Die Ostsee war eisgrau an jenem 16. Oktober 1944, als die Rote Armee mit drei Armeen entlang der Küste nach Westen stieß und die letzte Landverbindung der Heeresgruppe Nord zum Reich zertrennte. Innerhalb von Stunden verwandelten sich fast 300.000 deutsche Soldaten in die Besatzung einer operativen Insel, abgeschnitten auf der Halbinsel Kurland, ohne Landkorridor, ohne Rückzugsmöglichkeit, ohne strategische Rückbindung an die Fronten, die längst auf das Reich selbst zurückrollten. Was folgte, waren acht Monate der härtesten, methodischsten und in ihrer operativen Konsequenz bis heute unterschätzten Defensivkämpfe des gesamten Zweiten Weltkrieges, ein Kessel, der nicht zusammenbrach, sondern bis zur Kapitulation am 8. Mai 1945 kämpfte.
Die geographische Realität der Halbinsel Kurland muss man sich präzise vor Augen führen, um die Defensivleistung der eingekesselten Verbände überhaupt bewerten zu können. Kurland ist kein kompaktes Verteidigungsviereck, sondern ein Streifen lettischen Territoriums zwischen der Ostsee im Norden und Westen und dem Rigaischen Meerbusen im Osten, mit einer Frontlinie, die sich über nahezu 200 Kilometer erstreckt. Das Gelände ist durchzogen von Wäldern, Sümpfen, Flüssen und Niederungen, die im Herbst und Winter zu Schlammfeldern werden, welche gepanzerten Verbänden die Bewegung nahezu unmöglich machen. Diese Geographie ist ein zweischneidiges Schwert, sie begrenzt die sowjetischen Angriffsmöglichkeiten auf wenige Korridore, kanalisiert die Masse der Sturmkräfte und erlaubt dem Verteidiger mit deutlich geringeren Kräften eine überproportional lange Front zu halten, aber sie macht gleichzeitig jeden operativen Gegenstoß, jede Tiefengliederung, jede Flexibilität in der Verteidigung zu einem logistischen und taktischen Kraftakt.
Die 16. Armee und die 18. Armee bilden das Rückgrat der eingeschlossenen Kräfte, beide Armeen sind im Oktober 1944 erschöpfte Verbände, die seit Jahren ohne operative Pause im Abnutzungskampf stehen. Die Divisionen, die auf dem Papier als vollständig gelten, führen in der Realität oft nur noch die Kampfkraft eines Regimentes, die Infanteriedivisionen, die in Kurland kämpfen, sind Gebilde, die durch Zusammenlegungen, Umbenennung und permanente Auffrischung mit Ersatzkräften zusammengehalten werden. Die 73. Infanteriedivision, die 11. Infanteriedivision, die 12. Infanteriedivision, die 30. Infanteriedivision, die 4. Panzerdivision, die 24. Panzerdivision, sie alle stehen für eine Verteidigungsleistung, die nicht durch die Größe der Einheiten, sondern durch die Qualität ihrer verbleibenden Kader erklärbar ist.
Die erste Kurlandschlacht beginnt praktisch zeitgleich mit der Einkesselung, zwischen dem 15. und 30. Oktober 1944 versucht die sowjetische 2. Baltische Front unter Generaloberst Jeremenko, die frisch abgeschnittenen deutschen Verbände in einem Zustand des operativen Schocks zu überrennen, bevor sie sich organisieren können. Die Stoßrichtung ist klar, ein Durchbruch in Richtung Libau, dem einzigen bedeutenden Hafen an der westlichen Küste Kurlands, würde die gesamte Versorgungsbasis der Heeresgruppe vernichten und die Kapitulation erzwingen. Die Infanteriedivisionen der 16. Armee müssen eine Front halten, während gleichzeitig die Logistikstruktur, die Befehlsstruktur und die Kommunikationslinien komplett neu aufgebaut werden, es ist ein Kunststück, das unter anderen Umständen als unmöglich gelten würde, aber die erfahrenen Divisionskommandeure und die Qualität des verbleibenden Unteroffizierkorps ermöglichen es. Die sowjetischen Angriffe werden absorbiert, Libau bleibt in deutschen Händen, der Hafen, der in den folgenden Monaten die Lebensader der Heeresgruppe sein wird, ist gerettet.
