Die französische Armee galt im Frühjahr 1940 als die stärkste der Welt, verfügte über mehr Panzer als das Deutsche Heer, über zahlreiche Geschütze und Millionen ausgebildeter Soldaten. Die Maginot-Linie, ein gewaltiges System aus Beton und Stahl, erstreckte sich im Osten des Landes und wurde als nahezu uneinnehmbar eingestuft. Die führenden Generäle der Alliierten gingen davon aus, dass ein deutscher Angriff dem Muster des Jahres 1914 folgen würde, einem breiten Vorstoß durch Belgien, und richteten ihre besten und beweglichsten Verbände genau auf dieses Szenario aus. Sechs Wochen später war Frankreich besiegt, die britischen Truppen waren vom Kontinent vertrieben, und ganz Europa stand unter dem Eindruck eines Feldzugs, dessen Tempo und Ausgang nahezu alle Beobachter überrascht hatten.
Die Erklärung für diesen Verlauf lautet bis heute oft schlicht Blitzkrieg, ein Begriff, der erst später geprägt wurde und der mehr verdeckt als erklärt. Eine genauere Betrachtung zeigt, dass der deutsche Erfolg nicht auf einem einzelnen Wundermittel beruhte, sondern auf dem Zusammenwirken dreier Elemente: einem kühnen operativen Entwurf, der den Hauptstoß an die unerwartete Stelle verlegte, der Konzentration der entscheidenden Kräfte an einem einzigen Punkt, dem sogenannten Schwerpunkt, und einem Führungsprinzip, der Auftragstaktik, das den Kommandeuren vor Ort weitreichende eigene Entscheidungsfreiheit ließ.
Am Anfang dieser Geschichte stand kein Schuss, sondern ein Streit um eine Idee. Als die deutsche Führung im Herbst des Jahres 1939 die Planung für den Angriff im Westen aufnahm, sah der erste Entwurf, bekannt als Fall Gelb, einen Hauptstoß durch das nördliche Belgien und die Niederlande vor. Im Kern war dies eine abgeschwächte Wiederholung des Schlieffenplans aus dem Ersten Weltkrieg. Innerhalb der Generalität stieß dieser Entwurf auf wachsende Skepsis, denn er versprach im günstigsten Fall einen Frontalstoß gegen die stärksten Kräfte der Alliierten, die genau in Belgien erwartet wurden. Ein solcher Angriff hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit zu schweren langwierigen Kämpfen geführt, ohne Aussicht auf eine schnelle Entscheidung.
Um die Tragweite des späteren Plans vollständig zu erfassen, lohnt ein Blick auf die Entwicklung der deutschen Panzerwaffe in den Jahren vor dem Krieg. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs war es dem Deutschen Heer durch die Bestimmungen des Versailler Vertrags untersagt, Panzer zu besitzen, und so entwickelte sich das Denken über den künftigen Einsatz beweglicher Verbände zunächst rein theoretisch und in verdeckten Versuchen. Eine Gruppe von Offizieren, unter ihnen Heinz Guderian, verfolgte die Erkenntnis, dass der Panzer nicht als bloße Stützwaffe der Infanterie zu verstehen sei, sondern als selbständiges, beweglich geführtes Mittel des operativen Durchbruchs. Guderian fasste diese Überlegungen im Jahr 1937 in seiner Schrift mit dem Titel Achtung Panzer zusammen und warb für die Zusammenfassung der Panzer in eigenständigen Divisionen.
Im Jahr 1935 wurden die ersten drei Panzerdivisionen aufgestellt, und in den folgenden Jahren entstand jene Verbindung aus Panzern, motorisierter Infanterie und beweglicher Artillerie, die den Kern der späteren Erfolge bilden sollte. Der Feldzug gegen Polen im Jahr 1939 diente dabei als erste große Bewährungsprobe, bestätigte viele Annahmen, offenbarte aber auch Schwächen in der Zusammenarbeit der Waffengattungen und im Nachschub, die in den Monaten bis zum Westfeldzug gezielt bearbeitet wurden. Auf diese Weise traf der kühne Entwurf Mannsteins nicht auf eine unerprobte Idee, sondern auf eine Truppe, die ihre Verfahren bereits im Gefecht erprobt und verfeinert hatte.
