Die Sonne brennt auf die endlosen Sümpfe Weißrusslands, und der Gestank von Verwesung und Moder liegt schwer in der Luft. Es ist der Juli 1944, und die deutsche Heeresgruppe Mitte existiert nicht mehr. Was von ihr übrig ist, kämpft sich durch die Wälder östlich der Beresina, ein Todesmarsch ohne Befehl, ohne Karte, ohne Hoffnung. Ein Überlebender dieses Albtraums, dessen Einheit in der Schlacht um Minsk ausgelöscht wurde, hat der Öffentlichkeit nun ein erschütterndes Zeugnis hinterlassen: „Wir wurden einfach ausgelöscht. Es gab keinen Befehl, keinen Plan, nur den Befehl: Westwärts. Mehr nicht.“ Seine Worte zeichnen das Bild einer Katastrophe, die das Gesicht des Krieges für immer verändert hat.
Der Schlamm geht bis über die Knöchel. Nicht der saubere, nasse Schlamm nach einem Frühlingsregen, sondern dieser schwarze, faulige Dreck, der nach verwesendem Laub und totem Tier stinkt. Meine Stiefel verschwinden darin bei jedem Schritt, und ich höre das Geräusch, wenn ich den Fuß herausziehe: ein sattes, nasses Schmatzen, das fast zu laut ist in diesem Wald. Fast. Wenn man keine Katjuschas hört, hört man alles. Und wenn man sie hört, hört man gar nichts mehr, außer dem Brüllen und dem eigenen Herz.
Wir marschieren seit wann, ich weiß es nicht mehr. Seit Tagen, seit der Nacht, als die Linie bei Gorki aufgehört hat zu existieren. Die Russen kamen von drei Seiten gleichzeitig, und der Hauptmann Dietrich von der ersten Kompanie hat uns bloß angesehen und gesagt: „Westwärts, mehr nicht. Kein Befehl, kein Plan, keine Karte mehr, nur westwärts.“ Das war vor dem Dnjepr oder nach dem Dnjepr. Ich kann die Flüsse nicht mehr auseinanderhalten. Hier fließt alles irgendwohin, und alles sieht gleich aus: Sumpf, Birken, Fichten, Moos, Sumpf.
Heinz Warnkamp läuft neben mir. Er heißt Heinz, aber wir nennen ihn seit zwei Jahren den Westfalen, weil er nie aufhört, von seiner Gegend zu reden. Jetzt sagt er gar nichts mehr. Er trägt das MG42 in den Armen wie ein müdes Kind. Das Zweibein klappert gegen das Gehäuse, und er atmet durch den Mund. Wir atmen alle durch den Mund. Die Feuchtigkeit hier im Wald von Weißrussland im Juli ist wie eine nasse Decke über dem Gesicht. Die Luft brennt nicht von Kälte, sie drückt von Schwüle. Jeder Atemzug fühlt sich an, als würde man Wasser schlucken statt Luft.
Hinter mir läuft Unteroffizier Messig, der seinen Karabiner kurz an der Schulter trägt, den Blick auf den Boden. Neben ihm der Obergefreite Kroll, der seit Minsk, seit wir begriffen haben, dass Minsk gefallen ist, dass die Russen am 3. Juli in die Stadt gefahren sind, nicht mehr spricht. Nicht einmal flucht er. Vor zwei Wochen konnte Kroll fluchen wie ein Obermatrose, und das war in dieser Truppe schon eine anerkannte Leistung. Jetzt nichts. Er läuft. Das ist genug. Wir sind vielleicht 40 Mann von dem, was mal eine Kompanie gewesen ist. Vielleicht 50, wenn man die versprengte Gruppe von der achten Kompanie mitzählt, die gestern Nacht zu uns gestoßen ist.
Irgendwelche Leute von der 17. Panzerdivision behaupten sie. Aber ihr Erkennungsmarkenträger sagt „Feldherrnhalle“, und ich glaube keinem mehr, was er über seine Einheit sagt. Hier im Kessel ist man, was man ist: ein Mann mit einem Gewehr und einem Paar Stiefeln, der versucht, die nächste Stunde zu überleben. Die Birken stehen sehr dicht an dieser Stelle. Der Boden ist weicher, fast morastisch. Ich weiß, dass wir irgendwo östlich der Beresina sind, aber wie weit östlich? Das ist die Frage, die mich nachts wachhält, wenn ich überhaupt schlafen kann.
