Der eisige Wind fegt über das westliche Ufer des Dnjepr, als die ersten Überlebenden der 6. Armee in den frühen Morgenstunden des 8. Februar 1944 die provisorischen Pontonbrücken bei Welikaja Lepeticha überqueren. Hinter ihnen liegt ein Inferno, das die Geschichte bis heute nur am Rande verzeichnet hat. Rund 260.000 Soldaten der neu aufgestellten 6. Armee, jener Verband, dessen Vorgänger ein Jahr zuvor in den Trümmern von Stalingrad untergegangen war, klammern sich seit Oktober 1943 an einen schmalen Streifen Erde am linken Ufer des Dnjepr. Der Befehl aus Berlin lautete unmissverständlich: Halten. Adolf Hitler hatte persönlich entschieden, dass dieser Brückenkopf nicht aufgegeben werden darf. Der Grund liegt tief unter der gefrorenen Erde, die Manganerzgruben von Nikopol. Ohne dieses Erz, so glaubte der Diktator, würde die deutsche Stahlproduktion und damit die gesamte Rüstung des Reiches innerhalb von Monaten zusammenbrechen. Für dieses Erz sollten die Männer der 6. Armee stehen. Für dieses Erz sollten sie sterben.
Was sich zwischen Oktober 1943 und Februar 1944 am Nikopol-Brückenkopf abspielte, ist keine Niederlage im klassischen Sinne. Es ist keine Kapitulation wie an der Wolga. Die 6. Armee wird nicht eingeschlossen, nicht ausgelöscht, aber sie wird zerbrochen. Sie verliert zehntausende Männer, hunderte Geschütze, ihre Panzerverbände, ihre Beweglichkeit. Sie verliert das, was eine Armee zur Armee macht, ihre Substanz. Und sie verliert es nicht in einer großen Schlacht, sondern in einer monatelangen Agonie aus Stellungskämpfen, Durchbrüchen, verzweifelten Rückzügen über aufgeweichte Wege und reißende Flüsse. Es ist ein langsames, methodisches Ausbluten, das die nationalsozialistische Propaganda mit Schweigen übergehen wird und das in den späteren Geschichtsbüchern oft nur am Rande erscheint, als ein Glied in der langen Kette der Rückzüge des Ostheeres.
Die strategische Anfälligkeit dieser Stellung war jedem Stabsoffizier klar. Generalfeldmarschall Erich von Manstein, Befehlshaber der Heeresgruppe Süd, hielt den Brückenkopf für militärisch unhaltbar. Doch jeder Räumungsantrag wurde in Berlin abgelehnt. Die Spannung zwischen Frontwirklichkeit und politisch-wirtschaftlichem Kalkül, die das gesamte Kriegsjahr 1944 prägen wird, hat hier am Bogen von Nikopol eines ihrer kältesten und folgenreichsten Beispiele. Die Kräfteverhältnisse sprachen eine deutliche Sprache. Auf eigener Seite verfügte die 6. Armee zur Verteidigung des Brückenkopfes und des angrenzenden Frontabschnitts über etwa 20 Divisionen mit einer Gesamtstärke von rund 260.000 Mann. Darunter befanden sich Verbände wie die 16. Panzergrenadierdivision, die 9. Panzerdivision und die 302. Infanteriedivision, deren Sollstärken jedoch längst nicht mehr erreicht wurden. Viele Divisionen führten die Bezeichnung Division nur noch dem Namen nach. Ihre tatsächliche Kampfkraft entsprach eher der einer verstärkten Brigade.
Ihnen gegenüber standen die Truppen der 3. und der 4. Ukrainischen Front unter den Armeegeneralen Rodion Malinowski und Fjodor Tolbuchin. Nach sowjetischen Angaben mehr als 700.000 Mann mit massiver Überlegenheit in Artillerie, Panzern und Luftwaffe. Die Soldaten im Brückenkopf wussten es, ohne dass es ihnen jemand sagen musste. Es war eine Falle. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie zuschlug. Die Errichtung des Nikopol-Brückenkopfes begann eigentlich noch während des Rückzugs der 6. Armee aus dem Donezbecken im Spätsommer 1943. Bereits Mitte September wurde klar, dass die Front am Dnjepr nicht überall lückenlos hinter den Strom zurückgenommen werden sollte. Im Bereich um die Stadt Nikopol mit ihren Manganerzgruben und der Ferromangan-Hütte stromaufwärts legte das Oberkommando der Heeresgruppe A im Einvernehmen mit der Führung des Heeres fest, dass ein Brückenkopf zu halten ist.
