Als ich mein Unternehmen für 2,3 Millionen Euro verkaufte, dachte ich, das Schlimmste läge hinter mir. Meine Frau Marianne war vier Monate zuvor gestorben – Magenkarzinom, Stadium vier, nach 37 Ehejahren. Ich verließ das Krankenhaus allein, ihren Ehering in der Jackentasche, ein Formular für die Sterbeurkunde in der Hand. Doch was danach kam, erschütterte mich mehr als der Verlust selbst.

Ich heiße Erwin Scholz, 68 Jahre alt. 40 Jahre lang hatte ich einen Maschinenbaubetrieb bei Kassel aufgebaut: angefangen mit sechs Mitarbeitern in einer gemieteten Halle, am Ende 98 Angestellte und ein volles Auftragsbuch. Als Knie und Rücken streikten und der erste Herzschrittmacher kam, verkaufte ich – nicht aus Not, sondern weil ich Marianne versprochen hatte, mit ihr zu reisen. Portugal, Südtirol, vielleicht Japan.
Dieses Versprechen konnte ich nicht halten. Marianne war Grundschullehrerin, liebte Kakteen, Kriminalromane und kalten Regen. Tanzen konnte sie nicht, aber sie versuchte es trotzdem immer. Jetzt stehen ihre Kakteen noch auf der Fensterbank.
Ich gieße sie einmal pro Woche, auch wenn ich nicht weiß, ob ich es richtig mache. Unsere Tochter Renata wohnte 20 Kilometer entfernt. Ihren Mann mochte ich von Anfang an nicht – nicht weil er unhöflich war, sondern weil er zu höflich, zu glatt war. Er bot immer ein Glas Wein an und erzählte Geschichten über Bekannte, die viel Geld verdient hatten.
Ich kannte solche Männer aus 40 Jahren Unternehmertum. Nach Mariannes Tod lag ich morgens bis neun, manchmal bis zehn Uhr im Bett und starrte an die Decke. Renata kam zweimal pro Woche, kochte, räumte auf, redete mit mir. Ihr Mann kam manchmal mit, trank meinen Kaffee und betrachtete die Wände.
Einmal fragte er, ob ich schon wisse, was mit dem Verkaufserlös passieren solle. Ich sagte, das wisse ich noch nicht. Er nickte, als wäre das eine weise Antwort, die er in ein Notizbuch übertragen würde. In den folgenden Wochen kamen die Hinweise wie beiläufig hingeworfen: Eine Freundin von Renata habe mit einem Anlageberater gute Erfahrungen gemacht.
Ein Bekannter habe in Leipzig Immobilien gekauft und gute Renditen erzielt. Ich hörte zu und sagte wenig. Dann kam der Tag, an dem Renata mich besuchte und leise weinte – nicht laut, sondern so, wie man weint, wenn man lange still gewesen ist. Sie erzählte mir von einem Investitionsvertrag, der eine Einmalzahlung von 480.
000 Euro an eine Gesellschaft auf Zypern vorsah, die erst seit weniger als einem Jahr existierte. Ich unterschrieb nicht. Ich zog Erkundigungen ein. Und dann stellte sich heraus, dass mein Schwiegersohn an einem System beteiligt war, gegen das in mehreren Bundesländern bereits ermittelt wurde.
Die Firma, die so viel Rendite versprach, war ein Schattenkonstrukt. Die Freundin von Renata war eine Mittlerin. Und mein Schwiegersohn hatte über Monate hinweg unsere Gespräche so gelenkt, dass ich genau dieses Angebot bekommen sollte. Ich bin nicht sicher, ob Renata von allem wusste.
Ich bin nicht sicher, ob ich es wissen will. Sie hat sich seitdem nur noch selten gemeldet. Manchmal frage ich mich, ob ich wütend bin – auf ihn, auf das System, auf mich selbst, weil ich nicht früher hinsah. Aber die Wut hat sich in etwas anderes verwandelt.
In eine Stille, die lauter ist als jeder Streit. Und in eine Frage, die mich seither nicht loslässt: Was hätte Marianne dazu gesagt?


