morgen fuhr ich hin. An der Anmeldung sagte ich, ich sei die Witwe von Bruno Ostheim.
Die Frau am Empfang, in meinem Alter, schlug die Hand vor den Mund. „Sie sind die Frau vom Herrn Ostheim? Er ist gestorben. Wir haben uns schon gedacht, dass er nicht mehr kommt.
Aber niemand wusste, wie wir Sie erreichen sollten. “
Sie holte die Pflegedienstleitung, Frau Rösch. Dann saßen wir eine Stunde in einem kleinen Büro, und ich erfuhr, wohin mein Mann 26 Jahre lang sonntags gefahren war. Bruno kam seit 1995 jeden Sonntagnachmittag ins Hospiz, mit dem Akkordeon.
Er ging von Zimmer zu Zimmer, klopfte an und fragte, ob jemand etwas hören möchte. Wer wollte, bekam ein Lied. Wer nicht wollte, wurde in Ruhe gelassen. Er spielte für Menschen, die im Sterben lagen.
Er nahm nie etwas dafür, nicht einmal Fahrtkosten, obwohl sie es angeboten hatten. Und dann sagte Frau Rösch etwas, bei dem ich anfing zu weinen. Sie sagte: „Wissen Sie, was das Besondere an ihm war? Er hat gefragt, was die Leute hören wollen, nicht, was er spielen kann.
Wenn jemand ein Lied wollte, das er nicht kannte, dann schrieb er es sich auf und kam die Woche darauf wieder und konnte es. Er hat es zu Hause geübt. “
Ich saß an diesem Tisch und dachte an all die Abende, an denen ich ihn durch die geschlossene Tür üben gehört hatte, wochenlang dasselbe Stück. Ich hatte gedacht, es mache ihm Spaß.
Er übte für einen Sterbenden, der sich etwas gewünscht hatte und vielleicht nur noch eine Woche hatte. Deshalb standen bei manchen Namen Titel. Und bei manchen stand kein Wunsch. Das waren die, die nichts mehr sagen konnten.
Denen spielte er einfach etwas Ruhiges. Ich fragte, warum er das tat. Frau Rösch sagte, sie habe ihn das einmal gefragt, vor vielen Jahren. Er habe geantwortet: „Meine Mutter ist 1994 gestorben, ganz allein, nachts im Krankenhaus.
Ich bin zu spät gekommen. Seitdem denke ich, es sollte niemand allein und in der Stille gehen müssen. “
1994 starb Brunos Mutter. 1995 begann die erste Liste.
Ich erinnere mich an diese Nacht. Das Krankenhaus rief an, es ging schneller als gedacht. Als wir ankamen, war sie schon eine Dreiviertelstunde tot. Bruno stand auf dem Flur und sagte nichts.
Auch auf der Beerdigung sagte er nichts. Ich dachte, er kommt gut damit zurecht. Er kam nicht damit zurecht. Er arbeitete 26 Jahre lang daran.
26 Jahre. 342 Menschen. Ich fragte Frau Rösch, warum er es niemandem erzählt hatte, auch mir nicht. Sie sagte etwas, das ich seitdem oft im Kopf habe: „Frau Ostheim, das kenne ich von unseren Ehrenamtlichen.
Die meisten reden nicht darüber. Wenn man es erzählt, wird man dafür gelobt, und dann tut man es irgendwann auch ein bisschen für das Lob. Manche wollen das nicht. Die wollen, dass es sauber bleibt.
“
Ich ging an diesem Tag noch durch das Haus. Im Aufenthaltsraum hing ein Foto in einem Rahmen. Darauf saß ein Mann mit einem Akkordeon auf einem Stuhl, und im Bett lag eine alte Frau, die lächelte. Ich sah meinen Mann von hinten, an einer Wand in einem Haus, in dem ich noch nie gewesen war.
Am selben Nachmittag fuhr ich zu Herrn Ludolf. Ich sagte, ich möchte das Akkordeon zurückkaufen. Er antwortete: „Frau Ostheim, das Instrument steht hier hinten und ist nicht verkäuflich. Ich habe es nach dem, was ich gefunden habe, gar nicht erst ins Schaufenster gestellt.