Die Soldaten der zurückgehenden Verbände wurden nicht zur Erholung über den Dnjepr geführt, sondern in die Bezirke um Nikopol, Bolscha und Welikaja Lepeticha eingewiesen, wo sie sich sofort eingraben mussten. Was als provisorische Stellung begann, wurde in den Wochen darauf zur regelrechten Festungslinie ausgebaut, mit System, mit Pionieren, mit Zwangsarbeitern aus der einheimischen Bevölkerung, die zum Schanzdienst herangezogen wurden. Die Verantwortung für die Verteidigung des östlichen Brückenkopfabschnitts lag zunächst bei der sogenannten Gruppe Schörner, einer Befehlsgruppe unter dem späteren Generalobersten Ferdinand Schörner, der hier seinen Ruf als eisenharter und rücksichtsloser Befehlshaber begründete. Schörner duldete keine eigenmächtigen Rückzüge, ließ Versprengte zurücktreiben, ordnete Standgerichte an und übte zugleich einen Stil persönlichen Auftretens, der unter den Männern für eine eigentümliche Mischung aus Furcht und Bewunderung sorgte.
Unter seiner Aufsicht entstanden in den lehmigen Hängen über dem Dnjepr Verteidigungslinien. Die vorderste Hauptkampflinie mit Schützenlöchern, Maschinengewehrnestern und vorgeschobenen Bunkern. Dahinter eine Zwischenstellung mit Reserven, Panzerabwehrwaffen und Befehlsständen. Und schließlich eine rückwärtige Auffanglinie, deren Bezeichnung in der Stabskarte bereits an die später berüchtigte Ursula erinnert. Tausende Minen wurden verlegt, Panzergräben ausgehoben, Drahthindernisse gespannt. In den eisigen Nächten des Oktober und November gruben die Soldaten mit klammen Händen, oft unter Beschuss, oft im Regen, der den Lehm in eine zähe Masse verwandelte, in der jeder Schritt eine Anstrengung wurde. Die Witterung wurde in diesen Wochen zum dritten Gegner neben der Roten Armee und dem Befehlsdruck aus Berlin. Die Rasputiza, jene berüchtigte ukrainische Schlammperiode des Herbstes, verwandelte die wenigen befestigten Straßen in unpassierbare Sumpfstreifen.
Munition, Verpflegung, Treibstoff. Alles musste über immer länger werdende Versorgungswege herangeschafft werden, oft auf Panjewagen gezogen von erschöpften Pferden, da motorisierte Fahrzeuge im Schlamm stecken blieben. Die Stimmung in den Stellungen schwankte zwischen dumpfem Aushalten und stiller Verzweiflung. In den Tagebüchern und Feldpostbriefen, die nach dem Krieg aus dem Nachlass der Soldaten veröffentlicht wurden, finden sich Sätze, die das Gefühl jener Wochen einfangen. Der Schlamm steht uns bis zu den Knien, schrieb ein Unteroffizier der 302. Infanteriedivision an seine Frau. Und niemand glaubt mehr, dass wir hier herauskommen, ehe das Eis kommt. Andere notierten lakonischer. Heute Vormittag wieder Artillerie. Drei Kameraden bei Schoklinowo gefallen. Brot wieder knapp. Es sind diese Stimmen, die das offizielle Bild der Wehrmachtberichte unterlaufen, in denen vom planmäßigen Ausbau einer starken Stellung die Rede ist.
In den Monaten November und Dezember kam es bereits zu mehreren sowjetischen Großangriffen auf den Brückenkopf, die später als erste und zweite Verteidigungsschlacht von Nikopol in die Kriegschroniken eingehen. Die Rote Armee versuchte, den Vorsprung im Vorbeigehen aufzurollen, bevor die Stellungen der Wehrmacht vollständig ausgebaut waren. Die Angriffe waren massiv. Sturmtruppen, von Panzerabwehrkanonen und Geschützen begleitet, schlugen tief in die Hauptkampflinie ein. Mancherorts gelangen Durchbrüche von mehreren Kilometern, die in nächtlichen Gegenstößen wieder bereinigt werden mussten. Doch die Soldaten der Wehrmacht, gestützt auf die noch frische Erinnerung an Stalingrad und auf die unmissverständliche Botschaft, dass es hinter ihnen kein Halten mehr gäbe, schlugen die Angriffe zurück. Verluste auf beiden Seiten waren erheblich. In einzelnen Tagen fielen ganze Kompanien aus. Bataillone schmolzen auf Zugstärke zusammen. Ortschaften wie Welikaja, Belosjorka, Marjevka und Schoklinowo wechselten mehrfach den Besitzer, ehe die Frontlinie sich vorläufig stabilisierte.
