Kapitel 18 | Der Weg nach Osten – Das Tagebuch des Martin Adler | Hörbuch

Kapitel 18 | Der Weg nach Osten - Das Tagebuch des Martin Adler | Hörbuch

Berlin, 1943 – Ein deutscher Frontsoldat berichtet von der Hölle des Ostfeldzuges

Die Aufzeichnungen des Martin Adler, eines Wehrmachtssoldaten, der den Vormarsch und den nun beginnenden Rückzug an der Ostfront erlebte, offenbaren ein erschütterndes Bild des Krieges. In seinem Tagebuch, das nun als Hörbuch vorliegt, schildert Adler die panische Furcht vor den sowjetischen T34-Panzern, die für die Infanterie eine nahezu übermächtige Bedrohung darstellten.

Adler beschreibt die ersten Begegnungen mit diesen stählernen Ungeheuern bereits im Winter vor Moskau. Der T34, niedrig und mit schrägen Panzerplatten gebaut, war den deutschen Panzern oft überlegen. Seine Geschosse prallten ab, und die Infanterie fühlte sich hilflos wie nackte Menschen gegen wilde Tiere.

Die Furcht vor den Panzern wurde zu einem ständigen Begleiter. Adler erinnert sich an die Massenangriffe, bei denen die Panzer wie eine stählerne Flut über die deutschen Stellungen hereinbrachen. Die Panzerabwehrkanonen, die Pak, und später die Panzerfaust boten zwar Mittel, doch der Einsatz erforderte äußersten Mut.

Um einen Panzer mit der Panzerfaust zu bekämpfen, musste man ihn nahe herankommen lassen, bis er fast über einem war. Die Versuchung zu fliehen war übermächtig, doch wer floh, wurde überrollt oder niedergemäht. Feldwebel Weiß lehrte die Männer, dass ein Panzer allein, ohne begleitende Infanterie, verwundbar ist, da er blind durch seine schmalen Sehschlitze sieht.

Das Schlimmste waren jedoch die kombinierten Angriffe, bei denen Panzer und Infanterie gemeinsam vorrückten. Dann gab es keine Ruhe mehr, man musste gegen beide zugleich kämpfen. Adler beschreibt dies als die Hölle, ein Ringen am Rande der Verzweiflung, bei dem alles auf des Messers Schneide stand.

Einen der furchtbarsten Panzerangriffe erlebte Adler an einem trüben Frühlingstag. Die Deutschen lagen in hastig ausgehobenen Stellungen in flachem, offenem Gelände. Der Feind warf Dutzende von Panzern in breiter Front gegen sie, eine ganze Brigade, gefolgt von dichten Massen an Infanterie.

Adler lag in seinem Graben und sah die Flut auf sich zukommen. Eine lähmende, würgende Furcht ergriff ihn, die ihm den Atem nahm. Die Pak eröffnete das Feuer, einige Panzer wurden getroffen und blieben brennend liegen, doch die anderen rollten unaufhaltsam weiter und überrollten die vorderste Linie.

Es entstand ein Chaos, ein Inferno. Adler erinnert sich an einen Panzer, der sich über einem Graben drehte, um die darin kauernden Männer zu zermalmen. Die Schreie der Kameraden, die unter dem malenden Stahl erstickten, hallen noch heute in ihm nach. Er selbst presste sich in seinen Graben und betete, dass das Ungeheuer nicht zu ihm käme.

Erich Vogt hielt mit seinem Maschinengewehr die begleitende Infanterie nieder, bis der Lauf glühte. Ein stiller Bursche sprang mit einer Panzerfaust aus seinem Graben, traf einen Panzer und setzte ihn in Brand, wurde aber im selben Augenblick von einem anderen Panzer zerrissen. Opfer und Erfolg fielen in einem Atemzug zusammen.

Wie sie diesen Angriff überstanden, vermag Adler kaum zu sagen. Es war ein Wirrwarr aus Feuer, Stahl und Tod. Doch die Panzerabwehr und der verzweifelte Mut der Männer brachten den Angriff schließlich zum Stehen. Die überlebenden Panzer zogen sich zurück und ließen ihre brennenden Kameraden auf dem Feld zurück.

Als die Schlacht verwehte, lag der Abschnitt übersät mit Toten und brennenden Wracks. Der Rauch hing schwer über dem Feld, der Gestank von verbranntem Öl und verbranntem Fleisch erfüllte die Luft. Adler erhob sich zitternd aus seinem Graben, kaum fähig zu glauben, dass er noch lebte.

Viele Kameraden waren geblieben, zermalmt unter den Ketten, zerrissen vom Feuer. Der Sieg, wenn man ihn so nennen konnte, war teuer bezahlt mit dem Blut so vieler. Adler fühlte keine Freude über das Überleben, sondern nur eine tiefe, dumpfe Erschöpfung und einen Abscheu vor dem Krieg.