Hier muss man innehalten und die politisch-strategische Dimension der Lage analysieren, weil diese den Kontext für alles folgende liefert. Generaloberst Guderian, seit Juli 1944 Chef des Generalstabes des Heeres, ist zu diesem Zeitpunkt in einem anhaltenden und brutalen Konflikt mit Hitler über die Verwendung der in Kurland eingeschlossenen Kräfte. Guderians Position ist operativ schlüssig und in ihrer Logik kaum angreifbar, die 30 Divisionen, die in Kurland gebunden sind, werden dort für die Gesamtverteidigung des Reiches nicht genutzt, sie kämpfen gegen eine irrelevante Nebenfront, halten Terrain, das strategisch wertlos ist und kosten Ressourcen, die an den Hauptachsen des sowjetischen Vormarsches entscheidend sein könnten. Guderian fordert die Evakuierung der Heeresgruppe über die Ostsee, ihren Transport in die Weichsellinie und ihren Einsatz zur Stabilisierung der deutschen Defensive in Polen und Ostpreußen, die mathematische Grundlage dieser Forderung ist unanfechtbar, 30 Divisionen auch in ihrem reduzierten Zustand würden an der Weichsel oder in Ostpreußen einen qualitativen Unterschied machen können, in Kurland machen sie keinen qualitativen Unterschied für den Gesamtkrieg, sie binden lediglich eine ungefähr vergleichbare sowjetische Kraft.
Hitlers Weigerung ist in ihrer strategischen Begründung komplex und in ihrer operativen Konsequenz fatal, er argumentiert mit der Sicherung der Ostseeverbindungen für die Übungsgebiete der U-Bootflotte, mit dem politischen Signal einer deutschen Präsenz in der baltischen Region und in seinen privateren Äußerungen mit der irrationalen Hoffnung, dass Kurland als Ausgangsbasis für eine künftige Offensive nach Osten dienen könnte. Keines dieser Argumente hält einer operativen Prüfung stand, die U-Bootausbildungsbasis in der Ostsee ist zu diesem Zeitpunkt durch die alliierte Luftüberlegenheit und die Rüstungsengpässe bereits so stark kompromittiert, dass Kurland keinen entscheidenden Unterschied macht, die Hoffnung auf eine Offensive aus dem Brückenkopf heraus ist in der Realität des Winters 1944/45 und des Frühjahrs 1945 absurd. Was bleibt ist ein politisch-psychologisches Kalkül Hitlers, das auf der Unfähigkeit basiert, Terrain aufzugeben und auf dem zunehmend irrationalen Glauben, das Halten um des Haltens willen besitze strategischen Wert. Das Ergebnis dieses Konflikts ist, dass die Heeresgruppe in Kurland bleibt, sie wird umbenannt, im Januar 1945 erhält sie die Bezeichnung Heeresgruppe Kurland und sie kämpft weiter, Guderian beantragt in den folgenden Monaten mehrfach die Evakuierung, jedes Mal mit zunehmender Dringlichkeit und jedes Mal mit der gleichen Ablehnung durch Hitler.
Die Divisionen in Kurland werden im Laufe des Winters und des Frühjahrs zwar mehrfach durch Seetransporte teilweise aufgefrischt, aber der Grundwiderspruch, die operative Brachlegung von 30 Divisionen an einem irrelevanten Brennpunkt, bleibt bestehen bis zur Kapitulation. Die zweite Kurlandschlacht findet zwischen dem 22. Oktober und dem 23. November 1944 statt und ist in ihrer Intensität ein Schritt über die erste hinaus, die Sowjets haben die Einkesselung nun als dauerhaft akzeptiert und beginnen ihre Angriffe systematisch zu organisieren. Die 2. Baltische Front wird durch Kräfte verstärkt und die Angriffe zielen nun auf mehrere Abschnitte der deutschen Frontlinie gleichzeitig, die taktische Herausforderung für die Divisionskommandeure ist die Frage der Reserven, in einer Frontlinie, die bei manchen Divisionen auf Frontbreiten von 15 bis 20 Kilometern pro Division hinausläuft, gibt es keine echten operativen Reserven. Was existiert sind kleine taktische Reserven auf Bataillonsebene, die von einem Einbruch zum nächsten geschleppt werden, die Defensivtaktik, die sich in Kurland herausbildet, ist das Produkt bitterer Erfahrung und operativer Not.

