Die Schlacht am Wolchow, die im Winter und Frühjahr 1942 tobte, ist aus dem kollektiven Gedächtnis der Weltgeschichte nahezu verschwunden, doch ihre Bedeutung für den Verlauf des Zweiten Weltkriegs und das Schicksal von Hunderttausenden ist unermesslich. Während die Welt gebannt auf Stalingrad, Nordafrika und den Atlantik blickte, versank im Sumpfgebiet südlich des Ladogasees eine ganze Armee der Roten Armee lautlos im Morast und Schnee. Es war ein vergessener Sieg der Wehrmacht, der die Blockade Leningrads für weitere Monate zementierte und einen sowjetischen General hervorbrachte, dessen Name später zum Synonym für Verrat werden sollte: Generalleutnant Andrej Andrejewitsch Wlassow.
Die Wolchow-Operation, die im Januar 1942 begann, war einer der ambitioniertesten sowjetischen Offensivversuche des gesamten Krieges. Die 2. Stoßarmee, eine frisch aufgestellte Eliteeinheit, sollte die deutschen Linien durchbrechen, die Stadt Ljuban einnehmen und die Blockade Leningrads sprengen. Doch das Gelände, dichte Wälder, unpassierbare Sümpfe und Temperaturen bis zu minus 40 Grad Celsius, verwandelte den Vormarsch in einen Albtraum. Trotz anfänglicher Erfolge, bei denen die Rote Armee einen bis zu 25 Kilometer breiten Korridor westlich des Wolchow schuf, zeigte sich schnell ein entscheidender strategischer Fehler.
Der Nachschubkorridor, das berüchtigte Nadelöhr bei dem Dorf Mjasnoj Bor, war von Anfang an nur drei bis vier Kilometer breit. Dieses schmale Band aus Leben und Tod wurde von deutschen Truppen aus zwei Richtungen bedrängt. Die deutsche Führung unter General der Kavallerie Georg Lindemann erkannte die Chance und leitete eine entscheidende Gegenoffensive ein. Am 15. März 1942 begann die Operation, die die 2. Stoßarmee in die Falle locken sollte. Die niedersächsische 58. Infanteriedivision stieß von Süden vor, die SS-Polizeidivision von Norden, mit dem Ziel, die einzige Nachschubader der Sowjets zu durchtrennen.
Am 19. März 1942 war die Einkesselung vollendet. Rund 90.000 Soldaten der Roten Armee befanden sich nun in einem Kessel, der von deutschen Truppen umschlossen war. Die Bedingungen für die Eingeschlossenen wurden schnell katastrophal. Die Soldaten schlachteten ihre Pferde, kauten Baumrinde und aßen Leder, um zu überleben. Der April brachte das Tauwetter, das die Wege in knietiefen Schlamm verwandelte und die Bewegungen der Truppen nahezu unmöglich machte. Die Moral sank, und die Verzweiflung griff um sich.
In dieser aussichtslosen Lage traf Mitte April eine hochrangige Delegation aus Moskau ein, darunter Marschall Kliment Woroschilow und der Politfunktionär Georgi Malenkow. Mit ihnen kam ein Mann, dem Stalin persönlich vertraute: Generalleutnant Andrej Wlassow. Der 40-jährige Held der Moskauer Winterschlacht, der im Januar 1942 die Stadt Solnetschnogorsk zurückerobert hatte, galt als einer der fähigsten Kommandeure der Roten Armee. Am 16. April übernahm Wlassow offiziell das Kommando über die 2. Stoßarmee, nachdem sein Vorgänger Generalmajor Nikolai Kljkow erkrankt war. Er trat das Erbe eines bereits verlorenen Kampfes an.
Wlassow erkannte schnell die aussichtslose Lage seiner Armee. Die Soldaten hungerten, der Nachschub war zusammengebrochen, und die deutschen Truppen drückten unerbittlich auf den Kessel. Er bettelte bei der Stawka, dem sowjetischen Oberkommando, um einen Rückzugsbefehl, doch dieser kam erst am 24. Mai 1942. Es war zu spät. Die deutsche Schlussoperation rollte am 24. und 25. Juni 1942 an. Von Norden stieß General der Kavallerie Philipp Kleffel vor, von Süden das 38. Armeekorps unter General der Infanterie Siegfried Hänicke. Ihr Ziel war die endgültige Liquidierung des Kessels.