Mit dem Übergang vom Dezember in den Januar 1944 veränderte sich der Charakter des Krieges am Nikopol-Brückenkopf. Die ukrainische Rasputiza wich zunächst dem Frost, der den Boden hart werden ließ und damit Bewegungen großer Verbände wieder ermöglichte. Für die Verteidiger der Wehrmacht war das eine zweischneidige Entwicklung. Einerseits wurden die eigenen Versorgungswege wieder befahrbar, andererseits konnten nun auch die sowjetischen Panzer und Geschütze schneller herangeführt werden. Die Aufklärung der 6. Armee meldete ab Anfang Januar deutliche Verdichtung des Gegners vor dem Brückenkopf. Bahnladungen wurden beobachtet. Funkverkehr nahm zu. In den Wäldern hinter der sowjetischen Front sammelten sich Panzerverbände. Den Stabsoffizieren der Wehrmacht war klar, was sich vorbereitete. Ein konzentrischer Großangriff, der den Brückenkopf nicht mehr nur zurückdrücken, sondern abschneiden und vernichten sollte.
Generaloberst Karl-Adolf Hollidt, Befehlshaber der 6. Armee, forderte von der Heeresgruppe A unter Generalfeldmarschall Ewald von Kleist die Genehmigung zur Räumung, ehe es zu spät ist. Die Antwort aus dem Führerhauptquartier blieb dieselbe wie in den Monaten zuvor. Der Brückenkopf ist zu halten. Die Manganerzgruben sind kriegsentscheidend. Eine Räumung kommt nicht in Frage. Die ersten sowjetischen Vorstöße des neuen Jahres begannen zwischen dem 10. und dem 17. Januar. Es waren örtliche Angriffe mit begrenzten Zielen, vorgetragen von der 46. Armee und der 8. Gardearmee unter Generaloberst Wassili Tschuikow, jenem Tschuikow, der bei Stalingrad die 62. Armee in den Trümmern der Stadt geführt hatte und nun ein Jahr später derselben 6. Armee gegenüber stand, deren Vorgänger er im Häuserkampf an der Wolga zermürbt hatte. Diese Begegnung war mehr als militärische Symbolik. Tschuikow wusste, wie die Wehrmacht kämpfte, wenn sie sich eingegraben hatte, und er wandte jene Taktik an, die er an der Wolga gelernt hatte. Keine Frontalangriffe gegen die stärksten Punkte, sondern Einbrüche an den Nahtstellen, dort, wo zwei Divisionen aneinander grenzten, dort, wo die Verbindung schwach war und die Reserven knapp.
Die Angriffe vom Januar waren taktisch noch begrenzt, aber sie ertasteten die Schwachstellen der Verteidigung wie die Finger eines Chirurgen vor dem entscheidenden Schnitt. Die Verluste auf beiden Seiten waren hoch. Der Frontverlauf verschob sich nur um wenige Kilometer. Aber in den Stäben der 6. Armee wusste man, dass dies erst die Vorbereitung war. Der eigentliche Schlag fiel am 30. Januar. An diesem Tag begann die sogenannte Nikopol-Kriwoi-Rog-Operation, eine Großoffensive der 3. Ukrainischen Front unter Armeegeneral Rodion Malinowski und der 4. Ukrainischen Front unter Armeegeneral Fjodor Tolbuchin, die in koordinierten Stößen den Brückenkopf von Norden und Osten her aufrollen sollte. Die Artillerievorbereitung begann in den frühen Morgenstunden und dauerte mehr als zwei Stunden. Zeugen auf Seiten der Wehrmacht berichteten später von einem Trommelfeuer, dessen Intensität sie an die Berichte ihrer Väter aus dem Ersten Weltkrieg erinnerte. Tausende Geschütze und schwere Granatwerfer feuerten gleichzeitig auf die Hauptkampflinien der 6. Armee. Dazwischen die charakteristischen Salven der Mehrfachraketenwerfer vom Typ Katjuscha, deren Heulen über das Schlachtfeld zog und in den Schützenlöchern jenen besonderen Schrecken auslöste, den die Soldaten in ihren Briefen als das Pfeifen der Stalinorgel bezeichneten.