Das Grundprinzip ist das der elastischen Verteidigung, aber angepasst an eine Situation ohne Ausweichmöglichkeit, die Hauptkampflinie wird mit dem Minimum an Kräften besetzt, das zur Feueraufrechterhaltung notwendig ist, bei einem schweren sowjetischen Angriff wird taktisch ausgewichen, um die Stoßkraft zu brechen, aber jeder Geländeverlust muss durch sofortigen Gegenstoß zurückgewonnen werden, weil die Fronttiefe zu gering ist, um Geländeverluste zu absorbieren. Das bedeutet, dass die deutschen Infanteriedivisionen ständig in Gegenstößen operieren müssen, die sie weiter schwächen, aber die alternativlos sind, ein sowjetischer Einbruch, der nicht sofort zurückgeworfen wird, kann die gesamte Verteidigungsstellung in einem Abschnitt zum Einsturz bringen. Die Artillerie spielt in Kurland eine zentrale Rolle, die in ihrer Bedeutung nicht überschätzt werden kann, die deutschen Divisionen verfügen über erfahrene Artilleriekommandeure und gut ausgebildete Beobachter, die in der Lage sind, konzentriertes Feuer schnell und präzise auf sowjetische Angriffsschwerpunkte zu lenken.
Die sowjetischen Angriffe werden in der Regel durch massive Artillerievorbereitung eingeleitet, Trommelfeuerphasen, die Stunden dauern und die Frontgrabensysteme förmlich zerpflügen, in der Tiefe dieser Feuerüberlegenheit liegt einer der Hauptnachteile der deutschen Verteidigung, die sowjetische Artillerie ist numerisch so überlegen, dass sie die deutsche Gegenartillerie in der Regel dominiert. Was die deutschen Verbände retten kann und tatsächlich rettet, ist die Qualität der Feuerleitung, die Erfahrung der Beobachter und die Tatsache, dass die sowjetischen Infanterieverbände, sobald sie aus der Deckung der Artillerievorbereitung heraustreten, unter präzisem deutschen Abwehrfeuer zusammenbrechen. Die dritte Kurlandschlacht vom 21. Dezember 1944 bis zum 21. Januar 1945 fällt in den tiefsten Winter und stellt die deutschen Verbände vor eine physische und logistische Herausforderung, die zur operativen hinzukommt, der kurländische Winter ist nicht so extrem wie der russische Winter weiter östlich, aber Temperaturen von 20 Grad unter Null, kombiniert mit dem Bodenfrost, der die Sümpfe und Niederungen überbrückt, verändern die taktische Situation erheblich.
Plötzlich sind Gelände begehbar, die im Herbst als natürliche Hindernisse galten, die sowjetischen Angreifer können nun breitere Frontabschnitte für ihre Stoßkeile nutzen, gleichzeitig erleichtert der gefrorene Boden das deutsche Stellungssystem, das nun tiefer und umfassender ausgebaut werden kann. In dieser dritten Kurlandschlacht ist die Kampfgruppe Kläffel, benannt nach dem Kommandeur des 21. Armeekorps, operativ besonders gefordert, die sowjetischen Angriffe im Abschnitt der 18. Armee zielen auf einen Durchbruch in Richtung Talsen, einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt im nordwestlichen Kurland. Die 18. Armee unter General Loch muss Reserven zusammenkratzen, die faktisch nicht vorhanden sind, Panzerjagdverbände, Pioniereinheiten, die umfunktioniert werden, Reste von Divisionen, die aus dem Erholungsraum herausgerissen werden, diese Flickenstruktur hält, weil die Erfahrung der Veteranen jede Lücke durch Feuerkraft und taktisches Geschick schließt, die die Masse nicht schließen kann. Am Ende der dritten Kurlandschlacht steht keine deutsche Niederlage, aber der Preis in Blut und Material ist hoch.