“ Ich legte die dreißig Euro auf den Tresen. Er nahm sie nicht. Er sagte: „Ich habe achtzig Euro Material und zwei Tage Arbeit reingesteckt, und ich will nichts davon. Nehmen Sie es mit.
“ Ich bestand darauf, ihm wenigstens das Material zu bezahlen. Dann bat ich Norbert und Kerstin zu mir, an einem Sonntag. Ich stellte das Akkordeon auf den Esstisch, in seinem Kasten, und legte den Umschlag daneben. Kerstin sah es und sagte: „Oh, hast du das zurückgeholt?
“ Ich sagte: „Setzt euch. “ Dann las ich ihnen vor, nicht alles, das hätte Stunden gedauert. Die erste Seite, Name für Name, mit den Daten. Norbert fragte: „Mama, was ist das?
“ Ich sagte: „Das sind die Menschen, denen dein Vater vorgespielt hat, bevor sie gestorben sind. Jeden Sonntagnachmittag, jahrelang, im Hospiz am Frauenberg. “
Es war sehr still in meinem Wohnzimmer. Kerstin wurde blass.
Sie sah auf den Kasten, dann auf mich, wieder auf den Kasten. Dann sagte sie ganz leise: „Ich habe gesagt, es riecht nach Keller. “ Norbert sagte lange nichts. Dann sagte er: „Ich habe ihm gesagt, das ist alte Leute Musik.
Ich war fünfzehn. Er hat danach nie wieder auf einer Familienfeier gespielt. Ich habe immer gedacht, er hat einfach keine Lust mehr gehabt. “ Ich sagte: „Nein.
Er hat es sich nicht mehr getraut. “
Das ist jetzt Monate her. Das Akkordeon steht wieder in Brunos Zimmer, aufgearbeitet, gereinigt, gestimmt. Herr Ludolf hat gute Arbeit gemacht.
Und ich fahre jetzt sonntags ins Hospiz. Nicht mit dem Akkordeon, ich kann kein einziges Lied spielen. Ich mache etwas anderes. Ich sitze bei Menschen, die keinen Besuch bekommen, rede mit ihnen, lese vor, oder bin einfach da.
Frau Rösch fragte mich, ob ich mir das zutraue. Ich sagte: „Ich weiß es nicht. Ich probiere es. “ Es geht jetzt seit sieben Monaten.
Ich führe auch eine Liste, Namen, Daten. Das habe ich von Bruno. Ich bin bei 27. Kerstin hat mich zweimal gefragt, ob sie mitkommen darf.
Beim zweiten Mal sagte ich ja. Sie ist zweimal mitgefahren und war beide Male sehr still auf der Rückfahrt. Und Norbert hat mit 45 angefangen, Akkordeon zu lernen, einmal die Woche bei einem Lehrer in der Musikschule. Er sagte, er wolle wenigstens ein Lied können.
Am besten das, das am häufigsten auf den Listen steht. Ich habe nachgezählt. Es ist „Rosamunde“. Ein Mensch, der jeden Sonntag verschwindet, hat einen Grund.
Vielleicht ist es ein langweiliger Grund. Vielleicht ist es der wichtigste Teil seines Lebens. Fragen Sie ihn. Nicht misstrauisch, nur neugierig, einmal reicht.
Ich hatte 46 Jahre Zeit, meinen Mann zu fragen, wohin er sonntags fährt. Ich habe es nicht getan, weil ich dachte, jeder braucht etwas für sich. Das stimmt auch. Aber ich hätte stolz auf ihn sein können, 26 Jahre lang, und ich konnte es erst, als er 14 Monate tot war.
Im Hospiz hängt immer noch das Foto im Aufenthaltsraum. Ich gehe jeden Sonntag daran vorbei, wenn ich komme. Ein Mann von hinten, mit einem Akkordeon, auf einem Stuhl neben einem Bett. Neulich fragte mich eine Bewohnerin, wer das sei.
Und ich sagte zum ersten Mal in meinem Leben den Satz, den ich 26 Jahre lang hätte sagen können: „Das ist mein Mann. “