Nach diesem Angriff begann, was Feldwebel Weiß nach Stalingrad vorausgesagt hatte: der lange Rückzug. Ein zäher, blutiger, scheinbar endloser Weg zurück nach Westen. Anders als der panische Rückzug vor Moskau war dieser langsamer, methodischer, ein schrittweises Zurückweichen unter ständigem feindlichem Druck.

Diese Art des Rückzugs hatte eine eigene zermürbende Qual. Man kämpfte und blutete für ein Land, das man nicht halten konnte. Man wusste, dass aller Kampf, alles Sterben vergeblich war. Die Soldaten wichen zurück durch dieselben Landschaften und Dörfer, die sie einst siegreich durchzogen hatten.

Es war ein bitteres Gefühl, dieselben Orte nun in umgekehrter Richtung zu durchziehen, fliehend, geschlagen, wo man einst siegreich vorgerückt war. Die Hoffnungen von einst verglich Adler mit der Trostlosigkeit des jetzigen Weichens. Der Vergleich war bitter.

Der Rückzug wurde begleitet von der Taktik der verbrannten Erde. Auf Befehl sollte dem nachrückenden Feind nichts hinterlassen werden, was ihm hätte nützen können. Die Soldaten brannten Dörfer nieder, vernichteten Vorräte, sprengten Brücken und Bahnen.

Adler litt unter dieser Zerstörung. Er dachte an die Bäuerin und ihre Kinder, an die alte Frau am Ofen, an all die unschuldigen Menschen dieses Landes. Sie nahmen ihnen, was ihnen zum Überleben blieb, trieben sie in Hunger und Elend. Er sah die stumme Verzweiflung und den Hass in den Gesichtern der Bauern.

Er schämte sich. Er begriff, dass sie auf dem Rückzug ein noch größeres Unrecht über dieses Land brachten als auf dem Vormarsch. Sie verwandelten es in eine Wüste. Dieser Frevel gehörte zu der langen Liste der Frevel, die sie auf sich geladen hatten und die Adler nicht mehr vor seinem Gewissen verantworten konnte.

In jenem langen Rückzug lernte Adler eine neue Stufe der Verzweiflung kennen. Eine Verzweiflung, die nicht mehr aufloderte, sondern zu einem dauernden Zustand geworden war. Eine dumpfe, graue Hoffnungslosigkeit, in der sie dahinlebten, kämpfend, sterbend, weichend, ohne ein Ziel als das nackte Überleben.

Adler begriff, dass dieser Krieg, der einst mit so viel Lärm, Glanz und Hoffnung begonnen hatte, nun in einem langen, elenden Dahinsterben endete. Einem Verbluten der Truppe auf dem endlosen Weg zurück. Und doch, das war das Sonderbare, gaben sie nicht auf, kämpften sie weiter, hielten sie zusammen.

Adler fragte sich oft, woher sie die Kraft nahmen, weiterzumachen, da doch alle Hoffnung dahin war. Die Antwort fand er schließlich in dem, was ihnen blieb: in der Kameradschaft, in der Bindung zueinander, in dem Wunsch, die wenigen, die ihnen geblieben waren, nicht im Stich zu lassen.

Es war der nackte, tierische Überlebenswille, der dem Menschen eingepflanzt ist und der ihn weiterkämpfen lässt, auch dann noch, wenn aller Sinn, alle Hoffnung verloren ist. So wichen sie zurück, Schritt um Schritt, kämpfend, blutend, sterbend nach Westen, der Heimat entgegen und doch zugleich dem Untergang.

In jener Zeit des langen Rückzugs, da das Sterben zum Alltag geworden war und die Hoffnung erloschen, wurde das bloße Überleben zur einzigen Aufgabe, zur einzigen Kunst, die noch zählte. Adler, der nun schon zwei Jahre und mehr im Krieg stand, war zu einem alten, erfahrenen Soldaten geworden.

Er beherrschte die Kniffe und Listen des Überlebens wie ein Handwerk. Sein Körper und sein Geist hatten sich angepasst an die ständige Gefahr. Er nahm Dinge wahr und tat sie, ohne nachzudenken, die ihm das Leben retteten. Er hatte gelernt, das Pfeifen der Granaten zu deuten.

Er hatte ein Gespür entwickelt für die Gefahr, eine Art sechsten Sinn, der ihn warnte, ehe der Verstand begriff. Er hatte gelernt, mit der Furcht zu leben, sie zu beherrschen, statt sich von ihr beherrschen zu lassen. All diese Künste beherrschte er nun zur Vollendung.