Die Logistik über die Ostsee ist der Schlüssel zum Verständnis der operativen Ausdauer der Heeresgruppe Kurland, ohne den permanenten Nachschubstrom über See wäre die Heeresgruppe innerhalb von Wochen operativ kollabiert. Die Kriegsmarine übernimmt in diesem Kontext eine Aufgabe, die sie bis dahin nicht in diesem Ausmaß zu erfüllen hatte, die vollständige logistische Versorgung einer eingeschlossenen Landstreitmacht über einen Seeweg von mehreren hundert Kilometern. Die Hauptversorgungsachse führt von den deutschen Ostseehäfen Danzig, Königsberg und Pillau nach Libau und Windau, diese Route, die im Herbst 1944 noch relativ sicher war, wird in den folgenden Monaten zunehmend gefährlicher. Die sowjetische Luftwaffe, vor allem die Fernbomberverbände, führt regelmäßige Angriffe auf die deutschen Konvois in der Ostsee durch, gleichzeitig operieren sowjetische U-Boote, die von den finnischen und estnischen Stützpunkten aus, die nun in sowjetischer Hand sind, in der südlichen Ostsee.
Die Kriegsmarine setzt zur Sicherung der Konvois Minensuchboote, Vorpostenboote und gelegentlich Zerstörer ein, die Verluste sind real, aber sie übersteigen nicht das Maß, das den Versorgungsstrom zum Erliegen brächte. Monat für Monat werden Munition, Treibstoff, Ersatzteile, Nahrungsmittel und Ersatzmannschaften nach Kurland transportiert, in den Spitzenphasen der großen Schlachten steigt der monatliche Versorgungsdurchsatz auf mehrere zehntausend Tonnen. Die Güterschiffe und Transportschiffe der Kriegsmarine und der zivilen deutschen Reedereien, die im Kriegsdienst stehen, werden dabei nicht selten von Kräften eskortiert, die für diese Aufgabe kaum geeignet sind, Torpedoboote, die eigentlich für offensive Operationen konzipiert wurden, leisten Geleitzugschutz, Vorpostenboote, die kaum größer als größere Fischereifahrzeuge sind, halten Wachdienst gegen U-Boote. Das Gesamtsystem ist improvisiert und ineffizient, aber es funktioniert, weil die Verluste tolerierbar bleiben und weil die Kriegsmarine die Priorität auf die Kurlandversorgung setzt, während die Kämpfe in der Ostsee im Winter 1944 ihren Höhepunkt erreichen.

Besonders kritisch ist die Frage der Munitionsversorgung, eine kämpfende Heeresgruppe in permanenter Defensive verbraucht Artilleriemunition in Mengen, die jeden friedenszeitlichen Planungsrahmen sprengen, die sechste Kurlandschlacht allein wird in ihrer Intensität Tagesverbrauchsmengen erreichen, die an die großen Schlachten des Ersten Weltkrieges erinnern. Jeder Schuss, der in Kurland fällt, muss über die Ostsee gebracht werden, jede Panzerfaust, jedes Infanteriepaket, jeder Liter Treibstoff für die verbliebenen Panzerkampfwagen ist das Ergebnis eines Transportzyklus, der über Nacht durch Minen und Luftangriffe und Kälte aufrechterhalten werden muss. Die vierte Kurlandschlacht vom 25. Januar bis zum 3. Februar 1945 markiert den Beginn einer Veränderung im sowjetischen Operationskonzept, mit dem Beginn der Weichseloffensive am 12. Januar 1945 wird deutlich, dass die sowjetische Heeresführung die Hauptentscheidung nun westlich sucht. Die Kräfte, die in Kurland eingesetzt werden, sind jetzt nicht mehr die erstklassigen Angriffsverbände, die man anderen Orts für den finalen Vorstoß auf Berlin benötigt, was weiterhin in Kurland angreift, sind Verbände der 2. Baltischen Front, die zwar numerisch stark, aber nicht die Elite der Roten Armee darstellen.
