Hiwi: Warum hunderttausende Sowjetbürger für die Wehrmacht arbeiteten

Hiwi: Warum hunderttausende Sowjetbürger für die Wehrmacht arbeiteten

Der Zweite Weltkrieg an der Ostfront offenbart ein bis heute tief umstrittenes Kapitel der Militärgeschichte: Hunderttausende sowjetische Bürger arbeiteten für die Wehrmacht, als sogenannte Hilfswillige oder Hiwi. Ihre Motive waren so komplex wie ihre Schicksale, die von blankem Überlebenswillen bis hin zu ideologischer Kollaboration reichten. Historiker schätzen die Gesamtzahl der Hiwi auf 800.000 bis eine Million Menschen, die in Wehrmachtsverbänden dienten, hinzu kamen rund 200.000 im Polizeidienst und Hunderttausende in Verwaltung, Wirtschaft oder bei der Reichsbahn.

Diese Zahlen stehen in einem paradoxen Widerspruch zur nationalsozialistischen Ideologie, die slawische Völker als Untermenschen betrachtete. Gleichzeitig war die Wehrmacht im Verlauf des Krieges zunehmend auf die Unterstützung dieser Menschen angewiesen. Der Zwang zur militärischen Notwendigkeit überlagerte die rassistischen Dogmen, prägte das gesamte Hiwi-System und führte zu einer beispiellosen Abhängigkeit von den vermeintlich Minderwertigen.

Der Einsatz von Hilfswilligen begann unmittelbar nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941. Die Wehrmacht nahm Millionen sowjetischer Soldaten gefangen, die Bedingungen in den Lagern waren katastrophal. Ohne ausreichende Unterkünfte, Verpflegung und bei eisigen Temperaturen starben Millionen an Hunger, Krankheiten und Erschöpfung. In dieser Situation boten sich vielen Gefangenen und Zivilisten nur zwei Möglichkeiten: der Tod im Lager oder die Zusammenarbeit mit den Deutschen.

Für viele war die Entscheidung, Hiwi zu werden, eine reine Überlebensstrategie. Ein Zeitzeuge formulierte es später so: Wenn du die Wahl hast zwischen dem sicheren Tod und einer ungewissen Zukunft, wählst du das Überleben. Die Rekrutierung erfolgte zunächst informell, einzelne Truppenführer begannen auf eigene Initiative Gefangene für Hilfsdienste einzusetzen, etwa für Schanzarbeiten, den Nachschub oder die Versorgung der Pferde.

Die oberste Führung in Berlin wusste anfangs nichts von dieser Praxis. Als sie davon erfuhr, war sie nicht begeistert, akzeptierte die Entwicklung aber stillschweigend. Adolf Hitler selbst stand dem Einsatz von Slawen in der Wehrmacht skeptisch gegenüber und stimmte der Rekrutierung nur widerwillig zu. Im Verlauf des Krieges änderte sich diese Haltung aus der Not heraus, der Personalmangel wurde so drückend, dass ideologische Bedenken in den Hintergrund traten.

Die Hilfswilligen kamen aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen der Sowjetunion, die Mehrheit stammte aus der Ukraine, Weißrussland und dem Kaukasus. Viele waren ehemalige Rotarmisten, die in Gefangenschaft geraten waren, andere waren Zivilisten aus den besetzten Gebieten, die sich freiwillig oder unter Druck meldeten. Die Motive für den Dienst bei der Wehrmacht waren vielschichtig, der wichtigste Grund war zweifellos das nackte Überleben.

In den Gefangenenlagern herrschte der Tod, wer sich zum Hilfsdienst meldete, konnte diesem Schicksal entrinnen, bekam zu essen, erhielt Kleidung und war vor der schlimmsten Not geschützt. Daneben gab es aber auch andere Beweggründe, manche Hiwi waren von antisowjetischen Überzeugungen getrieben. Die Sowjetunion unter Stalin hatte in den Jahren vor dem Krieg Millionen Menschen durch Hungersnöte, Deportationen und politische Säuberungen getötet.

