Sechsundzwanzig Jahre lang nannte meine Familie es mein Hobby. Am Dienstag ging ich zur Chorprobe, bei Fieber, nach der Beerdigung meiner Mutter, sogar in den Wochen, in denen mein Mann im Sterben…

Sechsundzwanzig Jahre lang nannte meine Familie es mein Hobby. Am Dienstag ging ich zur Chorprobe, bei Fieber, nach der Beerdigung meiner Mutter, sogar in den Wochen, in denen mein Mann im Sterben...

„Mama, wir reden jetzt über das Geld. Wir sind schließlich eine Familie. “
Mein Sohn Kai sagte diesen Satz, als hätte er ihn sich zurechtgelegt. Drei Wochen zuvor hatte mich ein Mann aus Leipzig angerufen und gefragt, ob ich für sein Label singen würde.

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Davor hatte mich meine Enkelin gefilmt, ohne mich zu fragen. Ich antwortete meinem Sohn mit einem einzigen Satz und legte auf. Mein Name ist Waldtraut Kern. Ich bin 68 Jahre alt und lebe in Bielefeld im dritten Stock, wo man die Glocken der Neustädter Marienkirche hört, wenn das Fenster offen steht.

Ich muss weit zurückgehen. Bis in ein Wohnzimmer, ins Jahr 1997. Ich war 39. Mein Mann Reinhard arbeitete bei den Stadtwerken, unsere Kinder waren Kai mit elf und Britta mit acht.

Es gab kein Geld für Extras, aber es genügte, und ich war zufrieden. So zufrieden, wie man mit vierzig ist, wenn man noch nicht weiß, dass man auch etwas anderes hätte sein können. An einem Donnerstag im Oktober klingelte es. Vor der Tür stand Frau Dembowski aus dem zweiten Stock, eine dünne Frau mit einer Brosche am Mantel.

„Frau Kern“, sagte sie, „ich höre Sie in der Küche singen, wenn ich am Treppenhausfenster vorbeigehe. Kommen Sie am Dienstag zur Probe. “
Ich lachte. Ich sagte, ich singe nicht, ich summe höchstens beim Abwaschen.

Sie sah mich an, wie alte Frauen einen ansehen, wenn sie etwas wissen, das man selbst noch nicht weiß. „Dienstag, halb acht. Sie kommen. “

Ich bin gekommen.

Ich weiß bis heute nicht, warum. Es war eine Kantorei. Vierzig Menschen, ein Kantor mit Brille, Noten, die ich nicht lesen konnte. Ich stand in der zweiten Reihe bei den Altstimmen und tat so, als wüsste ich, was ich tue.

Nach zwanzig Minuten klopfte der Kantor mit dem Stift aufs Pult. „Wer ist das? Die neue noch einmal. Nur sie.


Vierzig Menschen drehten sich um. Ich wollte im Boden versinken. Ich sang vier Takte. Er nahm die Brille ab, putzte sie am Pullover, setzte sie wieder auf und sagte zu den anderen: „So.

Und jetzt bitte alle so. “

Die ganze Nacht fand ich keinen Schlaf. Nicht vor Glück. Vor Angst.

Weil ich 39 Jahre alt war und zum ersten Mal in meinem Leben erfahren hatte, dass ich etwas konnte. Reinhard hatte sofort verstanden. Er saß am Küchentisch, hörte zu, bis ich fertig war, und sagte: „Dann gehst du jetzt jeden Dienstag. “

Das klingt nach wenig.

Ein Abend in der Woche. Es waren mehr als tausend Diensttage. Ich ging, wenn ich Fieber hatte. Ich ging, als Britta die Windpocken hatte und Reinhard mich an der Haustür ablöste, wortlos, weil wir das so abgemacht hatten.

Ich ging an dem Dienstag, an dem meine Mutter beerdigt worden war, weil ich nicht wusste, wohin sonst mit mir. Herr Ostermann, der Kantor, war ein Mann, der niemanden lobte. In sechsundzwanzig Jahren sagte er mir dreimal etwas Persönliches. Das erste Mal in meinem zweiten Jahr: „Können Sie Noten lesen?

“ – „Nein. “ – „Das dachte ich mir. Sie hören zu und singen dann das, was fehlt. Das kann man nicht lernen.


Das zweite Mal nach acht Jahren: „Wenn Sie zwanzig Jahre früher hier gestanden hätten, wären Sie jetzt woanders. “ Es war keine Freundlichkeit. Es war eine Feststellung, und sie tat weh, weil sie stimmte. Das dritte Mal kam viel später.

