Beim zwölfjährigen Jubiläum der Pension Fischerstube stand meine Schwiegertochter mit einem Sektglas vor 45 Gästen und dankte jedem, der zum Erfolg beigetragen hatte: dem Fischhändler, der Reinigungsfirma, der neuen Aushilfe, die seit acht Monaten am Empfang stand. Dann kam sie zu mir und sagte: „Und das ist Rosemarie, meine Schwiegermutter. Sie hilft noch ein bisschen mit am Empfang. Für ihr Alter macht sie das wirklich fit.

“ Es gab höfliches Lachen. Ich stand in einem Haus, dessen Pachtvertrag auf meinen Namen läuft, und lächelte mit. Mein Name ist Rosemarie Albrecht. Ich bin 71 Jahre alt und lebe in Passau in der Fischergasse, dort wo die Ilz in den Inn mündet.
Bevor ich erzähle, was fünf Monate später von diesem Haus übrig war, möchte ich wissen, von wo aus Sie mir gerade zuhören. Schreiben Sie mir Ihre Stadt in die Kommentare. Ich muss wissen, dass ich damit nicht allein bin. Dass irgendwo jemand versteht, wie es sich anfühlt, unsichtbar zu werden in etwas, das man selbst mit aufgebaut hat.
Angefangen hat alles im Jahr 2013. Mein Sohn Matthias war damals Koch, hatte in Restaurants entlang der Donau gearbeitet, immer angestellt, immer mit demselben Traum: ein eigenes Haus mit Frühstück und Zimmern für Touristen, die die Altstadt besuchen. Er fand ein Gebäude in der Fischergasse, direkt am Inn. Drei Stockwerke, acht Gästezimmer, eine kleine Gaststube im Erdgeschoss.
Der Eigentümer, Herr Brandner, wollte es verpachten, aber Matthias bekam den Pachtvertrag nicht. Herr Brandner verlangte Sicherheiten, eine Bürgschaft, einen Nachweis über Eigenkapital. Matthias hatte nichts davon: einen Autokredit, keine eigene Wohnung, keine unternehmerische Erfahrung. Ich hatte etwas.
Mein Mann Alfons war gestorben, und ich hatte unsere Wohnung abbezahlt. Außerdem hatte ich 34 Jahre bei der Sparkasse in der Kreditsachbearbeitung gearbeitet, zuletzt als Gruppenleiterin. Ich kannte Bonitätsprüfungen, ich kannte Bürgschaften, ich wusste, worauf ich mich einließ. Herr Brandner sagte, wenn ich als Pächterin unterschreibe und für den Bankkredit bürge, bekommt Matthias sein Haus.
Ich habe unterschrieben, zweimal: einmal den Pachtvertrag über das Gebäude, einmal die Bürgschaftserklärung für einen Kredit von 120. 000 Euro, mit meiner Eigentumswohnung als teilweiser Sicherheit. Das ist der wichtigste Satz dieser ganzen Geschichte. Seit 2013 läuft der Pachtvertrag für die Pension Fischerstube auf Rosemarie Albrecht, geboren 1954.
Nicht auf Matthias, auf mich. Ich habe das damals nicht als Macht gesehen. Ich habe es als Hilfe gesehen. Eine Mutter unterschreibt für ihren Sohn.
So ist das. Wenn Sie das kennen, wenn Sie irgendwann für jemanden unterschrieben, gebürgt, eingesprungen sind und irgendwann nur noch das Personal waren, dann sind Sie hier richtig. Die Pension öffnete im März 2014, und ich war von der ersten Woche an dort. Der Plan war, dass ich gelegentlich vorbeischaue.
Aber Matthias konnte kochen, konnte mit Gästen reden, konnte aber nichts von dem, was ein Beherbergungsbetrieb sonst noch braucht. In der zweiten Woche fehlte die Anmeldung beim städtischen Tourismusamt für die Erhebung der Kurtaxe. In der vierten Woche stand ein Prüfer vom Ordnungsamt vor der Tür, weil das Gästemeldewesen nicht ordnungsgemäß geführt wurde. Jeder Übernachtungsgast muss in Bayern namentlich erfasst werden, mit Meldeschein.