Den entscheidenden Anstoß gab Generalleutnant Erich von Manstein, damals Stabschef der Heeresgruppe A. Manstein hielt den ursprünglichen Plan für unzureichend, weil er die eigentliche Schwäche der alliierten Aufstellung nicht ausnutzte. Seine Überlegung war so einfach wie folgenreich: Wenn der Gegner den Hauptangriff im Norden erwartete und seine besten Truppen dorthin verlegte, dann musste der wirkliche Stoß dort geführt werden, wo niemand ihn vermutete. Manstein richtete den Blick auf die Ardennen, ein dicht bewaldetes, hügeliges Gelände mit engen und gewundenen Straßen, das die französische Führung für große Panzerverbände als praktisch unpassierbar einstufte.
Genau diese Annahme machte das Gebiet aus deutscher Sicht so wertvoll. Sein Konzept, das später unter dem Namen Sichelschnitt bekannt wurde, sah vor, die Masse der Panzerkräfte durch die Ardennen zu führen, an der Maas durchzubrechen und anschließend in einem weiten Bogen nach Westen zur Kanalküste vorzustoßen. Auf diese Weise sollten die nach Belgien vorrückenden alliierten Armeen von rückwärts abgeschnitten und in einem großen Kessel eingeschlossen werden. Die Stärke dieses Gedankens lag in der Wahl des Schwerpunkts, denn die Ardennen bildeten die Naht zwischen zwei Teilen der alliierten Aufstellung, zwischen der starken Nordgruppe in Belgien und der auf die Maginot-Linie gestützten Verteidigung im Osten.
An dieser Naht waren die französischen Kräfte am schwächsten, weil hier am wenigsten mit einem Angriff gerechnet wurde. Der kühne Entwurf allein hätte jedoch nicht genügt. Ihm fügte General Heinz Guderian, einer der entschiedensten Verfechter der modernen Panzerwaffe, eine zweite ebenso wichtige Dimension hinzu. Guderian dachte den Plan konsequent zu Ende: Für ihn durfte der Durchbruch an der Maas kein Selbstzweck sein und kein Punkt, an dem man auf das Nachrücken der langsameren Infanterie wartete. Stattdessen sollten die Panzerdivisionen sofort und ohne Pause nach Westen vorstoßen, tief in den Rücken des Gegners, bevor dieser sich neu ordnen konnte.
Dieser Gedanke war mit hohem Risiko verbunden, denn er bedeutete weit offene Flanken über große Entfernungen und löste in der deutschen Führung erhebliche Zweifel aus. An dieser Stelle zeigt sich der dritte und vielleicht tiefste Faktor des deutschen Erfolgs, ein Prinzip, das weit über diese eine Operation hinausreicht: die Auftragstaktik. Gemeint ist damit eine bestimmte Art der Führung, bei der der vorgesetzte Befehlshaber das zu erreichende Ziel sowie die dahinter stehende Absicht vorgibt, während die genaue Umsetzung weitgehend dem Urteil des Kommandeurs vor Ort überlassen bleibt. Dieser kennt die tatsächliche Lage am besten, sieht den Feind, das Gelände und die Gelegenheit des Augenblicks.
Statt auf detaillierte Weisungen von oben zu warten, soll er aus eigener Initiative handeln, sobald sich eine Chance bietet. Über Jahrzehnte hinweg war dieses Denken in der deutschen Armee gewachsen und in der Ausbildung der Offiziere fest verankert worden. Es schuf eine Truppe, die nicht erstarrte, wenn ein Plan auf unerwartete Hindernisse traf, sondern sich rasch anpasste. Im Westfeldzug sollte sich dieses Prinzip als ebenso bedeutsam erweisen wie jeder Panzer und jedes Geschütz. Die praktische Vorbereitung folgte dieser Logik, und den Kern des Angriffsverbandes bildete die Panzergruppe Kleist, in deren Zentrum das XIX. Armeekorps unter Guderian stand.