Besonders in der Ukraine hatte die Kollektivierung der Landwirtschaft zu einer verheerenden Hungerkatastrophe geführt. Für Menschen, die unter dem stalinistischen Terror gelitten hatten, erschien der Dienst bei den Deutschen als eine Form des Widerstands gegen das verhasste Regime. Andere wiederum hofften auf eine nationale Unabhängigkeit ihrer Heimatländer, Ukrainer, Georgier, Armenier und andere Völker sahen in der deutschen Invasion eine Chance, sich von der sowjetischen Herrschaft zu befreien.

Diese Hoffnung erwies sich allerdings als illusorisch, die Nationalsozialisten hatten kein Interesse daran, unabhängige Staaten im Osten zu schaffen. Bei der Bewertung der Motive ist Vorsicht geboten, zwischen freiwilliger Kollaboration und erzwungener Mitarbeit verlief keine scharfe Trennlinie. Viele Hiwi fanden sich in einer Situation wieder, in der von echter Freiwilligkeit keine Rede sein konnte, die Alternative zum Dienst bei den Deutschen war oft der sichere Tod.

Die Tätigkeiten der Hilfswilligen waren außerordentlich vielfältig, ursprünglich wurden sie vor allem für nichtkämpfende Aufgaben eingesetzt. Sie arbeiteten als Köche, Fahrer, Pferdeknechte oder Träger, halfen beim Bau von Stellungen und Befestigungen, transportierten Nachschub und Munition und pflegten Verwundete in den Lazaretten. Eine besonders wichtige Rolle spielten Hiwi als Dolmetscher, die Sprachbarriere war für die deutschen Truppen ein erhebliches Problem.

Einheimische, die Deutsch und Russisch beherrschten, waren äußerst wertvoll, sie vermittelten zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, übersetzten bei Verhören und halfen bei der Verwaltung der besetzten Gebiete. Die Hiwi trugen in der Regel deutsche Uniformen, allerdings zunächst ohne Rangabzeichen, sie erhielten Verpflegung wie deutsche Soldaten und wurden in die offiziellen Stärkemeldungen der Einheiten aufgenommen. Manche Einheiten behandelten ihre Hiwi gut, fast wie Kameraden, andere sahen in ihnen nur billige Arbeitskräfte.

Mit dem Fortgang des Krieges und den wachsenden Verlusten der Wehrmacht änderte sich der Einsatzbereich der Hiwi, sie wurden zunehmend auch für kämpfende Aufgaben herangezogen. Erfahrene Hiwi waren von regulären deutschen Soldaten kaum noch zu unterscheiden, sie dienten in Kompaniestärke und nahmen an Kampfhandlungen teil. Besonders im Bereich der Heeresgruppe Mitte wurden Hilfswillige in bewaffneten Einheiten eingesetzt, sie kämpften gegen Partisanen, bewachten Nachschublinien und übernahmen Sicherungsaufgaben.

Das Ausmaß des Hiwi-Einsatzes lässt sich am Beispiel der Schlacht von Stalingrad verdeutlichen, die 6. Armee unter General Friedrich Paulus verfügte über mehr als 50.000 Hilfswillige, das entsprach etwa einem Viertel der gesamten Truppenstärke. In manchen Divisionen war der Anteil noch höher, bei der 134. Infanteriedivision der 2. Panzerarmee machten Hiwi Ende 1942 25 Prozent der Mannschaftsstärke aus. Diese Zahlen werfen ein bezeichnendes Licht auf die Abhängigkeit der Wehrmacht von sowjetischen Hilfskräften.

Ohne die Hiwi hätte die deutsche Armee ihre Frontlinien nicht halten können, sie entlasteten die deutschen Soldaten von Versorgungsaufgaben und ermöglichten deren Einsatz an der kämpfenden Front. Das Schicksal der Hiwi im Kessel von Stalingrad war besonders tragisch, als die sowjetischen Truppen die 6. Armee einschlossen, gerieten auch sie in die Falle. Für die Sowjets waren sie Verräter, für die Deutschen letztlich entbehrlich, viele starben in den Kämpfen, in der Kälte oder durch Hunger.

