Die Worte aus dem Tagebuch des Martin Adler, die nun der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden, zeichnen ein Bild des Grauens, das die Geschichte in einem neuen, erschütternden Licht erscheinen lässt. In Kapitel 14, das den Titel “Der Sanitäter” trägt, schildert der junge deutsche Soldat seine Begegnung mit Josef Lindner, einem Mann, der mitten im Vernichtungskrieg dem Leben diente, während alle um ihn herum dem Tod geweiht waren. Die Aufzeichnungen, die als Hörbuch vorliegen, offenbaren eine Perspektive des Zweiten Weltkriegs, die in den offiziellen Chroniken oft fehlt: die stille, verzweifelte Menschlichkeit in den Schützengräben und Lazaretten.
Adler beschreibt Lindner als einen stillen, sanften Menschen von etwa 30 Jahren, mit einem feinen, blassen Gesicht und traurigen Augen, in denen ein tiefes Mitgefühl wohnte. Dieser Mann, ein gläubiger Katholik aus einer kleinen Stadt im Rheinland, hatte als Krankenpfleger gearbeitet und trug seinen Glauben wie einen Schild gegen das Unerträgliche. Adler beobachtete mit welcher Hingabe Lindner seinen Dienst versah, wie er unter feindlichem Feuer zu den Verwundeten kroch, um sie zu bergen, ohne Aufhebens, ohne Prahlerei. In einer Welt des Tötens war dieser Sanitäter der wahre Held, wenn es so etwas gab in diesem Kriege.
Die Beziehung zwischen den beiden Männern vertiefte sich durch den Zufall des Dienstes. Adler musste Lindner oft zur Hand gehen, und in diesen gemeinsamen Stunden lernte er die verborgene Welt der Verwundeten kennen, jene leidvolle Sphäre hinter der Front, von der die Berichte vom Krieg gewöhnlich schweigen. Man spricht vom Kämpfen und vom Sterben, doch selten vom langsamen, qualvollen Leiden derer, die nicht gleich starben, sondern dahinsiechten an ihren Wunden. Adler half beim Versorgen der Verwundeten, reichte Verbände, hielt die Männer, wenn ihre Wunden behandelt wurden, und sah Dinge, die ihn bis heute verfolgen: zerschmetterte Knochen, aufgerissene Leiber, verbrannte Haut.
In einem unbewachten Augenblick sah Adler Lindner weinen, lautlos, das Gesicht in den Händen verborgen, nachdem ein junger Soldat unter seinen Händen gestorben war. In diesem stummen Austausch lag ein Verstehen, das tiefer ging als alle Worte. Von jenem Tage an waren die beiden auf eine besondere Weise verbunden, und Adler zählte Lindner zu den Menschen, die ihm der Krieg geschenkt hatte als Ersatz für das, was er ihm genommen hatte.
Die Aufzeichnungen schildern dann Adlers Zeit im Feldlazarett, einem halbzerstörten Gebäude, das einmal eine Schule gewesen war. In den weiten Räumen, in denen einst Kinder gelernt hatten, lagen nun die Verwundeten, Reihe an Reihe, auf Stroh und notdürftigen Pritschen. Hunderte von ihnen, die Luft erfüllt von dem Gestank der Wunden, des Eiters, des Blutes, der Desinfektionsmittel und von dem unaufhörlichen Stöhnen und Wimmern der Leidenden. Adler erinnert sich, dass er beim ersten Betreten dieses Raumes zurückwich vor dem Anblick und dem Geruch, dass es ihn überwältigte und dass er sich zwingen musste weiterzugehen, seine Arbeit zu tun.

Die Ärzte und Pfleger im Lazarett arbeiteten bis zur Erschöpfung, operierten oft ohne ausreichende Betäubung, weil die Mittel knapp waren. Adler sah Amputationen, bei denen die Männer festgehalten werden mussten, während ihnen ein Glied abgenommen wurde, und das Schreien dieser Männer war das furchtbarste, was er je gehört hatte. Er half, wo er konnte, hielt die Männer, reichte die Instrumente, trug die Verwundeten, und lernte sich abzuhärten gegen das Grauen, denn anders hätte er diese Arbeit nicht verrichten können.
Doch unter der Härte blieb das Mitleid wach, das brennende Mitleid mit diesen Männern, die so litten. Adler begriff in jenen Tagen im Lazarett vollends, was der Krieg in Wahrheit war. An der Front im Gefecht sieht man den Tod, das schnelle Sterben. Doch hier im Lazarett sah er das langsame Sterben, das wochenlange Leiden, die zerstörten Leiber junger Männer, die für den Rest ihres Lebens sein würden, ohne Beine, ohne Arme, ohne Augen, blind und verstümmelt. Er sah, dass der Krieg nicht nur tötete, sondern dass er weit mehr Männer zerstörte, als er tötete, dass er sie zurückschickte in ihr Leben als gebrochene Menschen an Leib und an Seele.
Unter den Verwundeten traf Adler durch einen sonderbaren Zufall einen Kameraden aus der Ausbildungszeit wieder, einen jungen, kräftigen, lebensfrohen Burschen, der nun ein verstümmelter Rest seiner selbst war. Beide Beine hatte ihm der Krieg genommen und einen Arm, sein Gesicht war von Narben entstellt. Der Mann fragte Adler, ob er glaube, dass ein Mädchen ihn noch lieben könne, so wie er nun war. Adler wusste keine Antwort und log, sagte, gewiss werde ein Mädchen ihn lieben, denn die Liebe sehe nicht auf den Leib, sondern auf die Seele. Der Kamerad lächelte traurig und sagte, er wisse, dass Adler ihn trösten wolle, doch er kenne die Wahrheit.