Als die Artillerie verstummte, rollten die Panzer an, gefolgt von Sturmtruppen, die in der mittlerweile wieder eintretenden Tauwetterphase durch knietiefen Schlamm vorgingen, oft mit aufgepflanzten Bajonetten, oft mit jenem Schlachtruf, den die Veteranen der Wehrmacht ihr Leben lang nicht mehr vergessen werden. Die Hauptstoßrichtung der 3. Ukrainischen Front zielte nicht direkt auf den Brückenkopf bei Nikopol selbst, sondern weiter nördlich auf den Knotenpunkt Apostolowo, der westlich des Brückenkopfes auf dem rechten Dnjepr-Ufer lag. Diese Entscheidung Malinowskis war operativ brillant. Apostolowo war der zentrale Eisenbahn- und Straßenknoten, über den die gesamte Versorgung des Brückenkopfes lief. Fiel Apostolowo, war die 6. Armee im Brückenkopf von ihrer Versorgungsbasis abgeschnitten, ohne Munition, ohne Treibstoff, ohne Verpflegung. Der Stoß auf Apostolowo wurde geführt von den Truppen der 46. Armee und Teilen der 8. Gardearmee, unterstützt von der 4. Gardearmee. Die Verteidigung in diesem Abschnitt, hauptsächlich von Verbänden des 17. Armeekorps gehalten, geriet bereits am ersten Tag der Offensive in schwere Bedrängnis. Sowjetische Panzerverbände durchstießen die vordere Linie an mehreren Stellen, drangen tief in die Tiefe der eigenen Stellungen ein und drohten einzelne Divisionen voneinander zu isolieren.
Die Reserven der 6. Armee waren knapp. Die 9. Panzerdivision, einer der wenigen voll einsatzfähigen mobilen Verbände im Abschnitt, wurde in mehrere Einsatzgruppen aufgespalten und versuchte an den am stärksten bedrohten Punkten Gegenstöße zu führen, ohne jemals geschlossen zum Einsatz zu kommen. In den ersten Februartagen spitzte sich die Lage dramatisch zu. Am 1. Februar fiel die Ortschaft Schoklinowo. Am 2. Februar wurde die Stadt Scholochowo nach erbittertem Häuserkampf von Truppen der 8. Gardearmee genommen. Die Verteidiger der Wehrmacht, Reste mehrerer Infanteriedivisionen, dazwischen versprengte Kampfgruppen, oft ohne durchgängige Verbindung zum Nachbarn, zogen sich von Regelstellung zu Regelstellung zurück. Die Verluste waren hoch. An einigen Abschnitten verloren Bataillone an einem einzigen Tag mehr als die Hälfte ihrer Stärke. Am 4. Februar fiel schließlich Apostolowo selbst. Sowjetische Panzerverbände rollten durch die brennenden Straßen der Kleinstadt. Die Nachhuten der 6. Armee sprengten ihre letzten Eisenbahnzüge, Munitionslager, Treibstofflager. Mit dem Verlust dieses Knotens war die strategische Voraussetzung dafür geschaffen, was Malinowski von Anfang an geplant hatte. Ein tiefer Vorstoß zum Dnjepr stromabwärts, der die im Brückenkopf stehenden Verbände der Wehrmacht von Westen her umfasste, während die 4. Ukrainische Front unter Tolbuchin gleichzeitig von Osten her gegen den Brückenkopf selbst andrückte. Ein zweites Stalingrad zeichnete sich am Horizont ab. Diesmal nicht in den Trümmern einer Großstadt, sondern in der weiten, schlammigen Steppe südlich des Dnjepr.