Das ist Pflicht, keine Empfehlung. Im zweiten Monat rief Matthias beim Steuerberater an und fragte, was eine Kurtaxenabrechnung eigentlich sei. Ich habe 34 Jahre lang Kreditanträge geprüft, Sicherheiten bewertet, mit Handwerksbetrieben und kleinen Gastronomien über Bonität verhandelt. Also habe ich angefangen, das zu machen, was mein Sohn nicht konnte – und das war nicht wenig.
Ich habe die gesamte Buchhaltung übernommen: Kassenbuch, Belegwesen, Vorbereitung für den Steuerberater, die monatliche Kurtaxenabrechnung an die Stadt. Ich habe das Gästemeldewesen geführt, jeden einzelnen Meldeschein Jahr für Jahr, damit bei einer Prüfung nichts fehlt. Ich habe die Reservierungen koordiniert, mit dem Fischhändler und dem Bäcker verhandelt, die Reinigungsfirma organisiert. Ich habe morgens um 6:30 Uhr aufgeschlossen, damit der Bäcker liefern konnte, weil Matthias um 6:30 Uhr nicht aufsteht.
Ich habe abends die Tageseinnahmen gezählt und zur Bank gebracht. Zwölf Jahre lang, sechs Tage die Woche, zuletzt etwa 32 Stunden. Und jetzt kommt der Punkt, der später alles entschieden hat. Ich hatte keinen Arbeitsvertrag, keine Anmeldung, keine Lohnabrechnung, keine Sozialversicherung.
Nichts. Ich habe kein Gehalt bekommen, kein einziges Mal in zwölf Jahren. Am Anfang hieß es: „Mama, wenn es läuft, kriegst du was. “ Dann hieß es: „Mama, wir müssen erst die Bürgschaft abbauen.
“ Und irgendwann hieß es gar nichts mehr, weil niemand mehr davon sprach. Ich habe von meiner Rente gelebt, 960 Euro im Monat, und ich habe in einem Betrieb gearbeitet, der zuletzt einen Jahresumsatz von über 420. 000 Euro hatte. Denise kam 2017 dazu.
Sie ist Matthias’ Frau, hatte vorher im Einzelhandel gearbeitet. Sie kümmerte sich um das, was sie das Erscheinungsbild nannte: Instagram, die Speisekarte, die Website, die Zimmerdekoration. Das kann sie gut, das muss ich sagen. Die Zimmer sehen schön aus, die Leute fotografieren das Frühstück.
Aber mit Denise veränderte sich, wie man mit mir umging. Es passierte schleichend. Als sie kam, sagte sie noch: „Rosemarie, du machst das mit den Zahlen ja unglaublich. “ Nach einem Jahr sagte sie zu einer neuen Aushilfe in meiner Gegenwart: „Die Rosemarie macht so ein bisschen das Büro.
“ 2019 stellte sie den Ablauf beim Frühstück um, ohne mich zu fragen. Als ich sagte, dass die Lieferzeiten dann nicht mehr passen, sagte sie: „Rosemarie, du bist da vielleicht ein bisschen altmodisch. “ Es hat nicht funktioniert. Nach ein paar Wochen waren wir zurück bei meinem Ablauf.
Dann kaufte sie ein neues Buchungssystem, digital mit automatischer Gästeerfassung. Sie sagte, das mache jetzt alles einfacher. Ich fragte, ob es mit den Vorgaben des Landesmeldegesetzes kompatibel sei. Sie sah mich an, als hätte ich aus Versehen ein Fremdwort benutzt.
Es war nicht kompatibel. Wir haben es bei der nächsten Kontrolle gemerkt. Aber ich wurde bei Entscheidungen nicht mehr gefragt. Ich habe weiter um 6:30 Uhr aufgeschlossen, weiter die Kurtaxe abgerechnet, mit dem Fischhändler telefoniert, die Meldescheine geführt.
Aber wenn etwas besprochen wurde, saßen Matthias und Denise zusammen, und ich erfuhr es hinterher. Im Sommer kam eine Journalistin der Passauer Neuen Presse wegen einer Serie über familiengeführte Häuser in der Altstadt. Denise gab das Interview, Matthias stand daneben. In dem Artikel stand: „Das junge Paar Trautmann-Albrecht führt die Pension Fischerstube seit über einem Jahrzehnt gemeinsam, unterstützt von einem eingespielten Team.
