Der Schnee auf der Taman-Halbinsel war im Januar 1943 mit Ruß vermischt, der Boden gefroren bis in eine Tiefe von einem halben Meter, und über den Stellungen der 17. Armee hing der schwere, eisenartige Geruch von Pulver und verbranntem Öl. Nur wenige Wochen zuvor war Stalingrad gefallen, die 6. Armee unter Generalfeldmarschall Friedrich Paulus existierte nicht mehr. Die Heeresgruppe A, die noch im Sommer des Jahres nach den Ölfeldern des Kaukasus gegriffen hatte, befand sich im hastigen Rückzug. Doch hier auf einem schmalen Streifen Land zwischen dem Asowschen Meer im Norden und dem Schwarzen Meer im Süden geschah etwas, das in der Chronik des Ostfeldzugs einzigartig bleiben sollte. Etwa 200.000 deutsche und rumänische Soldaten hielten den sogenannten Gotenkopf, eine Stellung, die nach Hitlers Befehl den Brückenkopf nach Asien sichern sollte. Acht Monate lang gegen einen Gegner, der in jeder Statistik überlegen war, ohne Aussicht auf entscheidende Verstärkung, ohne Hoffnung auf einen erneuten Vorstoß. Wie konnte das gelingen?
Die Bilder, die aus jenen Monaten überliefert sind, zeigen Männer in schlammverschmierten Mänteln, Pferdegespanne, die in den Tiefen der Kuban-Niederung versinken, Bunker aus Erde und Lehm, in denen die Soldaten der 4. Gebirgsdivision, der 73. Infanteriedivision und der 97. Jägerdivision Tag und Nacht ausharrten. Die Artillerie der Roten Armee schlug ein, die Salven der Stalinorgeln, im deutschen Soldatenjargon Katjuscha genannt, fegten über die Stellungen hinweg. Und doch standen sie Tag für Tag, Woche für Woche, durch den Frühjahrsschlamm, durch die brennende Sommerhitze, durch die Mückenschwärme der Kuban-Mündung. Dies war nicht nur ein Brückenkopf, dies war Hitlers letzte Hoffnung auf eine Rückkehr in den Kaukasus und zugleich, ohne dass es die meisten Soldaten ahnten, eine der wenigen groß angelegten Rückzugsoperationen, die der Wehrmacht im gesamten Krieg organisiert gelingen sollten. Hunderttausende Männer würden über die Meerenge von Kertsch entkommen, wenn alles glatt lief.
Doch zwischen jenem Januar und der Räumung im Oktober 1943 lagen acht Monate erbitterten Stellungskriegs, Kämpfe um Höhe 1141, um die kleine Hafenstadt Noworossijsk, um die Übergänge der Protoka, um die Hänge bei Krimskaja. Männer, die nie zuvor von Mychako gehört hatten, würden ihr Leben dort lassen. Andere würden in ihren Tagebüchern festhalten, wie sie monatelang in nassen Erdlöchern hausten, während der Frühjahrstau alles in einen klebrigen Brei verwandelte. Wer waren diese Männer, welche Befehle erhielten sie, und warum, wenn der Krieg im Osten längst zum Untergang strebte, beharrte das Führerhauptquartier darauf, diesen scheinbar nutzlosen Sumpf an der Kuban-Mündung mit allen verfügbaren Mitteln zu verteidigen? Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir zurückkehren zum Ende des Jahres 1942, zu den Tagen, in denen sich das Schicksal der gesamten deutschen Südfront entschied.
Der Sommer hatte mit einer großen Hoffnung begonnen. Unternehmen Blau, die zweite große Sommeroffensive der Wehrmacht im Osten, sollte das erreichen, was im Vorjahr vor Moskau gescheitert war. Hitler richtete seinen Blick nicht mehr auf die Hauptstadt der Sowjetunion, sondern auf die Lebensadern der gegnerischen Kriegswirtschaft, die Ölfelder von Maikop, von Grosny, von Baku am Kaspischen Meer. Die Heeresgruppe Süd wurde geteilt, die Heeresgruppe B marschierte auf Stalingrad, die Heeresgruppe A unter Generalfeldmarschall Wilhelm List drang nach Süden vor in den Kaukasus hinein. Im August jenes Jahres erreichten Gebirgsjäger der 1. Gebirgsdivision den Gipfel des Elbrus und pflanzten dort die Reichskriegsflagge auf, eine Geste, die mehr propagandistischen als militärischen Wert besaß. Im September stieß die 17. Armee, damals geführt von Generaloberst Richard Ruoff, bis vor Tuapse an der Schwarzmeerküste vor, doch dort verlor der Vorstoß seine Kraft. Die Versorgungslinien waren zu lang, das Gebirge zu zerklüftet, der sowjetische Widerstand zu zäh.