Die Kantorei sang zu Weihnachten, Ostern, Erntedank. Einmal im Jahr ein großes Werk. Wir sangen das Requiem von Fauré, die Johannespassion. Ich habe mir die Stücke beim Bügeln auf Kassette angehört, immer und immer wieder, bis ich sie konnte.

Neben mir stand jahrelang Doris, Fachverkäuferin, drei Kinder, dieselbe Altstimme wie ich. Wir haben nie zusammen Kaffee getrunken. Kein einziges Mal. Aber wenn ich unsicher war, sang sie einen halben Ton lauter, damit ich mich einhängen konnte.

Und wenn sie unsicher war, tat ich dasselbe. Sie ist vor neun Jahren gestorben. Jetzt stehe ich neben einer Lehrerin, die sehr sicher singt und mich nie braucht. Ein Hobby macht man allein und hört auf, wenn es keinen Spaß mehr macht.

Das hier war ein Chor. Eine Verpflichtung. Aber meine Kinder sahen das anders. Als Kai vierzehn war, sagte er zu seinem Freund: „Meine Mutter singt Kirchenlieder.

Voll durchgeknallt. “ Er hat es nicht böse gemeint. Das Problem ist, dass er es mit vierzig noch genauso sagte. Es wurde zum Familienwitz.

Erst eine Bemerkung, dann ein Grinsen, dann ein Wort, das keiner mehr hinterfragte. Es hieß nur noch Mamas Hobby. „Mama kann Sonntag nicht, sie hat ihr Hobby. Nimm Rücksicht, Mama hat morgen ihr Hobby.


„Es ist kein Hobby“, sagte ich. „Es ist ein Chor. “
„Ja, Mama, dein Hobby. “

Reinhard kam zu jedem Konzert.

Zu jedem einzelnen. Sechsundzwanzig Jahre lang saß er in der siebten Reihe links, weil er von dort mein Gesicht sehen konnte. Er klatschte nie besonders laut, weil er das aufdringlich fand. Kai war bei drei Konzerten.

Britta bei zwei, beide vor dem Abitur. Ich habe nie etwas gesagt. Wissen Sie, warum? Weil ich Angst hatte, dass sie recht haben.

Ich war Verkäuferin bei Karstadt, dann eine Frau, die die Wäsche erledigte. Menschen wie ich haben keine Stimme. Wenn vierzig Menschen in der Kirche stehen und der Kantor sagt „Machen Sie es so wie sie“, denke ich immer noch einen Wimpernschlag lang: Er meint jemand anderen. Und wenn die eigene Familie sagt, es sei ein Hobby, klingt das nicht wie eine Beleidigung.

Es klingt wie eine Bestätigung. Reinhard starb vor sechs Jahren. Bauchspeicheldrüse, sehr schnell. Wochen zwischen Diagnose und Ende.

In der neunten Woche, als er nicht mehr aufstand, war Dienstag. Ich sagte, ich bleibe da. Er drehte den Kopf und sagte mit dieser dünnen Stimme: „Waldtraut, geh singen. Erzähl mir danach, was ihr gemacht habt.


Ich bin gegangen. Ich habe die ganze Probe lautlos geheult. Herr Ostermann hat es gesehen und mich singen lassen. Als ich zurückkam, saß Reinhard aufrecht im Bett, was er seit Tagen nicht geschafft hatte.

Er wollte alles wissen: was wir geprobt hatten, ob der Bass wieder zu früh eingesetzt hatte, ob Ostermann die Brille geputzt hätte. Ich habe ihm eine halbe Stunde lang von einer Chorprobe erzählt. Er machte die Augen zu und hörte zu. Das war unser letztes richtiges Gespräch.

Damals dachte ich, er wollte mich beschäftigen. Heute weiß ich: Er war der einzige in diesem Haus, der wusste, dass ich etwas kann. Und er wollte nicht, dass ich das verliere, wenn er fort ist. Auf seiner Beerdigung sang die Kantorei.

Ich stand in der ersten Reihe und konnte keinen Ton herausbringen. Danach, beim Kaffee, legte Kai den Arm um meine Schulter. Freundlich. Wirklich freundlich.

„Vielleicht ist jetzt auch ein guter Zeitpunkt, mit dem Chor aufzuhören. Ohne Papa hast du doch niemanden mehr, der das mitmacht. “
Ich habe genickt. Vielleicht, weil man auf einer Beerdigung nickt.