Der Oberleutnant Frenzel hat vor drei Tagen eine Karte herausgeholt, ein zerschlissenes Ding, das er irgendwo aufgehoben haben muss, und hat uns gezeigt, wo wir sind oder wo er dachte, dass wir sind. „Zwei Finger breit östlich der Beresina“, sagte er. „Minsk liegt jetzt in den Händen der Sowjets. Zwischen uns und der deutschen Linie, wenn es noch eine deutsche Linie gibt, liegen 30, 40 km, vielleicht mehr. Dazwischen Wälder, Sümpfe, Partisanen und die gesamte Beresina.“ Der Oberleutnant hat nicht gesagt, wie wir darüber sollen. Er hat die Karte gefaltet und sie in die Brusttasche gesteckt. Und seitdem hat niemand mehr nach der Karte gefragt. Es gibt Dinge, über die spricht man nicht.
Ein Knall irgendwo links, weit weg. Artillerie, schätze ich, kein Granatwerfer, zu tief das Kaliber. Vielleicht eine Ratschbum, die sowjetische Divisionskanone, deren Geschoss mit Überschallgeschwindigkeit ankommt und bei der man den Einschlag hört, bevor man den Abschuss hört. Die Russen haben Artillerie überall. Artillerie, Panzer, Flugzeuge. Besonders die Flugzeuge, die Schlachtflieger mit dem Stern auf dem Rumpf, der gestern Nachmittag über unsere Kolonne auf der Feldstraße hinwegzog und mit seinen Kanonen eine Reihe Einschläge in die Erde machte, die drei Mann getroffen hat. Ich weiß nicht einmal, wie die drei hießen. Einer war von der Pioniereinheit, die sich uns angeschlossen hatte. Die anderen zwei waren Grenadiere vom dritten Bataillon. Wir haben sie liegen lassen. Man lässt sie liegen. Das ist keine Kälte, das ist Arithmetik. Wer stehen bleibt, um die Toten zu begraben, wird selbst liegen bleiben.
Warnkamp flüstert jetzt. Er sagt: „Hör mal, ich höre von Nordwesten her, weit weg, aber deutlich, das charakteristische Wischen, Heulen, Krachen der Katjuschas, mehrfache Raketenwerfer.“ Wir nennen sie Stalinorgel. Das Geräusch, erst das Fauchen aus dem Abschuss, dann das heulende Pfeifen der Raketen, dann der vielfache Einschlag in schneller Folge. Alles innerhalb weniger Sekunden. Das ist ein Geräusch, das man nie wieder los wird. Ich höre es im Schlaf. Ich werde es hören, wenn ich achtzig bin, falls ich achtzig werde, was ich nicht glaube. Jetzt hier im Wald klingt es wie ein fernes Gewitter, und wir bleiben alle kurz stehen und lauschen. Und dann setzt sich Frenzel wieder in Bewegung, und wir folgen ihm, weil es sonst nichts zu tun gibt.
Der Zug, das, was vom Zug übrig ist, folgt einer alten Waldlinie, die kein Weg mehr ist, aber mal einer war. Man sieht es an den Baumstümpfen, die im richtigen Abstand stehen, als hätte hier jemand einmal eine Allee angelegt. Birken, Erlen, dazwischen Sumpfgräser. Die Mücken sind unerträglich. Das ist das Detail, das ich nicht vergessen kann: die Mücken. Das dritte Jahr in Weißrussland, und ich bin immer noch nicht immun gegen diese kleinen schwärzlichen Viecher, die einem in die Ohren fliegen und in die Augen und in den Mund, wenn man ihn aufmacht. Der Westfale hat sich Dreck ins Gesicht geschmiert, damit sie nicht mehr beißen. Das hilft ein bisschen. Ich rieche ohnehin schon so, dass mich der Schmutz im Gesicht nicht mehr schlimmer macht.
Wir haben seit vorgestern nichts Warmes gegessen. Die letzte warme Verpflegung gab es irgendwo bei einem Dorf, einem abgebrannten Dorf. Die Schornsteine standen noch, aber die Häuser nicht mehr. Wo irgendjemand einen Kessel mit Kartoffelsuppe aufgesetzt hatte. Kartoffelsuppe mit sehr wenig Kartoffeln und sehr viel Wasser. Ich habe zwei Kochgeschirre davon gegessen und war trotzdem noch hungrig. Seitdem Hartkeks und Wasser aus dem Kochgeschirr, aufgefüllt mit Sumpfwasser, das man zuerst kocht, falls man Brennstoff hat. Wir haben wenig Brennstoff. Den letzten Pressbrennstoff hat Unteroffizier Messig gestern Nachmittag verwendet, um Wasser für die Verwundeten abzukochen.