Dann kam Stalingrad. Am 19. November begann die sowjetische Operation Uranus, die rumänische 3. und 4. Armee an den Flanken der 6. Armee brachen zusammen, die Zange schloss sich, und binnen weniger Tage waren über 200.000 Mann eingekesselt. Mit einem Schlag wurde die strategische Lage der gesamten deutschen Südfront prekär. Die Heeresgruppe A im Kaukasus, weit nach Süden vorgeschoben, stand in akuter Gefahr, von der Hauptfront abgeschnitten zu werden. Generalfeldmarschall Erich von Manstein, der die neugebildete Heeresgruppe Don befehligte, sah nur einen Ausweg, den geordneten Rückzug aus dem Kaukasus, bevor die Sowjets den Don bei Rostow erreichten und damit den einzigen Landweg in den Norden absperrten. Anfang Januar 1943 setzte die Bewegung ein, die 1. Panzerarmee zog sich nach Nordwesten in Richtung Rostow zurück, die 17. Armee jedoch erhielt einen anderen Auftrag.
Am 31. Dezember 1942 erließ das Führerhauptquartier den Befehl, der über das Schicksal von Hunderttausenden entscheiden sollte. Die 17. Armee sollte sich nicht vollständig zurückziehen, sondern auf die Taman-Halbinsel ausweichen und dort eine befestigte Brückenkopfstellung beziehen. Diese Stellung erhielt den Decknamen Gotenkopf, eine Anspielung auf die Goten, jenes germanische Volk, das im 4. Jahrhundert nach Christus in der nordpontischen Steppe gesiedelt hatte. Hitler liebte solche Bezüge, sie sollten der Truppe das Gefühl historischer Größe vermitteln. Der eigentliche Zweck war jedoch militärisch nüchtern, die Halbinsel zwischen dem Asowschen Meer und dem Schwarzen Meer war für Hitler kein Endpunkt, sondern ein Sprungbrett. Sobald die Lage es erlaubte, so die Erwartung, sollte von hier aus eine erneute Offensive in den Kaukasus rollen mit dem alten Ziel der Ölfelder von Grosny und Baku.
Bis dahin schützte der Brückenkopf zugleich die Krim vor einer sowjetischen Landung über die Meerenge von Kertsch und band beträchtliche Kräfte der Roten Armee, die anderswo dringend gebraucht wurden. Die Kräfte, die sich nun nach Westen wälzten, waren beachtlich, aber abgenutzt. Etwa 12 deutsche und vier rumänische Divisionen, Schätzungen reichen je nach Zeitpunkt von 200.000 bis 400.000 Soldaten, strömten in die Niederungen der Kuban. Darunter befanden sich kampferprobte Verbände wie die 4. Gebirgsdivision, die 50. Infanteriedivision, die 97. Jägerdivision sowie die rumänischen Gebirgs- und Kavalleriedivisionen, deren Kampfwert nach den Katastrophen am Don schwer einzuschätzen war. Schwere Artillerie wurde herangezogen, einige wenige Panzer, dazu Luftunterstützung aus dem Bereich der Krim, die Versorgung jedoch wurde zum zentralen Problem.
Die einzige Verbindung zum Hinterland führte über die Meerenge von Kertsch, etwa fünf Kilometer offene See zwischen der Halbinsel Taman und der Krim. Schiffe, Fähren, später eine Seilbahn, die quer über die Meerenge gespannt wurde, mussten alles transportieren, was diese Armee zum Überleben brauchte, Munition, Verpflegung, Ersatzteile, Verstärkungen. Auf der anderen Seite der Front standen die Truppen der sowjetischen nordkaukasischen und transkaukasischen Fronten. Sie verfügten über Dutzende Schützen- und Gardedivisionen, über Panzerverbände, über eine wachsende Luftflotte, ihr Vorteil in Menschen und Material wuchs mit jedem Monat. Den Soldaten der 17. Armee wurde rasch klar, dies würde keine Offensive werden, dies würde ein Aushalten werden, ein zäh-monatelanges Aushalten mit dem Rücken zum Meer.