Während sich der Ring um den Brückenkopf zu schließen begann, lebten und starben die einfachen Soldaten der 6. Armee in einer Welt, die mit den Lagekarten der Stäbe nur am Rande zu tun hatte. In den vorderen Stellungen wechselten sich Artilleriefeuer und Sturmangriffe in einem Rhythmus ab, der den Männern jeden Begriff von Tag und Nacht nahm. Das Tauwetter, das mit Anfang Februar einsetzte, verwandelte die gefrorenen Schützenlöcher in halbgefüllte Wasserbecken. Soldaten standen tagelang bis zu den Knien in eiskaltem Schlamm, ohne trockene Stiefel, ohne Möglichkeit zum Wechseln. Die Zahl der Erfrierungen und Erkrankungen stieg rapide. Hauptverbandplätze meldeten mehr Ausfälle durch Schützengrabenfuß und Lungenentzündung als durch direkte Kampfeinwirkung. In den Feldpostbriefen, die in jenen Tagen geschrieben und nicht mehr abgesendet werden konnten und später bei den Toten gefunden wurden, finden sich Sätze von erschütternder Einfachheit. Ein Gefreiter der 16. Panzergrenadierdivision notierte an seine Mutter. Liebe Mutter, mach dir keine Sorgen, wenn ich lange nicht schreibe. Wir haben hier viel zu tun. Vielleicht sehen wir uns ja doch noch einmal, wenn das hier vorbei ist. Ein Leutnant einer Infanteriedivision schrieb an seine Verlobte. Wenn dieser Brief dich erreicht und ich nicht mehr, dann wisse, dass ich an dich gedacht habe, bis zur letzten Minute.
Die Wirklichkeit am Brückenkopf hatte in diesen Februartagen längst ein Stadium erreicht, in dem die Hoffnung auf eine geordnete Verteidigung jeden Tag um eine weitere Illusion ärmer wurde. In dieser Lage stellt sich die Frage, die jeder, der diese Schlacht studiert, sich stellen muss. Warum hielten sie? Warum kämpften die Soldaten der Wehrmacht in einer offensichtlich aussichtslosen Stellung weiter, anstatt sich zu ergeben oder den Rückzug eigenmächtig anzutreten? Die Antwort ist vielschichtig. Da ist zunächst der hochentwickelte Stand der Verteidigungstaktik, die unter dem Schlagwort der elastischen Verteidigung entwickelt worden war. Einer Methode, bei der die vordere Linie absichtlich dünn gehalten wird, um beim Hauptschlag der Artillerie nicht aufgerieben zu werden, während die eigentliche Kampfkraft in der Tiefe steht und durch örtliche Gegenstöße eingebrochene Sowjetkräfte abriegelt und zurückwirft. Diese Taktik, perfektioniert in den großen Abwehrschlachten des Vorjahres, funktionierte auch am Nikopol-Brückenkopf noch erstaunlich lange. Da sind die Befestigungen, die in den Herbstmonaten ausgebaut worden waren, drei aufeinanderfolgende Stellungssysteme mit Bunkern, Drahthindernissen, Minenfeldern und vorgeschobenen Beobachtungspunkten. Da ist die operative Disziplin der Truppe, die selbst in extremer Bedrängnis Befehlsketten und Funkverbindungen aufrecht erhielt.
Und da ist nicht zu unterschätzen die schlichte Tatsache, dass jeder Soldat wusste, dass im Rücken der Dnjepr floss und dass eine Auflösung der Front in dieser Lage keine Rettung, sondern den sicheren Untergang im Strom oder in den Schlammfeldern dahinter bedeuten würde. Es gab kein Davonlaufen, weil es nirgendwohinzulaufen gab. Hinzu kamen die Fehler und Schwierigkeiten auf sowjetischer Seite, die das Durchhalten der 6. Armee teilweise erleichterten. So beeindruckend die Konzentration der Roten Armee war, so problematisch waren in den ersten Operationstagen ihre Koordinierung und ihre Logistik. Die Tauwetterperiode traf auch die sowjetischen Angreifer hart. Panzerverbände blieben im Schlamm stecken. Versorgungskolonnen brachen zusammen. Einzelne Brigaden gerieten an der Spitze ihres Vorstoßes ohne Munition und Treibstoff in ausgedünnte Lagen, in denen Gegenstöße der Wehrmacht erhebliche Verluste zufügen konnten. Die Luftunterstützung war phasenweise eingeschränkt durch schlechtes Wetter. Die Verbindung zwischen den vorrückenden Spitzen und den nachfolgenden Schützendivisionen riss mehrfach ab. Malinowski selbst soll, wie spätere sowjetische Memoiren berichten, in jenen Tagen mehrfach mit der Stawka um Verstärkungen, Treibstoff und Luftunterstützung gerungen haben.