Die Überlebenden wurden von der Roten Armee gefangen genommen und als Kollaborateure behandelt. Mit der Zeit wurde das Hiwi-System zunehmend formalisiert, im August 1942 erließ das Oberkommando des Heeres erste offizielle Richtlinien für den Einsatz von landeseigenen Hilfskräften. Die Hilfswilligen wurden vereidigt und aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, allerdings unter dem Vorbehalt des jederzeitigen Widerrufs, die Bekleidung erfolgte aus deutschen Beständen mit besonderen Kennzeichen.

Sie konnten bis zum Rang eines Gefreiten befördert werden, für besondere Tapferkeit wurden eigene Auszeichnungen geschaffen, die Tapferkeits- und Verdienstauszeichnung für Angehörige der Ostvölker. Später, ab 1944, konnten sie auch reguläre deutsche Orden erhalten. Im Jahr 1943 wurden aus Freiwilligen die sogenannten Ostlegionen gebildet, diese Einheiten waren nach ethnischen Gesichtspunkten organisiert, es gab ukrainische, georgische, armenische und andere nationale Verbände.

Die meisten Kommandopositionen blieben allerdings in deutscher Hand, die Hiwi wurden ab 1942 und 1943 fester Bestandteil der Truppenorganisation. Sie erschienen mit festen Planstellen in den offiziellen Organisationsplänen der Divisionen, eine deutsche Infanteriedivision des Modells 1944 sah über 1.400 Planstellen für Hilfswillige vor bei einer Gesamtstärke von knapp 13.000 Mann, das entsprach einem Anteil von über 11 Prozent.

Ein besonders dunkles Kapitel der Hiwi-Geschichte ist ihre Verwendung in Polizei- und SS-Einheiten. Zwischen Herbst 1941 und Sommer 1944 rekrutierte die SS Tausende von Hilfswilligen direkt aus den Kriegsgefangenenlagern für den Polizeidienst. Ein berüchtigtes Beispiel ist das Ausbildungslager Trawniki südöstlich von Lublin, dort wurden über 5.000 Männer ausgebildet, die meisten von ihnen Ukrainer. Diese sogenannten Trawniki-Männer wurden an allen großen Schauplätzen des Holocaust eingesetzt.

Sie bewachten Vernichtungslager, nahmen an Deportationen teil und waren direkt an der Ermordung von Juden beteiligt. Die Trawniki-Männer waren an den Morden in Belzec, Sobibor und Treblinka beteiligt, sie halfen bei der Niederschlagung des Warschauer Ghettoaufstands und dienten in Majdanek und Auschwitz. Ihre Rolle bei der Durchführung der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik ist durch zahlreiche Dokumente und Zeugenaussagen belegt, diese Beteiligung an Kriegsverbrechen und Holocaust belastet das Bild der Hiwi schwer.

Man kann nicht alle Hilfswilligen über einen Kamm scheren, die meisten von ihnen verrichteten gewöhnliche Hilfsarbeiten bei der Wehrmacht und waren an keinen Verbrechen beteiligt. Aber eine nicht unerhebliche Zahl wurde zu Mittätern der nationalsozialistischen Gewalt. Die Behandlung der Hilfswilligen variierte stark je nach Einheit und Kommandeur, manche deutsche Offiziere behandelten ihre Hiwi mit Respekt und sorgten für angemessene Verpflegung.

In einigen Fällen erhielten Hiwi sogar Urlaubsanspruch und durften Briefe ins Reich schicken, andere Einheiten sahen in den Hiwi nur minderwertige Arbeitskräfte. Die Behandlung war hart, die Verpflegung karg, der Sold war in der Regel niedriger als für deutsche Soldaten. Die ambivalente Haltung spiegelte den Widerspruch der nationalsozialistischen Ostpolitik wider, einerseits brauchte man diese Menschen dringend, andererseits galten sie nach der herrschenden Ideologie als rassisch minderwertig.