In den ersten Wochen des Jahres 1943 begann auf der Taman-Halbinsel ein Werk, das in seiner schieren Härte an die Materialschlachten des Ersten Weltkriegs erinnerte. Die 17. Armee, ab Juni geführt von Generaloberst Erwin Jänecke, der den schwer erkrankten Ruoff ablöste, ließ ein gestaffeltes Verteidigungssystem in den lehmigen Boden treiben. Insgesamt fünf hintereinander gestaffelte Stellungslinien sollten entstehen, die zusammen eine Verteidigungstiefe von bis zu 60 Kilometern erreichten. Jede Linie trug einen eigenen Decknamen aus dem germanischen Sagenkreis, der zur Geheimhaltung beitragen und zugleich den propagandistischen Mythos vom Gotenkopf fortspinnen sollte. Die vorderste Linie, die direkt an die sowjetischen Stellungen grenzte, war die am stärksten ausgebaute, hinter ihr lagen Auffanglinien, Riegelstellungen, vorbereitete Rückzugslinien, gestaffelt, vermint, mit Stacheldraht gesichert, mit vorbereiteten Artillerieschussfeldern versehen.

Die Bedingungen, unter denen diese Arbeiten stattfanden, waren brutal. Im Januar herrschte noch klirrender Frost, der Boden war steinhart. Im Februar setzte das Tauwetter ein, und die berüchtigte Schwarzerde der Kubanregion verwandelte sich in einen knietiefen Schlamm, der Stiefel verschluckte, Räder festhielt und Pferde lahmlegte. Pioniere arbeiteten im Wasser, gruben Stellungen, die nach wenigen Stunden wieder vollliefen, errichteten Bunker aus Baumstämmen und Erde, weil Beton nicht in ausreichender Menge zu beschaffen war. Minenfelder wurden vor den Stellungen angelegt, oft unter sowjetischem Artilleriebeschuss, Tausende von Tellerminen, Splitterminen und improvisierten Sprengfallen wurden in den Boden eingebracht. Ganze Sümpfe wurden zu künstlichen Barrieren umgestaltet, indem man Dämme einriss und das Wasser des Kubanflusses in Senken lenkte.
Wer die Front in jenen Wochen betrat, sah keine Armee in klassischer Verteidigungsstellung, er sah ein riesiges Bauwerk, das mit den primitivsten Mitteln aus dem Boden gestampft wurde, eine Festung aus Sumpf, Lehm und Erschöpfung. Während die hinteren Linien noch entstanden, brachen an der Front bereits die ersten schweren Kämpfe los. Anfang Februar versuchte die Rote Armee durch eine Reihe amphibischer Landungen den entstehenden Brückenkopf in der Wurzel zu zerschlagen. In der Nacht zum 4. Februar setzten sowjetische Marineinfanteristen bei Ossereika und bei Stanitschka, einem südlichen Vorort der Hafenstadt Noworossijsk, über, die Hauptlandung bei Ossereika scheiterte am dichten Feuer der deutschen Küstenartillerie. Doch der Nebenstoß bei Stanitschka gelang, eine Handvoll Marineinfanteristen unter Major Zesar Lwowitsch Kunikow biss sich in einem schmalen Landstrich am Südrand von Noworossijsk fest, in einem Gebiet, das später unter dem Namen Malaja Semlja, kleines Land, in die sowjetische Kriegsgeschichte eingehen sollte.
Trotz aller Gegenangriffe gelang es der 17. Armee in den folgenden Tagen nicht, diesen Brückenkopf zu beseitigen. Ein sowjetischer Pfahl steckte nun mitten in der deutschen Front. Gleichzeitig mussten die deutschen Verbände im Hinterland Geländegewinne aufgeben, die im Vorjahr noch teuer erkauft worden waren. Krasnodar, die größte Stadt der Region, wurde am 12. Februar von Truppen der sowjetischen 46. Armee eingenommen. Die 17. Armee zog sich hinter den Fluss Protoka zurück in die Stellung mit dem Decknamen Poseidon. Auf engerem Raum verdichtete sich nun die Verteidigung, Verbände wie das 49. Gebirgsarmeekorps unter General Rudolf Konrad und das 5. Armeekorps unter General Wilhelm Wetzel übernahmen die Hauptlast an den entscheidenden Frontabschnitten. Soldaten, die zuvor in den Tälern des Kaukasus gekämpft hatten, fanden sich nun in den Niederungen wieder, knietief im Wasser, mit nassen Fußlappen und durchnässten Mänteln in einer Landschaft, die so wenig Schutz bot wie ein leeres Tischtuch.
