Gretl Braun: Warum blieb sie Fegelein bis zum bitteren Ende treu?

Gretl Braun: Warum blieb sie Fegelein bis zum bitteren Ende treu?

Der Klang von Gläsern, die aufeinander stoßen, vermischt sich mit den Klängen eines Streichquartetts, während draußen in den Straßen von Salzburg die letzten Vorbereitungen für die erwartete Invasion der Alliierten laufen. Es ist der 3. Juni 1944, und die nationalsozialistische Elite hat sich im Marmorschloss Mirabell versammelt, um eine Hochzeit zu feiern, die als einer der groteskesten Affronts gegen die Realität eines Kontinents im Blutrausch in die Geschichte eingehen sollte.

Adolf Hitler selbst hat die Zeremonie beehrt, umgeben von denjenigen, die sein Regime in den Abgrund führen. Die Braut ist Margarete „Gretel“ Braun, die jüngere Schwester seiner langjährigen Gefährtin Eva Braun, und der Bräutigam ist Hermann Fegelein, ein SS-Offizier, dessen Karriere von Opportunismus und Brutalität geprägt ist. Während die Wehrmacht an allen Fronten zurückweicht und die deutschen Städte in Schutt und Asche versinken, wird hier im Angesicht des Untergangs noch Champagner gereicht, als gäbe es kein Morgen.

Die Hochzeitsgesellschaft wird nach den Feierlichkeiten im Schloss zum Kehlsteinhaus, dem berüchtigten „Adlerhorst“ hoch über den bayerischen Alpen, gebracht, wo die Feierlichkeiten weitere drei Tage andauern. In einer Zeit, in der Lebensmittelmarken den Alltag der Bevölkerung bestimmen und die Bombenangriffe auf die Großstädte immer verheerender werden, frönt die Party von Fegelein und Braun einem dekadenten Luxus, der die vollkommene Abgehobenheit der NS-Führung von der Not des eigenen Volkes und den Gräueltaten des Krieges demonstriert. Doch die Frage, die sich Historiker und Biographen bis heute stellen, ist eine andere: Warum blieb Gretel Braun diesem Mann, dem eine der widerlichsten Figuren in Hitlers Umgebung genannt wurde, bis zum bitteren Ende treu?

Um diese Frage zu beantworten, muss man weit in die Vergangenheit reisen, in eine Zeit, die vor dem Krieg und vor dem Ruhm lag.

Margarete Berta Gretel Braun wurde am 31. August 1915 in München geboren, eingebettet in ein kleinbürgerliches Umfeld. Ihr Vater Friedrich war Lehrer, ihre Mutter Franziska Schneiderin, und sie wuchs als jüngstes von drei Mädchen auf.

Der frühe Tod des Vaters und die strenge Erziehung der Mutter prägten die Kindheit, doch der eigentliche Wendepunkt kam mit sechzehn Jahren, als Gretel die Schule verließ. Sie trat eine Stelle als Büroangestellte bei der Fotografiefirma von Heinrich Hoffmann an, dem offiziellen Fotografen der NSDAP und engen Vertrauten Hitlers. In diesem Umfeld, in dem ihre Schwester Eva bereits arbeitete und die Aufmerksamkeit des aufstrebenden Politikers Adolf Hitler erregt hatte, wurde auch Gretel in die Kreise der nationalsozialistischen Führung eingeführt.

Diese Anstellung sollte ihr Leben für immer verändern, denn sie öffnete ihr die Tür zu einer Welt aus Macht, Privilegien und letztlich auch moralischer Verblendung.

Die Beziehung der Schwestern Braun zu Hitler vertiefte sich, als die NSDAP im Januar 1933 die Macht übernahm. Für Gretel bedeutete dies den Aufstieg in eine Sphäre, die von Prunk und Extravaganz geprägt war. Hitlers persönliches Anwesen, der Berghof in den bayerischen Alpen, wurde zu ihrem zweiten Zuhause.

Dort, abseits der Öffentlichkeit, war Gretel eine der wenigen Frauen, die sich in der oft steifen und unterwürfigen Atmomie der Hitler-Umgebung bewegen durften. Sie lachte laut, rauchte trotz Hitlers bekannter Abneigung gegen Tabak und flirtete offen mit den anwesenden SS-Offizieren. Hitler, der in seiner Umgebung absolute Disziplin und Keuschheit propagierte, zeigte sich gegenüber den Eskapaden der jungen Schwester seiner Geliebten jedoch erstaunlich tolerant.