Trotz all dieser Schwierigkeiten setzte sich aber das Gewicht der sowjetischen Übermacht durch. Es war nicht die brillante Operation, die den Brückenkopf zu Fall brachte. Es war das Schüren mit eiserner Beharrlichkeit aufrechterhaltene Gewicht von Mensch und Material, das die Verteidigung Schicht für Schicht abtrug. Den Wendepunkt der Schlacht markierten die Tage zwischen dem 4. und dem 7. Februar. Mit dem Fall Apostolowos und dem weiteren Vormarsch der 3. Ukrainischen Front in Richtung Süden auf die Dnjepr-Krümmung bei Welikaja Lepeticha zu, drohte der 6. Armee im Brückenkopf endgültig die Einschließung. Sollten die sowjetischen Panzerspitzen vor der einzigen verbliebenen Übergangsstelle den Strom erreichen, wäre der Rückzugsweg abgeschnitten. Das Schicksal Stalingrads würde sich in anderer geographischer Form, aber mit derselben strategischen Logik wiederholen. In diesen Stunden traf Generaloberst Hollidt eine Entscheidung, die ihn vor das Kriegsgericht der Geschichte und vor das Risiko persönlicher Konsequenzen seitens des Führerhauptquartiers stellte. Gemeinsam mit dem Befehlshaber der Heeresgruppe A, Generalfeldmarschall Ewald von Kleist, forderte er erneut ultimativ die Genehmigung zur Räumung des Brückenkopfes. Die Antwort aus der Wolfsschanze verzögerte sich, kam zögerlich, war halbherzig. Erst nach mehrfachen Vorstößen erhielt die Heeresgruppe die Vollmacht, über den Abzug einzelner Verbände selbst zu entscheiden.
Kleist und Hollidt nutzten diese Lücke konsequent aus und ordneten die planmäßige Räumung, zunächst der östlichen Teile, dann des gesamten Brückenkopfes an, ehe eine umfassende Genehmigung aus Berlin vorlag. Es ist einer jener Momente, in denen Truppenführer der Wehrmacht die Verantwortung für das Leben ihrer Soldaten höher gewichteten als die unbedingte Befehlstreue. Nicht in einem heroischen Bruch, sondern in einer nüchternen, fast lakonischen Anordnung, die später in den Tagebüchern der Heeresgruppe als bereits eingeleitete Bewegung verbucht wurde. Die Räumungsbewegung begann in der Nacht vom 7. auf den 8. Februar. Sie war von Anfang an ein Wettlauf mit der Zeit, ein Wettlauf gegen die nachstoßenden sowjetischen Verbände, ein Wettlauf gegen den steigenden Wasserstand des Dnjepr, ein Wettlauf gegen die Erschöpfung der eigenen Truppe. Die wenigen Übergangsstellen, vor allem bei Welikaja Lepeticha, bei Bolscha und bei Nikopol selbst, waren Engstellen, an denen sich tausende Fahrzeuge, Geschütze, Versorgungsgespanne und Soldaten stauten. Die Pioniere der Wehrmacht hatten Pontonbrücken und Behelfsübergänge errichtet, deren Tragkraft begrenzt war. Schwere Panzer und Sturmgeschütze mussten mit Fähren übergesetzt werden. Andere Fahrzeuge wurden mit Kabelseilen über das Eis gezogen. Über den Übergängen kreiste die sowjetische Luftwaffe. Schlachtflieger vom Typ Iljuschin warfen in mehreren Wellen Bomben auf die Brückenstellen. Jäger setzten mit Bordwaffen auf die wartenden Kolonnen an. Treffer in Treibstoffwagen, in Munitionsfahrzeugen, in Sanitätskolonnen verursachten jenes Bild, das sich Augenzeugen für immer einprägen wird. Zerfetzte Pferde, brennende Lastwagen, Reihen von verwundeten Soldaten auf Tragen am Ufer, die nicht mehr verladen werden konnten. Der Geruch von Dieselöl, Pulver, Blut und feuchter Erde.