“ Ich war das eingespielte Team. Ich habe den Artikel ausgeschnitten und in eine Schublade gelegt. Ich weiß bis heute nicht, warum. Das Jubiläum war am 13.
April. Zwölf Jahre Pension Fischerstube. Sie haben es groß gemacht: das Haus abends geschlossen für Gäste, Sekt und Häppchen. 45 Leute, Lieferanten, Stammgäste, jemand vom Tourismusverband.
Ich hatte drei Wochen daran gearbeitet: die Einladungen verschickt, die Getränke bestellt, mit dem Caterer verhandelt, die Abrechnung gemacht. Ich hatte mir ein neues Kleid gekauft, dunkelgrün, das erste seit fünf Jahren. Und dann hielt Denise ihre Rede. Sie hat gut gesprochen, von den Anfängen erzählt, von der Pandemie, von Momenten, in denen sie nicht wussten, ob sie den nächsten Monat noch aufmachen würden.
Ich wusste genau, welche Momente sie meinte, weil ich es war, die im Frühjahr 2020 mit der Bank verhandelt hat, als der Kontokorrentkredit fast ausgereizt war. Ich bin dreimal zur Filiale gefahren, bis der Berater die Linie erhöht hat. Matthias wusste damals nicht einmal, wie hoch der Kredit stand. Dann fing sie an, Leute vorzustellen und ihnen zu danken: dem Steuerberater, dem Fischhändler Herrn Wiesinger, der seit zwölf Jahren liefert, der Aushilfe, die seit acht Monaten da war.
Ohne die Aushilfe, sagte sie, wären sie im letzten Sommer untergegangen. Dann kam sie zu mir. Ich habe mitgelacht. Ich habe genickt, mit der Hand eine Bewegung gemacht, als wollte ich sagen: „Ach was, nicht der Rede wert.
“ Das ist es, was ich mir vorwerfe. Ich habe mitgelacht in einem Kleid, das ich mir für diesen Abend gekauft hatte, in einem Haus, dessen Pachtvertrag auf meinen Namen läuft. Und dann habe ich noch zwei Stunden Gläser eingesammelt, weil die Aushilfe früher gehen musste. Herr Wiesinger, der Fischhändler, kam später zu mir und sagte: „Frau Albrecht, das war nicht in Ordnung.
“ Ich sagte: „Ach, sie hat das nicht so gemeint. “ Er sah mich an und sagte: „Frau Albrecht, ich beliefere dieses Haus seit zwölf Jahren, und ich telefoniere immer mit Ihnen, nicht mit den beiden. Mit Ihnen. “ Dieser Satz hat länger in mir gearbeitet als die ganze Rede.
Ich bin an diesem Abend nach Hause gegangen und habe mich an meinen Küchentisch gesetzt. Und dann ist etwas passiert, das ich nicht steuern konnte. Ich habe angefangen zu rechnen, nicht aus Wut, aus Gewohnheit. 34 Jahre lang habe ich gerechnet, wenn ich nicht weiterwusste.
Ich habe ausgerechnet, was ich in zwölf Jahren gearbeitet habe: 32 Stunden die Woche, sechs Tage, etwa 46 Wochen im Jahr, weil ich manchmal Urlaub hatte. Zwölf Jahre, 15. 456 Stunden. Ich habe nachgesehen, was eine Fachkraft mit meiner Qualifikation in Buchhaltung und Beherbergungsgewerbe verdient.
Der Tarif liegt bei etwa 21 Euro die Stunde. Das ergibt gut 325. 000 Euro. Ich habe für null Euro gearbeitet und nichts bekommen.
Und meine Schwiegertochter hat vor 45 Menschen gesagt, ich helfe ein bisschen mit. Am nächsten Morgen habe ich einen Anwalt angerufen. Ich möchte an dieser Stelle etwas sagen, weil es mir wichtig ist: Ich bin nicht zum Anwalt gegangen, um Geld zu holen. Ich bin hingegangen, weil ich wissen wollte, was ich eigentlich bin.
Ob ich jemand bin. Dr. Huber, Kanzlei am Rathausplatz, Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht. Ich habe einen Termin für Donnerstag bekommen und alles mitgenommen: den Pachtvertrag, die Bürgschaftserklärung, zwölf Ordner Buchhaltung, den Zeitungsartikel.