Aus dem Sumpf machten wir eine Festung, schrieb später ein Offizier des 5. Armeekorps in seinen Erinnerungen, aber der Sumpf machte aus uns kranke, ausgemergelte Männer. Was jedoch wenige der Soldaten in diesen Februarwochen ahnten, die wirklich harten Schlachten, die schweren Frühjahrs- und Sommerkämpfe um den Gotenkopf, hatten noch gar nicht begonnen. Das Schlimmste lag noch vor ihnen. Mit dem Frühjahr begann auf dem Kuban-Brückenkopf jene Phase, die in den Erinnerungen der Überlebenden den größten Raum einnimmt, Monate ununterbrochener Verteidigung gegen einen Gegner, der seine Angriffe immer schwerer, immer dichter, immer entschlossener vortrug. Die Rote Armee hatte aus den Erfahrungen der Winterkämpfe gelernt, sie führte nun Reserven heran, baute ihre Artillerie aus, brachte frische Schützendivisionen an die Front und konzentrierte sich darauf, die deutschen Stellungen Stück für Stück aufzubrechen.
Aus deutscher Sicht wandelte sich die Lage in eine endlose Folge von Angriffswellen, deren Rhythmus die Soldaten in den Schützenlöchern bald wie ein Uhrwerk erfassten. Heranbrausen sowjetischer Sturmlugzeuge vom Typ Iljuschin 2, das anschließende Trommelfeuer der Artillerie, die langgezogenen Heulsalven der Raketenwerfer Katjuscha und schließlich der Sturmschritt der Infanterie aus dem Dunst und Rauch hervor. Wer in den vordersten Gräben überleben wollte, lernte jede dieser Phasen mit der Präzision eines Handwerkers zu beantworten. Im April versuchte die 17. Armee die offene Wunde an ihrer Südflanke zu schließen. Der sowjetische Brückenkopf bei Mychako, im Soldatenmund Malaja Semlja genannt, war im Februar entstanden und seither stetig verstärkt worden. Über 10.000 Marineinfanteristen und Soldaten der 18. Armee hielten dort einen Geländestreifen von etwa 30 Quadratkilometern, der wie ein Dorn in der Flanke der deutschen Front saß.
Generaloberst Ruoff entschloss sich zu einer groß angelegten Gegenoffensive, die den Decknamen Neptun erhielt. Ab dem 17. April sollten Verbände des 5. Armeekorps in mehreren Stoßkeilen den sowjetischen Brückenkopf abschnüren und in das Meer zurückwerfen. Die Luftflotte 4 unter Generalfeldmarschall Wolfram Freiherr von Richthofen unterstützte das Unternehmen mit einer Konzentration, die in der zweiten Hälfte des Krieges selten geworden war. Allein in der ersten Aprilhälfte wurden ungefähr 20.000 Einsätze der Luftwaffe über Mychako registriert, viele davon durch Sturzkampfflieger vom Typ Junkers 87. Doch die sowjetische Verteidigung hielt, eingegrabene Bunker an den steilen Hängen, eine zähe Marineinfanterie, eine massive Unterstützung durch die Schwarzmeerflotte und die sowjetische 5. Luftarmee verwandelten den Brückenkopf in einen Schlund, der jeden Angriff verschluckte. Nach wenigen Tagen schwerer Kämpfe musste die 17. Armee Unternehmen Neptun einstellen, der Brückenkopf bei Mychako blieb bestehen, eine ständige Bedrohung, ein Beweis, dass die Initiative an dieser Front längst nicht mehr in deutscher Hand lag.