Das bedeutet nicht, dass die Kämpfe an Intensität verlieren, im Gegenteil, die vierte Kurlandschlacht ist in ihren lokalen Schwerpunkten außerordentlich heftig, aber die operative Absicht hat sich verschoben, es geht nun weniger um den vollständigen Zusammenbruch der Heeresgruppe als um die Bindung maximaler deutscher Kräfte, die anderen Orts fehlen würden. Für die deutschen Verbände ändert diese Lageentwicklung nichts an der Realität, sie kämpfen weiterhin mit dem Rücken zur Küste ohne Ausweichmöglichkeit gegen einen numerisch überlegenen Gegner. Die vierte Kurlandschlacht zeigt aber ein Phänomen, das operativ bedeutsam ist, die deutschen Infanteriedivisionen haben in den vorangegangenen Monaten eine Routinisierung ihrer Defensivprozeduren erreicht, die ihre Effizienz pro Kopf deutlich erhöht. Meldewege funktionieren präziser, die Artillerieregistrierung ist auf alle kritischen Geländepunkte vorbereitet, die Minensperren und Hindernisse vor der Hauptkampflinie sind systematisch ausgebaut, ein sowjetischer Kompaniesturm läuft nun in ein System aus vorregistrierten Sperrfeuerzonen, Minen und MG-Neststellungen hinein, das den Angreifer dezimiert, bevor er die Hauptkampflinie erreicht.
Die Panzerkampfwagen in Kurland, hauptsächlich Panzerkampfwagen IV, Sturmgeschütze und Jagdpanzer der 4. Panzerdivision und der 24. Panzerdivision sowie andere Panzerverbände, werden in einer für die Verteidigung ungewöhnlichen Weise eingesetzt, sie sind keine Reserveformationen für operativen Gegenstoß mehr, sondern weitgehend zu fahrenden Festungen degradiert, die Infanterieabschnitte in Schwerpunkten verstärken. Die Treibstofflage erlaubt keine ausgedehnten Bewegungen und die Geländebeschaffenheit Kurlands, vor allem im Frühjahr, als der Boden auftaut und die Sümpfe wieder unpassierbar werden, schränkt die Einsatzmöglichkeiten von Panzern ohnehin auf wenige Korridore ein, was bleibt, ist der Einsatz als Antitankplattform aus der Stellung heraus und die psychologische Stützfunktion für die Infanterie. Die fünfte Kurlandschlacht vom 20. Februar bis zum 19. März 1945 findet im Schatten der sich immer weiter verschlechternden Gesamtlage statt, die Sowjets stehen bereits tief in Pommern, Schlesien wird umkämpft und Ostpreußen wird systematisch abgewürgt.
Die Heeresgruppe Kurland kämpft jetzt in einer Situation, in der die Nachrichtenverbindungen zum Oberkommando der Wehrmacht immer sporadischer werden, in der Gerüchte über die Katastrophen im Westen die Moral der Truppe untergraben und in der die Frage, wofür man noch kämpft, immer schwieriger zu beantworten ist. Und doch kämpft man weiter, weil der Befehl lautet, die Stellung zu halten und weil die Alternative, die Kapitulation zu diesem Zeitpunkt noch nicht denkbar ist. In der fünften Kurlandschlacht zeichnet sich ein taktisches Muster ab, das charakteristisch für die gesamte Kampfführung in Kurland ist, die sowjetischen Angriffe beginnen mit Artillerievorbereitung von teils mehrstündiger Dauer, gefolgt von Infanterieangriffen mit Panzerunterstützung. Die ersten Angriffswellen treffen aufgelockerte deutsche Hauptkampflinien, die das Feuer ausweichen lassen und dann, wenn der Angriff in seine natürliche Schwungverlangsamung gerät, mit Gegenstoß auf Zug- und Kompaniebasis antworten, gleichzeitig versuchen die deutschen Artilleriebeobachter die hinter dem Kamm liegenden sowjetischen Bereitstellungen und Nachschubmärsche zu stören, bevor die nächste Angriffswelle kommt.