Dieses Korps bestand aus der 1., der 2. und der 10. Panzerdivision sowie dem verstärkenden Regiment Großdeutschland. Diese Ballung gepanzerter Kräfte an einem einzigen Punkt war kein Zufall, sondern die unmittelbare Anwendung des Schwerpunktgedankens. Gleichzeitig wurde die Verlegung dieser Verbände in die Aufmarschräume mit großer Sorgfalt verschleiert, um dem Gegner kein klares Bild zu liefern. Im Norden, in Belgien und in den Niederlanden täuschten andere Verbände der Wehrmacht einen kraftvollen Hauptangriff vor, der die Aufmerksamkeit und die besten beweglichen Reserven der Alliierten genau dorthin zog, wo Manstein sie haben wollte.
Zu diesem Täuschungsbild trug auch der Einsatz der Fallschirmjäger bei, deren Landungen im Norden den Eindruck verstärkten, dort werde der entscheidende Schlag geführt. Während die alliierten Generäle ihre Verbände nach Norden lenkten, sammelte sich die eigentliche Stoßkraft still und konzentriert vor den Ardennen. Die Frage, warum die gegnerische Seite die Gefahr nicht rechtzeitig erkannte, hat tiefere Ursachen als bloße Nachlässigkeit. Die französische Militärdoktrin jener Zeit war stark von den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs geprägt und setzte auf eine methodische, sorgfältig vorbereitete Schlacht mit fester Front und starker Feuerunterstützung.
Schnelligkeit und tiefe eigenständige Vorstöße fügten sich nicht in dieses Denken. Die Aufklärung lieferte zwar Hinweise auf Bewegungen in Richtung der Ardennen, doch diese Meldungen passten nicht in das vorgefasste Bild und wurden in ihrer Bedeutung unterschätzt. Hinzu kam die feste Überzeugung von der Unpassierbarkeit jener Wälder. Wer davon ausgeht, dass ein bestimmter Weg dem Feind verschlossen bleibt, sichert ihn nur schwach und reagiert langsam, wenn der Feind ihn dennoch beschreitet. So wirkten Doktrin, Fehleinschätzung und Selbstüberschätzung zusammen und öffneten dem deutschen Plan eine Tür, die niemand verschlossen wähnte.
Der Entwurf war damit vollständig: ein kühner Gedanke, ein klar gewählter Schwerpunkt und eine Truppe, die darauf vorbereitet war, eigenständig zu handeln. Am 10. Mai des Jahres 1940 begann dieser Plan Wirklichkeit zu werden. Mit dem Morgen dieses Tages setzte sich die deutsche Angriffsmaschinerie in Bewegung. Während im Norden der vorgetäuschte Hauptangriff die alliierten Verbände nach Belgien lockte, schoben sich die Panzerdivisionen der Panzergruppe Kleist in die engen Täler der Ardennen. Hier zeigte sich sofort, dass das schwierigste Hindernis nicht der Feind war, sondern das Gelände selbst.
Auf den schmalen gewundenen Waldstraßen stauten sich tausende von Fahrzeugen zu Kolonnen, die sich über mehr als hundert Kilometer in die Tiefe erstreckten. Ein einziger blockierter Übergang, eine gesprengte Brücke oder ein entschlossener Hinterhalt hätten genügt, um das gesamte Vorhaben ins Stocken zu bringen. Doch die französische Verteidigung in diesem Raum war dünn, schlecht koordiniert und auf einen solchen Vorstoß nicht eingestellt. Die deutschen Vorausabteilungen, in denen Aufklärungseinheiten und Motorradschützen eine zentrale Rolle spielten, drängten unaufhörlich nach vorn, beseitigten Sperren und hielten die Bewegung in Gang.
Was die französische Führung für eine natürliche Barriere von mehreren Tagen gehalten hatte, durchquerten Guderians Verbände in weit kürzerer Zeit als erwartet. Das Tempo dieses Vormarsches war nur möglich, weil die einzelnen Waffengattungen eng und eingespielt zusammenwirkten. Die Panzerdivisionen jener Zeit waren keine reinen Panzerverbände, sondern bewegliche Kampfgemeinschaften aus Panzern, motorisierter Infanterie, Artillerie, Pionieren und Aufklärung. Diese Mischung erlaubte es, auf nahezu jede Lage sofort zu reagieren, ohne auf Verstärkung warten zu müssen.