Am 8. Februar fiel die Stadt Nikopol selbst in sowjetische Hand. Truppen der 3. Ukrainischen Front rückten in die fast leere Stadt ein. Die letzten Nachhuten der Wehrmacht hatten sich bereits über den Dnjepr abgesetzt. Die berühmten Mangangruben, um derentwillen ein ganzer Armeebefehl die Tragödie der vorangegangenen Wochen ausgelöst hatte, waren verloren, samt eines Großteils ihrer Anlagen, die in der Eile entweder nur unzureichend zerstört oder von den Sowjets rasch wieder in Betrieb genommen werden konnten. Während in Berlin die Propaganda noch nach Worten suchte, um den Verlust zu beschönigen, kämpfte die 6. Armee am Westufer weiter um die Aufrechterhaltung einer geordneten Front. Die Räumung des Brückenkopfes war mit dem 8. Februar nicht zu Ende. Die geretteten Truppen waren weit davon entfernt, in Sicherheit zu sein. Vor ihnen lag nicht ein erlösender Ruheraum, sondern eine weitere Phase von Rückzugskämpfen, in denen sich entscheiden würde, wie viel von der ursprünglichen Substanz dieser Armee überhaupt noch zu retten war. Der Brückenkopf war verloren, aber die eigentliche Tragödie der 6. Armee begann erst jetzt hinter dem Fluss in den weiten, aufgeweichten Ebenen zwischen Dnjepr, Ingulez und südlichem Bug.
In den Tagen nach dem Fall von Nikopol setzte die 6. Armee ihren Rückzug unter ständigem Druck der vorrückenden sowjetischen Verbände fort. Die Räumungsbewegung, die in der Nacht vom 7. auf den 8. Februar begonnen hatte, dauerte in ihrer Hauptphase bis etwa zum 17. Februar an. Einzelne Nachhutgefechte zogen sich bis Ende des Monats hin. Was sich in diesen drei Wochen in der weiten, schlammigen Steppe zwischen Dnjepr und Ingulez abspielte, lässt sich nur unzureichend mit dem nüchternen Begriff eines geordneten Rückzugs beschreiben. Es war eine Bewegung am Rande der Auflösung, gehalten zusammen allein durch die Disziplin der Unterführer, durch die Erfahrung der Truppenoffiziere und durch jene seltsam zähe Soldatensubstanz, die selbst in der Niederlage nicht vollständig zusammenbricht. Die Verbände der 6. Armee gingen in mehreren parallelen Marschstreifen zurück, deckten sich gegenseitig durch Nachhuten, kämpften tagsüber, marschierten nachts. Die wenigen halbwegs befahrbaren Straßen waren verstopft mit Trossen, mit Pferdegespannen, mit liegen gebliebenen Fahrzeugen, deren Treibstoff zur Neige gegangen war und die in Brand gesetzt wurden, damit sie nicht in die Hand des Gegners fielen.
Die materiellen Verluste der 6. Armee in diesen Wochen waren verheerend. Schätzungen, die nach dem Krieg auf Grundlage der Verlustmeldungen der Heeresgruppe und der Aussagen ehemaliger Stabsoffiziere erstellt wurden, gehen davon aus, dass die Armee zwischen dem 30. Januar und dem 29. Februar zwischen 25.000 und 60.000 Soldaten an Toten, Verwundeten und Vermissten verlor. Die große Spannweite dieser Zahlen erklärt sich aus der Unzuverlässigkeit der Meldungen in der akuten Krisenphase. Zahlreiche Verluste wurden erst Wochen später nachgemeldet. Viele Vermisste tauchten weder in den eigenen Listen noch in den sowjetischen Kriegsgefangenenakten je wieder auf. Hinzu kamen die materiellen Einbußen. Mehrere hundert Geschütze, fast die gesamte schwere Ausrüstung der zurückgehenden Divisionen, ein Großteil der Fahrzeuge, viele Pferde, ganze Lager an Versorgungsgut. Die Divisionen, die den eigentlichen Brückenkopf gehalten hatten, waren nach Abschluss der Bewegung in einem Zustand, in dem das Wort Division nur noch eine formale Bezeichnung war. In den Stärkemeldungen wurden Einheiten geführt, deren Iststärke zwischen zehn und 38 Prozent der Sollstärke betrug. Bataillone mit der Mannschaftsstärke einer Kompanie, Regimenter, die nicht mehr als ein verstärktes Bataillon ins Gefecht führen konnten. Die 16. Panzergrenadierdivision, die 9. Panzerdivision, die 302. Infanteriedivision. Allesamt traditionsreiche Verbände der Wehrmacht existierten nach jenem Februar nur noch als Schatten ihrer selbst.