Die folgenden Monate wurden für die deutsche Verteidigung zur Routine des Aushaltens. Im Mai und Juni griff die sowjetische 56. Armee unter Generalleutnant Andrej Antonowitsch Gretschko immer wieder die zentrale Stellung bei Krimskaja an, jenen Knotenpunkt von Straßen und Eisenbahnlinien, der den Schlüssel zur gesamten westlichen Halbinsel bildete. Wer Krimskaja hielt, hielt den Brückenkopf, wer Krimskaja verlor, verlor alles. Um die Höhen entbrannten Kämpfe, die in ihrer Erbittertheit an die Materialschlachten von Verdun aus dem Ersten Weltkrieg erinnerten. Die Höhen wurden in einer einzigen Nacht mehrfach genommen und wieder verloren, manchmal von einem Stoßtrupp, manchmal von einer ganzen Kompanie, manchmal nur noch von einer Handvoll Versprengter, die sich in einem Bombentrichter festgekrallt hatten. Die deutsche Artillerie, gut eingeschossen auf jeden Quadratmeter Vorfeld, brach die sowjetischen Angriffswellen oft schon im Vorfeld, Erdkampfflieger der Luftwaffe vom Typ Henschel 129 griffen die sowjetischen Bereitstellungen an, und doch kam jeden Morgen die nächste Welle.

Manche deutschen Bataillone meldeten innerhalb einer einzigen Aprilwoche 30 Einzelangriffe in ihrem Abschnitt. Das Wort abgewehrt verlor in den Tagesmeldungen jede dramatische Kraft, es wurde zur Buchhaltung des Überlebens. Doch die Verteidiger zahlten einen hohen Preis, die Verluste waren zwar geringer als die der angreifenden Roten Armee, aber sie waren stetig, unaufhörlich, zermürbend. Ein deutsches Infanterieregiment, das im Januar mit etwa 2000 Mann auf der Halbinsel eingetroffen war, zählte im Juli oft nur noch 800, manchmal 600 Kampffähige. Ersatz aus dem Reich traf nur in Tropfen ein, die Männer wurden müder, die Stellungen tiefer, die Bunker dichter mit Verwundeten, die auf den Abtransport über die Meerenge warteten. Hinter der Front wuchs ein Lazarettsystem heran, das täglich Hunderte von Verwundeten in Richtung Krim verschiffte, dort im Hinterland arbeiteten Sanitätskompanien Tag und Nacht.
Wer ein paar Tage hinter der Front verbringen durfte, sah die endlosen Reihen der Pferdegespanne, die Munitionskisten heranschleppten, sah Pioniere, die in der prallen Sonne neue Stellungen ausbauten, sah die ständig kreisenden sowjetischen Aufklärungsflugzeuge am Himmel. Die Versorgungslage entwickelte sich zur eigentlichen Achillesferse des gesamten Unternehmens. Alles, was die 17. Armee verbrauchte, und sie verbrauchte ungeheure Mengen an Munition, Treibstoff, Verpflegung, Pferdefutter, Sanitätsmaterial, musste über die Meerenge von Kertsch geschafft werden. Schiffe der Kriegsmarine, requirierte Fischkutter, motorisierte Marinefähren, jede schwimmende Plattform wurde herangezogen. Im Frühjahr begannen die Pioniere mit einem Projekt, das selbst in den Augen abgehärteter Frontoffiziere abenteuerlich wirkte, eine Seilbahn quer über die Meerenge von der Küste der Krim zur Halbinsel Taman, über fünf Kilometer Wasser hinweg, getragen von gewaltigen Stahlmasten an beiden Ufern.
Sie wurde im Juni in Betrieb genommen und konnte täglich mehrere hundert Tonnen Material befördern, eine Leistung, die für eine ganze Armee zwar nicht ausreichte, aber doch einen wertvollen zusätzlichen Strom darstellte. Trotzdem blieb der Engpass schmerzlich, Munition für die schweren Geschütze musste rationiert werden, Beobachter mahnten die Batterien, jedes Geschoss gezielt einzusetzen. Lebensmittelrationen schrumpften, Pferde, die in der Kuban-Niederung an Schlamm und Erschöpfung verendeten, konnten kaum ersetzt werden. Mitten in dieser Welt aus Schlamm, Hitze und Hunger lebte der einfache Soldat. Wer die Briefe und Tagebücher der Männer der 17. Armee liest, stößt immer wieder auf dieselben Bilder, der Regen, der im Frühjahr in Sturzbächen über die Stellungen fiel und alles in einen Sumpf verwandelte, die Hitze des Juli, die zusammen mit den Mücken aus den Sümpfen kam und den Männern den Schlaf raubte. Die Krankheiten, Malaria, Ruhr, Wundinfektionen, die in den feuchten Niederungen leichter zuschlugen als der Feind.