Eine besondere Bedeutung kam dabei der Luftwaffe zu, vor allem den Sturzkampfflugzeugen vom Typ Junkers Ju 87, die unter dem Namen Stuka bekannt wurden. Diese Maschinen wirkten gewissermaßen als fliegende Artillerie und konnten auf Anforderung der vorderen Verbände gezielt feindliche Stellungen, Geschütze und Truppenansammlungen angreifen, an Stellen, an die die eigene Artillerie noch nicht herangeführt war. Ihre Wirkung war dabei nicht allein materieller Natur, denn das heulende Geräusch der Sturzflüge und die Plötzlichkeit der Angriffe entfalteten eine erhebliche psychologische Wirkung auf Truppen, die einem solchen Vorgehen nicht gewachsen waren.
Geschwindigkeit am Boden und Schlagkraft aus der Luft verstärkten sich auf diese Weise gegenseitig. Der entscheidende Augenblick des gesamten Feldzugs nahte mit dem Erreichen der Maas. Am 13. Mai stand Guderians Korps vor dem Fluss bei Sedan, einem Ort, dessen Name in der französischen Geschichte bereits schwer belastet war. Die Maas bildete hier ein natürliches Hindernis, hinter dem sich die französische Verteidigung befand. Der Übergang über einen verteidigten Fluss gilt in der Kriegskunst als eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt, denn der Angreifer muss ungeschützt das Wasser überwinden, während der Verteidiger aus vorbereiteten Stellungen feuert.
Die deutsche Lösung bestand in einer sorgfältig abgestimmten Konzentration von Feuerkraft. Stundenlang griffen Wellen von Sturzkampfflugzeugen die französischen Stellungen am Westufer an, unterstützt durch die Artillerie und das direkte Feuer der Panzer und schweren Waffen. Dieses anhaltende Feuer zielte weniger darauf, die Verteidiger vollständig zu vernichten, als vielmehr darauf, sie niederzuhalten und in ihrer Handlungsfähigkeit zu lähmen. Unter dem Schutz dieses Feuers begannen die Sturmgruppen der Infanterie, allen voran Einheiten des Regiments Großdeutschland, mit Schlauchbooten den Fluss zu überqueren.
Der Zusammenbruch der französischen Verteidigung bei Sedan vollzog sich mit einer Schnelligkeit, die selbst auf deutscher Seite kaum erwartet worden war. Die Stellungen am Westufer der Maas wurden zu einem erheblichen Teil von Verbänden gehalten, die aus älteren Reservisten bestanden und nur unzureichend ausgebildet sowie schwach ausgerüstet waren. Diese Truppen waren der Wucht des konzentrierten Luft- und Artilleriefeuers psychologisch nicht gewachsen. Über viele Stunden hinweg flogen die Verbände der Luftwaffe Hunderte von Einzelangriffen gegen die französischen Stellungen, ein nahezu ununterbrochenes Bombardement, das die Verteidiger weniger durch unmittelbare Verluste als durch die anhaltende seelische Belastung lähmte.
Als sich in den französischen Reihen das Gerücht verbreitete, deutsche Panzer hätten den Fluss bereits überschritten, brach an mehreren Stellen eine Panik aus, die ganze Einheiten erfasste und in ungeordneter Flucht enden ließ, noch bevor der eigentliche Kampf um ihre Stellungen begonnen hatte. Dieser frühe Zusammenbruch der Moral an einem entscheidenden Punkt erklärt einen wesentlichen Teil des deutschen Erfolgs bei Sedan. Er verdeutlicht zugleich, dass im modernen Bewegungskrieg die Wirkung auf den Willen des Gegners ebenso bedeutsam sein konnte wie die rein materielle Vernichtung seiner Kräfte.