Vielleicht, weil er die Wahrheit gesagt hatte und ich es erst Wochen später merkte. Er hatte über seinen Vater gesprochen, als wäre Reinhard jahrelang in die siebte Reihe gegangen, weil er musste. Wie ein Chauffeur. Ich habe nicht aufgehört.

Aber ich habe angefangen, nicht mehr davon zu erzählen. Sechs Jahre lang haben meine Kinder nicht gewusst, ob ich noch in der Kantorei singe. Sie haben nicht gefragt, und ich habe es nicht erzählt, weil ich das Wort Hobby nicht mehr hören wollte. Dann kam Mira.

Meine Enkelin, Kais Tochter, siebzehn, Nasenring, immer diese riesigen Kopfhörer um den Hals. Sie kam an einem Dienstag im März zu mir, weil ihre Eltern sich stritten und sie das Haus nicht aushielt. Sie saß bei mir in der Küche, als ich auf die Uhr sah und meinen Mantel holte. „Wo gehst du hin?

“, fragte sie. „Zu meinem Hobby“, sagte ich, ohne nachzudenken. „Darf ich mit? “
Ich versuchte, es ihr auszureden.

Alte Leute, zwei Stunden dieselben acht Takte. Sie zog ihre Jacke an: „Klingt super. “

Sie saß ganz hinten in der letzten Bank, und ich vergaß sie nach zehn Minuten, weil man das vergisst, wenn man singt. Wir probten das Agnus Dei für die Ostermesse.

Irgendwann kam die Stelle, an der der Kantor alle anderen abbrechen lässt und nur die zweite Altstimme weitersingt. Sechs Takte lang allein. Ich habe nicht bemerkt, dass Mira ihr Telefon hochhielt. Hinterher zeigte sie mir das Video, dort in der Kirchenbank.

Zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich meine eigene Stimme, nicht von innen, sondern von außen. Ich habe geweint. Mira war entsetzt und dachte, sie hätte etwas falsch gemacht. Ich konnte ihr nicht erklären, dass es das Gegenteil war.

Dass ich 68 Jahre alt war und gerade erst erfahren hatte, wie ich klinge. Mira hat das Video hochgeladen. Sie hat mich nicht gefragt. Ich war wirklich wütend.

Ich rief sie an und sagte, sie solle es sofort löschen. „Oma, da sind schon vierzigtausend Menschen drauf. “
Ich verstand die Zahl nicht. Vierzigtausend.

Nach ein paar Tagen war es eine halbe Million. Ich verstand die Zahlen nicht. Aber ich verstand die Kommentare. Mira las sie mir am Küchentisch vor, während ich Bohnen putzte, weil ich etwas mit den Händen tun musste.

Eine Frau aus Duisburg schrieb, sie habe ihre Mutter seit vier Jahren nicht angerufen und jetzt sitze sie hier und heule. Ein Mann schrieb nur ein Wort: „Danke“. Eine Achtzigjährige schrieb, sie habe früher auch gesungen und dann geheiratet. Diese eine habe ich mir aufgeschrieben.

Sie hängt an meinem Kühlschrank. Ich fragte Mira: „Warum weinen die Leute? “
Sie antwortete mit siebzehn und Nasenring: „Weil man hört, dass du nicht für Applaus singst. “

Die Zeitung rief an.

Ein junger Fotograf fotografierte mich vor der Kirche und wollte wissen, ob ich früher davon geträumt hätte, berühmt zu werden. Ich sagte ihm die Wahrheit: „Ich habe nie davon geträumt. Man träumt nicht von Dingen, von denen man nicht weiß, dass es sie für einen gibt. “

Herr Ostermann sagte bei der nächsten Probe zu allen vierzig: „Wie Sie vielleicht gehört haben, ist Frau Kern jetzt im Internet.

Wir fangen bei Takt 16 an. “
Das war das Schönste, was er tun konnte. Drei Wochen später kam der Anruf aus Leipzig. Ein Mann von einem kleinen Label für geistliche Musik.

Ruhig, sachlich. Sie planten eine Aufnahme von Bachs Motetten und ob ich mir vorstellen könne, nach Leipzig zu kommen. Drei Tage Studio, ein Honorar, das er nannte, als wäre es selbstverständlich. Ich sagte, ich rufe zurück.