Und doch immer wieder das eigentümliche Phänomen, dass die Moral der Truppe nicht zerbrach. Ein Stabsoffizier des 49. Gebirgsarmeekorps notierte, dass die Männer trotz aller Strapazen ein erstaunliches Vertrauen in ihre eigene Verteidigungsfähigkeit entwickelt hätten. Sie wussten, dass die Stellungen gut ausgebaut waren, sie wussten, dass jede angreifende sowjetische Welle gegen eine vorbereitete Antwort lief, sie wussten, dass die Artillerie hinter ihnen stand, und sie wussten vor allem, dass hinter ihren Stellungen das Meer lag und dass es kein Davonlaufen gab. Diese Mischung aus Zwang und Erfahrung erzeugte eine Disziplin, die auf jeden Außenstehenden befremdlich wirken musste. Auch die rumänischen Verbündeten spielten eine Rolle, die in der späteren deutschen Erinnerung oft heruntergespielt wurde. Die rumänische 3. Gebirgsdivision und die rumänische 6. sowie weitere Verbände sicherten weite Abschnitte des Brückenkopfs, oft in den schwierigeren sumpfigen Niederungen im Norden, wo die deutschen Verbände schlechter manövrieren konnten.
Die Soldaten König Michaels I. kämpften nach den Katastrophen von Stalingrad mit gedämpfter Motivation, aber sie hielten ihre Abschnitte über weite Strecken zuverlässig. Wo deutsche Offiziere ihre rumänischen Kollegen in den ersten Wochen mit Misstrauen betrachtet hatten, wuchs im Frühjahr und Sommer eine Zweckgemeinschaft heran, die zumindest funktionierte. Wer rückblickend fragt, warum dieser Brückenkopf so lange gehalten werden konnte, stößt auf eine Reihe ineinandergreifender Faktoren. Erstens die Geländeauswahl, die Kuban-Niederung mit ihren Sümpfen, Flussläufen und natürlichen Engstellen begünstigte den Verteidiger in einem Ausmaß, das einem klassischen Lehrbuch der Defensivtaktik entstammen könnte. Zweitens die Stellungstiefe, fünf gestaffelte Verteidigungslinien mit Auffangstellungen und Riegelpositionen erlaubten es der 17. Armee, lokale Einbrüche aufzufangen, ohne dass die Gesamtfront ins Wanken geriet.
Drittens die operative Führung, Generaloberst Jänecke, der im Juni das Kommando übernahm, beherrschte das Handwerk der elastischen Abwehr aus dem Ersten Weltkrieg. Er ließ Truppen aus weniger bedrohten Abschnitten rasch in heiße Punkte verlegen, hielt operative Reserven zurück und nutzte die innere Linie der Halbinsel, um seine Kräfte zu konzentrieren. Viertens die Probleme der sowjetischen Seite, die nordkaukasische Front unter Generaloberst Iwan Jefimowitsch Petrow musste in einem ebenso schwierigen Gelände angreifen, hatte mit Versorgungsproblemen zu kämpfen, koordinierte ihre amphibischen Operationen nur unzureichend mit den Landoperationen und verlor in den frontalen Angriffen ungeheure Mengen an Menschen und Material. Fünftens, und dieser Punkt wiegt schwer, der Hitlerbefehl. Solange das Führerhauptquartier den Rückzug verbot, blieb der Truppe nichts anderes übrig, als zu kämpfen. Die berüchtigte Inflexibilität von Hitlers Stäben wirkte hier ausnahmsweise nicht als Katastrophenverstärker, sondern als zusätzlicher Druck, der die Frontlinie zusammenhielt, bis zu jenem Tag, an dem auch Hitler erkannte, dass das Spiel verloren war.
Den Sommer über zog sich der Stellungskrieg in einem fast tropischen Rhythmus dahin, Mücken, Sonne, Salven, Sturmangriffe, Verluste, Verstärkung, Salven, Sturmangriffe. Doch in der Ferne, weit nördlich des Brückenkopfs, in den Steppen um Kursk und Orjol, bereitete sich eine Entscheidung vor, die alles ändern sollte. Was an der Kuban als unverwüstliche Verteidigung erschien, sollte sich bald als ein Wartezustand erweisen, ein Aufschub, kein Sieg. Im Juli begann nördlich der Kubanfront jene Schlacht, die in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs als Wendepunkt des Ostfeldzugs gilt, die Schlacht im Kursker Bogen. Vom 5. Juli an versuchte die Wehrmacht mit Unternehmen Zitadelle die sowjetische Frontausbuchtung westlich von Kursk in einer Zangenoffensive abzuschneiden. Doch der Angriff blieb stecken, sowjetische Verteidigungssysteme von einer Tiefe und Dichte, die alles bisher Bekannte übertraf, schluckten die deutschen Panzerverbände. Nach knapp zwei Wochen brach Hitler die Offensive ab.