Während die Reste der 6. Armee sich hinter den Ingulez und schließlich hinter den südlichen Bug zurückkämpften, schloss die Rote Armee ihre Operation mit der Einnahme weiterer Schlüsselpunkte ab. Am 22. Februar fiel die Industriestadt Kriwoi Rog, ein bedeutendes Eisenerzzentrum, dessen Verlust einen weiteren schweren Schlag für die deutsche Rüstungswirtschaft bedeutete. Mit dem 29. Februar war die Nikopol-Kriwoi-Rog-Operation offiziell abgeschlossen. Die sowjetischen Communiqués sprachen von der vollständigen Zerschlagung von zwölf Divisionen der Wehrmacht und feierten den Sieg als einen der bedeutendsten der Winteroperationen 1943 bis 1944. In der deutschen Wehrmachtberichterstattung wurde der Verlust des Brückenkopfes mit den üblichen Formeln verschleiert. Von planmäßigen Frontverkürzungen war die Rede, von erfolgreichen Absetzbewegungen, von schweren Verlusten, die dem Feind zugefügt worden sein. Tatsächlich war mit dem Verlust von Nikopol jene strategische Konzeption hinfällig geworden, an der Hitler ein halbes Jahr lang festgehalten hatte. Die Manganerzgruben waren in sowjetischer Hand. Die Verbindung zur 17. Armee auf der Krim war nicht wiederhergestellt worden und wurde es auch niemals werden. Die 17. Armee selbst ging im April und Mai jenes Jahres in der Schlacht um die Krim ihrem eigenen Untergang entgegen.
Für die 6. Armee bedeutete die Räumung des Brückenkopfes nicht das Ende der Krise, sondern den Übergang in eine neue Phase ununterbrochener Rückzüge. Schon im März setzte die Rote Armee ihre Offensive fort. Im Rahmen der sogenannten Beresnegowatoje-Snigirjowka-Operation wurde die 6. Armee erneut von Norden her umfasst. Mehrere Divisionen gerieten zeitweise in halbe Einschließungen und konnten sich nur unter schwersten Verlusten zum südlichen Bug durchschlagen. Ende März wurde Generaloberst Hollidt vom Oberbefehl entbunden. Jener Mann, der seine Armee aus dem Nikopol-Brückenkopf herausgeführt hatte, war Hitler zu eigenständig geworden. Im April folgte der Rückzug über den Dnjestr nach Bessarabien, im Sommer der Übergang auf rumänisches Gebiet. In der Schlacht von Kischinjow und Jassy im August wurde schließlich auch dieser zweite Versuch einer 6. Armee der Wehrmacht in einem Kessel zerschlagen. Diesmal in einem Ausmaß, das jenem von Stalingrad nahe kam und endgültig genug, dass von einer geschlossenen 6. Armee ab Spätsommer kaum noch sinnvoll gesprochen werden kann. Wer die Linie verfolgt, die von Stalingrad über den Mius, über den Dnjepr, über Nikopol, über den Bug, über den Dnjestr bis nach Jassy führt, sieht die Tragödie dieser Armee nicht als einzelnes Ereignis, sondern als einen langen, methodischen Prozess des Zerfalls. Der Nikopol-Brückenkopf bildet darin den Bruch in der Mitte, jenen Punkt, an dem aus einer geschlagenen, aber noch handlungsfähigen Armee ein Verband wird, der nur noch von Schlag zu Schlag taumelt.
Die Frage nach der Verantwortung für die Tragödie der 6. Armee am Nikopol-Brückenkopf lässt sich nicht in einem Wort beantworten, aber sie führt unweigerlich in die Höhe des Befehlsgefüges der Wehrmacht. Auf der untersten Ebene haben die Truppenführer von den Bataillons- und Regimentskommandeuren bis zu den Korpsbefehlshabern jenes geleistet, was unter den gegebenen Umständen militärisch möglich war. Sie haben einen taktisch unhaltbaren Vorsprung über Monate verteidigt. Sie haben mehrere sowjetische Großangriffe abgewiesen. Sie haben am Ende, als die Lage hoffnungslos wurde, die Räumung mit einem hohen Maß an Disziplin durchgeführt. Generaloberst Hollidt hat in der entscheidenden Stunde gegen das Zögern aus dem Führerhauptquartier gehandelt und damit jene Substanz an Menschen und Material gerettet, die unter rein befehlskonformem Verhalten verloren gewesen wäre. Auf der mittleren Ebene haben Generalfeldmarschall Manstein und Generalfeldmarschall Kleist mehrfach und schriftlich auf die Unhaltbarkeit des Brückenkopfes


