Der Krieg, der nach Osten rollt, hat ein neues, atemberaubendes Kapitel erreicht: Die deutsche Wehrmacht hat ihren Vormarsch auf Moskau wieder aufgenommen, und die Soldaten, die den Sommer über durch die Weiten Russlands marschiert sind, stehen nun vor der größten Herausforderung des Feldzuges.
Das Tagebuch des Martin Adler, eines jungen Infanteristen aus Nürnberg, das nun der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, offenbart die tiefe emotionale Zerrissenheit der Männer an der Front. In Kapitel fünf, das heute veröffentlicht wurde, schildert Adler den Moment, als die Feldpost eintrifft und ein Brief aus der Heimat die Seele des Soldaten für einen Augenblick aus den Fängen des Krieges reißt.
Es war an einem der seltenen Ruhetage, als der Feldwebel die Briefe verteilte. Adler beschreibt, wie die Männer, deren Namen nicht gerufen wurden, mit mühsam verborgener Enttäuschung beiseite traten, während die Glücklichen, die Post erhielten, in einer fast kindlichen Freude aufleuchteten. Für Adler war es der Brief seiner Mutter, der ihn traf. Die vertraute Handschrift, die steifen Buchstaben, ließen ihm die Tränen in die Augen schießen, noch bevor er ein Wort gelesen hatte.
Der Brief, den er auf einem umgestürzten Baumstamm am Rande des Lagers las, enthielt nichts als alltägliche Dinge: der Vater war wohlauf, die Nachbarin hatte einen Sohn verloren, die Bohnen im Garten standen gut. Doch für Adler, der die Schrecken von Smolensk und den Tod des Kameraden Hennig in sich trug, waren diese Zeilen eine kostbare Nahrung für die Seele. Die Worte seiner Mutter öffneten eine Tür in ihm, die er in den Wochen des Krieges verschlossen gehalten hatte, weil das Erinnern zu schmerzhaft gewesen war.
Die Bilder der Heimat strömten herein: die enge Gostenhofer Gasse, die Werkstatt seines Vaters, der Geruch von Öl und Metall, die Burg über den Dächern Nürnbergs. Adler erinnert sich an das Mädchen aus der Nachbarschaft, dem er nie seine Gefühle gestanden hatte, und der Gedanke, dass es nun vielleicht für immer zu spät war, schnitt ihm ins Herz. Der Krieg nahm ihnen, was sie versäumt hatten zu ergreifen.
In diesem intimen Moment der Zwiesprache mit der Heimat fand Adler Trost in der Kameradschaft. Sein Freund Otto, der am Main zu Hause war, setzte sich schweigend neben ihn und zeigte ihm das Bild seiner Verlobten Anna. Die beiden jungen Männer, Martin aus Nürnberg und Otto vom Main, sprachen stundenlang von ihren Träumen und Hoffnungen, und für eine kostbare Stunde war der Krieg weit fort.
Doch die Ruhe endete, wie alle Ruhe in diesem Krieg endete: jäh und ohne Vorwarnung. Am Morgen des vierten Tages rief Leutnant Becker die Kompanie zum Appell. Der Ernst in seinem Gesicht ließ keinen Zweifel, dass die Tage des Verschnaufens vorüber waren. Die neuen Befehle waren kurz und klar: Die große Offensive ging weiter, das Ziel hieß Moskau, das Herz des Feindes.
Ein Raunen ging durch die Reihen, halb Erregung, halb Furcht. Der Name Moskau besaß einen eigenen, schweren Klang. Er bedeutete das Ende des Feldzuges, den Sieg, die Heimkehr. Und zugleich bedeutete er einen langen, blutigen Weg, der noch vor ihnen lag. Leutnant Becker sprach ohne die tönenden Phrasen der Reden und Zeitungen. Er sagte nur, dass er auf sie zähle und dass er hoffe, sie alle wohlbehalten ans Ziel zu bringen. In diesem schlichten Satz lag mehr Fürsorge als in allen Aufrufen zum Heldentum.
Nach dem Appell herrschte geschäftiges Treiben. Die Männer prüften die Ausrüstung, fassten Munition und schrieben in aller Eile noch Briefe nach Hause. Adler setzte sich noch einmal auf seinen Baumstamm und schrieb seinen Eltern. Er bemühte sich um einen heiteren, zuversichtlichen Ton, verschwieg den Tod, das Feuer und die Trümmer von Smolensk. Er schrieb auch den versprochenen Brief an die Mutter des gefallenen Hennig, den schwersten Brief seines Lebens, in dem er log und von einem schnellen, schmerzlosen Tod sprach, während er in Wahrheit das langsame Verbluten in einem ausgebrannten Haus vor sich sah.