Dr. Huber hat fast drei Stunden gebraucht. Er hat sich alles genau angesehen und dabei kaum gesprochen. Nur einmal hat er gefragt: „Und das haben Sie alles selbst gemacht?
Auch die Verhandlungen mit der Bank? “ Ich habe gesagt: Ja. Dann hat er die Unterlagen zusammengeschoben, die Hände darauf gelegt und mich angesehen. „Frau Albrecht“, sagte er, „ich muss Ihnen etwas erklären, und Sie werden es zuerst nicht glauben.
Sie sind nicht die Aushilfe in diesem Betrieb, Sie sind die Schlüsselfigur, und zwar in drei verschiedenen Hinsichten, von denen jede einzelne genügen würde. Erstens: der Pachtvertrag. Das Gebäude ist an Sie verpachtet. Sie sind Pächterin.
Ihr Sohn nutzt es, weil Sie es dulden. Es gibt keinen schriftlichen Untervertrag. Wenn Sie das Pachtverhältnis kündigen, verliert der Betrieb sein Haus. Zweitens: die Bürgschaft.
Sie haften gegenüber der Bank mit Ihrer eigenen Wohnung, falls der Kredit nicht bedient wird. Das bedeutet auch, Sie haben das Recht, von der Bank eine Freistellung zu verlangen, sobald der Betrieb eigene Kreditwürdigkeit nachweisen kann. Bisher hat niemand das eingefordert. Sie sitzen seit zwölf Jahren auf einem Risiko, das eigentlich abgebaut werden müsste.
Drittens, und das ist der Punkt, bei dem Sie verstehen, wie die Sache wirklich liegt: Wer meldet die Gäste an? Wer rechnet die Kurtaxe mit der Stadt ab? Wer nimmt die Banktermine wahr? “
Ich habe gesagt: Ich.
Er hat sich zurückgelehnt. „Frau Albrecht, dieser Betrieb läuft nicht mit Ihrer Hilfe. Er läuft, weil Sie ihn führen. Ihr Sohn kocht, Ihre Schwiegertochter dekoriert, und Sie betreiben das Unternehmen.
“
Ich habe in diesem Büro gesessen und geweint. Zum ersten Mal seit dem Jubiläum. Nicht aus Kummer, sondern weil zum ersten Mal seit zwölf Jahren jemand ausgesprochen hat, was ich bin. Wir haben besprochen, was ich will.
Ich habe gesagt: Ich will nicht kämpfen, ich will gehen. Dr. Huber hat gefragt, ob ich mir das gut überlegt habe. Ich habe gesagt: Ich bin 71.
Ich stehe seit Jahren um 6:30 Uhr auf. Ich will nicht um mein Recht in diesem Haus kämpfen. Ich will heraus, und ich will, dass es geordnet passiert. Erstens: Ich kündige den Pachtvertrag zum nächstmöglichen Termin, biete aber Herrn Brandner an, direkt mit Matthias einen neuen Vertrag zu schließen, wenn er die Bonität nachweist.
Zweitens: Ich fordere von der Bank die Freistellung aus der Bürgschaft, was eine ordentliche Kreditwürdigkeitsprüfung des Betriebs erfordert. Drittens: Ich stelle meine Tätigkeit ein mit einer Übergabefrist von vier Wochen, in der ich alles dokumentiere. Viertens: Ich verlange keine Nachzahlung für zwölf Jahre, aber ich verlange ein schriftliches, qualifiziertes Zeugnis über das, was ich in diesem Betrieb getan habe. Dr.
Huber sah mich lange an. „Frau Albrecht, das ist die zurückhaltendste Forderung, die ich in über 20 Jahren gehört habe. Und wenn ich ehrlich bin, ist sie auch die härteste. “ Ich fragte, warum.
Er sagte: „Weil Sie ihnen nichts wegnehmen, wofür sie Sie hassen könnten. Sie hören einfach auf, und dann sehen alle, was Sie eigentlich waren. “
Die Schreiben gingen am 25. April hinaus.
Eines an Herrn Brandner mit der Kündigung und dem Angebot der Vertragsübernahme. Eines an die Bank mit der Bitte um Freistellung aus der Bürgschaft. Eines an Matthias mit der Mitteilung, dass ich meine Tätigkeit zum Mai einstelle, mit dem Angebot einer geordneten Übergabe. Matthias rief noch am selben Abend an.