Die Verwundeten. Wir tragen drei Verwundete. Gefreiter Schöttler, der einen Splitter im Oberschenkel hat, noch im Fleisch, nicht im Knochen, und der noch laufen kann, wenn er sich auf einen abgebrochenen Birkenast stützt. Dann den Sanitätsunteroffizier Braun, der eigentlich unser Sanitäter war und jetzt selbst einen Verband um die linke Hand trägt. Ihm fehlt der kleine Finger der linken Hand, und er hat sich selbst verbunden, was unter normalen Umständen bemerkenswert wäre. Aber hier im Kessel ist es bloß ein weiteres Detail. Und dann ist da noch der Gefreite Hettig, der beim letzten Granatwerfereinschlag auf dem Weg vor zwei Tagen eine Gehirnerschütterung bekommen hat und der manchmal mitten im Laufen stehen bleibt und um sich schaut, als wäre er woanders. Messig führt ihn dann an der Schulter weiter.
Niemand spricht darüber, was mit den Verwundeten wird, wenn wir irgendwo festsitzen. Es ist klar, dass wir nichts haben, um sie abzuholen. Es ist klar, dass kein LKW durch diesen Wald kommt. Es ist klar, dass wenn die Russen uns einholen, die Verwundeten zurückbleiben müssen. Niemand sagt das laut. Es liegt einfach in der Luft, wie der Mückengeruch und der Moderuch, und man atmet es mit. Und denkt nicht weiter daran. Die Fichten werden dichter. Hier ist der Boden etwas fester. Zwischen den Stämmen liegt Moos. Dunkelgrünes, weiches Moos, das meine Stiefel dämpft. Es wäre fast schön, wenn man es sich leisten könnte, es schön zu finden.
Jetzt hören wir von Südwesten her Schüsse, Maschinengewehrfeuer, kurze Garben, eine Antwort aus Karabinern, dann Stille, dann wieder das Maschinengewehr. Oberleutnant Frenzel hebt die Hand. Halt. Wir stehen. Der Westfale lässt das MG42 sinken und kniet im Moos. Ich gehe in Deckung hinter einer Fichte, groß genug, dass sie einen Mann versteckt. Das Schießen hört auf. Frenzel wartet zwei Minuten. Ich zähle sie an meinen Fingern, wie ich es gelernt habe, und setzt sich dann wieder in Bewegung. Wir weichen nach Norden aus ein Stück, dann biegen wir wieder westwärts. Frenzel sagt kein Wort, er läuft einfach, und wir folgen.
Ich denke an Wasser. Das tue ich die meiste Zeit. Wasser und Schlaf, das sind die beiden Dinge, die ich mir wünsche, wenn ich mir überhaupt etwas wünsche. Das Kochgeschirr an meinem Koppel ist halb voll. Ich habe es heute früh gefüllt. Das Wasser aus dem Sumpf hier schmeckt nach Erde und nach etwas Scharfem, das vielleicht Tannin oder vielleicht etwas anderes ist, aber es ist flüssig, und ich werde es trinken, bevor der Nachmittag zu Ende ist. Die Hitze, das ist der andere Faktor. Juli in Weißrussland, tagsüber über 30 Grad im offenen Gelände, auch im Wald schwüle 25, 26 Grad. Man schwitzt ständig. Ich spüre das Salz in den Augen. Der Uniformkragen kratzt, wo der Schweiß getrocknet ist und wieder nass wird.
Vor mir bricht Kroll plötzlich aus der Kolonne und geht zwei Schritte zur Seite. Ich denke, er kotzt. Das ist normal. Manche kotzen einfach irgendwann. Aber er kniet nicht. Er bückt sich nur. Dann sehe ich, was er gesehen hat. Ein Stück Brot. Ein halber Zwieback oder was mal ein Zwieback war, liegt zwischen zwei Wurzeln im Moos. Kroll nimmt ihn auf, dreht ihn um in der Hand, betrachtet ihn kurz. Er steckt ihn in den Mund und läuft weiter. Er sagt kein Wort. Ich sage auch keins. Gegen Mittag, schätze ich, die Sonne ist irgendwo hinter den Baumkronen, ich sehe keine Sonne, aber die Helligkeit hat die Art von Mittagsschwere, die man nach Jahren kennt, kommen wir an einen kleinen Bachlauf. Nicht tief. Das Wasser steht kaum knöchelhoch, aber es fließt. Frenzel hält an. Er dreht sich um und sieht uns an. Er nickt einmal. Das bedeutet fünf Minuten.