Feldwebel Weiß, ein erfahrener Soldat, der den russischen Winter kannte, prüfte die Ausrüstung jedes Mannes. Als er zu Adler kam, nickte er knapp und sagte, der Weg nach Moskau sei lang, der Herbst nicht mehr fern und nach dem Herbst der Winter. Diese wenigen Worte enthielten eine Warnung, deren Gewicht Adler erst Monate später im Schnee und Frost vor den Toren Moskaus in seiner ganzen furchtbaren Bedeutung aufgehen sollte.
Am Morgen des Aufbruchs lag Tau auf den Wiesen, und ein erster Hauch des nahenden Herbstes lag in der Luft. Die Kompanie trat in der Dämmerung an und reihte sich ein in den gewaltigen Strom, der nach Osten zog. Soweit das Auge reichte, wälzten sich Kolonnen vorwärts: Infanterie und Artillerie, Panzer und Fahrzeuge, endlose Reihen von Pferdegespannen. Eine Völkerwanderung in Feldgrau, die sich dem fernen Ziel entgegenschob.
Adler marschierte in der Mitte seines Zuges, Otto vor ihm, Karl Hoffmann hinter ihm. Über ihnen wölbte sich ein blasser Morgenhimmel, an dem die letzten Sterne erloschen. Vor ihnen im Osten, dort wo die Sonne aufstieg, lag Moskau, fern, unsichtbar, ein Name, ein Ziel, das sie wie ein Magnet anzog. Ein Weg, den keiner von ihnen sich in seiner ganzen Länge vorzustellen vermochte.
In den ersten Tagen des neuen Vormarsches ging es zügig voran. Der Boden war trocken und fest, die Straßen trugen die Kolonnen. Die Stimmung war allen Strapazen zum Trotz nicht schlecht. Es ging die Rede, dass Moskau bis zum Wintereinbruch fallen werde, dass der Feldzug dann beendet sei und sie heimkehren würden. Die Männer klammerten sich an diese Hoffnung, denn die Hoffnung war wie das Brot und das Wasser, eine Notwendigkeit des Überlebens.
Sie durchzogen ein Land, das fruchtbarer war als das, durch das sie gekommen waren. Weite Felder, auf denen das Korn ungeerntet stand, Obstgärten, deren Bäume sich unter der Last der reifenden Früchte bogen. Die Dörfer, durch die sie kamen, waren teils verlassen, teils noch von alten Männern, Frauen und Kindern besetzt, die sie mit Blicken voller Furcht, Hass und stummer Verzweiflung ansahen. Adler wandte sich oft ab vor diesen Blicken, denn sie trafen ihn tiefer als eine Kugel.
So zogen sie dahin, Tag um Tag, immer tiefer hinein in das Herz Russlands. Mit jedem Schritt entfernte sich Adler weiter von der Heimat und näherte sich einem Schicksal, das im Dunkel der Zukunft lag. Die Sonne sank am Abend rot und groß im Westen, dort, wo Deutschland lag, und stieg am Morgen vor ihnen auf im Osten, dort, wo der Feind war und der Tod. In diesem täglichen Lauf der Sonne lag für Adler ein düsteres Sinnbild ihres eigenen Weges, der sie fortführte vom Licht der Heimat hinein in die Finsternis eines Landes, das sie nicht haben wollte.
In seinem Tagebuch notierte Adler am 19. August 1941: „Wir marschieren wieder und diesmal hat das Ziel einen Namen. Moskau. Becker hat es uns beim Appell verlesen. Ein Raunen ging durch die Reihen, als der Name fiel. Manche sagen, die Stadt falle bis zum Winter und dann sei der Krieg zu Ende und wir kämen heim. Ich weiß nicht, ob ich es glauben soll. Ich will es glauben. Glauben ist wie Brot hier draußen. Man braucht es, um nicht zu verhungern.“
Die Worte des Feldwebels Weiß vom Winter gingen Adler nicht aus dem Kopf. „Wenn ein Mann wie er vom Winter spricht und dabei einen solchen Blick hat, dann ist es ernst“, schrieb er. Die Kühle in der Luft, die Vögel, die nach Süden zogen, sie alle fliehen vor dem Winter, während die Soldaten ihm entgegengehen. Doch Otto ist bei ihm, und solange sie zusammen sind, hält Adler es aus. Seine letzten Worte an diesem Tag gelten der Heimat: „Gute Nacht, Mutter, Vater. Ich denke an euch.“