Während die Sturmgruppen der Wehrmacht den errungenen Vorteil sofort ausnutzten und ihre Brückenköpfe verbreiterten, fehlte der französischen Führung die Zeit und die Übersicht, um die zerfallende Lage noch einmal zu stabilisieren. Der Übergang bei Sedan wurde zu einem Lehrstück für das Zusammenwirken von Mut, Ausbildung und Initiative. Einzelne Sturmtrupps arbeiteten sich unter feindlichem Feuer an die Bunker und Stellungen am Westufer heran und schalteten sie im Nahkampf aus. Sobald die ersten Brückenköpfe gebildet waren, begannen die Pioniere unter schwierigsten Bedingungen mit dem Bau von Übergängen für die Panzer.
Diese Arbeit unter feindlichem Beschuss verlangte höchste Disziplin, denn das Gelingen des gesamten Plans hing davon ab, dass die schweren Fahrzeuge so schnell wie möglich auf das andere Ufer gelangten. Hier zeigte sich die Auftragstaktik in ihrer reinsten Form. Die Lage änderte sich von Stunde zu Stunde, und es war unmöglich, jede Einzelheit von oben zu steuern. Stattdessen trafen Bataillons- und Kompanieführer ihre Entscheidungen selbst, nutzten jede sich bietende Lücke und trieben den Übergang voran, ohne aufdrückliche Befehle zu warten.

Guderian selbst hielt sich in vorderster Linie auf und koordinierte den Übergang unmittelbar vor Ort, ein Umstand, der die Bedeutung persönlicher Führung in der deutschen Auffassung verdeutlicht. Noch am Abend des 13. Mai standen die ersten Kräfte fest am Westufer der Maas. Während sich bei Sedan die Entscheidung anbahnte, vollzog sich weiter nördlich ein zweites Beispiel desselben Prinzips. Die 7. Panzerdivision unter Generalmajor Erwin Rommel überquerte die Maas bei Dinant mit vergleichbarer Schnelligkeit und Entschlossenheit. Rommels Verband bewegte sich so rasch und unvorhersehbar, dass er bald den Beinamen Gespensterdivision erhielt, weil oft selbst die eigene vorgesetzte Führung nicht genau wusste, wo er sich gerade befand.
Rommel verkörperte dabei jenen Führungsstil, der auf ständige Bewegung, persönliche Anwesenheit an der Front und schnelle Entscheidungen setzte. Auch hier war es weniger ein zahlenmäßiges Übergewicht, als vielmehr das Tempo und die Initiative, die den Erfolg bestimmten. Die beiden Durchbrüche bei Sedan und bei Dinant zeigten dasselbe Muster: konzentrierte Feuerkraft, rasches Übersetzen, sofortiges Ausnutzen des Erfolgs und ein unaufhörliches Drängen nach vorn, das dem Gegner keine Zeit zur Erholung ließ. Die französische Seite war keineswegs untätig, doch ihre Gegenmaßnahmen kamen zu spät und blieben unkoordiniert.
Versuche, den deutschen Brückenkopf durch Gegenangriffe zu zerschlagen, etwa in den Kämpfen um den Ort Stonne, der mehrfach den Besitzer wechselte, scheiterten letztlich an mehreren Faktoren zugleich. Die französischen Verbände operierten unter einer schwerfälligen Befehlsstruktur, in der Entscheidungen langsam getroffen und Befehle umständlich weitergegeben wurden. Die Funkverbindungen waren unzureichend, sodass die Koordination zwischen verschiedenen Einheiten oft zusammenbrach. Vor allem aber fehlte ein einheitliches energisches Kommando, das die verfügbaren Reserven rasch und an der richtigen Stelle zusammengefasst hätte.
Während die deutschen Kommandeure auf jeder Ebene eigenständig handelten und Gelegenheiten sofort ergriffen, warteten ihre französischen Gegenüber häufig auf Anweisungen, die entweder zu spät eintrafen oder von der überholten Lage längst überrollt worden waren. So entstand ein wachsendes Ungleichgewicht in der Geschwindigkeit der Entscheidungen, das sich von Tag zu Tag stärker zugunsten der angreifenden Seite auswirkte. Die tiefere Frage lautet, warum dieses Vorgehen so wirkungsvoll war, obwohl die Wehrmacht weder über mehr Panzer noch über mehr Soldaten verfügte.