Wir stürzen uns auf den Bach. Ich knie im Bach und halte das Kochgeschirr unter den Strahl. Das Wasser ist klar. Keine Trübung, kein Geruch, klares Fließwasser. Ich trinke zuerst mit dem Kochgeschirr drei, vier große Schlucke ohne nachzudenken. Dann fülle ich es auf. Dann wasche ich mir das Gesicht. Das Wasser ist kalt gegen die Hitze des Gesichts, und für einen Moment ist alles andere weg. Der Kessel, Minsk, die Katjuschas, die 40 Mann, die Verwundeten. Für einen Moment ist da nur das kalte Wasser. Der Sanitäter Braun sitzt neben mir und taucht seine verbundene Hand ein. Der Verband wird nass. Er sieht mich an, schulterzuckend. Was soll man machen? Wir haben keine frischen Verbände mehr. Wir haben fast nichts mehr. Die Sanitätstasche, die ich bei mir trage, enthält drei Verbandpäckchen, eine Tube Perhydrol, zwei Sulfonamidtabletten und einen leeren Morphiumspritzenbehälter. Das war es.

Der Westfale hat seinen Stiefel ausgezogen und hält den Fuß im Bach. Ich sehe eine Blase an der Ferse, so groß wie eine 20-Pfennig-Münze. Er schaut darauf, sagt nichts, zieht den Stiefel wieder an. Schöttler, der Gefreite mit dem Splitter im Oberschenkel, trinkt und trinkt, das Kochgeschirr immer wieder ins Wasser tauchend, und ich wundere mich, wie viel er trinkt. Und dann denke ich, der Körper weiß, was er braucht. Die fünf Minuten sind vorbei. Frenzel pfeift einmal kurz. Wir stehen auf. Jetzt am Nachmittag ändert sich der Wald. Die Fichten weichen Erlen und Espen, und der Boden wird wieder weicher, und dann weicher noch. Und dann stehen wir auf einmal an einem Rand, nicht an einer Lichtung, sondern an einem Sumpf. Nicht der übliche Moderstreifen am Bach, sondern ein richtiger Sumpf, 20, 30 Meter breit, mit Schilf und stehendem schwarzen Wasser und Torfmoospolstern, die man nicht betreten kann, weil man sofort einsinkt.
Frenzel steht am Rand und starrt. Der Sumpf zieht sich nach links und nach rechts durch den Wald, soweit man sehen kann. Kein Ende. Wir könnten nördlich umgehen oder südlich. Beides kostet Zeit, die wir vielleicht nicht haben. Der Lärm der Katjuscha ist näher geworden. Nicht viel näher, aber hörbar näher. Ein Mann aus der Gruppe der Feldherrnhalle-Leute, ein Unteroffizier, der keinen Beinamen hat, den wir nur den Langen nennen, weil er einen Kopf größer ist als alle anderen, tippt Frenzel auf die Schulter und zeigt nach links. Dann macht er ein Zeichen mit der Hand: Umweg. Frenzel nickt. Wir gehen nach links, dem Rand des Sumpfes entlang und suchen eine Stelle zum Überqueren. Es dauert eine Dreiviertelstunde. Dann findet Gefreiter Schöttler eine Stelle, an der Birken umgefallen sind und quer über dem Sumpf liegen. Die Stämme sind morsch, halb verrottet, aber sie tragen noch Gewicht. Einer nach dem anderen gehen wir darüber. Der morsche Birkenast, auf dem sich Schöttler stützt, bricht, und er fällt zur Seite, fast in den Sumpf. Messig fängt ihn. Alle kommen rüber. Alle. Ich bin der letzte. Und als ich drüben stehe, atme ich kurz durch die Nase. Dann hören wir die Flugzeuge.