Was dann geschah, beschrieben Zeitzeugen als die Hölle auf Erden. Der einzige Ausbruchsweg führte durch die Erika-Schneise, einen Knüppeldamm durch Wald und Sumpf, der unter deutschem Artillerie- und Maschinengewehrfeuer lag. Tausende sowjetische Soldaten stürmten diesen Damm, die meisten starben dabei. Zwischen 14.000 und 20.000 Rotarmisten kamen allein bei diesen letzten Ausbruchsversuchen ums Leben. Nur zwischen 6.000 und 16.000 Mann erreichten die eigenen Linien. Tausende gerieten in Gefangenschaft. Zehntausende lagen in den Wäldern und Sümpfen, ertrunken, verhungert, verblutet.

General Lindemann meldete am 20. Mai 1942 stolz: „Der Russe räumt den Wolchowkessel.“ Die 2. Stoßarmee war vollständig vernichtet. Die sowjetischen Gesamtverluste der Wolchow-Operation beliefen sich auf 95.000 Tote und Gefangene sowie 213.000 Verwundete. Die Leningrader Blockade blieb ungebrochen für weitere Monate. Der Wolchow-Kessel war einer der vollständigsten deutschen Siege an der gesamten Ostfront und einer der am wenigsten erinnerten.
Doch das Schicksal von General Wlassow war noch nicht besiegelt. Der Generalleutnant verbarg sich zunächst wochenlang hinter den deutschen Linien, irrte durch die Sümpfe und hungerte wie seine Soldaten zuvor. Am 12. Juli 1942 wurde er gefangen genommen, von einem deutschen Trupp, der ihn in einem Dorf aufspürte. Der Wehrmachtbericht vom 14. Juli vermeldete die Festnahme des Armeeoberbefehlshabers. Stalin ließ die Frau des Generals verhaften und in ein Arbeitslager deportieren. Für Stalins Befehl vom 16. August 1941 war jeder Kriegsgefangene automatisch ein Verräter.
Doch war Wlassow ein Verräter? Die Antwort ist komplizierter, als es scheint. In Gefangenschaft begann er, ein Komitee gegen Stalin zu organisieren. Für die Deutschen war das zunächst reine Propaganda, eine Möglichkeit, Rotarmisten zur Kapitulation zu bewegen, nicht mehr. Erst als die Niederlage Deutschlands deutlich war, überredete Heinrich Himmler Hitler zur Gründung einer echten russischen Befreiungsarmee, der ROA. Wlassow war ihr Oberbefehlshaber. Zehn Grenadierdivisionen, ein Panzerverband, eigene Luftstreitkräfte – ein Phantom, zu spät aufgestellt, um irgendetwas zu ändern.
Im August 1946 wurde Wlassow in Moskau hingerichtet. Die Historikerdebatten über seine Motive dauern bis heute an. War er ein Verräter, ein Patriot oder ein Getriebener? Was bleibt, ist das Bild eines Generals, der die Niederlage seines Landes nicht verantwortete, sie aber mit seinem Namen bezahlte, während seine Soldaten im Sumpf des Wolchow versanken. Die Erika-Schneise, das Nadelöhr des Todes, ist heute ein stiller Waldweg in der Oblast Nowgorod. Viele der Gefallenen liegen noch immer im Sumpf, ungeborgen und vergessen.
Für Leningrad änderte sich kurzfristig nichts. Die Hoffnung auf Entsatz war zerbrochen. Doch die Katastrophe am Wolchow lehrte die Stawka etwas Entscheidendes: dass tiefe Durchbrüche ohne gesicherte Flanken und Nachschublinien zum Tod verurteilt sind. Anderthalb Jahre später, im Januar 1944, sollte die Leningrader Blockade endgültig gesprengt werden. Diesmal mit anderen Mitteln, anderem Geist, anderer Vorbereitung. Der Sieger von Wolchow, General Georg Lindemann, wurde am 5. Juli 1942 zum Generaloberst befördert. Sein Sieg aber blieb im kollektiven Gedächtnis nahezu unsichtbar, überschattet von den größeren Schlachten des Krieges. Die Welt erinnert sich an Stalingrad, an Kursk, an die Normandie. Der Wolchow-Kessel aber ist ein stilles Mahnmal für die Schrecken des Krieges und die Zerbrechlichkeit menschlicher Loyalität.

