**Baba Anujka – Die Giftmischerin des Balkans: Wie eine 92-jährige „Hexe“ jahrzehntelang mordete**
In dem kleinen Dorf Vladimirovac im serbischen Banat lebte bis 1938 eine Frau, die zur Legende wurde. Für viele war sie „Baba Anujka“, die weise Heilerin und Hexe, die Kranke gesund machte, Zukunft voraussagte und mit magischen Tränken half. Tatsächlich war Anna Pistova, geborene Drăxin, eine der raffiniertesten und tödlichsten Giftmischerinnen der Kriminalgeschichte. Mit geschätzt 50 bis 150 Opfern gilt sie als erste Serienmörderin des Balkans und wahrscheinlich als älteste der Welt.

Geboren 1836 in der Nähe von Malovița im damaligen österreichischen Kaiserreich, wuchs Ana in privilegierten Verhältnissen auf. Ihr Vater war ein wohlhabender Viehzüchter. Sie erhielt eine gute Ausbildung, beherrschte mehrere Sprachen und soll sogar Medizin studiert haben. Mit 20 Jahren wurde sie von einem österreichischen Offizier verführt, infizierte sich mit Syphilis und wurde verlassen. Dieses Trauma soll sie zur Misanthropin gemacht haben. Sie zog sich zurück, vertiefte sich in Chemie und Medizin und richtete später in ihrem Haus ein Labor ein – ihre „Alchemistenwerkstatt“.
Nach dem Tod ihres deutlich älteren Mannes, des Gutsbesitzers und Gastwirts Pista Pistov, um 1890 lebte die Witwe allein auf ihrem Anwesen. Bald erwarb sie sich den Ruf einer Heilerin. In einem abgedunkelten Raum, in schwarzer Witwentracht, empfing sie ihre Kundschaft. Sie mischte Kräutertränke, verkaufte Amulette und Talismane und inszenierte rituelle Zeremonien mit Drehungen, gemurmelten Formeln und Opfergaben wie Hühnern oder Weihrauch. Viele suchten bei ihr Rat bei Liebesproblemen, ungewollten Schwangerschaften oder Krankheiten. Manche kamen sogar aus dem Ausland.

Hinter der Fassade verbarg sich jedoch ein tödliches Geschäft. Baba Anujka braute Gifte mit Arsen, Quecksilber und pflanzlichen Toxinen. Sie dosierte sie präzise nach dem Körpergewicht der Opfer und versprach: „Nach dem achten Tag hast du kein Problem mehr.“ Viele Frauen und Töchter, die unter gewalttätigen oder trunksüchtigen Ehemännern litten, oder Erben, die nicht warten wollten, kamen zu ihr. Die Getöteten starben qualvoll, doch die Todesfälle wirkten wie natürliche Krankheiten. Kaum jemand forderte Obduktionen – besonders nicht, wenn die Opfer aus der eigenen Familie stammten.

Jahrzehntelang blieb ihr Treiben unentdeckt. 1914 wurde sie kurz verhaftet, aber mangels Beweisen und Zeugenaussagen wieder freigelassen. Sie bestach sogar die örtliche Polizei. Erst 1928 kam das Netz zum Reißen: Eine ihrer Kundinnen, Stana Momidov, und deren Verwandte töteten mit ihren Tränken mehrere Männer. Als ein Opfer länger überlebte und Arsen im Körper gefunden wurde, exhumierte man weitere Tote. Im Mai 1929 wurde die 92-jährige Baba Anujka verhaftet.
Der Prozess 1929 erregte internationales Aufsehen. Die „Hexe von Vladimirovac“ bestritt alles, beschimpfte Zeugen und sah sich als Wohltäterin. Sie wurde als Komplizin zu 15 Jahren Haft verurteilt. 1936, im Alter von etwa 100 Jahren, wurde sie aus Altersgründen begnadigt. Sie starb 1938 mit 102 Jahren in ihrem Haus.
Baba Anujkas Geschichte zeigt die dunkle Seite menschlicher Verzweiflung und Raffinesse in einer Zeit von Zwangsehen, Armut und Aberglauben. Bis heute ranken sich Mythen um die „Banat-Hexe“. Ihr ehemaliges Grundstück wurde 2019 abgerissen – ein verpasste Chance für ein Museum, das Touristen aus aller Welt angezogen hätte. Die Giftmischerin bleibt eine faszinierende und erschreckende Figur der Balkan-Geschichte. (ca. 505 Wörter)