Doch diese Kunst des Überlebens hatte ihren Preis, und der Preis war hoch. Um zu überleben in jenem unaufhörlichen Sterben, musste man sich abhärten, eine Schale um sein Herz legen, einen Panzer, der die Gefühle abhielt. Wer im Krieg jeden Toten betrauert hätte, wäre zerbrochen.

So lernten sie, nicht mehr zu fühlen oder doch das Fühlen zu unterdrücken. Sie lernten, über die Toten hinwegzusehen, weiterzugehen, weiterzumachen, als wäre nichts geschehen. Diese Abstumpfung, diese Verhärtung war notwendig zum Überleben und doch zugleich eine furchtbare Verstümmelung der Seele.

Adler spürte mit Schrecken, wie auch er abstumpfte, wie auch in ihm die Schale wuchs. Er nahm Dinge mit Gleichgültigkeit hin, die ihn früher erschüttert hätten. Er fürchtete sich vor dieser Verhärtung, fürchtete, dass er am Ende, wenn er überlebte, kein Mensch mehr sein würde.

Er fürchtete, nur noch ein abgestumpftes, gefühlloses Wesen zu sein, geformt vom Krieg zu seinem Ebenbild. Doch gegen diese Verhärtung kämpfte er an, soweit er konnte. Er erinnerte sich an die Worte Lindners, dass sie die Menschlichkeit bewahren müssten in der Unmenschlichkeit.

Adler klammerte sich an die wenigen Dinge, die ihn noch fühlen ließen: an die Liebe zu Otto, an die Erinnerung an die Toten, an Karl und Fritz, deren Andenken er in sich wachhielt. Er trug Karls Gedichtband noch immer bei sich und las zuweilen die Briefe von zu Hause.

Er nährte diese Funken, hütete sie wie ein kostbares Feuer, damit sie nicht erlöschten in der Kälte des Krieges. Denn er begriff, dass dies sein eigentlicher Kampf war: nicht der Kampf gegen den äußeren Feind, sondern der Kampf um seine eigene Seele.

Der Kampf, ein Mensch zu bleiben in einer Welt, die alles tat, um ihn zu einem Tier oder einer Maschine zu machen. Dieser innere Kampf war der schwerste, den er zu führen hatte. Ob er ihn gewann, vermag Adler bis heute nicht mit Sicherheit zu sagen.

Doch er gab ihn nicht auf. Vielleicht ist das schon ein Sieg, dass er ihn nicht aufgab, dass er weiterkämpfte um seine Menschlichkeit, auch als alles um ihn her verloren schien. Die Aufzeichnungen enden mit einem Eintrag vom Mai 1943, der die ganze Trostlosigkeit des Rückzugs zusammenfasst.

Der lange Rückzug hat begonnen. Weiß hat es vorausgesagt nach Stalingrad, und nun ist es da. Kein wilder, panischer Rückzug wie damals vor Moskau, sondern ein langsames, zähes Zurückweichen. Ein Kämpfen um jeden Kilometer, den sie doch preisgeben müssen.

Sie bluten für ein Land, das sie nicht halten können. Das ist die bitterste Art zu kämpfen. Und sie hinterlassen verbrannte Erde. Es ist Befehl. Sie brennen die Dörfer nieder, vernichten die Vorräte. Adler denkt an die Bäuerin, an die alte Frau am Ofen, an all die unschuldigen Menschen.

Sie nehmen ihnen das Letzte. Adler schämt sich. Sie bringen auf dem Rückzug noch größeres Unrecht über dieses Land als auf dem Vormarsch. Er ist ein alter Soldat geworden, zwei Jahre und mehr. Er beherrscht die Kunst des Überlebens wie ein Handwerk.

Er hört die Granaten. Er spürt die Gefahr, ehe der Verstand sie begreift. Das hält ihn am Leben, wo andere sterben. Aber es hat einen Preis. Er stumpft ab. Er legt eine Schale um sein Herz, sonst zerbreche er. Er nimmt Dinge hin, die ihn früher erschüttert hätten.

Er hat Angst vor dieser Verhärtung, Angst, am Ende kein Mensch mehr zu sein. Aber er kämpft dagegen. Er hält sich an Otto, an die Erinnerung an Karl und Fritz, an Karls Gedichtband, an die Briefe von zu Hause. Das ist sein eigentlicher Kampf, ein Mensch zu bleiben in der Unmenschlichkeit.

Es ist der schwerste Kampf. Ob er ihn gewinnt, weiß er nicht, aber er gibt ihn nicht auf. Vielleicht ist das schon genug. Die Worte Martin Adlers sind ein erschütterndes Zeugnis eines Krieges, der Millionen das Leben kostete und die Seelen der Überlebenden für immer zeichnete.