Was nun einsetzte, war die strategische Wende. Die Rote Armee ging an der gesamten Südfront in die Großoffensive, Belgorod fiel im August, Charkow fiel im August, der Donbass geriet in Bewegung. Die Heeresgruppe Süd unter Generalfeldmarschall von Manstein musste Front um Front zurücknehmen, und plötzlich erschien jener Brückenkopf an der Kuban-Mündung in einem völlig neuen Licht. Was bisher als Sprungbrett für eine künftige Kaukasusoffensive gedacht war, war nun ein operativer Anachronismus. Hitler hatte im Frühjahr und Frühsommer weiterhin auf die Vision einer Rückkehr in den Kaukasus gepocht, doch nach Kursk war diese Vision endgültig zerschlagen. Die Heeresgruppe A unter Generalfeldmarschall Ewald von Kleist, der die 17. Armee unterstand, drängte auf eine Räumung. Die Argumente waren längst bekannt, 200.000 Mann, die hier in einem festgefahrenen Stellungskrieg gebunden waren, fehlten an der Hauptfront im Donbass und am Dnjepr.
Die enormen Versorgungsleistungen, die der Brückenkopf forderte, banden Schiffe, Eisenbahnkapazitäten, Luftwaffenverbände, und das wachsende Übergewicht der Roten Armee ließ ahnen, dass eine Großoffensive gegen den Kuban nur noch eine Frage von Wochen sein konnte. Noch im August jedoch zögerte das Führerhauptquartier, Hitler hasste den Gedanken, freiwillig Territorium aufzugeben. Erst als die Lage an der Hauptfront immer dramatischer wurde, gab er nach. Am 5. September erteilte das Oberkommando der Wehrmacht den Befehl zur Räumung des Kuban-Brückenkopfs. Die Operation erhielt den Decknamen Kriemhild, wieder ein Bezug zum Nibelungenkreis, der gut zur Symbolwelt um den Gotenkopf passte. Was Generaloberst Jänecke nun zu organisieren hatte, glich einer logistischen Aufgabe, wie sie die Wehrmacht im Osten zuvor selten bewältigen musste. Etwa 240.000 deutsche und rumänische Soldaten, dazu Zehntausende Verwundete, dazu Tausende von Pferden, Hunderte von Geschützen, Lazarette voller Verwundeter sowie ein erheblicher Teil der einheimischen Bevölkerung, der mit den deutschen Truppen das Gebiet verlassen wollte.
All dies musste über die schmale Meerenge von Kertsch auf die Krim geschafft werden, während die Rote Armee gleichzeitig zur Offensive antrat. Schiffe, Marinefähren, Pionierfähren, Flugzeuge der Transportverbände wurden zusammengezogen. Hafenanlagen in den kleinen Häfen der Halbinsel Taman wurden ausgebaut, Anlegestellen verstärkt, Markierungstonnen ausgelegt. Parallel begann ein Spiel der Täuschung, das in der späteren militärhistorischen Aufarbeitung als eines der gelungensten Beispiele operativer Tarnung im deutschen Osteinsatz gilt. Während im Hinterland Schiffe gesammelt und Räumungspläne verfeinert wurden, sollte an der Front der Eindruck einer unveränderten, ja sogar verstärkten Verteidigungsabsicht entstehen. Funkverkehr wurde aufrechterhalten, als ob neue Verbände einträfen, Scheinstellungen wurden ausgebaut, Geschützattrappen aufgestellt, Patrouillen führten weiterhin Stoßtruppunternehmen durch, um jeden Eindruck von Schwäche zu vermeiden.