Dann saß ich eine Stunde in Reinhards Sessel und tat nichts. Kai erfuhr es von Mira. Er rief an einem Sonntagabend an, begann freundlich. Das sei ja verrückt mit dem Video, Ines habe es auch gesehen, sie hätten es schön gefunden.

Ich kannte meinen Sohn seit 42 Jahren. Ich hörte, wie er auf einen Punkt zusteuerte. Dann kam er: „Mama, wir müssen über das Geld reden. Wenn da jetzt Honorare kommen und vielleicht später noch mehr, sollten wir das ordentlich machen.

Ines kennt sich damit aus. Wir sind schließlich eine Familie. “

Wir sind schließlich eine Familie. Ich stand in meiner Küche, das Telefon am Ohr, und sah aus dem Fenster auf die Kirche.

Und mir wurde klar, was ich nicht mehr abschütteln konnte. Sie hatten es Hobby genannt, solange es nichts einbrachte. In dem Moment, in dem es etwas einbrachte, war es Familiensache. „Kai, wie oft warst du bei einem Konzert?


„Was hat das damit zu tun? “
„Dreimal in sechsundzwanzig Jahren. Papa war bei allen. “
Er atmete aus.

Dieses Ausatmen, das bedeutet: Jetzt fängt sie wieder an. „Mama, das ist albern. Wir reden über etwas Praktisches. “
Und dann sagte er noch etwas.

Leicht hingeworfen, um die Sache abzukürzen. „Außerdem hat Mira das Video gemacht. Ohne sie wäre das gar nichts geworden. Sie ist auch Familie.

Da wurde es kalt in meiner Küche. Denn er hatte recht, ohne zu wissen, wie sehr er sich verriet. Mira hatte das Video gemacht. Aber vorher hatte eine Frau 26 Jahre lang jeden Dienstag um halb acht in einer Kirche gestanden.

Bei Fieber. Nach der Beerdigung ihrer Mutter. Wochenlang neben einem sterbenden Mann. In der Rechnung meines Sohnes kam diese Frau nicht vor.

In seiner Rechnung gab es ein Video, ein Honorar und eine Familie, die teilt. Ich fragte: „Kai, was habe ich letzten Dienstag gemacht? “
Er schwieg. Dann, gereizt: „Woher soll ich das wissen?


„Eben“, sagte ich. Und dann sagte ich den Satz, an den ich seither oft denke, weil ich nicht wusste, dass er in mir steckte, bis er heraus war:
„Ihr habt es ein Hobby genannt. Ein Hobby teilt man nicht. “
Und ich legte auf.

Meine Hand zitterte. Ich legte das Telefon auf die Arbeitsplatte, als wäre es heiß, und stand da und wartete darauf, dass mir schlecht würde vor Schuld. Es wurde mir nicht schlecht. Ich bin nach Leipzig gefahren.

Allein, mit dem Zug, mit einer Reisetasche und den Noten, die Herr Ostermann mir gegeben hatte, weil er sagte, im Studio sei alles anders und ich solle mich nicht erschrecken. Bevor ich fuhr, kam er nach der Probe zu mir. Das dritte Mal in 26 Jahren. Er nahm die Brille ab, putzte sie am Pullover und sagte: „Frau Kern, wenn Sie da drin stehen und denken, die haben sich geirrt, dann denken Sie an mich.

Ich irre mich seit vierzig Jahren nicht. “

Das Studio hatte Schaumstoff an den Wänden und ein Mikrofon, das aussah wie ein Insekt. Ich stand davor und war 39 Jahre alt und wollte im Boden versinken. Am ersten Tag war meine Stimme fest und tot.

Ich hörte es selbst. Sie ließen mich sechsmal wiederholen. Sehr geduldig. Dann sagte der Mann aus der Regie: „Frau Kern, wir haben Zeit.

Wir haben drei Tage. Machen Sie eine Pause. “
Ich saß auf einem Klappstuhl im Flur und dachte: Sie sind zu höflich, um es zu sagen. Ich fahre morgen zurück.

Am zweiten Tag ging es besser. Am dritten Tag geschah etwas, das ich nicht erklären kann. Wir nahmen das Agnus Dei auf, dieselbe Stelle, die Mira gefilmt hatte. Sechs Takte allein.

In der Mitte des zweiten Taktes vergaß ich, wo ich war. Ich stand in der Neustädter Marienkirche. Es war Dienstag, halb acht. Reinhard saß in der siebten Reihe links und klatschte gleich nicht besonders laut.