Er hat nicht geschrien. Er hat gelacht. „Mama, was ist denn jetzt in dich gefahren? Wegen der Rede?
Das war doch nur so dahergesagt. “ Ich habe gesagt: Matthias, ich höre im Mai auf. Ich möchte, dass wir die vier Wochen für eine ordentliche Übergabe nutzen. Und er hat gesagt: „Mama, mach mal halblang.
Das ist doch keine Raketenwissenschaft. “ Zwölf Jahre Buchhaltung, Kurtaxe, Bürgschaft, Bankverhandlungen – keine Raketenwissenschaft. Ich habe gesagt: Gut, dann brauchst du die Übergabe ja nicht. Und habe aufgelegt.
Das war ein Fehler von mir. Das gebe ich zu. Ich hätte die Übergabe machen sollen, egal was er sagt. Ich habe es aus Trotz nicht getan, und das war nicht meine feinste Stunde.
Aber ich habe etwas anderes gemacht, das ich für richtig halte. In den vier Wochen habe ich eine Übergabemappe vorbereitet, über 60 Seiten: alle Zugangsdaten, alle Ansprechpartner mit Telefonnummern, alle Fälligkeiten der Kurtaxe, die Fristen beim Steuerberater, die Meldepflichten. Ich habe sie am 23. Mai auf die Rezeption gelegt, morgens um 6:30 Uhr, zusammen mit dem Schlüssel.
Und dann bin ich gegangen. Ich habe die 14 Lieferanten vorher informiert, jeden einzelnen angerufen. Herr Wiesinger, der Fischhändler, sagte: „Frau Albrecht, dann kündige ich. “ Ich sagte, das müssen Sie nicht meinetwegen tun.
Er sagte: „Ich tue es nicht Ihretwegen. Ich liefere seit zwölf Jahren um diese Uhr, weil Sie da sind und aufschließen. Ich stelle mich nicht an eine verschlossene Tür. “
Was in den Wochen danach passiert ist, weiß ich zum Teil von Mitarbeitern, zum Teil aus dem, was in der Altstadt geredet wurde.
In der ersten Woche fiel die Frühlieferung zweimal aus, weil niemand um 6:30 Uhr da war. In der zweiten Woche kam ein Brief vom Ordnungsamt, weil die Kurtaxenabrechnung für April nicht eingereicht worden war. Nicht, weil kein Geld da war, sondern weil niemand wusste, bis wann sie fällig ist. Ein Bußgeld von 2.
000 Euro wurde angedroht. In der dritten Woche gab es einen Zwischenfall mit den Löhnen: Die Lohnabrechnung war nicht gemacht worden, zwei Aushilfen bekamen ihr Geld zu spät. Ende Juni kam die längst angekündigte Prüfung durch das Landesamt für Statistik zur Übernachtungserfassung, kombiniert mit einer Kontrolle des Gästemeldewesens durch die Stadt. Was dabei herauskam, weiß ich nicht genau.
Ich habe nicht gefragt, und Matthias hat es mir nicht erzählt. Ich weiß nur, dass danach der Steuerberater das Mandat niedergelegt hat. Er rief mich selbst an und sagte: „Frau Albrecht, ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich immer gewusst habe, wer diese Unterlagen erstellt hat. Zwölf Jahre lang habe ich mit Ihnen telefoniert.
Es war eine Freude. “
Dann kam der Brief von Herrn Brandner. Er hatte mein Angebot geprüft und von Matthias eine Bonitätsauskunft verlangt. Sie hat nicht gereicht.
Herr Brandner schrieb mir sehr höflich, dass er den Pachtvertrag nicht auf Matthias übertragen könne und das Gebäude nach Ablauf meiner Kündigungsfrist neu verpachten werde. Ich habe diesen Brief gelesen und dann bei Dr. Huber angerufen und gefragt, ob ich die Kündigung zurücknehmen könnte. Er sagte: Sie können, wenn Sie wollen.