Und schließlich begannen die Pioniere mit jener Arbeit, die das Tor hinter der zurückweichenden Armee zuschlagen sollte, ein riesiges System aus Sprengvorbereitungen an Brücken, Straßen, Eisenbahnstrecken, Hafenanlagen, Bahnhöfen, Wassertürmen, Mühlen, Lagerschuppen. Was nicht mitgenommen werden konnte, sollte zerstört werden, damit es dem Gegner nicht in die Hände fiel. Der menschliche Preis dieser Politik für die zurückbleibende Zivilbevölkerung war hoch, ein Aspekt, der in den nüchternen Operationsbefehlen kaum auftaucht, in den Erinnerungen vieler Soldaten der späteren Jahre jedoch immer wieder durchschimmert. Während diese Vorbereitungen liefen, schlug die Rote Armee zu. Am 9. September begann die Noworossijsk-Taman-Operation der nordkaukasischen Front unter Generaloberst Petrow. In der Bucht von Noworossijsk landeten in der ersten Nacht etwa 6000 Soldaten der 18. Armee aus See, unterstützt durch die Schwarzmeerflotte und konzentriertes Artilleriefeuer. Zugleich griffen Verbände aus dem Brückenkopf bei Mychako an, andere Verbände stießen frontal aus den Bergen heran.
Die deutsche Verteidigung von Noworossijsk, gehalten von Teilen des 5. Armeekorps, kämpfte sieben Tage lang um jedes Haus, jeden Hafenkai, jeden Industriebau. Das Stadtgebiet, das ohnehin seit Monaten durch Artilleriebeschuss in Schutt gelegt war, wurde zur Trümmerlandschaft. Am 16. September zogen sich die letzten deutschen Verbände aus der Stadt zurück, Noworossijsk war verloren, doch der Verlust war eingeplant. Er bedeutete nicht den Zusammenbruch, sondern den Auftakt eines geordneten Rückzugs, der nun über die gesamte Front einsetzte. Was folgte, war kein wildes Davonstürmen, sondern eine Bewegung, die in ihrer Choreografie an ein Uhrwerk erinnerte. Die 17. Armee sollte sich in vier vorbereiteten Zwischenstellungen zurückziehen, jede mit einem eigenen Decknamen, jede mit eigenen Halteterminen, jede mit eigenen Sprengaufträgen. Die hinteren Verbände gingen zuerst zurück, sicherten die nächste Linie, dann folgten die mittleren, schließlich die vordersten.
So entstand ein gestaffeltes Zurückrollen der Front, das dem Gegner unmöglich machte, durch einen schnellen Durchbruch die Hauptkräfte abzuschneiden. Doch jeder Schritt nach Westen, jeder Quadratkilometer aufgegebenen Bodens war eine Mahnung an die Soldaten. Das, was sie acht Monate lang gehalten hatten, gaben sie nun preis. Was wie eine unverwüstliche Festung gewirkt hatte, löste sich auf wie eine sorgsam geschnürte Krawatte, und an ihrem Ende wartete der schwierigste Akt, die Überfahrt über die Meerenge, die ihnen lange als Lebensader gedient hatte und die nun zur engsten Schleuse ihrer Rettung wurde. Vom 15. September an rollte über die Halbinsel Taman eine Bewegung, die in ihrer Größenordnung und Präzision selbst den eigenen Stab der 17. Armee überraschen sollte. Operation Kriemhild war keine improvisierte Flucht, sondern ein generalstabsmäßig durchgeplantes Werk, das bis ins Detail geprobt worden war.
Generaloberst Erwin Jänecke hatte seine Befehlsstellen über die gesamte Halbinsel verteilt. Jede einzelne Division wusste, wann sie aus ihrer Stellung herauszulösen war, welche Strecke sie zurückzulegen hatte, an welchem Hafen sie zu welcher Stunde verladen werden sollte. Die Verladehäfen waren bestimmt, Anapa an der Schwarzmeerküste für die Truppen des südlichen Frontabschnitts, Taman selbst und Kutschug für die Verbände aus dem Zentrum sowie kleinere Anlegestellen an der Asowschen See für die Truppen aus dem nördlichen Marschblock. Insgesamt waren ungefähr 240.000 deutsche und rumänische Soldaten zu evakuieren, dazu Zehntausende Verwundete, etwa 28.000 Pferde, fast 2000 Geschütze, über 20.000 Kraftfahrzeuge und beinahe 75.000 Tonnen Material. Hinzu kamen etwa 16.000 Zivilisten, vorwiegend Kosaken, ehemalige Hilfswillige der Wehrmacht und ihre Familien, die das Vorrücken der Roten Armee fürchteten und ihr Schicksal mit den abrückenden Truppen verknüpften.
Die Marineverbände, denen diese Aufgabe ob