Nicht ein Flugzeug, mehrere. Das tiefe Brummen kommt von Osten, und es schwillt schnell an. Und bevor Frenzel irgendetwas sagen kann, schreit Messig: „Deckung!“ Und ich werfe mich in das Gestrüpp neben dem Sumpfrand, und alle anderen tun dasselbe. Und die Iljuschins, Schlachtflieger, Iljuschin Sturmovik, wir kennen sie zu gut. Wir nennen sie Zementbomber oder einfach den schwarzen Tod. Sie kommen tief über den Baumkronen, so tief, dass ich die roten Sterne auf den Unterseiten sehe. Drei Maschinen. Sie fliegen eine Linie nach Westen. Sie sehen uns nicht, oder sie interessieren sich nicht für uns. Eine Handvoll Männer im Wald ist kein lohnenswertes Ziel, wenn irgendwo ein Tross auf einer Straße steht. Wir hören ihre Kanonen in der Ferne, kurze Salven, dann sind sie weg. Ich liege im Gestrüpp und warte, bis das Motorgeräusch ganz verklungen ist. Dann stehe ich auf. Der Westfale hat das MG42 auf die Erde gelegt und liegt noch flach. Ich trete leicht gegen seinen Stiefel. Er sieht mich an. Er steht auf. Weiter.
Die Schatten werden länger. Der Abend kommt, was im Juli bedeutet, dass es noch lange hell bleibt. Aber die Wärme des Tages lässt langsam nach. Der Schweiß auf meiner Uniform beginnt zu kälten. Mein Karabiner 98k. Ich habe ihn zwölf Stunden getragen, ohne ihn zu schießen. Er liegt auf meiner Schulter und fühlt sich schwerer an, als er ist. Das ist die Müdigkeit. Die Müdigkeit macht alles schwerer. Die Waffe, die Stiefel, die eigenen Arme. Frenzel hat eine Pause angeordnet. Wir sitzen zwischen den Bäumen, jeder an seinem Platz, und essen, was wir haben. Ich habe noch zwei Hartkeks. Die esse ich sehr langsam, schiebe sie weit in den Backenzahn und lasse sie dort werden, bis sie weich genug sind, um nicht zu brechen. Die Hartkeks im Kessel sind aus einer anderen Zeit, aufgestempelt mit einem Datum, das ich nicht mehr lesen kann, weil das Papier nass geworden und getrocknet ist. Sie schmecken nach nichts, aber sie sind kalorisch. Das ist alles, was zählt.
Der Unteroffizier Messig sitzt neben mir und raucht die letzte Hälfte einer Zigarette, die er offenbar seit Stunden in der Brusttasche aufbewahrt hat. Der Rauch riecht gut. Ich sage: „Gib mir einen Zug.“ Er reicht sie mir wortlos. Ich nehme einen tiefen Zug. Der Rauch brennt in der Lunge, warm und scharf. Ich gebe die Zigarette zurück. Messig sagt leise, sehr leise, fast als würde er nicht mit mir reden: „Glaubst du, da ist noch eine Lücke?“ Ich sage: „Weiß ich nicht.“ Er sagt: „Frenzel sagt, es gibt eine Lücke bei Zernanixa oder irgendwo da, eine Stelle, wo die Russen den Kessel noch nicht dicht haben.“ Ich sage: „Frenzel weiß das von wem?“ Er sagt nichts. Das ist die Sache mit den Informationen im Kessel. Niemand weiß irgendetwas mit Sicherheit. Man hört etwas von jemandem, der es von jemandem gehört hat, der es auf einem Funkgerät aufgeschnappt hat. Das Funkgerät unseres Zuges ist seit vier Tagen kaputt. Der Funker Lehmann hat versucht, es zu reparieren, aber das Gerät hat zu viel Feuchtigkeit abbekommen. Irgendetwas im Innern funktioniert nicht mehr, und Lehmann ist kein Nachrichtentechniker. Er kann es nicht reparieren. Wir laufen blind. Wir laufen nach Westen, weil Westen die Richtung ist, in der die deutschen Linien sein müssen, falls es noch deutsche Linien gibt.
Die Nachrichten, die wir haben, sind von vor einer Woche. Minsk war die Grenze. Wenn Minsk hält, hält der Kessel. Minsk ist nicht gehalten. Minsk ist am 3. Juli gefallen. Das haben wir durch eine Offiziersgruppe erfahren, die uns auf einer Waldstraße entgegenkam. Nicht entgegenkam, uns überrollte, ist das richtige Wort, und an uns vorbeistürzte wie ein Bergbach. Einer hat aus einem Fahrzeugfenster geschrien: „Minsk ist weg!“ Und dann waren sie vorbei. Ich weiß nicht, wie viele Männer im Kessel sind, Zehntausende, vielleicht Hunderttausend. Man hört Zahlen, und man glaubt ihnen nicht. Was ich weiß: Wir sind alle irgendwo in diesen Wäldern, und die Russen ziehen den Ring zu, und die Frage ist nur noch, wer schneller ist.