Die Antwort liegt im Zusammenwirken mehrerer Faktoren. An erster Stelle stand die Konzentration der Kräfte im Schwerpunkt. Statt die Panzer gleichmäßig über die gesamte Front zu verteilen, wie es die französische Doktrin weitgehend vorsah, ballte die deutsche Führung ihre gepanzerten Verbände an einem einzigen sorgfältig gewählten Punkt und erzielte dort eine erdrückende örtliche Überlegenheit. Hinzu kam die enge Verbindung von Bodenvorstoß und Luftunterstützung, die die Schlagkraft an der entscheidenden Stelle weiter erhöhte. Vor allem aber stand die Geschwindigkeit der Entscheidungen, die durch die Auftragstaktik möglich wurde.
Indem die deutsche Führung den Willen des Gegners durch Tempo und Plötzlichkeit lähmte, gewann sie einen Vorteil, der sich nicht in Zahlen messen ließ. Der Durchbruch an der Maas war damit gelungen, und die ersten Panzer rollten nach Westen. Doch nun begann der gefährlichste und zugleich entscheidende Abschnitt der gesamten Operation, der Augenblick, in dem es darauf ankam, nicht stehen zu bleiben. Mit dem gelungenen Übergang über die Maas stellte sich für die deutsche Führung eine grundlegende Entscheidung, die über den weiteren Verlauf des gesamten Feldzugs bestimmen sollte.
Vor den Panzerdivisionen lag der Weg nach Westen offen, doch ihre Flanken waren über große Entfernungen ungeschützt, weil die langsamere Infanterie weit zurücklag. Die vorsichtige Lösung hätte darin bestanden, am Brückenkopf zu warten, bis die Fußtruppen aufgeschlossen und die Flanken gesichert hatten. Genau diese Vorsicht entsprach der Erwartung der gegnerischen Führung, und genau hier setzte das deutsche Vorgehen einen anderen Akzent. Guderian und Rommel entschieden sich, den Vorstoß ohne Pause fortzusetzen und das Tempo als wichtigste Waffe zu begreifen.
Der Gedanke dahinter war, dass ein Gegner, der ständig in Bewegung gehalten und an der Neuordnung gehindert wird, seine offenen Flanken gar nicht ausnutzen kann. Diese Entscheidung war ein klassisches Beispiel für die Auftragstaktik auf operativer Ebene, denn die vorderen Kommandeure handelten im Sinne der übergeordneten Absicht und trieben den Vorstoß voran, obwohl die höhere Führung zeitweise zum Anhalten neigte und mehrfach Bedenken wegen der ungesicherten Flanken äußerte. Was nun folgte, ging als der sogenannte Lauf zum Meer in die Geschichte ein.
Die Panzerverbände der Wehrmacht stießen in raschen Märschen nach Westen vor in Richtung der Kanalküste. Tag für Tag legten sie weite Strecken zurück, durchbrachen schwache Widerstandslinien und ließen befestigte Punkte, die sich nicht sofort nehmen ließen, einfach hinter sich, um die Bewegung nicht zu verlieren. Am 20. Mai erreichten die vordersten Einheiten bei Abbeville die Mündung der Somme und damit den Ärmelkanal. In diesem Augenblick war eine strategische Katastrophe für die Alliierten Wirklichkeit geworden.
Die stärksten und beweglichsten Verbände der Alliierten, das britische Expeditionskorps sowie die besten französischen Armeen, standen weit im Norden in Belgien, wohin sie dem vorgetäuschten Hauptangriff gefolgt waren. Durch den Vorstoß bis zur Küste war diese gesamte Nordgruppe nun von ihren Nachschublinien und vom übrigen Frankreich abgeschnitten. Ein einziger tief geführter Stoß hatte die alliierte Front in zwei Teile zerrissen. Damit war die klassische Form der Kesselschlacht entstanden, jene Einschließung, auf die deutsche operative Denkweise seit jeher ausgerichtet war.