Dieses Muster, Angriff, partielle Überflutung, Gegenstoß, Stabilisierung, wiederholt sich in den fünf Monaten der großen Kurlandschlachten mit einer fast mechanischen Regelmäßigkeit und das Ergebnis ist, dass die Frontlinie sich in ihrer Grundstruktur kaum verändert. Die sechste und letzte Kurlandschlacht vom 16. März bis zum 3. Mai 1945 ist in ihrem zeitlichen Kontext von einer besonderen Tragik, sie findet statt, während Berlin bereits eingeschlossen ist, während die Wehrmacht im Westen kollabiert, während es politisch-strategisch keinen Zweifel mehr daran geben kann, dass Deutschland den Krieg verloren hat. Trotzdem greifen die sowjetischen Verbände an und die deutschen Divisionen halten, die Intensität der sechsten Kurlandschlacht übertrifft in manchen Abschnitten alle vorangegangenen, die sowjetische Führung will offensichtlich keine operativen Fragmente unerledigter Kräfte am Ende des Krieges zurücklassen. Die Angriffe werden mit verstärkter Artillerie und frischen Infanterieverbänden geführt, die sechste Kurlandschlacht bringt auch eine neue Qualität des Erschöpfungsgrades bei den deutschen Verbänden, die Divisionen, die im Herbst 1944 noch eine Kampfstärke von mehreren tausend Mann hatten, zählen nun oft wenige hundert Frontkämpfer.

Bataillone werden zu Kompanien, Kompanien zu Zügen, Züge zu Grüppchen von 20 bis 30 Mann, die dennoch militärische Disziplin wahren und sich nach vorgegebenen Befehlsgrundsätzen verhalten, es ist das Skelett einer Armee, die noch kämpft, weil ihr Funktionssystem, ihre Befehlsketten, ihre Versorgungsstrukturen, ihre Führungskultur intakt geblieben ist, auch wenn die Masse der Kampfkraft aufgezehrt ist. Das Ende des europäischen Krieges am 8. Mai 1945 führt in Kurland nicht sofort zur Waffenruhe, die Überlieferungen variieren, aber dokumentiert ist, dass Teile der Heeresgruppe Kurland die Kampfhandlungen erst nach Mitternacht des 8. Mai, einige Einheiten sogar erst am 9. Mai einstellen. Der Befehl zur Kapitulation wird von Generaloberst Hilbert, dem letzten Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Kurland, erst nach Erhalt und Bestätigung der Gesamtkapitulation weitergegeben, es gibt Berichte von einzelnen Einheiten, die den Funkbefehl nicht empfangen haben oder ihn nicht sofort umgesetzt haben. Das Bild ist das einer Armee, die buchstäblich bis zum Ende des Krieges operativ funktioniert hat, nicht weil sie militärisch nicht besiegt werden konnte, die zahlenmäßige Übermacht der Sowjets war massiv, sondern weil sie in einem defensiven Gleichgewicht gehalten wurde, das erst mit dem politischen Ende des Dritten Reiches zusammenbricht.
Die Kapitulationsverhandlungen auf kurländischem Territorium finden unter Bedingungen statt, die für die deutschen Soldaten die Frage von Kriegsgefangenschaft in sowjetischer Hand aufwerfen, die Mehrzahl der rund 125.000 bis 160.000 in Kurland verbliebenen deutschen Soldaten, die genaue Zahl variiert je nach Quelle und Zählmethode, geht in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Der Rückzug der letzten Einheiten aus Kurland zur See, der in den letzten Tagen und Stunden noch stattgefunden hat, hat einen Teil der Kräfte gerettet, aber die Mehrheit bleibt und die Gefangenschaft in sowjetischen Lagern bedeutet für viele den Tod durch Erschöpfung, Unterernährung und Krankheit in den folgenden Jahren. Die Frage nach der operativen Bedeutung der Heeresgruppe Kurland für den deutschen Gesamtkriegsverlauf lässt sich nüchtern beantworten, sie hatte keine, die Einkesselung und das Halten in Kurland haben den Kriegsausgang nicht beeinflusst, haben keine strategischen Entscheidungen ermöglicht und haben keine Ressourcen freigesetzt, die anderen Orts hätten entscheidend sein können.