Wir setzen uns nach der Pause wieder in Bewegung. Die Dämmerung kommt langsam. Im Halbdunkel des Waldes sieht alles gleich aus, aber Frenzel hat einen Kompass und navigiert danach. Im Westen, sagt er, liegt die Beresina. Wenn wir die Beresina überqueren, haben wir eine Chance. Er sagt es so, wie man etwas sagt, das man selbst nicht glaubt. Aber er sagt es. Die Katjuschaven sind jetzt von Norden her zu hören, Nordwesten. Das Brummen der Raketenwerfer ist nicht wie Artillerie. Es ist ein anderes Geräusch. Ein Fauchen, Pfeifen, das in Wellen kommt, nicht in einzelnen Schüssen. Und die Einschläge fallen in schneller Folge wie ein Trommelwirbel, der die Erde aufwühlt. Wir gehen weiter. Der Wald wird dichter. Dann ein Schuss nah, sehr nah. Von links, vielleicht 50 Meter. Alle werfen sich nieder. Ich bin schon auf dem Boden, der Karabiner in der Hand, aber ich sehe nichts. Dunkle Stämme, schattiges Gestrüpp. Der Westfale hat das MG42 an die Schulter genommen, sucht einen Winkel. Frenzel hebt den Arm. Warten. Stille, 30 Sekunden. Keine weiteren Schüsse. Frenzel gibt ein Zeichen nach links. Sicherung. Kroll und zwei andere Männer von der Feldherrnhalle-Gruppe schwingen nach links. Ich folge Messig, der nach rechts geht. Wir flankieren die Stelle.
Was wir finden, ist kein russischer Posten. Es ist ein einzelner Mann, ein Deutscher, der allein zwischen den Wurzeln einer alten Fichte liegt. Er hat in die Luft geschossen. Er hat seinen Karabiner auf uns gerichtet gehabt. Auf uns, auf Deutsche, weil er uns für Partisanen gehalten hat. Er ist bärtig, dreimal so dreckig wie ich. Und als Frenzel auf Deutsch auf ihn einredet, schaut er uns alle so an, als würde er sich nicht sicher sein, ob wir wirklich existieren. Sein Name? Gefreiter Horst Weidler. Irgendein Regiment, das er nicht mehr zusammenbringt. Er ist seit acht Tagen allein im Wald. Acht Tage. Er hat in dieser Zeit zwei Pilze gegessen und Baumrinde und Sumpfwasser. Er ist noch am Laufen. Kaum. Messig gibt ihm etwas Wasser. Weidler trinkt und sagt dann nichts mehr. Er setzt sich einfach in unsere Kolonne, mittendrin zwischen Schöttler und dem Langen. Wir marschieren weiter.
Die Nacht im Kessel ist laut. Man denkt, dass die Nacht ruhiger wäre, aber das stimmt nicht. Die Russen schießen nachts auch. Die Artillerie schläft nicht. Irgendwo weit weg, Kilometer, viele Kilometer, brennt der Horizont rötlich. Minsk vielleicht oder ein Dorf, das brennt. Hier brennt immer irgendwas. Wir schlafen in zwei Wachen. Ich habe die erste Wache. Von Mitternacht bis 2 Uhr früh, wenn die Helligkeit noch nicht zurückgekehrt ist. Ich sitze an einem Baumstamm, das Gewehr quer über den Knien und lausche. Der Wald ist voller Geräusche. Äste, die brechen, Tiere, die sich bewegen. Einmal sehr nah, das Knacken von Schritten im Moos. Ich hebe den Karabiner. Das Geräusch kommt näher, und dann sehe ich ein Reh. Es steht am Rand einer kleinen Lichtung und sieht mich an. Dann dreht es sich um und geht. Ich lasse den Karabiner sinken und denke einen Moment daran, wie man ein Reh ohne Schuss erlegen könnte. Dann lasse ich den Gedanken fahren. Zu laut, zu riskant. Und ich bin zu müde, um Feuer zu machen.