Er versuchte sogar, sie mit Geschenken wie einer Villa zum Aufhören mit dem Rauchen zu bewegen, doch Gretel konterte mit einer für sie typischen Schlagfertigkeit: Sie bevorzuge zwanzig kleine Freuden am Tag gegenüber einer einzigen großen Villa. Diese Mischung aus Naivität und Selbstbewusstsein machte sie zu einer festen Größe im engeren Zirkel der Macht.

Doch Gretel Braun war nicht nur eine naive Beobachterin. Sie war eine junge Frau, die auf der Suche nach einem geeigneten Ehemann war, einem Mann, der ihr den gesellschaftlichen Aufstieg und die Sicherheit bieten konnte, die sie in der gesellschaftlichen Hierarchie des Dritten Reiches anstrebte. Hitler selbst spielte hierbei eine seltsam aktive Rolle als Ehestifter.

Er versuchte, sie mit Heinrich Hoffmann junior, dem Sohn des Fotografen, zu verkuppeln, den Gretel jedoch als unattraktiv empfand. Eine kurzlebige Affäre mit einem amerikanischen Diplomaten endete ebenso schnell, wie sie begonnen hatte. Auch Hitlers Adjutant Fritz Dages wurde von ihr umgarnt, doch auch diese Beziehung scheiterte, nicht zuletzt an Dages’ Weigerung, die schwangere Gretel zu heiraten, was Hitler derart erzürnte, dass er den Offizier an die Ostfront strafversetzte.

Selbst Hitlers Versuch, Gretel mit dem Diplomaten Walther Hewel zu verheiraten, scheiterte an dessen Desinteresse. Gretel Braun war auf der Suche, und in dieser Zeit der Unsicherheit trat Hermann Fegelein in ihr Leben.

Hermann Fegelein war ein Mann, der wie kaum ein anderer die negativen Eigenschaften des NS-Regimes verkörperte. Als SS-Verbindungsoffizier bei Hitler war er ein ehrgeiziger Karrierist, der durch Schmeicheleien und Intrigen die Gunst Heinrich Himmlers erlangte. Seine militärische Vergangenheit war von entsetzlicher Brutalität geprägt.

Zwischen 1939 und 1943 führten seine Kavallerieeinheiten sogenannte „Bandenbekämpfungseinsätze“ in Polen und der Sowjetunion durch, die in der Realität Massenerschießungen von Juden und Zivilisten bedeuteten. Zehntausende Menschen wurden in den von ihm kontrollierten Gebieten ermordet. Trotz dieser blutigen Bilanz präsentierte sich Fegelein innerhalb von Hitlers Zirkel als charmanter und unterhaltsamer Geselle, der die Abende mit Trinkgelagen und Affären verbrachte.

Albert Speer, Hitlers Chefarchitekt, beschrieb ihn später als einen der widerlichsten Menschen in Hitlers Umgebung, ein Mann, dem nur seine eigene Karriere und das gute Leben wichtig waren.

Für Gretel Braun jedoch repräsentierte Fegelein genau die Eigenschaften, die sie suchte: Er war mächtig, selbstbewusst und stand in der Gunst des Führers. Die Hochzeit am 3. Juni 1944 war für sie nicht nur eine Liebesheirat, sondern vielmehr die Krönung ihres gesellschaftlichen Aufstiegs.

Aus dem Schatten ihrer dominierenden Schwester Eva trat Gretel nun endgültig heraus. Sie war die Ehefrau eines SS-Generals, eine Frau, die dem engsten Kreis um Hitler angehörte und die Privilegien der NS-Elite bis zum Äußersten auskostete. Eva Braun, die die Hochzeit im Schloss Mirabell organisiert hatte, bestand darauf, dass die Feierlichkeiten so prachtvoll sein sollten wie ihr eigene Hochzeit, die nie stattfand.

Doch der Schein von Glanz und Gloria trog. Nur wenige Tage nach den Feierlichkeiten, die im Schatten der bevorstehenden Invasion der Alliierten stattfanden, brach die Realität des Krieges mit voller Härte herein.

Nach der gescheiterten Invasion der Alliierten in der Normandie und dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944, bei dem Fegelein nur knapp überlebte, stieg dessen Karriere weiter steil an. Gretel, mittlerweile schwanger, wurde auf den Berghof gebracht, weit weg vom Kriegsgeschehen im Führerbunker in Berlin.