Der entscheidende Faktor bei der Bildung dieses Kessels war erneut die Geschwindigkeit. Der Gegner war physisch nicht in der Lage, sich rasch genug umzugruppieren, um die nach Westen vorstoßende deutsche Lanze abzuschneiden oder ihr auszuweichen. Während die Verbände der Wehrmacht sich auf der Karte unaufhörlich nach vorn schoben, kämpften die alliierten Stäbe vergeblich darum, ein Bild der Lage zu gewinnen, das mit der Wirklichkeit übereinstimmte. Eine wichtige Rolle spielte dabei der ausgiebige Gebrauch des Funkverkehrs auf deutscher Seite.
Da nahezu alle Panzer und Befehlsfahrzeuge mit Funkgeräten ausgestattet waren, konnten Bewegungen schnell aufeinander abgestimmt, Gelegenheiten sofort gemeldet und Vorausabteilungen flexibel gelenkt werden. Diese Fähigkeit zur raschen Abstimmung über große Entfernungen hinweg verlieh den deutschen Verbänden eine Beweglichkeit, der die schwerfälligere gegnerische Führung nichts gleichwertiges entgegenzusetzen hatte. Die alliierte Seite blieb jedoch nicht gänzlich ohne Gegenwehr, und an einigen Stellen kam es zu Versuchen, den schmalen deutschen Vorstoßkeil in seiner verwundbaren Flanke zu treffen.
Der bekannteste dieser Versuche ereignete sich am 21. Mai bei Arras, wo britische und französische Verbände mit verhältnismäßig schweren Panzern einen Gegenangriff gegen die deutschen Flanken führten. Für kurze Zeit lösten diese Panzer auf deutscher Seite ernste Beunruhigung aus, da ihre Panzerung dem Feuer mancher deutscher Panzerabwehrwaffen widerstand. Der Vorstoß wurde schließlich abgewehrt, doch er zeigte, welche Wirkung ein rechtzeitig und entschlossen geführter Gegenangriff hätte entfalten können, wäre er in größerem Umfang und besser koordiniert erfolgt.
Genau daran aber fehlte es der alliierten Führung. Die einzelnen Gegenstöße blieben örtlich begrenzt, schlecht aufeinander abgestimmt und kamen stets zu spät, um den deutschen Vorstoß in seiner Tiefe wirklich zu gefährden. Während die eingeschlossene Nordgruppe gegen die Küste gedrängt wurde, entwickelte sich um den Hafen von Dünkirchen herum eine letzte Verteidigungsstellung, von der aus in den folgenden Tagen ein erheblicher Teil der britischen und französischen Truppen über den Kanal evakuiert werden konnte. Die Rettung dieser Soldaten änderte nichts an der bereits gefallenen Entscheidung des Feldzugs, doch sie bewahrte einen wichtigen Kern erfahrener Truppen vor der vollständigen Vernichtung.
Die alliierte Führung blieb in dieser Lage weitgehend handlungsunfähig, und die Gründe dafür lagen tiefer als im bloßen Versagen einzelner Personen. Das französische Oberkommando war auf eine Schlacht eingerichtet, die sich in geordneten Bahnen und mit überschaubarem Tempo entwickelte. Der plötzliche tiefe Einbruch sprengte diesen Rahmen vollständig. Entscheidungen wurden auf der Grundlage von Lagebildern getroffen, die bereits überholt waren, sobald sie die höheren Stäbe erreichten. Mobile Reserven, die einen solchen Durchbruch hätten auffangen können, standen nicht in ausreichender Zahl an der richtigen Stelle bereit, weil die gesamte Aufstellung auf das falsche Angriffsszenario im Norden ausgerichtet gewesen war.
Hinzu kam ein Verlust an Zuversicht in den Führungsebenen, der die ohnehin langsame Entscheidungsfindung weiter lähmte. So verstärkten sich die Schwächen gegenseitig: Je schneller die deutschen Verbände vorstießen, desto stärker zerfiel die Fähigkeit des Gegners, geordnet zu reagieren, und je mehr diese Fähigkeit zerfiel, desto ungehinderter konnten die deutschen Verbände vorstoßen. An dieser Stelle lohnt sich eine nüchterne Betrachtung der eigentlichen Ursache des deutschen Erfolgs. Es war ausdrücklich nicht die zahlenmäßige Überlegenheit, denn diese bestand nicht.