Der zweite Tag im Wald. Oder ist es der dritte? Der vierte beginnt mit Regen. Nicht der starke Gewitterregen, der hier manchmal die ganze Hitze auf einmal wegspült, sondern ein langsamer, gleichmäßiger Regen, der von den Baumkronen tropft, in den Kragen rinnt, in die Stiefel sickert. Ich hatte meine Stiefel über Nacht ausgezogen, um die Blasen trocknen zu lassen. Das war falsch. Die Strümpfe sind jetzt kalt und nass, und die Blasen sind weicher geworden und tun weh. Schöttler kann nicht mehr laufen. Das ist die Botschaft des Morgens. Er hat die ganze Nacht auf dem Rücken gelegen und nicht geschlafen, sagt er, weil das Bein zu weh tat. Jetzt ist der Oberschenkel geschwollen, der Verband verfärbt, braun. Der Sanitäter sieht es an und sagt: „Das Splitterstück muss raus. Nicht jetzt.“ Er hat kein Werkzeug dafür. Kein Messer ist scharf genug, keine Zange. Er sagt, wenn er Fieber bekommt, muss er liegen bleiben. Frenzel hört das. Er nickt. Er sieht Schöttler an. Schöttler sieht Frenzel an. Es ist ein langer Blick. Schöttler sagt: „Ich komme schon irgendwie mit.“ Frenzel sagt: „Wir tragen sie, solange wir können.“ Zwei Mann nehmen Schöttler zwischen sich, seine Arme über ihre Schultern. Es verlangsamt uns. Wir marschieren langsamer als vorher, was bedeutet, dass wir langsamer als die Russen marschieren. Und das ist ein Problem, über das wir nicht laut reden.
Gegen Mittag hören wir wieder Kampflärm. Diesmal nah, sehr nah. Vielleicht 500 Meter. Maschinengewehrfeuer, das MG42, ist zu erkennen an der hohen Feuerrate. Dieses sägende, reißende Geräusch, das man überall erkennt. Also sind noch andere Deutsche irgendwo hier im Wald. Frenzel versucht, auf das Geräusch zuzugehen. Wir biegen nach Süden ab. Nach 20 Minuten Laufen stoßen wir auf eine Gruppe, vielleicht 30 Mann. Gemischte Einheiten. Ich sehe Infanterieabzeichen, Artillerie-Kokardenstreifen, einen Mann mit den Schulterstücken der Pioniere. Sie liegen an einem Waldrand und schießen Richtung Osten. Ich sehe nicht, worauf sie schießen. Ich sehe den Oberleutnant, der die Gruppe führt. Jüngere Augen als Frenzel, hageres Gesicht, brauner Dreck am Kragen. Und der Oberleutnant sagt uns, was los ist. Eine russische Vorabteilung. Kleine Gruppe, vielleicht ein Zug Infanterie plus ein leichtes Fahrzeug, hat die Waldstraße besetzt. Die einzige Waldstraße, die nach Westen führt. Das ist die Kerninformation. Die Straße ist blockiert. Frenzel sagt: „Wie viele Schützen?“ Der andere Oberleutnant sagt: „25.“ Frenzel sieht den Westfalen an. Der Westfale hat das MG42 bereits abgelegt und kalibriert es in Ruhe, als würde er etwas Handwerkliches tun. Er ist gut mit dem Ding. Sehr gut. Ich habe es viele Male gesehen. Er legt an, er wählt eine Position hinter einem umgefallenen Stamm.
Der Angriff dauert sechs Minuten. Ich sage das, weil es sich nicht wie sechs Minuten anfühlt. Es fühlt sich an wie 20 und es fühlt sich an wie zwei, je nach Moment. Die ersten 30 Sekunden laufe ich vorwärts und schieße zweimal auf eine Stelle im Gestrüpp, wo ich eine Bewegung gesehen habe. Ob ich irgendjemanden treffe, weiß ich nicht. Dann liegt ein russischer Soldat zehn Meter vor mir auf dem Boden. Ich sehe den Helm. Ich springe über einen Entwässerungsgraben. Dann gibt es einen Moment, in dem das Maschinengewehrfeuer aufhört, und ich weiß nicht, ob das Westfalens MG ist oder das russische. Es ist das russische. Das russische Maschinengewehr ist verstummt, weil Kroll und zwei andere Männer von der Seite auf die Stellung gestürmt sind und den Schützen mit dem Kolben niedergeschlagen haben. Ich höre das Schreien. Dann Stille. Wir halten die Straße.