Sie verbrachte die letzten Kriegsmonate in der Idylle der bayerischen Alpen, während um sie herum das Dritte Reich in Schutt und Asche versank. Bis zum Ende blieb sie an der Seite ihres Mannes, obwohl sich dessen wahres Gesicht immer deutlicher zeigte. Im April 1945, als die Rote Armee die deutsche Hauptstadt belagerte und Hitler im Bunker seinen Untergang plante, versuchte Fegelein zu fliehen.

Er wurde bei dem Versuch, sich mit Zivilkleidung abzusetzen, erwischt. Hitler, der von Fegeleins angeblichem Verrat durch den Separatfrieden-Versuch Himmlers überzeugt war, ließ den SS-Offizier am 28. April 1945 wegen Fahnenflucht standrechtlich erschießen.

Gretel Braun, die zu diesem Zeitpunkt hochschwanger auf dem Berghof weilte, erfuhr erst nach dem Selbstmord Hitlers und Evas vom Tod ihres Mannes.

Weniger als eine Woche nach dem Untergang des Dritten Reiches, am 5. Mai 1945, brachte Gretel Braun eine Tochter zur Welt. Sie nannte sie Eva Barbara Fegelein, zu Ehren ihrer verstorbenen Schwester, die sich am 30.

April im Führerbunker das Leben genommen hatte. Die junge Witwe, die nun allein und ohne Versorgung in den Trümmern Deutschlands stand, brach den Kontakt zu ihrer restlichen Familie ab. Sie versteckte die Fotoalben, Privatfilme und Korrespondenz ihrer Schwester auf dem Anwesen ihres toten Mannes, um die Erinnerungen zu bewahren.

Doch ihre Not war groß. Aus Liebe zu einem Mann, der sich später als Agent des amerikanischen Geheimdienstes (Counter Intelligence Corps) entpuppte, verriet sie das Versteck. Das komplette Archiv wurde nach Washington gebracht und dort für Propagandazwecke verwendet.

Es war ein letzter Akt der Naivität und Verzweiflung einer Frau, die den größten Teil ihres Erwachsenenlebens die Augen vor der Wahrheit verschlossen hatte.

Das Schicksal von Gretel Braun nach dem Krieg blieb tragisch und von Leid geprägt. 1954 heiratete sie den Bauunternehmer Kurt Berlinghoff, doch die Ehe blieb kinderlos und unglücklich. Der größte Schicksalsschlag ereilte sie im April 1971: Ihre Tochter Eva Barbara Fegelein nahm sich im Alter von nur 25 Jahren das Leben, nachdem ihr Freund bei einem Autounfall gestorben war.

Das Erbe der Vergangenheit, die düstere Familiengeschichte, schien sich in der dritten Generation zu wiederholen. Gretel Braun zog sich zunehmend zurück. In ihren letzten Lebensjahren litt sie an Alzheimer und verlor schließlich vollständig den Bezug zur Realität.

Sie starb am 10. Oktober 1987 im Alter von 72 Jahren in Steingarten, unfähig, jemals die Geheimnisse ihrer Korrespondenz mit ihrer Schwester oder die genauen Umstände ihrer Beziehung zu Hermann Fegelein zu offenbaren.

Bis zu ihrem Tod blieb Gretel Braun ihrem toten Mann treu, zumindest in ihrer Erinnerung. Ob dies aus Überzeugung, aus Angst oder aus dem Unvermögen geschah, sich von den Idealen ihrer Jugend zu lösen, bleibt unklar. Historiker spekulieren, dass sie ein Leben lang im Banne Hitlers und dessen Ideologie stand, einer Ideologie, die ihr zwar Priveligien, aber niemals moralisches Bewusstsein geschenkt hat.

Die Frage, warum sie Fegelein bis zum bitteren Ende treu blieb, lässt sich letztlich nur mit den Mechanismen der Manipulation, dem Streben nach Zugehörigkeit und der pathologischen Verdrängung erklären. Gretel Braun war keine Täterin im aktiven Sinne, aber sie war eine glühende Profiteurin des Systems, das Millionen in den Tod schickte. Ihr Leben ist eine Mahnung daran, dass Blindheit und Opportunismus gegenüber dem Bösen keine Entschuldigung, sondern nur eine Facette des Versagens sind.

Die Geheimnisse, die sie mit ins Grab nahm, sind ein Teil der unbeantworteten Fragen, die die dunkelste Epoche der deutschen Geschichte hinterlassen hat.