In der Gesamtzahl der Panzer und in mancher technischer Hinsicht waren die Alliierten sogar im Vorteil. Entscheidend war vielmehr die Kombination aus dem kühnen Entwurf, der den Schlag an die unerwartete Stelle verlegte, dem konsequenten Tempo, das dem Gegner keine Ruhe ließ, der Initiative der Kommandeure auf allen Ebenen und der hohen Ausbildung der Besatzungen, die das schnelle Handeln überhaupt erst ermöglichte. Diese Faktoren zusammen erzeugten den Eindruck der Unaufhaltsamkeit, der den Feldzug bis heute prägt.
Die weitere Entwicklung folgte als logische Fortsetzung. Nachdem die eingeschlossene Nordgruppe weitgehend ausgeschaltet oder über den Kanal abgedrängt worden war, richtete sich der deutsche Angriff im Rahmen der Operation Fall Rot gegen den verbliebenen französischen Widerstand im Süden. Doch die Entscheidung des Feldzugs war im Grunde bereits in jenen Maitagen gefallen, in denen der Sichelschnitt seine volle Wirkung entfaltete. Innerhalb von etwa sechs Wochen war ein Feldzug abgeschlossen, den kaum jemand in dieser Form und in diesem Tempo für möglich gehalten hatte.
Frankreich, das wenige Wochen zuvor als militärische Großmacht mit einer der stärksten Armeen der Welt gegolten hatte, war besiegt. Drei Elemente hatten in ihrem Zusammenwirken diesen Ausgang ermöglicht. Das erste war der kühne operative Entwurf, der Sichelschnitt mit der bewussten Wahl des Schwerpunkts in den als unpassierbar geltenden Ardennen. Das zweite war die konsequente Umsetzung der Auftragstaktik, jenes Vertrauens in die Initiative und das Urteilsvermögen der Kommandeure vor Ort, das eine außergewöhnliche Geschwindigkeit der Entscheidungen erlaubte.
Das dritte war das enge Zusammenwirken der Waffengattungen, das reibungslose Ineinandergreifen von Panzern, Infanterie, Pionieren, Artillerie und Luftwaffe sowie die hohe Ausbildung der Besatzungen der Panzerdivisionen, die diese Verfahren erst mit Leben füllte. Keines dieser Elemente hätte für sich allein genügt, doch in ihrer Verbindung entfalteten sie eine Wirkung, die weit über die Summe der einzelnen Teile hinausging. Der Westfeldzug wurde in der Folge zu einem der am gründlichsten untersuchten Beispiele der modernen Kriegsgeschichte, und seine Prinzipien beeinflussten das militärische Denken weit über jene Epoche hinaus.
Die Frage, wie der Gedanke der konzentrierten beweglichen Kräfte, der eigenständigen Führung und des schnellen Entscheidungszyklus die Entwicklung der Kriegskunst im 20. Jahrhundert prägte, beschäftigt Militärhistoriker und Stäbe bis in die Gegenwart. Zugleich verdeutlicht dieser Feldzug eine Einsicht, die über alle technischen Einzelheiten hinausreicht. Letztlich entschieden nicht allein die Maschinen über den Ausgang, sondern die Menschen, die sie führten, und die Art und Weise, wie Entscheidungen getroffen und umgesetzt wurden. Geschwindigkeit, Initiative und das Zusammenwirken vieler einzelner an der richtigen Stelle erwiesen sich als ebenso bedeutsam wie Stahl und Feuerkraft.
Eben darin liegt der bleibende Wert dieses Beispiels für jede ernsthafte Beschäftigung mit der Geschichte der Kriegführung. Denn es zeigt, dass die wirksamste Methode stets jene ist, die das Denken des Gegners überholt, bevor seine Mittel überhaupt zur Geltung kommen. Der Westfeldzug war damit im Kern eine Geschichte über Taktik, über Tempo und über das menschliche Können unter den Bedingungen des Krieges.