Mit dem Ende des Krieges begann für die Hiwi eine neue Leidenszeit, die Kapitulation der Wehrmacht beendete alle Dienstverhältnisse, aber nicht die Gefahr für die ehemaligen Hilfswilligen. Für die sowjetischen Behörden waren sie Vaterlandsverräter, die bestraft werden mussten, das sowjetische Strafrecht sah für den Dienst beim Feind härteste Strafen vor. Ein Erlass aus dem August 1941 hatte die freiwillige Zusammenarbeit mit dem Feind mit Desertion gleichgesetzt, die Familien der Betroffenen konnten ebenfalls bestraft werden.

Nach dem Abkommen von Jalta verpflichteten sich die westlichen Alliierten, alle sowjetischen Staatsbürger in ihre Heimat zurückzuführen, diese Repatriierung erfolgte oft gegen den Willen der Betroffenen. Viele Hiwi versuchten der Rückführung zu entgehen, sie wussten, was sie in der Sowjetunion erwartete. Die Rückkehrer wurden in Filtrationslager des Geheimdienstes NKWD gebracht, dort wurde ihre Tätigkeit während des Krieges untersucht, wer als schwer belastet galt, wurde zu Zwangsarbeit in den Lagern des Gulag verurteilt.

Die Strafen betrugen oft 25 Jahre, Hunderte wurden gefangen genommen und wegen Hochverrats angeklagt, sie galten von Beginn des Verfahrens an als schuldig. Die meisten überlebenden Hiwi wurden erst unter der Amnestie Chruschtschows in den 50er Jahren freigelassen, aber auch nach ihrer Entlassung blieben sie stigmatisiert. Die sowjetischen Behörden bezeichneten sie als ehemalige Russen, sie hatten Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche, wurden aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und gesellschaftlich diskriminiert.

Einigen wenigen gelang es, der Repatriierung zu entgehen, sie flohen in die westlichen Besatzungszonen, emigrierten nach Kanada, in die Vereinigten Staaten oder andere Länder. Dort verbargen sie oft ihre Vergangenheit und bauten sich ein neues Leben auf. Die Geschichte der Hiwi stellt Historiker vor schwierige Fragen, wie ist die Zusammenarbeit mit dem Feind zu bewerten, wenn die Alternative der sichere Tod war? Wo endet Überlebenswille und wo beginnt Kollaboration?

Die sowjetische Geschichtsschreibung betrachtete alle Hiwi pauschal als Verräter, diese Sichtweise ignorierte die Umstände, unter denen die meisten von ihnen in den deutschen Dienst getreten waren. Die westliche Geschichtsschreibung unterscheidet zwischen jenen, die aus reiner Überlebensnotwendigkeit handelten, und jenen, die sich aus ideologischen Gründen dem Feind anschlossen. Unstrittig ist, dass eine bedeutende Minderheit der Hiwi an Kriegsverbrechen beteiligt war, die Trawniki-Männer und andere Einheiten trugen aktiv zum nationalsozialistischen Völkermord bei.

Gleichzeitig verrichtete die große Mehrheit gewöhnliche Hilfsarbeiten und war an keinen Verbrechen beteiligt. Die Geschichte der Hiwi zeigt, wie der Krieg Menschen in unmögliche Situationen zwingt, sie demonstriert die Widersprüche einer Ideologie, die Menschen als minderwertig betrachtet und gleichzeitig auf deren Hilfe angewiesen ist. Die Hiwi waren keine einheitliche Gruppe, unter ihnen fanden sich verzweifelte Überlebende, überzeugte Antikommunisten und willige Vollstrecker.

Ihre Geschichte ist Teil der Tragödie des 20. Jahrhunderts, in der Millionen Menschen zwischen die Mühlsteine zweier totalitärer Regime gerieten. Für die Überlebenden war die Nachkriegszeit oft eine Fortsetzung des Leidens, die sowjetische Gesellschaft stieß sie aus. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion begann eine zaghafte Rehabilitation, für die meisten kam sie zu spät. Die Debatte über die Hiwi bleibt ein Mahnmal für die Abgründe menschlicher Entscheidungen unter extremem Druck.