In diesem Augenblick begriff Adler, dass es Wunden gibt, die tiefer sind als alle Wunden des Leibes, die Wunden der zerstörten Hoffnung, der genommenen Zukunft, und dass gegen diese Wunden auch der beste Arzt machtlos ist. Er verließ das Lazarett nach jenen Tagen ein anderer, als er es betreten hatte, erschüttert bis ins Innerste und mit einer noch tieferen Abscheu gegen den Krieg.
Doch mitten in dieser Stätte des Sterbens erlebte Adler auch etwas, das ihm den Glauben an das Leben für eine Weile zurückgab. In einem abgelegenen Teil des Gebäudes waren einige russische Zivilisten untergebracht, die nicht hatten fliehen können. Unter ihnen war eine junge Frau, hochschwanger, deren Stunde gerade in jenen Tagen kam. Mitten in dieser Stätte des Sterbens, umgeben vom Leiden und vom Tod, kam ein Kind zur Welt, ein neues Leben, das seinen ersten Schrei tat in einem Haus voll von Sterbenden. Adler war zugegen, als es geschah, und es ergriff ihn so tief, dass ihm die Tränen kamen.
Nach all dem Tod war dies wie ein Wunder, wie eine Verheißung, dass das Leben weiterging, dass es stärker war als der Krieg und der Tod. Die Mutter dieses Kindes, eine junge Russin mit einem müden, schönen Gesicht, hielt ihr Neugeborenes in den Armen, und Adler sah, wie sie es ansah, mit jenem Blick unendlicher Liebe, den eine Mutter hat für ihr Kind. Es war derselbe Blick, den seine eigene Mutter einst für ihn gehabt hatte, den jede Mutter hat auf der ganzen Welt, jenseits aller Völker und aller Fronten.

Adler begriff in jenem Augenblick mit einer Klarheit, die ihn erschütterte, dass dies das Wahre war, das Bleibende, die Mutter mit ihrem Kind, die Liebe, das Leben, und dass all das andere, der Krieg, das Töten, der Hass, nur ein Wahnsinn war, ein furchtbarer Irrtum, eine Verirrung der Menschheit. Er trat zu der jungen Mutter und sah ihr Kind an, dieses winzige, hilflose Geschöpf, das nichts wusste vom Krieg, vom Hass, von all dem Unheil, in das es hineingeboren wurde. Die Mutter sah ihn an, den deutschen Soldaten, den Feind, der gekommen war, ihr Land zu verheeren, und in ihrem Blick lag keine Furcht, kein Hass, sondern nur eine müde, allumfassende Müdigkeit und vielleicht eine Spur von Mitleid.
Adler lächelte ihr zu, und sie lächelte zurück, ein schwaches, müdes Lächeln. In diesem Augenblick gab es keinen Krieg zwischen ihnen, keine Front, keine Feindschaft, nur zwei Menschen, die einander ansahen, über den Abgrund hinweg, den andere zwischen ihnen aufgerissen hatten. Als Adler das Lazarett verließ und zu seiner Einheit zurückkehrte, trug er dieses Bild mit sich fort, das Bild der Mutter mit ihrem neugeborenen Kind inmitten der Sterbenden.
Es wurde ihm zu einem Trost, zu einem Halt in den dunklen Zeiten, die kamen, denn es zeigte ihm, dass es etwas gab, das stärker war als der Krieg, das Leben selbst, die Liebe, die immer wieder neu begann, gleich wie viel Tod auch um sie herrschte. Er kehrte zurück zu Otto und Fritz und den anderen, erzählte ihnen von dem Kind, das im Lazarett geboren worden war, und sah, wie auch sie ergriffen waren, wie auch ihnen dieser Funke der Hoffnung wohltat. Sie sprachen an jenem Abend nicht vom Tod, von dem sie umgeben waren, sondern vom Leben, von der Zukunft, von dem, was nach dem Kriege sein würde, von Kindern, die sie haben würden, von einem Frieden, an den sie kaum noch zu glauben wagten und an den sie sich doch klammerten.
Denn ohne diesen Glauben, ohne diese Hoffnung hätten sie nicht weiterleben können in dem Inferno, dem sie entgegengingen, dem Inferno von Stalingrad, dessen Name nun immer häufiger fiel, immer bedrohlicher, und das sie erwartete wie ein dunkler Abgrund, in den sie hineingerissen wurden, ohne sich wehren zu können. Die Aufzeichnungen enden mit einem Eintrag vom September 1942, in dem Adler schreibt, dass er das Bild der Mutter und des Kindes brauchen werde, wenn die Finsternis kommt. Die Worte des Tagebuchs sind ein erschütterndes Zeugnis der Menschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit, ein Dokument, das die Nachwelt mahnt, die Schrecken des Krieges nie zu vergessen.