Das Gegenteil ist wahr, die 30 Divisionen, die in Kurland kämpften, hätten an der Oder oder in Ostpreußen, an der Weichsel oder in Pommern möglicherweise den sowjetischen Vormarsch verlangsamen können, nicht stoppen, aber verlangsamen, sie hätten die Zeitlinie des Kriegsendes modifizieren können, nicht das Ergebnis, aber die zeitliche Sequenz. Stattdessen banden sie sich selbst in Kurland, die Sowjets ihrerseits haben in Kurland erhebliche Ressourcen eingesetzt, die anderen Orts fehlten, Schätzungen über die sowjetischen Verluste in den sechs Kurlandschlachten variieren stark, bewegen sich aber in der Größenordnung von mehreren hunderttausend Toten, Verwundeten und Gefangenen über den gesamten Zeitraum. Das bedeutet, dass die Heeresgruppe Kurland ihrem operativen Auftrag, Binden sowjetischer Kräfte, tatsächlich erfüllt hat, auch wenn dieser Auftrag von Hitler aus irrationalen politischen Gründen auferlegt worden war, nicht aus strategischer Kalkulation. Guderian hatte recht, dass eine Evakuierung sinnvoller gewesen wäre, aber wenn man die Heeresgruppe schon nicht evakuiert, dann hat sie in ihrer defensiven Funktion geleistet, was geleistet werden konnte.
Die operative Analyse der Kurlandkämpfe offenbart ein Grundprinzip der Defensivführung, das über den spezifischen Kontext des Zweiten Weltkrieges hinaus gültig ist, qualitative Überlegenheit in der taktischen Führungsebene kann eine quantitative Unterlegenheit über erstaunlich lange Zeiträume kompensieren, wenn das Gelände günstig ist, die Versorgung gesichert ist und die Befehlsstruktur intakt bleibt. Alle drei dieser Bedingungen waren in Kurland erfüllt, das Gelände begünstigte den Verteidiger, die Kriegsmarine sicherte den Versorgungsstrom und die Befehlsstrukturen der 16. Armee und der 18. Armee funktionierten bis zum Ende. Das Ergebnis ist eine Defensivleistung von einer Ausdauer, die in der Militärgeschichte des 20. Jahrhunderts kaum ein Pendant hat, was in Kurland zwischen Oktober 1944 und Mai 1945 geschehen ist, lässt sich nicht als Heldenepos erzählen, weil der Rahmen, in dem es geschah, das nationalsozialistische Deutschland war und weil die Soldaten für ein verbrecherisches Regime kämpften. Aber es lässt sich auch nicht ohne operativen Respekt betrachten, weil das, was diese Divisionen geleistet haben, die Organisation der Verteidigung unter vollständiger Einschließung über acht Monate gegen permanente Angriffe einer numerisch vielfach überlegenen Armee mit einer Logistikkette, die von einem einzigen Seeweg abhängig war, außerordentlich ist.
Es ist die Leistung eines Systems, das auf der Qualität seiner mittleren und unteren Führungsebene basierte, auf der Erfahrung von Veteranen, die seit Jahren im härtesten Krieg der Neuzeit kämpften und auf der Infrastruktur einer Kriegsmarine, die bis in die letzte Phase des Krieges die Seeverbindungen offenhielt. Das ist die operative Realität von Kurland, kein Triumph, keine sinnlose Opferung, eine Defensivleistung in einem strategisch sinnlosen Rahmen. Die Entscheidung Hitlers, diese Armeen im Baltikum zu opfern, bleibt eines der rätselhaftesten und folgenschwersten strategischen Versäumnisse des Zweiten Weltkrieges, ein Befehl, der Zehntausende von Soldaten in Gefangenschaft und Tod trieb, ohne dass das Reich auch nur einen strategischen Vorteil daraus zog. Die Heeresgruppe Kurland kämpfte, weil sie kämpfen musste, nicht weil ihr Kampf einen Sinn ergab, und sie hielt, weil ihre Führung und ihre Soldaten bis zum letzten Moment funktionierten, in einer Situation, die längst jede strategische Rationalität verloren hatte.