Ich habe eine Nacht darüber nachgedacht und es nicht getan. Nicht aus Härte, sondern weil ich verstanden habe: Sonst bin ich wieder da, wo ich zwölf Jahre lang war. Die alte Frau, die unterschreibt, damit es weitergeht, und dann vor 45 Gästen vorgestellt wird als jemand, der ein bisschen mithilft. Die Pension Fischerstube hat am 19.
August geschlossen. Elf Jahre und fünf Monate. Das ist jetzt etwa ein halbes Jahr her. Ich will nicht so tun, als wäre das ein Triumph.
Es war furchtbar. Mein Sohn hat etwas verloren, das er selbst aufgebaut hatte, zumindest in seinem Kopf. Und ich habe dabei nicht die Hand gehalten. Ich weiß nicht, ob ich das richtig gemacht habe.
Ich denke fast jeden Tag darüber nach, aber ich weiß, dass ich es nicht anders konnte. Matthias arbeitet inzwischen wieder als angestellter Koch in einem Hotel an der Donau zwischen Passau und Regensburg. Er verdient anständig. Er ruft alle paar Wochen an, und wir reden über nichts Wichtiges.
Er hat sich nie entschuldigt, und ich glaube inzwischen, dass er es auch nicht versteht. In seinem Kopf hat seine Mutter ihm den Betrieb weggenommen. Denise spricht nicht mit mir. Im Oktober rief mich Herr Wiesinger an, der Fischhändler.
Er fragte, ob ich Lust hätte, zwei Tage die Woche bei ihm im Büro zu helfen. Seine Tochter macht die Buchhaltung, kommt aber nicht hinterher, und er sucht seit einem Jahr jemanden. Ich habe gesagt: Herr Wiesinger, ich bin 71. Er hat gesagt: Frau Albrecht, ich weiß, was Sie können.
Ich habe es zwölf Jahre lang am Telefon gehört. Ich arbeite jetzt dienstags und donnerstags beim Fischgroßhandel Wiesinger auf Minijobbasis, mit einem richtigen Vertrag, mit Lohnabrechnung und Anmeldung. Ich verdiene 550 Euro im Monat. Das ist nicht viel, aber es ist das erste Geld, das ich für meine Arbeit bekomme, seit ich damals in Rente ging.
Als die erste Lohnabrechnung kam, habe ich sie an den Kühlschrank gehängt. Sie hängt immer noch da. Ich möchte Ihnen etwas mitgeben, und es ist sehr praktisch. Wenn Sie in einem Familienbetrieb mitarbeiten, lassen Sie sich anmelden, auch wenn es nur ein paar Stunden sind.
Auch wenn es die eigenen Kinder sind, besonders dann. Ein Vertrag ist kein Misstrauen. Ein Vertrag ist das einzige, was hinterher noch da ist, wenn die Dankbarkeit weg ist. Ohne Vertrag sind Sie rechtlich niemand.
Sie haben keinen Anspruch auf Lohn, Sie sammeln keine Rentenpunkte, und wenn Sie in diesem Betrieb von der Leiter fallen, sind Sie ein Privatunfall. Zwölf Jahre, 15. 456 Stunden, null Rentenpunkte. Und noch etwas, das schwerer wiegt: Wenn Sie für jemanden unterschreiben – einen Pachtvertrag, eine Bürgschaft, irgendetwas –, schreiben Sie sich auf, dass Sie es getan haben, und lesen Sie es einmal im Jahr.
Ich habe 2013 diesen Pachtvertrag unterschrieben und danach zwölf Jahre lang nicht mehr richtig daran gedacht. Ich wusste es, aber ich habe es nicht gewusst. Wenn ich es die ganze Zeit gewusst hätte, hätte ich vielleicht schon im dritten Jahr etwas gesagt. Vielleicht wäre die Pension dann noch offen.
Ich bin Rosemarie Albrecht, 71 Jahre alt. Wenn ich dienstags zum Fischgroßhandel fahre, komme ich manchmal an der Fischergasse vorbei. In dem Haus ist jetzt eine kleine Rechtsanwaltskanzlei. Sie haben die Rezeption rausgerissen und die Wände hell gestrichen.
Ich schaue kurz hin, aber ich bleibe nicht stehen, denn ich muss um 8 Uhr im Büro sein. Bei einem Mann, der mich zwölf Jahre lang am Telefon hatte und genau wusste, wer da eigentlich mit ihm sprach.