Es ist eine Waldstraße, nicht mehr. Zwei parallele Fahrspuren im Sand und Lehm. Dazwischen hohes Gras. Aber es ist eine Straße, und sie führt nach Westen. Und das ist für diesen Augenblick alles, was zählt. Wir sammeln, was wir auf der Stellung finden. Patronen, sowjetische, nutzlos für uns, da wir keine Gewehre haben, in die sie passen. Zwei Konservendosen mit eingelegtem Fleisch, sowjetisches Armeefleisch, Brot, halb aufgegessenes russisches Schwarzbrot, eine Feldflasche Wasser. Das alles wird verteilt. Das Schwarzbrot ist zäh und zu salzig, aber ich esse es, und es gibt keinen Gedanken der Ablehnung. Kroll hat eine russische Pistole aufgehoben. Er schaut sie an, lässt das Magazin herausfallen, schiebt es wieder ein. Er steckt sie in seinen Koppel. Niemand sagt etwas. Der tote russische Maschinengewehrschütze liegt neben der Straße. Ich sehe ihn kurz an. Er ist jung, sehr jung. Vielleicht 17, 18 Jahre alt. Er trägt noch den Helm. Sein Gesicht sieht aus, als würde er schlafen, aber die Lage seines Körpers ist falsch. Zu unnatürlich für jemanden, der schläft. Ich wende mich ab.
Wir setzen uns auf der Straße in Bewegung. Westwärts. Der Regen hat aufgehört. Die Sonne schlägt durch Wolkenlücken, und der nasse Wald dampft. Der Dampf steigt zwischen den Bäumen auf, weiß und still. Und es sieht aus wie Nebel, aber es ist nur Wasser, das verdampft, weil die Sonne auf die nasse Erde scheint. Schöttler schleppt sich wieder mit dem Birkenast. Das Bein zieht er nach. Er hat kein Fieber, sagt er. Er hat vielleicht Fieber. Ich sehe es in seinen Augen, dieses leichte Glasige, das ich kenne. Aber er läuft, und solange er läuft, ist er kein Problem, das wir lösen müssen. Der Lange, der Unteroffizier von der Feldherrnhalle, geht jetzt neben mir. Er ist ein ruhiger Mensch, kaum 20 Jahre alt. Er hat mir erzählt, dass er aus der Gegend bei Augsburg kommt, beim zweiten Mittagslager, als die Zungen etwas lockerer waren. Jetzt sagt er: „Glaubst du, sie halten einen Übergang offen?“ Ich sage: „Irgendwo müssen sie einen Übergang offen halten.“ Er sagt: „Die Pioniere der Heeresgruppe haben eine Notbrücke über die Beresina gebaut.“ Das habe ich gehört. Ich sage: „Das habe ich auch gehört.“ Die Beresina, ich weiß, was das bedeutet. Die Beresina ist kein kleiner Bach. Die Beresina ist ein Fluss, breit genug, dass man das andere Ufer von diesem Ufer aus nicht immer sieht. Und die Pioniere haben eine Notbrücke gebaut, aber die Russen beschießen alles, was sich bewegt, und die Schlachtflieger sind in der Luft.
Auf der Straße sehe ich das Trümmerfeld. Ein ausgebranntes Fahrzeug steht am Straßenrand. Eine Seite eingedellt, die Reifen geschmolzen. Dahinter ein umgekippter Versorgungswagen. Das Pferd noch im Geschirr, das Pferd tot, aufgebläht schon, von Fliegen umgeben. Der Geruch trifft mich wie eine Mauer. Das ist der Geruch, der sich über alles andere legt. Verbranntes Metall, verbranntes Gummi und darunter das Süße und Scharfe des toten Tieres. Wir gehen vorbei. Die Trümmer sind überall. Ausgebrannte LKW, aufgegebene Geschütze, die Verschlüsse demontiert, Feldtelefonkabel, das über die Straße liegt wie totes Gestrüpp. Überall Papier, aufgeweicht vom Regen, unlesbar. Irgendwann lag hier ein geregelter Tross, ein funktionierender Versorgungsapparat. Jetzt ist das alles Schrott und Müll. Der Westfale sieht das und sagt: „Wann ist das passiert?“ Ich sage: „Keine Ahnung. Vor drei Tagen, vor fünf.“ Er sagt: „Die Schlachtflieger.“ Ich nicke. Die Schlachtflieger sind das, was das meiste zerstört hat. Die Iljuschins kommen tief, sehr tief, fast auf Dachhöhe der Bäume, und schießen mit ihren Kanonen und werfen Bomben. Und ein Tross auf einer Straße ist dafür ein Paradeziel. Eine einzelne Iljuschin kann eine Kolonne von zehn Fahrzeugen in einer Minute in Schrott verwandeln.
Wir laufen weiter. Am späten Nachmittag, als die Sonne tiefer steht und durch die Bäume schrä