Ich sang zu Ende. Es war still in den Kopfhörern. Dann kam der Mann aus der Regie durch die Tür: „Frau Kern, ich muss Sie etwas fragen. Wo haben Sie studiert?


„Bei Karstadt. Damenoberbekleidung. “
Er lachte. Dann merkte er, dass ich nicht lachte.

Dann wurde er still. „Das ist eine Schande“, sagte er. „Warum? Ich stehe doch hier.

Am letzten Abend saß ich allein in einem Hotelzimmer in Leipzig und aß ein Brötchen aus dem Automaten, weil ich mich nicht traute, in ein Restaurant zu gehen. 68 Jahre alt. Auf einem fremden Bett. Mit einem Brötchen.

Ich war so glücklich, dass ich Angst hatte, es könnte etwas kaputtgehen. Ich habe an dem Abend niemanden angerufen. Es gab niemanden anzurufen. Der einzige, dem ich es hätte erzählen wollen, saß seit sechs Jahren nicht mehr in der siebten Reihe.

Die Aufnahme erschien im Herbst. Es ist keine Karriere geworden. Ich bin nicht berühmt. Ich verdiene damit nicht mehr, als eine Rentnerin an einem guten Monat übrig behält.

Ich singe weiter dienstags in der Kantorei, zweite Reihe, Altstimmen. Aber etwas hat sich verschoben. Britta hat mir eine lange Nachricht geschrieben. Sie hat sich nicht entschuldigt, nicht direkt.

Sie schrieb, sie habe die Aufnahme im Auto gehört und rechts ranfahren müssen. Sie schrieb: „Ich wusste nicht, dass du das kannst. “
Das ist das Traurigste, was ein Kind schreiben kann. Und gleichzeitig war es ehrlich.

Dafür bin ich ihr dankbar. Kai und ich haben ein halbes Jahr nicht miteinander gesprochen. Dann kam er an einem Dienstag und stand hinten in der Kirche, in der letzten Bank, wo Mira gesessen hatte. Er sagte nichts.

Er ging nach der Probe, bevor ich bei ihm war. Er kommt jetzt manchmal. Nicht immer. Er setzt sich hinten hin und geht vorher.

Ich habe ihn nie gefragt, warum er nicht wartet. Ich glaube, er weiß nicht, was er sagen soll. Zu einer Frau, die er jahrelang für eine Hobbysängerin gehalten hat. Und die es nie war.

Und Mira sitzt jeden Dienstag da, mit Nasenring und Kopfhörern um den Hals, in einer Kirche voller alter Leute. Und wenn ich sie ansehe, denke ich manchmal an Frau Dembowski aus dem zweiten Stock, die längst tot ist. Die eine Frau am Treppenhausfenster singen hörte und beschloss, das nicht auf sich beruhen zu lassen. Es hat 26 Jahre gedauert, bis ich das Wort Hobby losgeworden bin.

Ich bin nicht wütend, dass meine Kinder nicht zu meinen Konzerten kamen. Menschen haben ihr Leben. Ich bin wütend über das Wort. Denn ein Wort ist eine Entscheidung.

Wenn man etwas, das ein Mensch 26 Jahre lang tut, ein Hobby nennt, dann sagt man damit: Es zählt nicht. Und wenn man das lange genug sagt, dann glaubt der Mensch es. Ich habe es geglaubt. Jahrelang habe ich meiner eigenen Familie nicht erzählt, wo ich dienstags hingehe.

Weil ich das Wort nicht mehr ertrug. Achten Sie auf die Wörter, mit denen Ihre Familie Sie beschreibt. Nicht auf die großen, die im Streit fallen. Auf die kleinen, freundlichen, die beim Kaffee fallen und über die alle lachen.

Das sind die, die bleiben. Und wenn eines Tages jemand Ihre kleine Sache wertvoll findet und plötzlich „wir“ sagt, dann dürfen Sie sich erinnern, wer da war, als es nichts wert war. Ich bin Waldtraut Kern. 68 Jahre alt.

Dienstags um halb acht stehe ich in der zweiten Reihe bei den Altstimmen. Der Kantor klopft mit dem Stift aufs Pult, und irgendwann kommt die Stelle, an der alle anderen schweigen. Sechs Takte. Nur ich.

Reinhard sitzt nicht mehr in der siebten Reihe links. Aber ich singe sie trotzdem für ihn. Und ich nenne es nicht mehr mein Hobby.

Ich nenne es meine Stimme.